30.01.1963

NATO / RAKETEN-STRATEGIE Rückzug angeordnet

Als Nikita Chruschtschow auf dem Höhepunkt der Karibischen Krise in einer Botschaft an den US-Präsidenten vorschlug, den Abzug der Sowjetraketen aus Kuba mit der Demontage der Nato -Raketenbasen in der Türkei zu honorieren, antwortete John F. Kennedy mit einem brüsken Nein.
Als Amerikas Uno-Chefdelegierter Adlai Stevenson sich im geheimen "Komitee der Neun" (SPIEGEL 51/1962), das Kennedy während des Kuba-Konflikts beriet, für diesen Raketen-Handel einsetzte und empfahl, auch die Raketenbasen in Italien und Großbritannien mit einzubeziehen, wurde ihm öffentlich vorgeworfen, er sei ein Weichling und propagiere ein "neues München".
Zu diesem angeblichen München entschloß sich die US-Regierung indes Mitte Januar aus eigenem Ermessen: Präsident Kennedy vereinbarte mit seinem italienischen Gast, dem Ministerpräsidenten Fanfani, die Demontage der 30 amerikanischen Jupiter-Mittelstrekkenraketen in den Dolomiten und auf Sardinien.
Zugleich ließ Washington die türkische Regierung wissen, daß auch die 15 Jupiter-Geschosse in der Türkei, die dem russischen Regierungschef von jeher ein besonderes Ärgernis waren, zurückgezogen werden sollen.
Die Raketenbasen in Großbritannien werden bereits abgebaut: Von den 60 auf vier ostenglische Stützpunkte verteilten Thor-Mittelstreckenraketen wurden inzwischen 15 wieder in die USA zurückgebracht, um dort für friedliche Weltraumzwecke umgebaut zu werden.
"Die Kennedy-Regierung ist freilich bemüht", kommentierte die Londoner "Times" diese amerikanische Raketen-Abrüstung in Europa, "zu versichern, daß kein Zusammenhang (mit Kuba) bestehe und daß wichtige strategische und technische Gründe diesen Schritt rechtfertigen."
Die technischen Gründe sind seit langem bekannt: Die mit flüssigem Treibstoff angetriebenen Thor- und Jupiter -Raketen mit Reichweiten von 2400 Kilometern sind veraltet. In ihren offenen, den Sowjets genau bekannten Feuerstellungen sind sie leicht verwundbar und würden einen ersten Schlag des Gegners nicht überstehen. Zudem sind ihre potentiellen Ziele längst durch wirksamere Waffen abgedeckt.
Die strategischen Gründe ergeben sich aus der neuen Verteidigungskonzeption Kennedys, der jüngst schon die für Großbritanniens Nuklearmacht bestimmte Skybolt-Rakete zum Opfer fiel. Es handelt sich dabei - so die "Times" - um "eine Politik, die das Hauptgewicht der nuklearen Abschreckungsmacht innerhalb der amerikanischen Grenzen konzentrieren will".
Strategische Atomwaffen sollen nicht länger auf dem Gebiet der Verbündeten stationiert werden, nur noch taktische Atomwaffen von hoher Beweglichkeit. Nach dem langsamen Abbau des strategischen Bomber-Kommandos soll sich die amerikanische Nuklearmacht künftig auf zwei wirksame Waffen konzentrieren:
- die "Minuteman"-Feststoffrakete, die bei einer Reichweite von vorläufig 10 200 Kilometern von amerikanischem Boden aus jeden strategisch wichtigen Punkt der Erde erreichen kann; bis 1966 sollen 1000 Minuteman-Raketen in unterirdischen Feuerstellungen bereitstehen.
- die Polaris-Rakete, die, von atomgetriebenen Unterseebooten aus abgeschossen, eine Reichweite von 2400 und später 4600 Kilometern hat; bis 1967 sollen 41 U-Boote mit je 16 Raketen zur Verfügung stehen.
Eine Polaris-Flotte von sechs bis neun Booten soll als Ersatz für die demontierten Jupiter-Stellungen im Mittelmeer stationiert werden, sofern der Nato-Rat den amerikanischen Plänen zustimmt. Noch in diesem Jahr werden die ersten Boote im US-Flottenstützpunkt Rota (Spanien) eintreffen.
Diese schwimmenden Raketenbasen werden bis zu ihrer Eingliederung in die geplante multilaterale Nato-Polaris-Flotte unter US-Befehl bleiben, und zwar aus militärischen Führungsgründen. Aber ihre eventuellen Ziele werden vom Nato-Oberkommando bestimmt werden, dem zur Zeit auch die Raketenbasen in Italien und der Türkei unterstellt sind.
Der Abbau der veralteten Mittelstrekkenraketen hat freilich nicht nur technische und militärische Gründe. Die Kennedy-Regierung verbindet damit zugleich eine Frontbegradigung gegenüber der Sowjet-Union, ein erstes Auseinanderrücken der Atommächte, das, wie sie hofft, von Chruschtschow als Geste des guten Willens gewertet wird, obgleich das eher von psychologischem als von praktischem Wert ist.
"Möge diese Entscheidung", so schrieb dazu das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek", "von Chruschtschow als Zeichen dafür gewertet werden, daß die Möglichkeit besteht, mit dem Westen zu einer Verständigung über lebenswichtige Fragen zu gelangen."
Der Sowjetpremier, dessen Spitzendiplomaten nach der Kuba-Krise mit Kennedys Beratern wochenlang intime Verhandlungen geführt hatten, zeigte sich in der Tat willens, die amerikanische Anregung aufzugreifen. In einem Brief an den US-Präsidenten fand sich Chruschtschow zu Konzessionen in einer Frage bereit, die für die beiden Weltmächte angesichts der Gefahr einer weiteren Ausbreitung der Atomwaffen immer dringlicher wird: der Einstellung der Atomtests.
Die Sowjet-Union (die bisher jedwede Kontrolle auf ihrem Gebiet abgelehnt hat) wolle sich, konzedierte Chruschtschow, mit der Installierung von drei automatischen Seismischen Stationen ("schwarzen Kästen") zur Kontrolle unterirdischer Atomversuche innerhalb ihrer Grenzen abfinden und außerdem in "zwei bis drei Inspektionen im Jahr auf dem Territorium einer jeden Kernwaffenmacht einwilligen".
Zwar hielt Briefpartner Kennedy die Zahl drei für zu gering, sah jedoch in Chruschtschows Zugeständnis zumindest eine Verhandlungsgrundlage. Und US -Unterhändler William C. Foster, der bereits in Washington mit Atom-Experten der Sowjet-Union und Großbritanniens konferiert, resümierte: "Ein Abkommen (über ein Atomtest-Verbot) scheint jetzt im Bereich der Möglichkeit."
Selbst US-Außenminister Dean Rusk gab sich, als er den amerikanischen Raketen-Rückzug erläuterte, angesichts des jüngsten Chruschtschow - Briefes hoffnungsfroh: "Wir glauben, daß jetzt der Weg offen ist für erfolgversprechende Gespräche."
Jupiter-Rakete in der Türkei
Aus gutem Willen demontiert

DER SPIEGEL 5/1963
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