20.02.1963

DÖNITZDrei Kameraden

Aus grauem Winterhimmel stieß Seeadler Dönitz auf die Kleinstadt Geesthacht bei Hamburg nieder. Sein Flügelschlag im Städtischen Gymnasium weckte die Erinnerung an das sündige Gestern der Deutschen. Und als der Pensionär in seinen Wohnsitz im Sachsenwald zurückgekehrt war, blieben die dunklen Schatten der Vergangenheit
auf der Stadt und ihrer Schule liegen. Sie erdrückten den Oberstudiendirektor Dr. Georg Rühsen. Am vorletzten Freitag, um 19.30 Uhr, wurde er zum letztenmal gesehen, auf dem Weg zur Elbestaustufe.
Die Tragödie, die Geesthacht stellvertretend für Deutschland erlebte, hatte in der kameradschaftlichen Atmosphäre eines jener Zirkel begonnen, in denen vorwiegend vergangene Helden gefeiert und vergangene Taten memoriert werden: Auf einem Heimkehrertreffen sprach Großadmiral Karl Dönitz.
Dem Geesthachter Studienrat und Oberleutnant a.D. Dr. Heinrich Kock, Mitglied des Verbandes Deutscher Soldaten, wurde an jenem Abend die Ehre zuteil, das gewesene Staatsoberhaupt des Dritten deutschen Reiches vom Heimkehrertreffen heimwärts zu kutschieren.
Welcher der beiden Auto-Insassen dann zuerst die Idee faßte, den historischen Erfahrungsschatz des Hitler -Nachfolgers dem zeitgeschichtlichen Unterricht des Geesthachter Gymnasiums nutzbar zu machen, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen.
Jedenfalls kredenzte Kock, ein vom rechten Flügel der Deutschen Partei zur CDU übergewechselter früherer Landtagsabgeordneter, jetzt Vorsitzender der Geesthachter CDU, der lokalen Schülermitverantwortung alsbald den Plan, Zeitgeschichte nach Archäologen-Art zu studieren: am geretteten Relikt, am Monument Karl Dönitz.
Daran gewöhnt, daß der Geschichtsunterricht im allgemeinen mit dem Jahre 1918 endet, fanden Sekundaner und Primaner den Vorstoß bis zur Jugend ihrer Eltern faszinierend.
Auch im Lehrerkollegium, das weniger Grund gehabt hätte, den Ausflug zu begrüßen, wurden keine Bedenken laut, als Historiker Kock einen Großadmiral anbot: Die Weisheit der Philologen und der Scharfsinn der Mathematiker waren auf die Situation nicht abgerichtet.
Geschichtslehrer Kock suchte Hitlers U-Boot-Helden im Sachsenwald -Städtchen Aumühle auf und überbrachte ihm die Einladung. Das Dönitz zufallende zeitnahe Thema: "Der 30. Januar 1933 und seine Folgen".
Der 7ljährige Großadmiral, der noch am 11. April 1945 prophezeit hatte, "spätestens in einem, vielleicht noch in diesem Jahr wird Europa erkennen, daß Adolf Hitler in Europa der einzige Staatsmann von Format ist", berichtete den Geesthachter Schülern, er habe damals das deutsche Volk lediglich deshalb zum Durchhalten aufgefordert, weil er vom Heldentod des Führers überzeugt gewesen sei. Auf die Frage, wie er zum Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß stehe, in dem er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war, scherzte der alte See-Soldat: "Die netteste Frage seit zwanzig Jahren."
Wahrscheinlich wäre der staatsbürgerliche Abend in Direktor Rühsens Geesthachter Schule ohne Echo geblieben, hätte nicht an diesem Tag auch noch ein dritter alter Kamerad, allerdings mit Mannschafts-Dienstgrad, dem Unternehmen seine Hand geliehen: der Journalist Karl Mührl, der als Marine -Schreiber im Gegensatz zum Oberleutnant a.D. Kock den Großadmiral noch aus der Kriegszeit kannte: Da Mührl einst der 3. U-Boot-Flottille Schreiberdienste leistete, hatte er Dönitz des öfteren bei der Begrüßung einlaufender Boote an der Pier stehen sehen.
Mührl, dessen Sohn das Geesthachter Gymnasium besucht, war aus dem Urlaub herbeigeeilt, um den Schul-Einsatz des Kameraden Dönitz in der "Geesthachter Zeitung" gebührend zu würdigen. Mührl: "Aufrecht wie in seiner Soldatenzeit stand dieser Offizier vor über 200 Mädchen und Jungen ... des Geesthachter Gymnasiums. Und genau so, wie er im Kriege seine U -Boot-Soldaten begeisterte und zu höchsten Leistungen anspornte, zog er auch diese Jugend schnell in seinen Bann."
Mit der Beobachtungsgabe des professionellen Sportreporters registrierte er als Chronist der historischen Stunde: "Wir spürten es: Karl Dönitz hatte seine helle Freude an dieser Jugend." Und: "In jedem Falle Geschichtsunterricht in höchster Vollendung."
Kock und Dönitz, Lehrer, Schüler und Eltern und die ganze Stadt Geesthacht wußten sich mit dem begeisterten Schreiber einig.
Um so fassungsloser sahen die Bürger einen Entrüstungssturm ohnegleichen auf sich zukommen. Zeitungen fremder Länder druckten ganze Passagen aus dem elbischen Heimatblatt ab und werteten die Auslassung von Hitlers Nachfolger als neues Indiz für die wahre Gesinnung der Deutschen. "Le Monde" in Paris: "Der frühere Großadmiral Dönitz hat Hitlers Politik verherrlicht." Im englischen Unterhaus wurde eine Dönitz-Anfrage gestellt, und Moskau witterte maritimen Revanchismus.
Der Eklat wurde noch größer, als Geesthachts Gymnasialdirektor Rühsen es ablehnte, den schleswig-holsteinischen Landesbeauftragten für staatsbürgerliche Bildung, Dr. Hessenauer, vor dem gleichen Forum sprechen zu lassen, damit das von Dönitz beschädigte Geschichtsbild von demokratischer Hand restauriert werde.
Aufgestört entsandte nun das Kieler Kultusministerium den Regierungsrat Schmidt-Tychsen nach Geesthacht, das Dönitz-Spektakel zu untersuchen.
Nach dem Gespräch mit dem Kieler Emissär schrieb der unpolitische Oberstudiendirektor Rühsen, der immer einen heimlichen Hang zur Philosophie hatte, den Abschiedsbrief an seine Frau: "Liebe Lonny, nimm es mir bitte nicht übel, ich werde in den Tod gehen." Auf dem Umschlag hatte der Schulmann als korrekiter Beamter vermerkt: "Bitte, Dr. Schmidt-Tychsen keine Vorwürfe machen. Er hat sehr menschlich an mir gehandelt."
Eine halbe Stunde später wanderte Dr. Rühsen in Richtung jener Elbestaustufe, die bis dahin die Stadt Geesthacht allein berühmt gemacht hatte.
Geschichts-Lehrer Kock
"in jedem Fall ...
Geschichts-Lehrer Dönitz
... von höchster Vollendung"
Geesthachter Gymnasium: Den Philosophen erdrückten ...

DER SPIEGEL 8/1963
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