27.02.1963

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"The Sunday Times", London:
In Bonn holt niemand seinen (Straußens) Rückzug für ein Zeichen mangelnden Selbstvertrauens; vielmehr wird er von vornherein als befristete Zwischenlösung angesehen, vergleichbar dem Laden der Geschütze vor einem energischen Vorstoß zur Wiederherstellung seines vernichteten politischen Ansehens und zur Wiedereinnahme seiner alten Machtposition im kommenden Herbst.
Seine SPIEGEL-Lawine rollt immer noch: Gerade wird durch den peinlichen Bericht bekannt, daß Strauß wie eine Schundroman-Figur zu Werke ging, um den Chef-Schreiber des Nachrichten-Magazins festzusetzen, und in seinen Telephongesprochen mit Madrid sogar andeutete, in der SPIEGEL-Redaktion saßen russische Spione.
Die "Hessische Allgemeine", Kassel:
Die Versicherung des Bundeskanzlers, der Verabschiedete werde im politischen Leben des deutschen Volkes noch "eine große und entscheidende Rolle" spielen, könnte nur von überkandidelten Demokraten als Brüskierung empfunden werden; das Parlament, hier: die Opposition, mehr mit den Realitäten des politischen Alltags verbunden, schluckte den unerhörten Affront, und wir wissen nun zur Weitergabe beim staatsbürgerlichen Unterricht, aus welchem Holze hinfort der rechte Staatsmann geschnitzt sein muß.
Der Publizist Wilhelm Backhaus im "Hamburger Abendblatt":
Nach der Veröffentlichung des SPIEGEL -Berichts und nach der unmittelbareren Anschauung einiger anderer politischer Fehlleistungen besteht Anlaß, den Blick etwas genauer auf die Zusammenhänge zwischen Charakter und Politik zu richten ... Es gehört zu den Nachteilen der Demokratie, daß man bei ihr mit Geschicklichkeit und verschlagener Intelligenz verhältnismäßig leicht, unendlich viel leichter als in der Monarchie, In den Genuß der Macht kommen kann. Um so schärfer müssen die Maßstäbe der Ehre und Redlichkeit sein, welche die Öffentlichkeit anlegt. Sowohl in England als in Amerika, aber auch in anderen erfahrenen Ländern, sind sie es bis auf den heutigen Tag. Ein Politiker, dem offenbare Lügen ins Gesicht des Parlaments hinein nachgewiesen wurden, der sich mehrmals ganz eindeutigei Täuschungen bedient hat, kann in einer gesunden Demokratie nicht nur für eine Zeit in den Hintergrund treten. Die Auseinandersetzungen um den Freiherrn von und zu Guttenberg waren vor allem insofern bezeichnend, als hier der Zusammenstoß eines Aristokraten und seiner klaren, eindeutigen Wertvorstellungen mit gefährlicher politischer Urtümlichkeit zu beobachten war, die offensichtlich doch immer eine Gefahr für die Bundesrepublik bedeutet.

DER SPIEGEL 9/1963
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