06.02.1963

CAGETechnisches Geräusch

Das Publikum, so schien es, war zu früh gekommen.
Den zwei Steinway-Flügeln auf der Bühne fehlten die Deckel, ein Metall -Ständer mit lang herabhängender Kupferdrahtspirale war offenbar nach einem Physiker-Vortrag vergessen worden, an umherliegenden Drähten, Mikrophonen und Verstärkerkästen hantierte, technisches Geräusch produzierend, ein etwa 40jähriger Mann, als suche er verzweifelt nach einem Fehler in der Lautsprecher-Anlage.
Doch die Vorstellung hatte schon längst begonnen: Was aus den unsichtbaren Trichtern ins Auditorium der Berliner Kongreßhalle knisterte, krachte, heulte und pfiff, war Musik im technischen Zeitalter, oder doch wohl das, was der amerikanische Komponist John Cage und sein Assistent David Tudor sich darunter vorstellen.
Zu einem Vortragsabend über "Musik im technischen Zeitalter" jedenfalls - dem siebenten seit Mitte November hatte die Technische Universität Berlin eingeladen, nachdem sie bereits ein Jahr zuvor in der Vortragsreihe "Literatur im technischen Zeitalter" den Besuchern der Kongreßhalle zeitgenössische Schriftsteller, darunter Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt, John Dos Passos und Alain Robbe-Grillet, präsentiert hatte.
Eingeführt und befragt vom Ordinarius für Musikgeschichte an der TU, Hans Heinz Stuckenschmidt, haben in diesem Winter bisher Boris Blacher und Wolfgang Fortner, der Italiener Luigi Nono ("Intolleranza"), der Schwede Karl-Birger Blomdahl ("Aniara"), der Israeli Roman Haubenstock-Ramati und der Schweizer Sprechchor-Autor Wladimir Rudolfowitsch Vogel ihre zumeist wenig überraschenden und wenig aufklärenden Thesen zur Musik vorgetragen und mit Klavierbeispielen nach konventioneller oder elektronischer Weise garniert.
Vier weitere Komponisten aus Frankreich, Griechenland, Japan und Deutschland - unter ihnen Karlheinz Stockhausen - sollen bis Ende Februar die Serie fortsetzen
Diesmal wurde den Berlinern besonders dürftige Belehrung aus dem musiktheoretischen Wechselgespräch zuteil. Der 50jährige John Cage, Autorität in der Pilzkunde und abgefallener Schüler des Wieners Arnold Schönberg, wußte nicht viel mehr als sein Bekenntnis zu illustrieren, daß er "nichts zu sagen" habe.
Kaum nämlich hatte Stuckenschmidt, eine erste Klangpause nutzend, den Geräuschhersteller aus Los Angeles um ein erläuterndes Wort zu der soeben gehörten Musik gebeten, als David Tudor, der Mann an den Drähten, seine Arbeit eiligst wiederaufnahm. Pianist Tudor, von Stuckenschmidt als "einer der größten Virtuosen unserer Zeit" vorgestellt, bestrich mit Gummiabfällen, Wäscheklammern, Glasstücken und einer mehrzölligen Eisenschraube abwechselnd die mit Tonabnehmern beklebten Baßsaiten der beiden Flügel. Cages Antwort auf Stuckenschmidts Frage war im Lautsprecher-Lärm nicht zu verstehen.
Unverständlich blieb auch, warum Cage für seine Vorführung ausgerechnet zwei Flügel brauchte, warum es ausdrücklich Steinways zu sein hatten und warum diese zwei Steinway-Flügel unbedingt peinlich genau gestimmt sein mußten.
Gewiß war einzig und allein, daß Cage den Gästen der Kongreßhalle und den Fernsehleuten vom "Sender Freies Berlin" sein "präpariertes Klavier" vorführte - eine Erfindung, die er, neben gelegentlichen Versuchen, mit zwölf Radioapparaten "Imaginäre Landschaften" zu erzeugen oder auf Trillerpfeifen zu komponieren, seit mehr als zwanzig Jahren zu seiner eigenen Zufriedenheit vervollkommnet.
Den unermüdlichen Anstrengungen Tudors zum Trotz, wurden einige Antworten Cages aber dann doch hörbar, wenn auch nicht plausibel. "Wir haben den Wunsch", so verkündete der Meister, "Menschen Menschen sein zu lassen und Klang Klang. Wir glauben aber nicht, daß wir die Schöpferkraft dadurch verlieren, daß wir die Klänge aus ihrer Sklaverei befreien."
Zwischen Zügen aus der Zigarette versicherte Abraham Lincolns Landsmann seinem deutschen Interviewer, daß er nie "eine unfreundliche Haltung gegenüber Dada eingenommen habe".
Weniger glaubwürdig formulierte er zwischen Schlucken aus dem bereitstehenden Glas, daß das Klavier ihm "ungemein nützlich" sei. Cage: "Wenn man das Klavier nicht präpariert, dann verstreut es seine Töne über die ganze Musik, die damit gespielt wird."
Schließlich, während der Komponist weiterhin rauchte und trank und der Virtuose weiterhin mit Klavier und Metallspirale experimentierte, während die Fernsehkamera lief und das Publikum lachte, übersetzte der Dolmetscher auch noch eine Art künstlerisches Glaubensbekenntnis. Cage berief sich auf den ostasiatischen Zen-Buddhismus, der das sinnvolle und zweckgebundene Leben verachte.
Diesem Ideal der Sinnlosigkeit blieb Cage in Berlin mit aller Konsequenz treu. So setzte er sich zum allerneuesten Avantgarde-Experiment zweimal an eine zwischen den Flügeln postierte Schreibmaschine - sie war gleichfalls an einen Verstärker angeschlossen - und begann zu tippen: Der Meister, vom metallenen Lärm des Zeitalters inspiriert, musizierte auf seine Art.
Die klappernden Geräusche der Maschine vermischten sich über die Lautsprecher mit Tudors Interpretationen, sie gingen unter im gewaltigen Trommelfeuer der Kurzschlüsse und im Heulen massierter Baßsaiten oder wurden lyrisch begleitet vom sanften Fall der Kupferdrahtspirale auf den Diskant.
Was Cage zuletzt zu Papier brachte ein Teil der Zuhörer, unter ihnen Paul Hindemith, war bereits aufgebrochen, der Rest beteiligte sich mit Gelächter, Zwischenrufen und eingeblendetem Kofferradio am offiziellen Krawall -, hat das Publikum nicht mehr erfahren. Mürrisch brach endlich auch Tudor seine Darbietung ab.
So blieb die nicht vollendete Prophezeiung des Schreibmaschinenschreibers Cage unerfüllt: "Wir sind jetzt ganz nahe einem Status des Wunders. Wir werden bald Mikrophone gebrauchen, um Dinge klingen zu hören, an die wir gewöhnlich nicht als etwas Klingendes denken, von denen wir aber durch die moderne Wissenschaft ..
Musikanten Cage (l.), Tudor (r.}, Interviewer Stuckenschmidt (M): Status des Wunders

DER SPIEGEL 6/1963
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