27.02.1963

STRAFVERSETZUNGÄrger mit Tucholsky

Der Metallgewerkschaftler Dr. Erich Dudziak, Arbeitsdirektor der Stahlwerke Südwestfalen AG in Geisweid an der Sieg, wird demnächst zum zweitenmal den Aufsichtsrat der Firma, den Hauptvorstand der Industriegewerkschaft Metall und das Arbeitsgericht in Siegen beschäftigen.
Dr. Dudziak, seit 1920 Gewerkschaftsmitglied, war erstmals im Herbst 1960 aufgefallen, als er seinen Kollegen Hans Polcyn, den Zweiten Betriebsratsvorsitzenden der Südwestfalen AG, fristlos auf die Straße setzte.
Betriebsrat Polcyn hatte dem Arbeitsdirektor, den einst die Metallgewerkschaft in seinen lukrativen Vorstandssessel hievte, mangelnde Solidarität vorgeworfen, weil Dudziak sich von einer Demonstration der Geisweider Arbeiter gegen eine geplante Verschlechterung der Werksrenten ausgeschlossen hatte.
Polcyn argwöhnte daraufhin, der avancierte Kollege Dudziak habe seine proletarische Herkunft vergessen und gefalle sich nur noch in der Arbeitgeberrolle. So rezitierte Polcyn auf dem 6. Kongreß der IG Metall in Berlin - Dudziak saß auf der Ehrentribühne - das Tucholsky-Gedicht "An einen Bonzen", dessen Schluß lautet:
Weißt nichts von alten Kameraden,
wirst aber überall eingeladen.
Du zuckst die Achseln beim Hennessy
und hast mit der Welt deinen Frieden gemacht.
Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
"Kollege, schämst du dich nicht?"
Arbeitsdirektor Dudziak entließ den Tucholsky-Rezitator (SPIEGEL 9/1961), aber die Arbeitsgerichte erklärten den Rausschmiß für ungültig. Die Belegschaft wählte den Rehabilitierten daraufhin demonstrativ zum Ersten Betriebsratsvorsitzenden. Im Herbst 1962 schied Polcyn aus den Stahlwerken aus und wirkt seitdem als hauptamtlicher Sekretär bei der IG Metall in Köln.
Den Dr. Dudziak ließ die Bonzen -Sache nicht ruhen. Als zu einer Besprechung der Werksbibliothekar Fritz Schubert hinzugezogen werden sollte, lehnte es Dudziak ab, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen. Er fragte die verblüfften Stahlwerker: "Wollen Sie, daß ich aufspringe, wenn Herr Schubert den Raum betritt, und ihm mit beiden Fäusten ins Gesicht trommele?"
Diplom-Bibliothekar Schubert beantragte bei der Siegener Ortsverwaltung der IG Metall ein Schlichtungsverfahren, um hinter die Gründe des Wutausbruchs zu kommen. Aber bevor die Friedensrichter der IG Metall tätig werden konnten, handelte der Arbeitsdirektor: Am 10. Januar 1963 bekam Bücher-Verwalter Schubert den Bescheid, daß er vom 15. Januar an ins 80 Kilometer entfernte Zweigwerk Hagen versetzt sei und dort eine Bücherei aufzubauen habe.
Schubert aber, Vater von sieben Kindern, die er nunmehr nur noch am Wochenende sieht, fühlte sich strafversetzt und rief seine Gewerkschaft um Hilfe an.
Habe die Versetzung, so fragte der Siegener Bevollmächtigte der IG Metall, Karl-Heinz Komischke, daraufhin den "werten Kollegen Dr. Dudziak" in einem offenen Brief in der "Siegerländer Rundschau", nicht andere Gründe?
Komischke enthüllte, daß Dr. Dudziak seinen Bibliothekar als den "Hauptschuldigen in der Angelegenheit des Kollegen Polcyn" betrachte: Schubert hatte dem gefeuerten Polcyn einst das Tucholsky-Gedicht "An einen Bonzen" aus der Geisweider Werksbibliothek beschafft.
Arbeitsdirektor Dudziak
Schuß aus der Werksbibliothek

DER SPIEGEL 9/1963
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