13.02.1963

WOHNUNGSBAUIm Kavaliershaus

Nahezu 130 000 Mark Steuergelder wendet das Land Baden-Württemberg auf, damit es einem besonders renommierten, aber auch besonders gut verdienenden Landesbeamten ein Einfamilienhaus vermieten kann.
Damit wird für einen Prominenten der Wunschtraum eines Millionenheeres deutscher Bausparer Wirklichkeit: Für ihn entsteht in herrschaftlicher Wohnlage ein Haus nach eigenen Entwürfen, ohne daß ihn die steigenden Baukosten zu interessieren brauchen.
Aufgrund eines Baugesuchs - ausgearbeitet von Professor Horst Linde - hat die dem baden-württembergischen Finanzministerium zugeordnete und von Professor Linde geleitete staatliche Hochbauverwaltung den Abbruch des unter Denkmalschutz stehenden Hauses Nummer 17 bei Schloß Solitude verfügt, ohne die Denkmalschützer vorher zu befragen. Haus Nummer 17, ein sogenanntes Kavaliershäuschen herzoglicher Vergangenheit, wird auf Staatskosten völlig neu gebaut.
Zugleich kam das der Dienstaufsicht des Finanzministeriums unterstellte Staatliche Liegenschaftsamt Stuttgart zu dem Entschluß, just dieses Haus nach dem Wiederaufbau zu dem bei vielen Beamtenwohnungen üblichen Sozialrabatt an Professor Horst Linde zu vermieten.
Dazu sagt Linde: "Auch die meisten (anderen) Beamten des Finanz- und des Kultusministeriums wohnen doch in Staatswohnungen."
In der Tat sind die Kavaliershäuschen bei Schloß Solitude, einem nahe Stuttgart idyllisch inmitten ausgedehnter Wälder gelegenen einstigen Lustschloß des Schwabenherzogs Karl Eugen, bei wohnungsuchenden Beamten außerordentlich beliebt.
Während es Normalbürgern kaum möglich ist, eines der Häuschen zu erhaschen, läßt das Land Baden-Württemberg diese Gebäude, wenn sie mit Mitteln der staatlichen Denkmalspflege gründlich instand gesetzt oder ganz neu errichtet worden sind, vorzugsweise seinen Beamten zukommen: Bis auf wenige Ausnahmen sind die 13 Kavaliershäuschen von Staatsdienern bewohnt.
Einer von ihnen, Regierungsbaudirektor Schneider von der Oberfinanzdirektion Stuttgart, hat sich sogar sein Kavaliershaus auf eigene Kosten, für
rund 130 000 Mark, gebaut und sich das Gelände, auf dem es steht, für 75 Jahre in Erbpacht gesichert.
Gleichwohl behauptete Baden-Württembergs Finanzminister, Dr. Hermann Müller (FDP): "Es ist nicht vorgesehen, die Kavaliershäuser zu einer Beamtensiedlung zu machen."
Andererseits legte der Minister dem Wunsch seines Bau-Managers Linde, das Kavaliershaus Nummer 17 zu beziehen, keinerlei Hindernisse in den Weg.
Auch gegen die ganz andersgeartete Finanzierung als beim Haus Schneider - nämlich die Erstellung auf Staatskosten statt zu Lasten der Privatschatulle Lindes - hatte der Finanzminister nichts einzuwenden. Denn dank seiner Tüchtigkeit darf sich Linde schon seit Jahren höchster Sympathien des Finanzministers erfreuen.
Im Jahre 1957 als neuer Leiter der Bauabteilung des Finanzministeriums nach Stuttgart geholt, avancierte Linde bald zum Ministerialdirigenten und sicherte sich außerdem die Möglichkeit, weiterhin In stattlichem Umfang als freier Architekt zu arbeiten.
Auch zuvor in Freiburg, wo er sich mit dem Entwicklungsplan für den Universitätsbau und mit zwei Kirchenbauten in die Annalen der Architekturgeschichte eingetragen hatte, war Linde stets doppelgleisig gefahren: einerseits staatlicher Baumensch, andererseits frei schaffender Architekt.
Linde über sich selbst: "Ich zähle zu den wenigen, die mit ihrem Können an der Spitze stehen."
Der Spitzenmann nahm zum Jahresende 1960 im Finanzministerium überraschend den Hut, behielt nur noch eine gewisse Gutachtertätigkeit für die staatliche Bauverwaltung bei und ließ sich, mit 48 Jahren "Ministerialdirigent a:D.", von der Technischen Hochschule Stuttgart zum Ordinarius für Städtebau berufen.
Wenige Monate später wechselte er auf den vom Wissenschaftsrat angeregten neuen Stuttgarter TH-Lehrstuhl für Hochschulplanung über, festigte aber gleichzeitig wieder seine Bindungen zum Finanzministerium: Der wohlbestallte Professor hat seitdem praktisch wieder die Leitung der Hochbauverwaltung des drittgrößten Bundeslandes inne.
In dieser Eigenschaft trägt der Professorengehalts-Empfänger de facto die Verantwortung für einen 300-Millionen -Jahresetat und bezieht dafür unter dem verklausulierten Titel "Gutachter" ein zusätzliches Monatssalär von 2400 Mark. Außerdem pflegt er nach wie vor seine freiberufliche Tätigkeit.
Obschon Professor Linde mithin kein schlechter Verdiener ist und unlängst auch den 10 000-Mark-Architekturpreis der "Fritz-Schumacher-Stiftung" aus Hannover heimführen durfte, dünkt es ihn "ziemlich naheliegend, daß der Staat seinem obersten Baubeamten bei der Wohnraumbeschaffung hilft".
Für die von seinem FDP-Minister ansonsten bei jeder Gelegenheit empfohlene Selbsthilfe - "(Sie) ist besser als Staatshilfe" - vermag sich Linde In diesem Falle nicht zu erwärmen: "Warum sollte ich (mit eigenem Geld) in Stuttgart bauen; ich habe doch in Freiburg ein Haus."
Architektur-Professor Linde
Für den Spitzenverdiener...
... eine Villa zum Sozialrabatt: Linde-Domizil (r.) bei Stuttgart

DER SPIEGEL 7/1963
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