06.02.1963

AFRIKA / TOGODrei Kugeln

Vierzehn schwarze Außenminister traten Ende Januar in der nigerianischen Hauptstadt Lagos zu einem hastig einberufenen Palaver zusammen. Hauptberatungspunkt: die Ermordung des Togo-Präsidenten Sylvanus Olympio.
Zum erstenmal galt die Sorge der dunkelhäutigen Minister aus den in der sogenannten Monrovia-Gruppe lose vereinten jungen Nationen Afrikas* nicht, wie bisher üblich, dem weißen Kolonialismus, sondern Missetätern in den eigenen Reihen. Worauf die Londoner "Times" notierte: "Ein Wendepunkt in der Geschichte Afrikas."
Unter Führung Nigerias, des mit 36 Millionen Einwohnern volkreichsten afrikanischen Staates, der damit seine Großmachtstellung im Schwarzen Erdteil demonstrierte, erörterten die Monrovia-Delegierten die Folgen dieses ersten Präsidentenmordes in einem unabhängigen afrikanischen Staat.
Der deutsch erzogene, fünf Sprachen sprechende Staatschef der ehemaligen deutschen Musterkolonie, in dessen Adern portugiesisches Blut floß, war am 13. Januar von meuternden Soldaten erschossen worden.
Olympio entkam den Rebellen, die nachts in sein Haus eindrangen, zunächst mit der Pistole in der Hand durch einen Sprung aus dem Fenster. Barfuß, nur mit Shorts und einem Sporthemd bekleidet, verbarg er sich in einem Auto, das vor der nahen US-Botschaft parkte. Stunden später von den Marodeuren dort entdeckt, ergab er sich, versuchte dann aber, in die amerikanische Vertretung zu flüchten. Von drei Schüssen in den Rücken getroffen, brach Olympio an der Botschaftstür zusammen. Um sieben Uhr morgens fand der US-Botschafter den Leichnam des Präsidenten.
Die Meuterer behaupteten, für ihren Mord keine politischen Gründe zu haben. Sie waren jedoch Olympio gram, weil sich der sparsame Präsident strikt geweigert hatte, die 250-Mann-Armee Togos zu vergrößern, obwohl im Lande 600 arbeitslose Veteranen der ehemaligen französischen Kolonialarmee nach neuen soldatischen Taten dürsteten.
Dennoch wurden nach dem Attentat Beschuldigungen laut, daß die Ermordung Olympios von außen angestiftet worden sei. "Die Bluttat in Togo", begründete Nigerias Außenminister Jaja Wachuku die Forderung seines Landes nach einer genauen Untersuchung, "ist vom Ausland her organisiert und finanziert worden."
Welches Land damit gemeint war, blieb nicht lange zweifelhaft. Olympio selbst hatte nach insgesamt drei vorangegangenen Attentatsversuchen - im Mai und Dezember 1961 und im Januar 1962 - den Feind beim Namen genannt: den Präsidenten der Nachbarrepublik Ghana, Kwame Nkrumah, der seinerseits für Mordanschläge, die auf ihn verübt wurden, stets Olympio verantwortlich machte.
Zwischen dem machtbewußten Ghanesen, der utopischen Panafrika-Ideen nachträumt, und dem nüchternen Wirtschaftspolitiker Olympio, der Ruhe und Wohlstand für die 1,5 Millionen Einwohner seines kleinen Landes (56 600 Quadratkilometer) anstrebte, herrschte seit 1956 bittere Fehde.
Damals war ein großer Teil Togos durch Volksabstimmung an Ghana gefallen. Dies hatte Nkrumahs Appetit geweckt: Er äußerte offen die Absicht, eines Tages ganz Togo als siebente Provinz seinem Staat einzuverleiben.
In der Folge suchten die vertriebenen Ghana-Oppositionellen Zuflucht in Togo, die Togo-Oppositionellen hingegen in Ghana. Während Nkrumah alsbald gegen die Tätigkeit der ghanesischen Exilpolitiker protestierte, suchte der Togo-Staatschef Versöhnung mit seinem großen Nachbarn. Liberias Präsident William Tubman wollte vermitteln und Olympio am 14. Januar empfangen.
24 Stunden vorher trafen ihn indes die tödlichen Kugeln, Der erste Politiker, der nach Attentat und Regierungssturz in Lomé eintraf, kam aus Ghana: Antoine Meatchi, 27, geflüchteter Chef der togolesischen Juvento-Opposition, war im Exil zum engen Freund Nkrumahs geworden.
Doch Meatchi mußte die Macht mit einem anderen Exilpolitiker teilen: Provisorischer Regierungschef wurde der aus Dahomey heimgekehrte Nicolas Grunitzky, 49, verfeindeter Schwager des ermordeten Olympio und Sohn eines deutsch-polnischen Kaufmannes.
Das gegen Ghanas Expansionsbestrebungen latent mißtrauische Nigeria witterte Gefahr. Denn sowohl Ghana als auch die togolesischen Rebellen plädierten für eine Wirtschaftsunion zwischen den beiden Staaten, und Ghana öffnete plötzlich seine seit Jahren gesperrten Grenzen gegen Togo.
Elf Tage nach dem Attentat berief Nigerias Außenminister Wachuku, der "die Stabilität in Westafrika gefährdet" sah, die Konferenz der Monrovia-Staaten ein. Zu den Beratungen wurden auch eine Delegation der togolesischen Revolutionsregierung sowie Anhänger des ermordeten Olympio geladen. Nach drei Konferenztagen beschlossen die vierzehn Staaten,
- eine Delegation nach Togo zu entsenden, um die Hintergründe des Attentats, insbesondere die "ausländische Einmischung", untersuchen zu lassen,
- die Bestrafung der Mörder, die Freilassung aller politischen Häftlinge und die Wiedereinführung demokratischer Zustände in Togo zu verlangen und
- dem Togo-Regime aufzuerlegen, daß ghanesischen Flüchtlingen auch weiterhin Asyl gewährt wird.
Solange diese Bedingungen nicht erfüllt sind, will keiner der Monrovia -Staaten die neue Regierung Togos anerkennen.
Die Togo-Meuterer hatten allerdings ihr wichtigstes Ziel erreicht. Der provisorische Regierungschef Grunitzky dekretierte: Die togolesische Armee, bisher nicht größer als eine Kompanie, wird auf Bataillonsstärke gebracht.
* Äthiopien, Dahomey, Gabun, Elfenbeinküste
Kongo-Léopoldville, Kongo-Brazzaville, Liberia, Madagaskar. Mauretanien, Nigeria, Ober-volta, Senegal, Sierra Leone, Somalia, Tanganjika, Togo, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Kamerun.
Ermordeter Präsident Olympio
Das vierte Attentat gelang

DER SPIEGEL 6/1963
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AFRIKA / TOGO:
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