27.02.1963

HASSELMacht's Spaß?

Sechs Wochen lang, seit seinem Einzug in die Bonner Ermekeilkaserne, hatte Bundesverteidigungsminister Kai -Uwe von Hassel in Militärfragen beharrlich den Mund gehalten.
Anfang letzter Woche brach der neue Minister sein Schweigen: Während der letzten Tage vor seinem Abflug zum Antrittsbesuch in Washington proklamierte der Strauß-Nachfolger mit mehreren Interviews seine Volk-in-Waffen-Konzeption, um sich in Amerika ein gutes-Entree zu verschaffen.
Die Deutsche Botschaft in Washington hatte dem Verteidigungsminister dringend angeraten, nicht mit leeren Händen in die Vereinigten Staaten zu kommen, damit der amerikanischen Verbitterung über die deutsch-französische Allianz Einhalt geboten werde. Außerdem hatten die in der amerikanischen Hauptstadt tätigen deutschen Diplomaten darauf hingewiesen, daß die Bundesrepublik ihre Stellung innerhalb des atlantischen Bündnisses erheblich verbessern könne, wenn Bonn jetzt auf militärischem Gebiet den Amerikanern entgegenkomme.
Noch am Montag vergangener Woche hatte sich deshalb von Hassel mit Bundesfinanzminister Dahlgrün geeinigt, den Verteidigungsetat von 17 auf 18,4 Milliarden Mark aufzustocken und das zusätzliche Geld vornehmlich für Rüstungskäufe in Amerika zu verwenden. Auf diese Weise soll nicht nur die dringende Bitte Washingtons um eine Entlastung des US-Militärhaushalts erfüllt, sondern zugleich die amerikanische Sorge behoben werden, die Deutschen könnten sich finanziell an der französischen Atomstreitmacht beteiligen.
In einer öffentlichen Erklärung tat der neue Verteidigungsminister dann kund, wie er der amerikanischen Forderung nach einer Verstärkung der konventionellen Schlagkraft der Bundeswehr entgegenkommen will.
Von Hassel ließ erkennen, daß er die Präsenzstärke der deutschen Divisionen erhöhen und auf diese Weise ihre Einsatzbereitschaft verbessern will. Da aber wegen des Mangels an Offiziers- und Unteroffiziers-Kadern eine Vermehrung der aktiven Verbände auf absehbare Zeit nicht möglich ist, will der Verteidigungsminister durch Änderung des Wehrpflichtgesetzes "ein Heer von Reservisten" aufbauen, um wenigstens die Territorial-Verteidigung zu verstärken.
Trotz dieser diplomatisch geschickten Vorleistungen wird es der neue Verteidigungsminister in Washington schwer haben, erfolgreich über die amerikanische Lieblingsidee einer multilateralen Atommacht der Nato zu verhandeln, insbesondere deshalb, weil die US -Verteidigungsplaner selber noch keine klare Vorstellung über die Organisation und Kommandostruktur dieser nuklearen Streitmacht haben. Darin liegt allerdings für den Verteidigungsminister zugleich auch eine Chance, seine Forderung durchzusetzen, die Atommacht solle dem Nato-Oberbefehlshaber in Europa unterstellt werden und so sichtbar für die Verteidigung der europäischen Nato -Staaten bereitstehen.
Für diesen Fall ist Kai-Uwe von Hassel trotz mancher Bedenken auch bereit, schon in der ersten Aufbaustufe der Atommacht die zwei deutschen Starfighter-Geschwader, die taktische Atombomben tragen können, einem solchen Atom-Sonderkommando einzugliedern, dem auch ein Teil des strategischen Bomberkommandos der USA sowie die britische V-Bomber-Flotte untergeordnet werden sollen. Später sollen auch die im Aufbau befindlichen deutschen "Pershing"-Raketen-Einheiten diesem Atom -Kommando unterstellt werden.
Die Bundesregierung befürchtete, die Eingliederung deutscher Jagdbomber in ein strategisches Kommando könnte den Anfang einer Entwicklung bedeuten, in deren Verlauf alle taktischen Atomwaffen-Träger aus den Frontverbänden herausgezogen und diesem Sonderkommando unterstellt würden. Bonn will aber auf keinen Fall die taktischen Atomwaffen den Divisionen und Korps entziehen. Sie sollen in der vorderen Verteidigungslinie und in der Hand der Heereskommandeure verbleiben.
Und nicht nur dies: Der deutsche Verteidigungsminister will in Washington erneut die Stationierung mobiler Mittelstreckenraketen im Nato-Abschnitt Mitteleuropa fordern, die eines Tages die Jagdbombergeschwader ersetzen sollen. Dieser seit langem gehegte Wunsch der Bundeswehr-Generalität stößt jedoch vorläufig auf eine unüberwindbare Schwierigkeit: Es gibt noch keine entsprechende Rakete. Ein Konstruktionsauftrag soll erst demnächst vom Pentagon erteilt werden.
Am Freitag vorletzter Woche, bei seiner ersten Truppeninspektion, stellte Kai-Uwe von Hassel auf dem verschneiten Übungsplatz Wendisch-Evern einem durchgefrorenen Soldaten eine Frage, die vor seiner Amerikareise mit gleicher Berechtigung auch ihm selbst hätte gestellt werden können: "Na, macht's denn überhaupt Spaß?" Die Antwort lautete so, wie sie auch Kai-Uwe von Hassel hätte geben können: "Muß ja!"
Amerika-Besucher von Hassel
Geld und gute Worte

DER SPIEGEL 9/1963
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