30.01.1963

GESELLSCHAFT / SELBSTMORDKrankheit zum Tode

Eine makaber gemischte Kolonne bewegt sich vom Alten Testament in die Gegenwart: vorn der Bibel-König Saul, im Zentrum der Römer Cato, im vorläufig letzten Glied die Hollywood-Blondine Marilyn Monroe.
Die Mitglieder des Zuges sind tot. Namenlos oder berühmt, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, heroisch oder verzagt taten sie, was nur die Gattung Mensch vollbringen kann, für gewöhnlich aber instinktiv meidet - vor der Zeit ins Jenseits zu fliehen.
Da nur der Mensch die Todesgewißheit hat und das Sein vom Nichtsein zu unterscheiden weiß, kann nur er die Schwelle zwischen Leben und Tod bewußt überschreiten, wenn ihn Trauer, Schwermut oder Angst in eine seelische Enge treiben, wo die Hoffnung versinkt und der Zweifel sich zur Verzweiflung verdichtet. Das Tier kann töten, der Mensch kann sich selbst töten.
Er hat von dieser Möglichkeit zu allen Zeiten und in allen Stadien seiner Entwicklung Gebrauch gemacht - doch nie so reichlich wie in der Gegenwart.
Mit Geschick und Verstand wechselte er die Instrumente, um sich mit eigener Hand den Tod zu geben. Er hat sich erstochen, erhängt, ertränkt, verbrannt, vergiftet, vergast. Dann hat er sich totgeschossen. Seit das Schießen nicht mehr honorig ist, seit selbst der lebensmüde Kavalier ein unblutiges Ende dem blutigen vorzieht, inhaliert man Leuchtgas, schluckt das Pflanzenschutzmittel "E 605" oder eine Rolle Schlaftabletten.
Der Selbstmord grassiert durch das zwanzigste Jahrhundert. Die Weltverlustrate dürfte die halbe Million pro Jahr überschritten haben. Die Einwohnerschaft einer Großstadt wie Bremen scheidet Jahr für Jahr freiwillig aus dem Leben. Auf hunderttausend Einwohner kommen in Japan und Österreich 23 Selbstmorde, in Dänemark 21. in der Schweiz 19 und in Schweden 18.
Mit an der Spitze liegen - mit 22 pro Hunderttausend - die Lebensmüden deutscher Nation. Im Verhältnis zum Gesamtvolk sind sie mehr als doppelt so zahlreich wie ihre amerikanischen Leidensgenossen. US-Rate: zehn Selbstmorde pro hunderttausend Einwohner.
Dieser gesamtdeutsche Index des Grauens ist dem Wirken des Einheitssozialisten Walter Ulbricht zuzuschreiben. Die Zahl von 22 Selbstmorden kommt nur zustande durch den unverhältnismäßig hohen Anteil
- der Sowjetzone mit 27 Selbstmördern,
- Ostberlins mit 31 Selbstmördern und
- Westberlins mit 37 Selbstmördern.
Die Bundesrepublik schneidet mit 19 von eigener Hand Gestorbenen weit günstiger ab. Selbst das traditionell selbstmordanfällige Großstadtvolk von Hamburg liegt zwar weiterhin an der Spitze der bundesdeutschen Selbstmordstatistik, seine Rate sank jedoch von 39 im Jahre 1949 auf 27 im Jahre 1961.
Tatsächlich zeigt die Statistik, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der Selbstmorde in der DDR zu Lasten des Regimes geht: Die Altersklasse der über 70jährigen, die überall als besonders selbstmordgefährdet gilt und auch in Westdeutschland einen Anteil von 40 auf Hunderttausend erreicht, wird im deutschen Arbeiterparadies als ziemlich nutzlos angesehen.
Ergebnis: In der Sowjetzone nehmen sich von hunderttausend Menschen dieses Alters 93 das Leben - ein nie zuvor erreichter Prozentsatz.
Alte Frauen gelten jenseits der Elbe im Gegensatz zum offiziellen Mütterchen-Kult als für die Gemeinschaft besonders unergiebig. Resultat: Auf hundert über 70jährige Westfrauen, die Hand an sich legen, kommen 265 Selbsttöterinnen in Mitteldeutschland.
Immerhin wurde die Statistik der Sowjetzone durch die deutsche Spaltung benachteiligt. In der sogenannten DDR liegen Sachsen und Thüringen - jene Landstriche, deren Bewohner dem Dasein immer schon übermäßig zahlreich entflohen sind, sei es unter fürstlicher, Weimarer oder Hitlerscher Regierung.
Im Jahre 1900, als von hunderttausend deutschen Reichsbürgern 20 Selbstmord begingen, wurden auf je hunderttausend Sachsen 30 und auf je hunderttausend Thüringer 32 Selbstmordtote gezählt. Im Duodezstaat Sachsen-Coburg-Gotha lag die Zahl sogar noch höher: 42 Selbstmordtote auf hunderttausend Einwohner.
Auch unter Ulbricht hielt sich im südlichen Mitteldeutschland diese hohe Selbstmordquote. Letzte Meßzahl aus den Bezirken Leipzig, Dresden, Chemnitz, Gera und Suhl: 31,3.
Die Bundesrepublik hingegen erbte vom Deutschen Reich weite Ländereien, die in der Selbstmordstatistik des Jahres 1900 beträchtlich unter dem Reichsdurchschnitt von 20 lagen: Westfalen und (teilweise) das Rheinland, Unterfranken und die Oberpfalz mit einer Rate von maximal 12, stellenweise aber weniger als sieben Selbstmördern auf hunderttausend Bürger.
Während die Selbstmordquoten in Sachsen und Thüringen etwa auf dem Stand von 1900 liegen, stiegen sie im Rheinland und in Westfalen bis zum Jahre 1963 an. Die letzte Meßzahl aus Nordrhein-Westfalen: 17 Selbstmörder auf je hunderttausend Einwohner.
Der westdeutsche - Wohlstands-Staat Insgesamt vermochte seine Selbstmordquote zwar an der Marke 19 zu stabilisieren - acht Punkte unter dem DDRStand von 27, neun Punkte unter dem Schnitt der NS-Zeit von 28 und sogar noch einen Punkt niedriger als die 1900er Reichs-Selbstmordziffer von 20 pro Hunderttausend.
Andererseits aber hatte Westdeutschland die von Ulbricht vereinnahmten Sachsen und Thüringer, deren habituelle Lebensmüdigkeit die Zahl 20 für das Reich im Jahr 1900 erst zustande brachte, aus seiner Selbstmordstatistik entlassen können.
Mit anderen Worten: Die westdeutsche Rate liegt optisch unter, in Wirklichkeit aber beträchtlich 'über der Meßzahl aus dem Jahre 1900.
Seit Jahrzehnten ist der Bürger gewohnt, das unglückliche Ende berühmter Lebensmüder auf Bühne und Leinwand mitfühlend zu konsumieren. Das klassische Paar Romeo und Julia, das sich entleibte, weil ihm die Liebe mißgönnt wurde, fand sich in etlichen Fassungen reproduziert - nicht nur auf der Bühne.
Als 1889 kein armer Schlucker, sondern der Erbe eines großen Reiches, Kronprinz Rudolf von Österreich, mit seiner Geliebten Mary von Vetsera in Mayerling aus dem Leben schied, sah der empfindsame Zeitgenosse, daß selbst Fürstlichkeiten die Nöte dieser Welt unerträglich finden konnten. Mayerling wurde verfilmt.
Und wenn die bayrischen Dörfler mitunter davon träumen, einer ihrer Wittelsbacher werde auferstehen, denken sie an den geisteskranken Märchen. König Ludwig II., der sich 1886 im Starnberger See ertränkte. Die Tragödie wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 1954. Mindestens acht Millionen Bundesbürger sahen einen traurigen O. W. Fischer ins feuchte Grab waten.
Alle fünfzehn Minuten, Tag und Nacht, versucht ein Bürger der Bundesrepublik wo weder Beihilfe noch Anstiftung zum Selbstmord strafbar sind, sein Leben abzuschließen. Jede Stunde, Tag und Nacht, gelingt es einem.
In Nordrhein-Westfalen geht pro Jahr eine mittelgroße Landgemeinde, 2500 Seelen stark, in den selbstgewählten Tod. Auf Bundesebene sind es pro Jahr 10 000 Menschen - mehr als gegenwärtig an Tuberkulose aller Arten sterben, so viele wie Großdeutschland im Polenfeldzug an Gefallenen verlor und nur ein-Drittel weniger als jährlich dem Verkehrstod auf bundesrepublikanischen Straßen zum Opfer fallen.
Die Deutschen, so könnte man meinen, sind ein Volk grämlicher Passionäre geworden, aggressiv nicht mehr nach außen, sondern vorwiegend gegen sich selbst. Im Westen des Vaterlands morden 500 Menschen pro Jahr, aber gut 20mal so viel morden sich selbst. Im ärmlichen Osten sterben sie vor Not, im reichen Westen erfanden sie etwas Neues: den Wohlstands-Selbstmord.
Tatsächlich beweisen neueste Forschungen, daß sich in den Abschiedsbriefen westdeutscher Lebensmüder kaum noch materielle Not, in zunehmendem Maß aber eine offenbar selbstmordfördernde Atmosphäre niederschlägt, in die sich der Bundesbürger durch das hektische Großstadtleben, durch Wirtschaftsprozeß und Konkurrenzkampf gedrängt sieht: Der Selbstmord ist eine Zivilisationskrankheit geworden, allerdings eine, die niemand energisch bekämpft.
Während Ärzte schadhafte Herzen operieren, während man Manager entfettet und für alle Sparten menschlichen Siechtums Kliniken baut, fühlt sich für die Division Lebensmüder, die in Deutschland jährlich hinwegstirbt, niemand kompetent. In keiner Gesundheitsbehörde gibt es für sie ein Referat. Ihr Leiden - Verzweiflung am Dasein - gilt als Privatsache, obschon es alle Züge einer Epidemie annehmen kann.
Der moderne Wohlfahrtsstaat, der Hygiene en gros treibt und mit seinen Kontrollen oft genug weit in die menschliche Intimsphäre vordringt, hat vor dem- Selbstmord -- medizinisch "Suizid"* - respektvoll haltgemacht und ist damit einem in der Selbstmord-Literatur oft erwähnten Motto gefolgt: "Wer reisen will, den soll man nicht halten."
Daß der Reisende mit dieser freiheitlich-demokratischen Devise nichts anzufangen weiß, weil er in Wirklichkeit vielleicht bleiben möchte, wurde nicht ernsthaft erwogen.
In dieser Situation hat sich auf nordatlantischer Basis eine Gemeinschaft avantgardistischer Forscher aufgemacht, den Selbstmord klinisch zu diagnostizieren, die potentiellen Lebensmüden, davon abzuhalten, den Gashahn aufzudrehen oder die Tablettendose in die Hand zu nehmen.
Während die beiden Ärzte Dr. Shneidman und Dr. Farberow in den USA -, wo alle 24 Minuten ein Mensch von eigener Hand stirbt - eine Kampagne gegen den Suizid einleiteten, schlossen sich in Europa rund 130 Ärzte, Seelsorger und Medizinalverwalter aus 15 Nationen unter Führung des Wiener Psychiaters Dr. Erwin Ringel und des Berliner Psychotherapeuten Dr. Dr. Klaus Thomas zur ersten "Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Suizide Prophylaxe" zusammen.
Auf dem Gründungskongreß, der im September 1960 in der selbstmordträchtigen Stadt Wien - letzte Rate: 29 pro Hunderttausend - abgehalten wurde, machten Ringel und Thomas die Öffentlichkeit erstmals mit ihren bis dahin nur einem kleinen Fachkreis geläufigen Erkenntnissen bekannt, zu denen inzwischen aber auch schon - unabhängig von Wien - das Duo Shneidman-Farberow in Los Angeles gelangt war:
- Die Neigung zum Selbstmord ist das Symptom einer bisher namenlosen psychischen Erkrankung, aber in den wenigsten Fällen eine wirkliche Geisteskrankheit, sondern eine Neurose **.
- Diese Krankheit beginnt meistens schon in der Kindheit und entwickelt sich konstant weiter.
- Sie ist laut Ringel "vermeidbar, sie ist heilbar, und zumindest kann ihr
tödlicher Ausgang verhindert werden".
- Die Selbstmordkranken wollen so wenig krank sein wie etwa die Tbc -Kranken; sie sind in ihrem Entschluß zu sterben nicht frei.
Mit dieser letzten These vor allem gedenkt die neuartige Lebensrettungs -Gesellschaft, die unter Laien wie Medizinern gleich verbreitete Abstinenz in Sachen Selbstmordverhütung zu beseitigen: Wer reisen will, soll künftig - notfalls gegen seinen Willen - gehalten werden. Psychotherapeut Thomas in seinem dickleibigen "Handbuch der Selbstmordverhütung"*: "Man kann, ja man muß (die Selbstmörder) aufhalten."
Die Suizid-Ärzte fordern daher, der Staat müsse die Selbstmord-Krankheit bekämpfen, wie er die Tuberkulose bekämpft und die Zahl der Verkehrstoten zu vermindern sucht. Neben die herkömmliche Bazillen-Hygiene müsse die moderne Psycho-Hygiene treten.
Mit einem Fürsorge-Service psychiatrisch erfahrener Ärzte, "jedoch ohne großen. Verwaltungsapparat", wollen Ringel und Thomas, unterstützt vor allem durch den Kölner Medizinaldirektor Dr. Fred Dubitscher, zunächst die beim ersten Sterbeversuch geretteten Kandidaten, von denen bis zu 20 Prozent rückfällig werden, erfassen und betreuen. Ringel: "Hier müßte eine einheitliche gesetzliche Regelung getroffen werden."
Darüber hinaus hoffen die vereinigten Nothelfer auch jene Todeswilligen ärztlich versorgen zu können, die den Zweifel am Sinn des Daseins in sich hineingesogen haben, aber noch nicht zur Tat geschritten sind. Auf sie ist die geplante umfassende Selbstmord-Prophylaxe sogar in erster Linie gemünzt.
Daß ernsthafte Wissenschaftler überhaupt mit der Möglichkeit rechnen, auch diese - im Gegensatz zu den geretteten Selbstmördern unbekannten - Erstlinge zu erfassen, würde die ganze Aktion unglaubhaft machen, könnten sie nicht mit ihrer - von Shneidman und Farberow Punkt für Punkt bestätigten - neuen Lehre aufwarten, die sich schon in der Methode von den meisten Selbstmord-Theorien der Vergangenheit vorteilhaft abhebt: Sie wurde weniger durch angestrengtes Nachdenken als durch klinische Beobachtung gewonnen.
Das neue Selbstmord-Dogma, in Berlin, Wien und Los Angeles gleichermaßen verkündet: Es gibt keine denkbare menschliche Situation, die unerträglich und hoffnungslos genug wäre, einen gesunden Menschen in den Tod zu treiben - weder geistige noch seelische Qual, weder KZ-Tortur noch uneheliche Schwangerschaft oder Bankrott.
Dieses Resultat war geeignet, die bisherigen Selbstmord-Erkenntnisse als ein schier unentwirrbares Knäuel von Vorurteilen zu entlarven.
Ein fundamentales Vorurteil ist danach, zu glauben, der tödliche Ausgang der früh beginnenden Selbstmord-Krankheit sei für die Mitmenschen nicht erkennbar. Ringels Erfahrung: 80 Prozent aller Selbstmörder kündigen die Maßnahmen, die ihren baldigen Exitus künstlich herbeiführen sollen, vorher an. Ringel: "Die diesbezüglichen Äußerungen werden nur überhört oder nicht ernst genommen."
Entsprechend Shneidman und Farberow, "Es ist einfach nicht wahr, daß Selbstmörder nicht schon vor der Tragödie zu erkennen sind."
Mit Verve bekämpften die Ärzte daher auch die Ansicht, wer von Selbstmord spreche oder gar damit drohe statt zu handeln, tue es ja doch nicht, wer aber andererseits zum Selbstmord ernsthaft entschlossen sei, gebe niemandem die Möglichkeit, ihn zu retten.
Schimpften Shneidman-Farberow: "Es ist einfach nicht wahr, daß Menschen, die über Selbstmord sprechen, ihn nicht auch begehen." Schimpfte Ringel: "Auch wer mit Selbstmordäußerungen nur agiert, ist krank." Die Neigung zum Selbstmord ist keineswegs vererblich. Dr. Dubitscher: "Zum Selbstmörder wird man nicht geboren, sondern man entwickelt sich dazu."
Infolge eines besonders weit verbreiteten Vorurteils konnte die Selbstmord-Krankheit bislang nur mühsam erkannt werden: Die Umwelt pflegt den versuchten wie den vollendeten Suizid mit Schaudern, wenn nicht mit Abscheu zu registrieren. Nach wie vor gilt der Selbstmörder den Frommen als ein Frevler, den weniger Frommen als Feind des Sittengesetzes, der sich vom Mörder nur durch eines unterscheidet Er ist mit dem Ermordeten identisch.
So lernten Eltern und Großeltern aus Meyers Konversations-Lexikon von 1897: "Die Beweggründe zum Selbstmord sind vielfach unsittlicher Art ... Insbesondere sind es geschlechtliche Unsittlichkeiten und Trunksucht, welche oft auf ein gewaltsames Lebensende hinsteuern."
So lernen Kinder und Enkel aus dem "Katholischen Katechismus der Bistümer Deutschlands", Ausgabe 1955: "Der Selbstmörder greift in die Rechte Gottes ein." Die vierfache Begründung: "(Er) wirft das Kreuz weg, das er mit Christus tragen sollte; er entzieht sich seinen Aufgaben an den Mitmenschen und bringt schweres Leid über seine Familie. Sich selbst aber stürzt er ins ewige Verderben."
Derart angelernt, befleißigen sich die Verwandten eines Suizidenten regelmäßig, das peinliche Ereignis - nicht ohne angemessenes Mitgefühl für die Tragik des Betroffenen - aus ihrem Bewußtsein zu verdrängen und den Schuß in den Mund tunlichst als Jagdunfall oder - wie beim Tod des Schriftstellers Ernest Hemingway - als Ungeschick beim Gewehrputzen zu neutralisieren.
Ergebnis: Die beim ersten Versuch Davongekommenen spüren das offene wie das getarnte Unwert-Urteil. Da sie sich plötzlich gemieden sehen, wo sie willkommen waren, oder aufdringlich umhegt, wo man sie allein ließ, reift der Wunsch, beim nächsten Sterbeversuch radikaler vorzugehen und vor dem Gewehrputzen sicherheitshalber noch Schlaftabletten zu schlucken.
Mit aller Energie wenden sich die neuzeitlichen Selbstmordforscher daher gegen die herkömmliche moralische Verurteilung ihrer Patienten. Der Wiener Ringel: "Der Selbstmordgefährdete darf weder als minderwertiger noch als schlechter Mensch gesehen werden." Der Kölner Dubitscher: "Der Lebensmüde ist ein Kranker, er ist ein Leidender und kein verwerflicher Mensch."
In keinem Punkt jedoch haben sich die überkommenen Vorurteile über den Selbstmord derart zäh erwiesen: Wer den Selbstmord aus der Sphäre der Ethik herauslösen will, um ihn klinischer Behandlung zugänglich zu machen, muß nicht nur die Wirkung des "Katholischen Katechismus" auffangen, sondern, auch das ehrwürdige Gebäude der abendländischen Philosophie zernieren.
Seit mehr als zweitausend Jahren versuchen die Philosophen aller Schulen dem Geheimnis des Selbstmords auf die Spur zu kommen - nach der Arbeitsweise ihres Berufsstandes hauptsächlich durch Meditieren. Entschied der Franzose Albert Camus 1950: "Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord."
Angesichts der Sachlage gelangten die Ethiker unter den Philosophen schon früh in Führung und usurpierten das Thema Selbstmord für sich, um es nicht wieder preiszugeben.
Die Folge: Seit gut zweitausend Jahren streitet man sich ebenso hartnäckig wie ergebnislos darüber, ob der Mensch ein Recht hat, sich zu töten, oder die Pflicht, weiter zu leben. Den Arzt, so schien es, gingen diese Dinge nichts an.
Setzte sich schließlich im Bewußtsein der Öffentlichkeit das vom Christentum gepredigte Urteil durch, der Selbstmörder begehe schweren Frevel; so gab es andererseits genug abendlandische Geister, die seine Tat als höchste Potenzierung der menschlichen Freiheit und Indiz für beneidenswerte Charakterstärke priesen Die wertneutrale Selbsttötung Wurde zum Freitod. Wer ihn
wählte, öffnete sich angeblich selbst die Pforte zur ewigen Glückseligkeit.
Die Denker der Antike waren dabei konsequent genug, ihre Lehren selbst zu praktizieren. Während die Großen der griechischen Philosophie, Platon und Aristoteles, den Selbstmord verurteilt hatten und auf natürliche Weise verschieden (Platon 347 vor Christus an Völlerei, Aristoteles 322 vor Christus an Magenleiden), gewann nach ihnen die Philosophie der Lebensverachtung und der menschlichen Selbstgenügsamkeit die Überhand.
Der an Weltschmerz und Lebensüberdruß leidende Philosoph Peregrinus Proteus beispielsweise gedachte theatralisch aus der Welt zu scheiden Bei den Olympischen Spielen im Jahre 165 nach Christus ließ er sich mit einem der Stunde würdigen Gepränge auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrennen.
Die Philosophenschule der Stoiker sang schließlich in Athen wie in Rom das Lob des Selbstmords in einer sogar für die antiken Tod-Verächter ungewöhnlichen Klarheit: Sie glorifizierte den Freitod - nach einem Wort des Selbstmord-Forschers Geiger - als "Geburtstag der Ewigkeit".
Freilich feierte den Geburtstag jeder Stoiker auf seine Weise:
- Zenon, der Gründer der Schule, indem er sich erhängte, nachdem er sich im hohen Alter den Finger geritzt hatte und hierin ein Zeichen für die Hinfälligkeit des Leibes sah;
- Staatsmann Cato der Jüngere, indem
er sich mit Hilfe seines Schwertes entleibte, um die von Cäsar errichtete Diktatur nicht zu erleben und den Römern ein Vorbild wahrer Seelengröße zu geben; seine Tochter Porcia folgte ihm mit ihrem Mann Brutus;
- der Philosoph Seneca, der alle späteren Bewunderer des Selbstmords mit Argumenten versorgte, indem er sich die Adern öffnete und sich dann im Dampfbad erstickte.
Zu aktiver Selbstmordverhütung konnten sich die von Weltschmerz und Lebensverachtung geplagten Antiken nur in einem einzigen Fall entschließen: In der kulturell bedeutenden kleinasiatischen Griechenstadt Milet erhängten sich, wie der Historiker Plutarch berichtet, die jungen Mädchen scharenweise. Diese berühmteste Selbstmordepidemie des Altertums konnte erst gestoppt werden, als die Stadtväter verordneten, jede Selbstmörderin künftig auf dem Markt nackt zur Schau zu stellen. Moderne Erklärung der jungfräulichen Sterbelust: Pubertätskrise.
Mit dem philosophisch begründeten Freitod-Enthusiasmus der Alten räumte erst das Christentum auf, allerdings nur, um in das entgegengesetzte Extrem ethischer Wertung zu verfallen: Die Selbsttötung wurde zum Selbstmord, obschon sich in der Bibel keine einzige Stelle findet, die den Suizid verurteilt.
Um so eifriger waren die frühen Konzilien und die Kirchenväter, im Selbstmörder einen Sünder zu sehen, da er einen Menschen, das Ebenbild Gottes, töte. Sowohl der heilige Augustinus als auch die Kirchenväter Eusebius und Hieronymus urteilten dann allerdings milder, wenn christliche Jungfrauen in der Verfolgungszeit zwecks Rettung ihrer Unschuld ins Feuer oder ins Wasser sprangen: Die Sprünge wurden als Märtyrertod anerkannt.
Die katholische Kirche hatte daher einige Mühe, ein vernichtendes Urteil über den Selbstmord durchzusetzen. Zumal die über Selbsttötung unbefangen denkenden Germanen bequemten sich vergleichsweise spät zu der Erkenntnis, daß Selbstmord Sünde sei. Auch in den großen Städten wie Köln, Lübeck und Nürnberg legte man mehr Wert auf Handel als auf abstraktes Moralisieren und sah daher noch zur Zeit der Hanse im Selbstmörder nur den gescheiterten Bürger.
Erst während der Gegenreformation wurde der Selbstmord unter kirchlichem Einfluß zum kriminellen Delikt, zum Verbrechen gegen das Leben. Es wurde mit unehrenhaftem Begräbnis, etwa Verscharren unter dem Galgen, bestraft. Der Staat konfiszierte noch das Vermögen, und die Kirche tat die Exkommunikation hinzu.
In einigen Landstrichen wurde die Leiche des Selbstmörders vorsichtshalber noch einmal exekutiert. In England wurde ihr ein Pfahl durch den Leib gerammt.
Gleichwohl erwies sich die von den Theologen erdachte Selbstmordverhütung durch moralische Zuchtmittel als unwirksam. Weder die in Aussicht gestellten Ewigkeitsqualen noch der Schimpf des unehrenhaften Begräbnisses waren geeignet, die Lebensmüden der frühen Neuzeit von ihrem Vorhaben abzuschrecken.
Wo aber die kirchliche Drohung mit der Verdammnis Eindruck machte, wichen die Todeswilligen auf die wohl seltsamste Abart von Suizid, den indirekten Selbstmord, aus. Hatten sich im alten Rom die eines Kapitalverbrechens Verdächtigen oft entleibt, weil sie damit der entehrenden Strafe entgingen und ihrer Familie die Vermögenskonfiskation ersparten, so dachte man angesichts des drohenden Höllenfeuers umgekehrt: Enragierte Lebensfeinde begingen Kapitalverbrechen, wurden zum Tode verurteilt und konnten, durch kirchliche Absolution wohlvorbereitet, ihr Leben als reuige Sünder vom Scharfrichter beenden lassen.
Diese indirekten Suizide, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Mode kamen, erreichten um 1700 ihren Höhepunkt. Die Stadt Nürnberg beispielsweise mußte im Jahre 1702 ein Dekret erlassen, um dem Unwesen zu steuern.
Zwanzig Jahre später war das Mittelalter in der philosophischen Selbstmord-Lehre, wenn auch noch nicht in der strafrechtlichen Verfolgung des Selbstmords überwunden, und das Pendel schlug abermals in die entgegengesetzte Richtung aus: Der Selbstmord wurde wieder als sittliche Tat des autonomen Menschen verherrlicht.
Von einem anonymen Autor erschienen 1721 in Paris die "Lettres Persanes" ("Persische Briefe"), in denen ein neuzeitlicher Seneca den Freitod mit den Worten pries: "Das Leben wurde mir als eine Gunst verliehen, ich kann es also zurückgeben, wenn es keine mehr ist."
Hinter dem Anonymus verbarg sich der philosophierende Baron de la Brède et de Montesquieu, der den Selbstmord mit dem Geist der rationalistischen Aufklärung zu erfassen suchte und sich noch auf dem Totenbett weigerte, die "Lettres Persanes" - wie es die Kirche verlangte - zu widerrufen.
Ausgerechnet in England, das den Selbstmörder bis 1882 mit dem unehrenhaften Begräbnis strafte und den Suizid -Versuch auch heute noch als Übertretung ahndet, fand Montesquieu Beifall. Der Aufklärer David Hume drehte die Argumente der christlichen Religionsphilosophen ebenfalls um: Frevelhaft sei es nicht, sich zu töten, sondern sich einzubilden, der Tod eines einzelnen störe die Ordnung der Welt.
Hume in seinem "Essay on Suicide": "Das Leben des Menschen hat für das Weltall nicht größere Bedeutung als das einer Auster."
Hoffähig wurde der Freitod dann durch jene poetische Figur, mit der Goethe 1774 die Welt des Rokoko bezauberte: durch "Die Leiden des jungen Werthers".
In einer Mischung von aufgeklärtem Pantheismus und überströmender Gefühlsseligkeit, in qualvoller Erkenntnis der Kluft zwischen Umwelt und eigenem Empfinden lädt der von Liebeskummer geplagte Werther die Pistole: "Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll."
Den Taumel des Todes tranken außer Werther Tausende seiner Zeitgenossen. Das Werther-Fieber erfaßte alle Schichten der Gesellschaft. Man schwärmte, litt und starb wie der Held Goethes und wurde sich der Krankhaftigkeit des epidemischen Leidens nicht bewußt.
Die gleichzeitig lebenden Wegbereiter des deutschen Idealismus indes teilten weder den Selbstmord-Enthusiasmus der westeuropäischen Philosophen noch die Gefühlsseligkeit der poetisch aufgewühlten Werther-Kranken.
So entgegnete Freund Schiller dem Verfasser des "Werther" mit sittlichem Pathos in seinem Drama "Kabale und Liebe": "Selbstmord ist die abscheulichste (Sünde), mein Kind, die einzige, die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missetat zusammenfallen."
Und in Königsberg schüttelte Immanuel Kant das Philosophenhaupt über den Rausch von Empfindsamkeit. Sein - untaugliches - Gegenmittel: Die "Selbstentleibung" ist Sünde gegen die Souveränität Gottes wie gegen die Gemeinschaft.
Der abermalige Umschlag bewies nur, daß die abendländischen Selbstmord-Erkenntnisse wieder den Stand der Kirchenväterzeit erreicht hatten - allerdings waren inzwischen Millionen Lebensmüder, von den Apologeten des Freitods angeleitet oder durch den ethischen Rigorismus ihrer Gegner verwirrt, von eigener Hand gestorben.
Tatsächlich hielt sich vorerst auch im weltlichen Strafrecht noch das einmal rezipierte Unwert-Urteil der christlichen Lehre vom Selbstmord:
- Das österreichische Strafgesetzbuch des ansonsten aufgeklärten Kaisers Joseph II. ("Josephina") stellte 1787 den Selbstmord unter Strafe; bis 1850 war der Suizid in Österreich als Polizeiübertretung strafbar.
- Das preußische "Allgemeine Landrecht" von 1794, die berühmteste Kodifikation der deutschen Aufklärung, bestrafte noch jene Selbstmörder, die sich durch ihre Tat einer Strafe entziehen wollten.
Daß die Werther-Fiebrigen aller Art pflegebedürftige Menschen waren, denen weder mit idealistischem Pathos noch durch Androhung der - weiterhin aufrechterhaltenen - Kirchenstrafen geholfen werden konnte, wurde nicht einmal begriffen, als im Jahre 1811 der bedeutendste Nachfolger des jungen Werther, Heinrich von Kleist, in den Tod ging.
Dabei war der Dichter der "Penthesilea" nahezu ein Paradefall der in den Suizid - führenden seelisch-geistigen Fehlentwicklung. Ein zwischen Herostratentum und grenzenloser Schwäche
schwankendes Lebensgefühl ließ Ihn das Sterben schon in der Jugend als die eine große Idee begreifen.
Die krankhafte Versuchung, im tödlichen Dunkel das wahre Licht zu sehen, führte den 34jährigen schließlich in die Katastrophe, als er mit seiner Umwelt zerfiel und sich "nichtsnutzig" vorkam. Aber die Verzweiflung war durch unbändige Todessehnsucht verklärt. Friedrich Sieburg zum 150. Sterbetag des Dichters: "Kleist jauchzte dem Tode entgegen."
Wer die Krankhaftigkeit der Suizid-Neigung ahnte, wollte das Leiden nicht psychologisch, sondern theologisch verstanden wissen. Noch 1849 unternahm der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard einen großangelegten Versuch, den Selbstmord an die Theologie zu ketten.
Menschliche Verzweiflung ist für ihn - nach dem Titel seines weitverbreiteten Traktats - "die Krankheit zum Tode". Jedoch: "Sünde ist Verzweiflung, ihre Potenzierung ist die neue Sünde, über seine Sünde zu verzweifeln."
Konnte nach Kierkegaard daher nur unerschütterlicher Glaube die "Krankheit zum Tode" heilen, so gab der Philosoph doch zu, daß sie mit theologischem Werkzeug überaus schwer zu diagnostizieren sei. Klagte der Däne: "Oh, und dies ist für mich ein weiterer Ausdruck des Schreckens für diese furchtbarste aller Krankheiten und Nöte: ihre Verborgenheit."
Eine ganz andere Branche von Wissenschaftlern rückte der verborgenen Krankheit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts - mit tauglicheren Mitteln - zu Leibe: die Statistiker.
Unter dem Einfluß der positivistischer denkenden Zeit und angeführt von dem Berliner Forscher Adolf Wagner, machte man sich daran, "die Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen" (Wagner, 1864) zu ergründen und auch das vermeintlich zufällige Selbstmordgeschehen in statistischen Zahlenkolonnen nachzuzeichnen.
Seither bemühen sich Statistiker und Medizin-Statistiker, Hygieniker, Bevölkerungsforscher und Soziologen, den Selbstmord numerisch zu zerkleinern und durch eine Flut von Einzel-Expertisen zu untersuchen. Doktoranden fanden ein neues Betätigungsfeld, ausgediente Schullehrer lohnende Freizeitbeschäftigung.
Man zählte Selbstmörder in allen denkbaren Lebensverhältnissen und verglich sie miteinander. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise stellen die Fleischer sowie die Gastwirte und Kellner prozentual bei weitem die meisten Selbstmörder; mit Abstand folgen erst die Kaufleute, dann die Ärzte und Apotheker.
Abgesehen von solchen Liebhaber -Statistiken sind die Ergebnisse der statistischen Hausse auch heute noch wertvoll. Einwandfrei wurde beispielsweise ermittelt, daß die meisten Selbstmorde
- unabhängig von der geographischen
Breite - im Frühsommer begangen werden. Fest steht auch, daß die Selbstmordziffer zwischen 1850 und 1950 - im Klima oder in den Witterungsverhältnissen liegen, von denen die Selbstmordziffer erfahrungsgemäß gleichfalls abhängt. In der Stadt Zürich beispielsweise wurde ermittelt, daß 70 Prozent aller Selbstmorde innerhalb von 20 Jahren auf Tage mit Föhnwetter und flacher Luftdruckverteilung fielen. In Dänemark und Norwegen sind diese Bedingungen aber ebenso ähnlich wie die kirchlichen Verhältnisse beider Staaten.
Dagegen ist Dänemark reicher als Norwegen und fast zehnmal so dicht besiedelt. Die wohlhabenden Inselmenschen haben sich daher eine ganz andere Mentalität zugelegt, was sich an den verfeinerten Lebensgewohnheiten, aber auch am kulinarischen Konsum, wie dem Zuckerverbrauch, ablesen läßt: Er ist in Dänemark wesentlich höher als in Norwegen.
Man erkannte auch, daß weitere soziologische Umstände, wie die Aufteilung Stadt-Land und die Altersschichtung die Selbstmordziffern beeinflussen - allerdings wiederum nicht ausschließlich. So begehen in Stockholm 37 von hunderttausendSchweden Selbstmord, in der Provinz Västerbotten nur zwei. In den kleinstädtischen Gebieten Schleswig-Holsteins aber nehmen sich entschieden mehr Menschen das Leben als in den Großstädten Nordrhein-Westfalens. Denn: Nordrhein -Westfalen ist überwiegend katholisch und reich, Schleswig-Holstein überwiegend evangelisch und arm.
Dagegen hat das hochindustrialisierte Sachsen fast die gleiche - extrem hohe - Selbstmordquote wie das ländliche Thüringen, Die Erklärung liegt hier offenbar im Stammescharakter der Sachsen, denen man nach den Worten des Bonner Suizid-Forschers Gruhle "eine besondere Selbstmordbereitschaft" zusprechen muß.
Zum Selbstmord bedarf es nämlich der gleichen gehemmten Renitenz, die sich an den typisch sächsischen Strafdelikten - Beleidigung, Verleumdung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte
- ablesen läßt. Sachsen und Thüringer
aber sind stammesmäßig eng miteinander verwandt.
Sehr verschieden sind Nordrhein-Westfalen und Bayern. Beide haben aber fast die gleiche - relativ niedrige - Selbstmordquote. Erklärung: Der Katholizismus überwiegt in beiden Ländern.
Hiergegen wiederum: Die Selbstmordziffer ist von 1949 bis 1960 nur in zwei deutschen Bundesländern konstant gefallen - und die sind evangelisch: Hamburg und Niedersachsen. Ebenso ist sie nur in zwei Bundesländern konstant gestiegen - und die sind überwiegend katholisch: Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.
Im katholischen, selbstmordträchtigen Wien ackerte sich der Dr. med. Erwin Ringel durch die Zahlenkolonnen und Kurvenblätter des Selbstmordgeschehens. Er konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die statistisch betriebene Selbstmord-Geographie und die vergleichende Selbstmord-Soziologie zwar interessante Auskünfte vermitteln, aber den Suizid weder schlüssig erklären noch zu seiner Verhütung beitragen können: Der Selbstmord war von Schwankungen abgesehen - in fast allen Ländern sprunghaft anstieg, so in Österreich von 4,5 auf 23 und in Schweden von sechs auf 15 pro hunderttausend Einwohner.
Jedoch: Seit 1900 wuchs die Zahl der weiblichen Suizidenten - in Deutschland heute bei vollendetem Selbstmord 30 bis 40 Prozent, beim Selbstmordversuch über 50 Prozent - bedeutend schneller als die der männlichen.
Sicher ist ferner, daß - wie Adolf Wagner erstmals entdeckte - die Selbstmordziffer von der Konfession beeinflußt wird. So haben betont katholische Staaten extrem wenig Suizide: Spanien fünf und Irland gar 2,7 pro Hunderttausend. So begingen im Jahre 1900 von hunderttausend katholischen Preußen zehn Selbstmord, von hunderttausend evangelischen Preußen jedoch 25.
In der Bundesrepublik, wo die beiden christlichen Konfessionen fast gleich viele Anhänger zählen, sind nach einer Berechnung des Berliner Arztes Dennemark von allen Selbstmördern
- 75 Prozent Protestanten,
- 20 Prozent aus einer Kirche ausgetretene und nur
- fünf Prozent Katholiken.
Indes, zwei nordische Länder gleicher Konfession registrieren eine extrem unterschiedliche Suizidzahl: 21 pro Hunderttausend in Dänemark, acht in Norwegen. Die zu hundert Prozent katholischen Spanier fliehen mithin das Leben fast ebenso häufig wie die zu hundert Prozent evangelischen Norweger.
Die Erklärung für das norwegischdänische Phänomen kann auch nicht für die Rubriken der berufsmäßigen Zähler offenbar viel zu komplex.
Den im rumänischen Temesvar geborenen Ringel, der sich 1962 bei dein Wiener Psychiater Professor Hoff habilitierte, ließ die Selbstmordproblematik nicht mehr los. Ringels Grund: "Mein Staunen, daß es Menschen gibt, die das Leben, unser kostbarstes Geschenk, wegwerfen und sich umbringen."
Der Psychiater, selbst ein nervöser Dynamiker, klopfte die philosophischen Selbstmord-Irrlehren der Vergangenheit ebenso ab wie die mageren Ergebnisse der hochflutartigen, neueren Forschung.
Von den Statistikern unsicher gemacht, hatten die Mediziner aller Sparten begonnen, gänzlich verschiedene Spuren zu verfolgen. Gemäß dem selbstbewußten, liberal-positivistischen Zug in der Forschung sah man in den Selbstmördern je nach Todesart und Lebensumständen
- den wirklich Geisteskranken,
- den bewußt Handelnden, den sogenannten Bilanz-Suizidenten, oder
- das arme Milieu-Opfer.
Die Zahl der Geisteskranken ging jedoch - wie schon vor Ringel zweifelsfrei festgestellt wurde - zurück, die Selbstmorde nahmen zu. Außerdem glaubte man zu beobachten, daß sich in steigendem Maße Menschen entleibten, die fraglos nicht geisteskrank waren.
Auch das Milieu - Armut, körperliches Gebrechen, soziale Verkommenheit - schied für Ringel bald als maßgebliche Ursache aus. Denn der Einkommens-Index der Volksmasse stieg offenbar proportional mit dem Selbstmord-Index.
Der wachsende Wohlstand konnte sich auf die Selbstmordziffer höchstens insofern auswirken, als er die Beschaffung der tödlichen Waffe naturgemäß erleichterte. Schon mit dem Leuchtgas wurde in jedes Haus ein potentielles Selbstmordmittel installiert.
Die Forscher fanden jedoch bald heraus, daß die sogenannte Nähe der Waffe zwar wichtig ist: Die bequem gelegene Isarbrücke in Großhesselohe, von der über 200 Menschen in die Tiefe sprangen, wurde eigens durch ein Gitter gesichert; ebenso die per Fahrstuhl erreichbare, Aussichts-Plattform auf der Hamburger Michaeliskirche. Aber generell entscheidend sind derartige Selbstmord-Gelegenheiten so wenig wie etwa die Konfession.
Im reichen, mit Leuchtgas gut versorgten Nordrhein-Westfalen beispielsweise erhängen sich heute noch immer fast 60 Prozent aller Lebensmüden, während nur sechs Prozent den Gashahn öffnen und zwei Prozent sich erschießen. Und in der Schweiz, wo jeder Reservist die Flinte im Schrank hat, erhängen sich die Männer häufiger als sie sich erschießen, während sich die Schützen-Frauen, die den Tod suchen, mehrheitlich ertränken.
Nach dem Fall der Milieu-Theorie
- sie gilt heute nur noch im Ostblock,
wo sie beweisen soll, daß es im Endzustand des wahren Kommunismus keinen Selbstmord mehr geben werde - behauptete sich vorerst noch die These vom Bilanz-Suizid, die einst - der Selbstmordforscher Hoche ("Vom Sterben", 1919) propagiert hatte: Jeder
Lebensmüde, der einen Abschiedsbrief hinterließ, so auch Kleist, wurde fortan als Bilanzier eingestuft.
Der Theorien-Sucher Ringel traf schnell auf jenen berühmten Fall, der alle Bilanzen erschütterte: der Beinahe-Suizid Leo Tolstois.
Wie der russische Dichter selbst beschreibt (siehe Kasten Seite 38), ergriff ihn auf der Höhe seines Lebens, als er anerkannt und zufrieden war und an nichts Mangel litt, eine unheimliche Sterbelust - eine Zwangsneurose.
Aus Tolstois Erlebnisbericht wird deutlich, daß die Impulse zum Selbstmord seinem Empfinden nach gar nicht vom ihm selbst kamen, sondern ihm von einer anonymen äußeren Macht aufgezwungen wurden. Dabei behielt Tolstoi zu jeder Zeit die Einsicht, daß der gespenstische Todestrieb krankhaft war. Eine echte Geisteskrankheit scheidet daher aus. Der Dichter wollte nicht sterben, er setzte sich zur Wehr und überwand die tödliche Zwangsvorstellung schließlich nach qualvollem innerem Kampf.
Wer weniger robust war, unterlag, so
- 1914 der von apokalyptischen Visionen erschütterte Dichter Georg Trakl;
- 1935 der ruhelose Kurt Tucholsky,
der seine Schwermut in der Satire zu verdrängen suchte;
- 1942 der sensible Stefan Zweig, über
den vermeintlichen Untergang des Humanismus auf der Welt verzweifelnd.
Obschon der genau rekonstruierbare Lebenslauf die seelisch-geistige Fehlentwicklung in jedem dieser Fälle offenkundig machte, konnte man immer noch annehmen, es handele sich um eine Art - Berufskrankheit ästhetisch angeknackter Literaten und Poeten: Ringel sah wie die übrigen Selbstmord -Forscher lauter Suizidtypen, aber keinen typischen Suizidenten.
Wenig Beistand konnten dem Wiener auch jene Wissenschaften leisten, die an sich viel zur Erklärung des menschlichen Interieurs beitrugen: Psychoanalyse, Psychologie und Psychiatrie.
Zwar lehrte Analysen-Vater Sigmund Freud, daß Selbstmord ein Akt "unbewußter Aggressivität" sei: "Es tötet niemand sich selbst, er wolle denn einen anderen töten." Aber Freuds Erklärung, für diesen Akt sei der allgemeine Todestrieb des Menschen verantwortlich, ließen seine Schüler (von denen einige durch Selbstmord endeten) alsbald fallen.
Zwar diagnostizierte der Psychologe Carl Gustav Jung den existentialistisehen Zweifel am Sinn des Daseins, die "Sinn-Neurose", als eine weitere Suizid -Quelle, doch wußte er selbst die Frage nach dem Sinn nicht zu beantworten.
Zwar hatte der amerikanische Psychiater Zilboorg 1936 festgestellt: "Selbstmord ist nicht antimoralisch, Selbstmord ist eine Krankheit wie die Tuberkulose", aber die moderne Schul -Psychiatrie wich auf die Beschreibung der suizidalen Geisteskrankheiten aus: Im Stichwortregister der 1940 erschienenen großen Selbstmord-Monographie des Psychiaters Gruhle kommt das Wort "Verzweiflung« nicht vor.
Ungerührt klassifizierte der Bonner Professor den Selbstmord als
- Bilanztat,
- Kurzschlußreaktion oder
- Demonstration.
Daß andere Forscher die demonstrativen Selbstmordversuche nicht als eigene Gattung gelten lassen wollten, sondern als dritte Gruppe im Selbstmord
- das Ende einer krankhaften psychischen Entwicklung
sahen, machte das Problem für Ringel und seinen Anhang nicht leichter. Auch diese drei Hauptgruppen waren zu verschieden, als daß sie eine allgemeine Selbstmord-Diagnose ermöglichten.
Erst die eigenen Versuchsreihen brachten die Wissenschaftler in Wien wie in Berlin und Los Angeles voran. Ringel diagnostizierte das Suizidleiden in der von der Caritas gegründeten Wiener Lebensmüden-Fürsorge an fast 15 000 Patienten, einem kompletten deutschen Selbstmord-Jahrgang. Von jenen Fällen, die vor dem ersten Sterbeversuch behandelt wurden, ging kein einziger verloren, obschon die Patienten sämtlich stark selbstmordgefährdet waren.
Der Berliner Forscher Dr. Dr. Thomas erfaßte in seiner mit Telephonseelsorge gekoppelten Lebensmüden-Fürsorge 3000 Suizidenten; der Kölner Medizinaldirektor Dubitscher durchforschte die Akten von über 3000 Selbstmördern der deutschen Wehrmacht.
Die Doktoren Shneidman und Farberow schließlich behandelten in ihrem "Suicide Prevention Center" in Los Angeles 750 Fälle versuchten oder vollendeten Sterbens.
In einem derartigen Umfang und mit vergleichbarer Systematik war die Selbstmord-Forschung noch niemals betrieben worden. Um alle Vorgänge exakt zu durchleuchten, die einen Menschen in den selbstgewählten Tod treiben können, rekonstruierten die Suizid -Ärzte in mühevoller Kleinarbeit die Lebensgeschichte jedes Patienten, und zwar von Jugend an.
Sie entdeckten nur bei zehn bis zwanzig Prozent der Untersuchten eine Geisteskrankheit, dagegen bei rund 70 Prozent eine auffallende Häufung von Neurosen, "eine grundsätzliche entmutigte neurotische Lebenseinstellung" (Ringel). Das "Södersjukhuset", die größte Klinik Stockholms, bestätigte: 50 Prozent Neurotiker, 29 Prozent sonstige Persönlichkeitsdefekte.
Tatsächlich entspricht dieses Ergebnis der von ärztlicher Seite beobachteten sprunghaften "Zunahme neurotischer Erkrankungen überall in der Welt", wie Ringels Lehrer Professor Hoff in seiner Expertise "Die Zeit und ihre Neurose' schrieb.
In der Wiener psychiatrischen Klinik wurde ermittelt, daß die neurotische Erkrankung meist schon in der Kindheit festzustellen war. Sie ließ sich an äußeren Lebensumständen ablesen. Die seelische Fehlentwicklung führte dann regelmäßig dazu, daß der gestörte Mensch eine der besonders selbstmordnahen Situationen - Pubertätskrise, Liebeskummer, nicht bestandene Examen, beruflicher Mißerfolg, Einsamkeit im Alter
- als unerträgliche Belastung empfand.
Er griff zum Revolver oder öffnete den Gashahn.
Umgekehrt, so deduzierten die Selbstmord-Forscher, greift niemand zum Revolver und niemand öffnet den Gashahn, der nicht schon eine chronische, seelischgeistige Krankengeschichte hat. Ringel: "Je ausgeprägter die kindliche psychische Fehlentwicklung, desto früher kann es zur Selbstmordhandlung kommen."
Bravourös waren damit alle systematischen Nöte der bisherigen Selbstmord-Lehren überwunden und die drei herkömmlichen Arten von Suizid auf eine einzige reduziert: Der Kurzschluß-Täter und der Bilanzzieher entpuppten sich als Sonderfall des einen typischen Selbstmordkranken - des Neurotikers.
War dessen Leiden in der Regel eine noch nachträglich verfolgbare psychische Fehlentwicklung, so brauchte man künftig mit der Suizid-Prophylaxe nicht zu warten, bis der latent Lebensmüde seine Absicht, aus der Welt zu scheiden, durch Worte kundtat: Die Symptome dieser Entwicklung mußten nur nachgezeichnet und diagnostiziert werden.
In seinem exzentrisch eingerichteten Klinikzimmer - ein ausgestopftes Krokodil an der Wand, ein Gebetsteppich über dem Diwan, ein Schwertfisch als Beleuchtungskörper - brütete Psychiater Ringel über den Krankengeschichten seiner Selbstmörder. Sie zeigten drei typische Verhaltensweisen, nämlich
- eine zunehmende Einengung: Die vitalen Kräfte erlahmen, und die Beziehungen zur Umwelt werden gestört;
- eine gehemmte Aggressivität im Sinne Freuds: Sie kann sich Infolge der gestörten Beziehungen zur Umwelt nicht nach außen entladen;
- eine Flucht in die Irrealität: Der Kranke beschäftigt sich fortwährend mit seinen Selbstmord-Phantasien.
Mit Hilfe dieser Erscheinungen, die Ringel "präsuizidales Syndrom"** taufte, war nun auch erstmals jene Merkwürdigkeit zu begreifen, die den Selbstmordstatistikern bis dahin fortlaufend Rätsel aufgegeben hatte: In Kriegs- und Revolutionszeiten ging die Selbstmordkurve steil nach unten, so in beiden Weltkriegen bei allen aktiv beteiligten Völkern, so auch während der großen Wirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932.
Denn: Die zunehmende Einengung wurde überdeckt, die Aggressivität konnte sich entladen, für irreale Phantasien war keine Zeit.
So erklärt sich ferner die Tatsache, daß in der NS-Zeit viele Verfolgte die unmenschliche Behandlung im Konzentrationslager oder die Nöte der Emigration geduldig ertrugen, sich aber nach 1945, als das Leiden ein Ende hatte, töteten.
1949 nahm sich beispielsweise der aus der Emigration heimgekehrte Schriftsteller Klaus Mann das Leben, nach dem Urteil seines Vaters Thomas Mann ein Mensch, "dem Todessehnsucht früh im Herzen keimte". Diagnostizierte Friedrich Sieburg: "Über den 43jährigen (Sohn) kamen wieder die alten Gespenster und Dämonen, die der politische Kampf zurückgedrängt hatte. Der Todeswunsch hatte wieder volle Gewalt."
So lassen sich auch jene nicht eben seltenen Fälle begreifen, in denen der Suizident seinen eigenen Tod laut Abschiedsbrief als Racheakt an seiner Umgebung vollzieht und seine gehemmte Aggressivität benutzt, um dem vermeintlich Glücklicheren ein Schuldgefühl einzugeben, nach dem Motto: "Da hast du es!"
Ebenso schlüssig erklärt der erste Syndrom-Teil - die Einengung - das oft verkrampft oder lächerlich anmutende Verhalten mancher Selbstmörder, die sich auch nicht die geringste Chance zum Überleben lassen wollen: Ein Mann nahm Schlaftabletten, band sich eine Schlinge um den Hals, befestigte den Strick am Brückengeländer über einem Fluß und schoß sich zur Sicherheit noch eine Kugel in den Kopf. Die Kugel aber verletzte ihn nur unwesentlich, zerriß dagegen den Strick, so daß der Lebensmüde ins Wasser fiel. Das kalte Bad führte zum Erbrechen der Schlaftabletten, und der Suizident war dem Leben erhalten.
Schließlich macht der dritte Syndrom -Teil, Flucht in die Irrealität, das oft seltsam planvolle Verhalten der Suizidenten verständlich, in dem die Umwelt gern einen Widerspruch zur Ernsthaftigkeit der zerstörerischen Selbstmordabsicht sieht: Lebensmüde pflegen, selbst wenn der Entschluß zum Sterben schon feststeht, durchaus noch Verabredungen für einen Zeitpunkt nach dem in Aussicht genommenen Todesdatum zu treffen.
Als Selbstmord-Forscher Dubitscher einen solchen geretteten Suizidenten fragte: "Wie konnten Sie denn für den nächsten Tag noch ...?", erhielt er die Antwort: "Ja, aber ... das ist doch etwas ganz anderes."
Und ein anderer, von Dubitscher befragt, ob es nicht schwer gewesen sei, vor dem heranbrausenden Zug auf das Gleis zu springen, erklärte leichthin: "Gar nicht, da war ich eigentlich schon tot."
In die Irrealität flüchtete sich auch eine Gruppe abgestuft defekter Menschen, deren Beziehung zur Umwelt gestört war, wenn sich ihre Aggressivität auch zwölf Jahre lang ungehemmt hatte entladen können: Exemplare aus der Führungsschicht des Dritten Reiches.
Mit diabolischer Gründlichkeit hatten die NS-Größen sich und ihren Gefolgsleuten suggeriert, ein wahrhaft deutscher Mann dürfe die Niederlage so wenig überleben wie die deutsche Frau eine Vergewaltigung durch die anrükkenden Reichsfeinde. Der vermeintliche Triumph der Ehre über die Schmach war von der blonden Kristina Söderbaum auf der Leinwand wiederholt durch Gang ins Wasser zelebriert worden.
Schon zum Kriegsbeginn hatte Adolf Hitler öffentlich angekündigt, daß er, falls alles schiefgehe, ins Nichts zu retirieren gedenke. Auf der Lagebesprechung des 1. Februar 1943 bekräftigte der Führer dann, ein Soldat und Ehrenmann dürfe sich nicht fangen lassen wie der Marschall Paulus in Stalingrad, sondern müsse sich erschießen. Hitler: "Die Pistole - das ist doch eine Leichtigkeit."
Der ruhelose Paladin Goebbels und Frau Magda ließen sich 1945 nicht einmal überreden, wenigstens ihren sechs Kindern das Weiterleben zu gestatten. Sie tranken Sekt, flößten den Kindern Gift ein und erschossen sich.
Aber nicht nur in diesem Fall berührten sich Selbstmord und Mord: Der Feldmarschall Erwin Rommel zerbiß die ihm offiziell überreichte Giftkapsel - eine Tat, die mit einem Staatsbegräbnis honoriert wurde. Sein Sterben aber war eine Exekution. Unter ähnlichem, beinahe physischem Zwang erschoß sich der Widerständler und frühere Generalstabschef Ludwig Beck. Hingegen gaben sich den Tod
- die Generalobersten Udet und Jeschonnek aus Schuldgefühl über die versagende Luftwaffe,
Die letzten Oberbefehlshaber von
Luftwaffe und Marine, Feldmarschall Ritter von Greim und Generaladmiral von Friedeburg, sowie der im Ruhrkessel eingeschlossene Feldmarschall Model aus Verzweiflung über die Niederlage.
Dem Schmach-Ehre-Kodex, teilweise aber auch purer Existenzangst, fielen schließlich etliche tausend Deutsche zum Opfer, die 1945 beim Anmarsch von Amerikanern oder Russen ihrem Führer in den Tod vorangingen oder seinem Vorbild zum letzten Male folgten.
Im selben Jahr, in dem Hermann Göring sein Leben im Nürnberger Gerichtsgefängnis durch Selbstmord beendete, 1946, begann in Wien Erwin Ringel seine Selbstmord-Studien. Dem Jungforscher, Jahrgang 1921, war es erspart geblieben, den Endkampf der pervertierten Verführer der Nation mitkämpfen zu müssen: Da er sich nicht verführen lassen wollte, sondern bekenntnisfroh in der katholischen Jugendbewegung mitmarschierte, bekam er es mit der Gestapo zu tun, wurde festgesetzt und galt fortan als wehrunwürdig.
Selbstmorde in zahlreichen Varianten vor Augen, komponierte er jenes Syndrom, mit dessen Hilfe der Ringel -Kreis heute seine Selbstmordverhütung großen Stils ins Werk zu setzen gedenkt.
Zunächst sollen fachlich orientierte Betreuungsstellen für die Lebensmüden geschaffen und vom Staat subventioniert werden. Vorbild: das "Suicide Prevention Center" der Ärzte Shneidman und Farberow in Los Angeles.
Die Suizid-Ärzte gehen dabei von der Erkenntnis aus, daß die kirchliche Telephonseelsorge (heute in 14 bundesdeutschen Großstädten) dem Problem weder fachlich noch quantitativ gewachsen ist: Sie kann zwar einen wertvollen Beitrag leisten, aber die Selbstmordkranken nicht wirkungsvoll behandeln, wie das Protokoll der "Internationalen Tagung über Selbstmord-Prophylaxe" feststellte, die erstmals 1960 in Wien stattfand.
Als Protokollführer amtierte der Militär-Suizidforscher Dubitscher. Anschließend holte man sich geistlichen Zuspruch bei Seiner Eminenz, dem Wiener Erzbischof Kardinal König.
Zur selben Zeit allerdings feilte der katholische Theologe Professor Georg Siegmund im bischöflichen Fulda an den Thesen seines Selbstmord-Buches "Sein oder Nichtsein".
Den soliden Boden seiner Kirche unter den Füßen, unternahm der Professor den vorläufig letzten Versuch, das Problem den Medizinern zu entreißen und gemäß abendländischer Tradition den Theologen zu reservieren. Siegmund: "Jeder Selbstmord ist Ungehorsam und ein Verbrechen gegen Gottes heilige Herrschaft und Liebe."
Weder der katholische Arzt Ringel noch der evangelische Arzt Thomas leugnen allerdings, was lange offenbar war: daß religiöser Glaube und kirchlicher Gemeinschaftssinn Barrieren gegen den Selbstmord bilden können.
Jedoch Ringel: "Für mich als Arzt ist der Selbstmord primär ein psychologisches Problem. Wie jede Lebensfrage kann er auch eine religiöse Seite haben, die nicht übersehen werden darf. Aber vom medizinischen Standpunkt aus bekämpfen wir eine Krankheit - vor allem die Neurose."
Die Lebensretter haben daher den Kampf gegen die psychologisch unhaltbaren, religiös-philosophischen Vorurteile in puncto Selbstmord auf ihr Programm geschrieben. Darüber hinaus planen sie, die bislang ehrenamtlichen Mitarbeiter der Lebensmüden-Betreuung, meist medizinische Laien, durch hauptamtliche Fachkräfte zu ersetzen. Ringel: "Manche wollen da nur ihre Komplexe abreagieren." Und: "Das gute Herz allein qualifiziert niemanden zu erfolgreicher Mitarbeit."
Entsprechend der Berliner Telephonseelsorger Dr. Thomas: "Das gute Herz tut's nicht."
Die Methoden für die Therapie Lebensmüder wurden teils in Los Angeles, teils in Wien und Berlin entwickelt. Je nach Stärke und Art der Neurose erhalten die Patienten entweder eine einfache psychotherapeutische, eine hypnotische oder eine kombinierte Behandlung unter Zuhilfenahme bestimmter Medikamente.
Stellt sich beispielsweise heraus, daß ein Mann Hand an sich legte, weil ihm die vierte Frau ohne für ihn erkennbaren Grund davonlief - Ehe- und Liebesschwierigkeiten werden in etwa 50 Prozent aller Fälle als Selbstmordmotiv angegeben -, muß der vermutete erotische Defekt dem Patienten ins Bewußtsein gerufen und seine gestörte Beziehung zum weiblichen Geschlecht korrigiert werden.
Hierzu bedarf es anderer Methoden, als wenn beispielsweise ein beruflich Gescheiterter behandelt werden soll, der beim Überdenken seines Lebenslaufs notorisch zur Flasche flüchtet und im Alkoholrausch Selbstmordpläne hegt. Er muß zunächst vom Trinken abgebracht werden: 36 Prozent aller Männer und 14 Prozent aller Frauen, die wegen Selbstmordversuchs in die Stockholmer Klinik "Södersjukhuset" eingeliefert wurden, standen unter Alkohol.
Die ärztlichen Kräfte für den künftigen psycho-hygienischen Service gedenkt die von Ringel gemanagte "Internationale Arbeitsgemeinschaft für Suizid-Prophylaxe" in Wien auszubilden. Ringel: "Das ist alles erst im Aufbau."
Der hektisch tätige Wiener Psychiater hat die Zeit seit der Vereinsgründung nicht ungenutzt gelassen. Da er bisher überwiegend gerettete Selbstmörder analysierte, schob er im vergangenen Jahr einen 150 Seiten starken Untersuchungsbericht über 50 weitere Lebensmüde nach, die den dünnen Schleier zwischen Sein und Nichtsein erfolgreich zerrissen hatten.
Um die künftige Marschrichtung abzustecken, reiste er schließlich im Dezember 1962 zu den Gesinnungskollegen Shneidman und Farberow nach Los Angeles. Beide Amerikaner traten Ringels Arbeitsgemeinschaft bei.
Nach 2000jährigem Philosophieren und hundertjährigem Fortwursteln soll die nunmehr erkannte "Krankheit zum Tode" in der alten wie in der neuen Welt kuriert, der tausendfache Verzweiflungsschrei der Kreatur Mensch aufgefangen werden. Der Selbstmord, laut Goethe ein Ereignis der menschlichen Natur, das "in jeder Zeitepoche wieder einmal verhandelt werden muß", soll nicht mehr nur verhandelt, sondern verhütet werden.
Der zweite Kongreß für Selbstmord-Prophylaxe soll Anfang Mai dieses Jahres stattfinden, wenn die Todesquote wieder ihren Höhepunkt erreicht hat. Tagungsort: Kopenhagen.
Die extrem hohe Selbstmordziffer der dänischen Hauptstadt - 35 pro Hunderttausend - übersteigt sogar noch die Wiener Rate. Die internationalen Freitodbekämpfer sind gewillt, am Feind zu bleiben.
* Selbstmörder auf der Kosciusko-Brücke
in New York.
* suicide (frz.) - Selbstmord
** Geisteskrankheiten (Psychosen) sind beispielsweise Schizophrenie, Epilepsie und schwere Melancholie; Neurosen hingegen sind seelische Gleichgewichtsstörungen, die meist durch unbewältigte Konflikte mit der Umwelt enstehen.
* Das "Handbuch der Selbstmordverhütung" (Psychopathologie, Psychologie und Religionspsychologie der Suizid-Prophylaxe einschließlich der Ehebetatung und der Telephonseelsorge) erscheint im Laufe dieses Jahres in der Ferdinand Enke Verlagsbuchhandlung, Stuttgart.
* Erwin Ringel: "Der Selbstmord". Abschluß einer krankhaften psychischen Entwicklung; Wiener Beiträge zur Neurologie und Psychiatrie Band III.
** präsuizidal - vor dem Selbstmord liegend; Syndrom - Krankheitsbild.
Selbstmord-Darstellung aus dem Mittelalter: Ist Verzweiflung Sünde?
Selbstmord in New York
Im reichen Westen ...
Selbstmord in Saarbrücken ... grassiert seit kurzem ...
Selbstmord in München
... der Wohlstands-Selbstmord
Wiener Selbstmord-Verhüter Ringel: Weltschmerz und Überdruß ...
... sind kurabel: Berliner Selbstmord-Verhüter Thomas
Selbstmörder Romeo, Julia
"Ich schaudere nicht ...
Selbstmörder Ludwig II. (l.), Begleiter
... den Taumel des Todes zu trinken"
Selbstmord-Denker Zenon, Augustinus, Montesquieu: Der Mensch ist so wichtig ...
... wie eine Auster: Selbstmord-Denker Hume, Kierkegaard, Wagner
Beinahe-Selbstmörder Tolstoi
Entsetzen vor der Finsternis
Selbstmörder Werther, Trauernde
Gehemmte Irreale ...
... greifen zum Revolver: Selbstmörder Rudolf von Österreich, Trauernde
Literaten Kleist, Trakl, Tucholsky: Gespenster und Dämonen ...
... hauchten Todessehnsucht ein: Literaten Klaus Mann, Stefan Zweig, Hemingway
Michaeliskirche in Hamburg
Wo einer in den Tod springt...
Isarbrücke in Großhesselohe
... folgen andere nach
Hitler-Minister Goebbels, Familie*: Den Tod gewählt ...
... um der Schmach zu entgehen: Generäle Göring, Jeschonnek, Beck, von Greim, Model, Udet, Rommel
Selbstmordversuch in New York: Bilanztat ...
... oder Demonstration?: Selbstmord-Verhüter Farberow, Shneidman (r.), Patientin
* Der einzige Überlebende Ist Harald Quandt (oben), ein Sohn aus der ersten Ehe von Magda Goebbels.

DER SPIEGEL 5/1963
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