06.03.1963

ZEITUNGSSTREIKKleine Trauergemeinden

In dieser Woche begeht die "New York Times" ein in ihrer 111jährigen Geschichte noch nicht dagewesenes Jubiläum: Die Zeitung (Motto: "Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden") veröffentlicht im vierten Monat eine "An unsere Leser"-Notiz auf der ersten Seite, in der bedauernd mitgeteilt wird, daß ein Teil der üblichen Meldungen und Börsenberichte nicht gebracht werden könne.
Denn: Die Setzer der "New York Times" und acht weiterer großer New Yorker Zeitungen*, die am 8. Dezember 1962 in den Ausstand traten, streiken - mit einer Ausnahme - noch immer. Seit nunmehr drei Monaten blieben deshalb in der größten und zeitungsfreudigsten Stadt der Welt täglich 5,7 Millionen Zeitungsexemplare, an Sonntagen sogar 7,3 Millionen, ungedruckt.
Gedruckt wurden lediglich die Westküstenausgabe der "New York Times", die in Los Angeles erscheint, und die in Paris erscheinenden internationalen Ausgaben der "New York Times" und der "New York Herald Tribune".
Davon hatten freilich die New Yorker nichts, für die das Leben ohne Zeitungen zu einem Alptraum geworden ist. Der seit einem Vierteljahr andauernde Ausstand hat drastisch bewiesen, daß Zeitungen auch im Zeitalter des Fernsehens unentbehrlich sind.
"Der Streik hat die Bürger in ein Informationsvakuum versetzt, das durch andere Medien in keiner Weise ausgefüllt werden kann", befand ein Komitee von New Yorker Bürgern, das an die Regierung appellierte, dem Streik ein Ende zu setzen.
Die neun Fernsehkanäle und zwei Dutzend Rundfunksender können den Hunger der New Yorker nach politischen und lokalen Neuigkeiten nicht stillen, obschon die Stationen ihre Nachrichtensendungen beträchtlich erweitert haben. Noch deutlicher zeigte sich freilich, daß die Zeitungen als Werbeträger durch kein anderes Medium zu ersetzen sind. Der Ausfall der Zeitungsanzeigen über viele Wochen hinweg lähmt das Wirtschaftsleben der Stadt.
Den Warenhäusern, die ihre detaillierten Angebote nicht inserieren konnten, wurde das Weihnachts- und dann auch noch das Schlußverkaufsgeschäft
verdorben, das stets auf riesigen Zeitungsanzeigen basierte, in denen das Sortiment, in Einzelposten aufgegliedert, angepriesen worden war.
Ausgesucht hübsche Mannequins mit Reklameschildern - "Zeitungsstreik! Beachten Sie die Tafeln mit unseren Sonderangeboten" - in den Auslagen der großen Warenhauspaläste - von "Macy's" und "Stern's" (siehe Bild) konnten die fehlenden Inserate ebensowenig ersetzen wie Kundenzeitschriften oder Plakate in der U-Bahn.
Der Einzelhandel klagt über Umsatzeinbußen von zehn bis 30 Prozent; der tägliche Verlust der New Yorker Geschäftswelt wird auf mindestens eine Million Dollar (vier Millionen Mark) geschätzt. Den Gesamtschaden, der bisher durch den Streik entstand, schätzen Experten auf eine Milliarde Mark. Schwerer noch als die Warenhäuser haben Markenartikelfirmen und Versandhäuser zu leiden. Existenzbedrohend aber ist der Streik für jene Wirtschaftszweige, bei denen die Zeitungsanzeige die Grundlage jedes Abschlusses ist:
- Wohnungs- und Grundstücksmakler sowie Stellenvermittler klagen über Einbußen von 75 Prozent;
- die Umsätze im Gebrauchtwagenhandel gingen um die Hälfte zurück;
- Kinos und Theater wurden immer leerer. Am Broadway wurden die meisten Stücke vorzeitig abgesetzt, bedeutsame Premieren verschoben.
Zu Begräbnissen finden sich, da die Todesanzeigen fehlen, nur winzige Trauergemeinden ein. Sportveranstaltungen laufen vor nahezu leeren Rängen ab. Die Buchungen für Urlaubsreisen gehen beträchtlich zurück; vollends ruiniert wurde der Altpapierhandel.
Als der Ausfall an Anzeigen-Einnahmen inzwischen die 90-Millionen-Dollar-Marke erreichte, begann die Solidaritätsfront der New Yorker Zeitungsverleger abzubröckeln. Als erste fiel die Nachmittagszeitung "New York Post" ab und erklärte von sich aus den Ausstand für beendet.
* "New York Herald Tribune", "Daily News". "World-Telegram", "Journal American", "Mirror", "New York Post", Long Islands "Star Journal", "Long Island Press".
Warenhaus-Mannequin in New York: Täglich eine Million Dollar Verlust

DER SPIEGEL 10/1963
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