27.03.1963

ZERMATTVerwehte Spuren

Das schleichende Übel kam aus Italien. Im Körper eines Gastarbeiters aus Lece reiste es in den saisonseligen Kanton Wallis und erreichte am 6. Februar das Winterparadies Zermatt, von wo es vier Wochen später in die meisten Länder Westeuropas exportiert wurde.
Eine Woche lang lief der typhuskranke Italiener im Ort herum, eine Woche lang lag er fiebernd in der Maurerbaracke einer Zermatter Baustelle. Dann landete er im Spital des benachbarten Ortes Brig und bot den schweizerischen Gesundheitsbehörden erstmalig Gelegenheit, den Erreger unter ihre Mikroskope zu bekommen, der bald darauf an der blühenden Skisaison von Zermatt nagen sollte.
Zwischen dem 2. und 4. März tauchten bei den Ärzten von Zermatt die
ersten Infizierten auf: im Hotelgewerbe beschäftigte Landsleute und Bekannte des kranken Bauarbeiters, dann auch Einheimische. Am 10. März teilte ein Zermatter Arzt dem Gesundheitsamt in der Walliser Kantonalhauptstadt Sitten mit, "mehrere Personen" im Ort litten an einer Krankheit, die verdächtig nach Typhus aussehe. Die 7000 Feriengäste Zermatts wußten noch nichts.
Eilends herbeigerufene Spezialisten des Hygiene-Instituts in Genf bestätigten in 13 Fällen diese Diagnose: Typhus abdominalis. Die Verantwortlichen des Kantons Wallis und seiner berühmtesten Wintersportgemeinde sahen sich plötzlich in einem Konflikt zwischen den Forderungen schweizerischer Hygiene und denen des schweizerischen Fremdenverkehrs. Und dies am Vorabend eines skisportlichen Ereignisses von internationalem Rang: Zwischen dem 15. und 17. März sollte In Zermatt das traditionelle Gornergrat-Derby ausgetragen werden. Das abzusagen, schien den Gesundheits- und Gemeindehütern die Situation denn doch nicht ernst genug.
Während das Schweizerische Rote Kreuz sich an die vom Gesundheitsamt des Kantons anempfohlene Errichtung eines Notspitals im Schulhaus der Gemeinde machte, füllten sich die Straßen, Hotels, Tanzbars und Seilbahnen der Matterhorner Gemeinde bis auf den letzten Winkel mit einer farbenfrohen, vielsprachigen Masse von mehr als 10 000 Skipilgern. Sonderzüge mit Derby-Zuschauern rollten auf der Bergstrecke von Visp heran, dem einzigen Verkehrsweg, der Zermatt mit der Außenwelt verbindet. Am Ende eines langen Hochgebirgstales gelegen, durch das keine Autostraße mehr führt, liegt das berühmte Matterhorner Dorf in einer Art Naturquarantäne und kann sofort vollkommen isoliert werden, wenn man die Eisenbahnstrecke abriegelt.
Doch an Quarantäne wollte keiner der Verantwortlichen denken. Sagte Dr. Pierre Calpini, Leiter der Kantonal-Gesundheitsbehörde: "Das wäre nicht nur vom praktischen, sondern auch vom epidemiologischen Standpunkt aus unangebracht."
In ähnlicher Seelennot wie die legendären Manager der Pariser Weltausstellung von 1867, die nach Überlieferung des deutschen Dramen-, Drehbuch - und Roman-Dichters Hans Rothe ("Verwehte Spuren", "Ankunft bei Nacht") und des amerikanischen Gruselregisseurs Alfred Hitchcock ("Ohne jede Spur") eine pesterkrankte Ausländerin aus dem Weg räumten, um eine Panik zu verhindern, schwiegen die Verantwortlichen von Zermatt zu dem Unheil, das sich immer bedrohlicher zusammenballte.
Am 15. März begann planmäßig das große Skiderby. Am gleichen Abend benachrichtigten die Behörden von Wallis endlich die Mitwelt in einem Pressekommuniqué von der Epidemie, die mittlerweile rapide um sich gegriffen hatte: 30 Typhusverdächtige mußten bereits im Schulgebäude isoliert werden, 20 schwerer Erkrankte wurden vom Gletscherpiloten Geiger per Hubschrauber über die Köpfe der allmählich doch leicht beunruhigten Kurgäste hinweg in die Spitäler des Kantons ausgeflogen.
Man habe es, so beschwichtigten die Gesundheitsbehörden, mit einer Reihe verdächtiger Erkrankungen, aber erst mit zwei erwiesenen Typhusfällen zu tun. Ferner: "Alle Maßnahmen ... sind ergriffen worden, eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern."
Aber 24 Stunden später konnte sich niemand mehr einer Täuschung darüber hingeben, daß der Erreger von Zermatt sich bereits recht kräftig ausgebreitet hatte. Am 17. März meldeten die Londoner Sonntagsblätter in großer Aufmachung die Typhuserkrankung von zehn britischen Zermatt-Heimkehrern.
An Hand der nun nicht mehr abreißenden Typhusmeldungen ließ sich die Spur der Gäste Zermatts durch fast ganz Westeuropa verfolgen.
Weitere 29 Skiurlauber erkrankten in England, vier in Holland, drei in Frankreich und drei in Österreich. In der Bundesrepublik wurden zwei Typhusfälle aus Düsseldorf, je einer aus Essen, Köln, Hagen und München und einer aus Neuburg an der Donau bekannt. Rückreisende Schweizer schleppten die Bakterien nach Zürich (acht Fälle), nach Solothurn (drei Fälle) und nach Zug (ein Fall). Typhusverdächtige tauchten in Basel, im Tessin und im Kanton Bern auf.
Stets handelte es sich um Feriengäste, die sich im Februar und März in Zermatt erholt hatten. Da die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen der Ansteckung und dem möglichen Ausbruch der Krankheit - in der Regel zwischen acht Tagen und vier Wochen liegt, die Skiurlauber aber zumeist nicht so lange verweilen, blieb die Zahl der Gäste, die sich unmittelbar in Zermatt aufs Krankenlager legten, gering.
Tatsächlich lag in der Isolierstation des Schulhauses, in der sich letzte Woche 42 Typhusverdächtige ansammelten, bisher überhaupt kein Kurgast. Dagegen befanden sich unter den 39 Erkrankten, die mit dem Hubschrauber
weggebracht werden mußten, zwei englische Skifahrer.
Damit ließen sich freilich nur Uneingeweihte beruhigen. Denn so kräftig die Walliser Behörden auch herausarbeiteten, der Ursprung der Infektion sei ein Fremdarbeiter und beileibe kein sauberer Schweizer gewesen, so ließ sich doch nicht leugnen, daß der Weg, auf dem die Krankheit sich so explosionsartig hatte ausbreiten können, noch nicht erkannt worden war.
Erfahrungsgemäß kann es zu einem derartig gehäuften Krankheitsausbruch nur bei einer Verbreitung des Erregers durch Wasser oder Lebensmittel kommen. Die Typhusbakterien werden von Erkrankten - mitunter auch von Angesteckten oder bereits Genesenen - durch Darm und Blase ausgeschieden. Auf welche Weise sie sich dann in Zermatt so schnell ausbreiteten, fanden die Schweizer Behörden bis zum Wochenende nicht heraus.
Sicher ist, daß die sanitären Anlagen mit dem touristischen Wachstum des weltberühmten Hochgebirgsorts nicht immer Schritt hielten. Zermatt, 1913 noch ein Dorf mit 750 Einwohnern, konnte 1930 schon 1000 Gäste beherbergen und ist heute eine Skimetropole mit 2900 Einwohnern und 7000 Fremdenbetten.
Seine Abwässer ergießen sich zum Teil noch immer in das Gebirgsflüßchen Matter Visp, das mitten durch den Ort fließt und in den Wintermonaten an Wasserarmut leidet. Einheimische Beobachter glaubten feststellen zu können, daß Erkrankungen sich in jenem unteren Teil von Zermatt häuften, der theoretisch vom Sickerwasser des Baches erreicht wird. Andere kamen zu dem Ergebnis, die Typhusfälle stammten alle aus dem Anschlußgebiet des Findelen-Baches, der für einen Teil von Zermatt das Trinkwasser liefert.
Obwohl über den Weg, den der Erreger wirklich nahm, keine Klarheit herrschte, ließen die Behörden von Zermatt Mitte vergangener Woche die Welt wissen, man habe die Epidemie unter Kontrolle.
Der Kampf gegen den Typhus wurde vom Kampf um die Saison überschattet. Unter den Gästen Zermatts, die bis zum 16. März meist nicht einmal gerüchtweise von der Situation gehört hatten, war die befürchtete Panik nicht ausgebrochen. Doch begann sich die Stimmung nach einem vorübergehenden Ausbruch von Galgenhumor Anfang vergangener Woche zusehends zu verschlechtern. Der Besucherandrang in der Renommierbar zum "Zerbrochenen Ski" nahm ab, an den Mittagstafeln der Hotels wurden augenscheinlich Salat, Speiseeis, Eiswürfel und Milcherzeugnisse zurückgewiesen. Der Verbrauch von Selterwasser zum Zähneputzen stieg ins Ungemessene.
Eine Belehrung über das notwendige Verhalten bei einer Typhusepidemie wurde den Gästen der Zermatter Hotellerie erst sehr spät zuteil. In England wie auch in der Bundesrepublik hatten die Gesundheitsbehörden längst Appelle an eine nicht mehr kontrollierbare Menge von heimkehrenden Zermatt-Urlaubern erlassen, sich zunächst für die Dauer der Inkubationszeit einer besonderen Hygiene (Desinfektion der Hände vor den Mahlzeiten) und Selbstbeobachtung zu unterwerfen und bei geringsten Krankheitsanzeichen ärztlichen Rat einzuholen.
Bei Anwendung von Antibiotika - vor allem Chloromycetin - ist Typhus in Mitteleuropa heute zwar eine nur noch in etwa drei von hundert Fällen tödliche (1947 = 15 Prozent), im allgemeinen jedoch noch ziemlich langwierige Erkrankung.
Die an sich mögliche Schutzimpfung gegen Typhus wird zu Epidemiezeiten nur ungern verabreicht, Fachärzte warnen sogar davor. Das ist auch der Grund, weshalb die Schweizer Gesundheitsbehörden an eine Impfung von Gästen und Eingeborenen von vornherein nicht herangehen wollten.
Sagte Dr. Blasius Freitag, der Direktor der Bakteriologischen Untersuchungsanstalt in München, der den Zermatter Import-Bazillus "mit Sicherheit" als Typhuserreger deklarierte: "In Deutschland hätte man bei so was ohne weiteres den Ort gesperrt. Auf jeden Fall muß man doch sofort klipp und klar sagen, worum es sich handelt."
Bis zum Ende der Woche war die Saison von Zermatt von deutlicher Auszehrung befallen. Kurdirektor Cachin am Mittwoch: "Wir haben 4500 Gäste hier." In verlängerten Zügen hatten sich vom Bahnhof Zermatt aus immerhin bereits 2500 Urlauber ohne großes Aufsehen verzogen. Zermatt war vom vollsten zum leersten Wintersportort der Schweiz geworden.
Mit belegter Stimme gaben Hoteliers auf Anfrage nach deutschen oder englischen Gästen die stereotype Antwort: "Abgereist! Die Herrschaften haben Angscht bekommen."
Die britische Luftverkehrsgesellschaft BOAC befreite zwölf ihrer Angestellten, darunter auch drei Stewardessen, die für den Rückflug Königin Elizabeths von England aus Australien vorgesehen waren, nur deshalb von ihrem Dienst, weil sie in Zermatt Ski gefahren waren.
Ein Teil der Abgewanderten suchte zum Mißvergnügen der jeweiligen Kurdirektoren für den Rest ihres abgebrochenen Winterurlaubs in anderen Skiorten des Kantons Wallis unterzukommen. Dies veranlaßte die Gemeinde des noblen Saas-Fee zu der Anfrage bei der Kantonverwaltung, was man zu tun gedenke, um die Ausbreitung der Zermatter Gäste zu unterbinden.
Bei den deutschen Reisebüros wurden die Bestellungen für Zermatt in den letzten Tagen teilweise zu mehr als 75 Prozent aufgekündigt. Mehr noch als die Ansteckung fürchteten viele Bundesurlauber die Gefahr der Geschäftsschädigung: die einen für den Fall, daß entgegen amtlicher schweizerischer Beteuerung doch noch die Quarantäne über Zermatt verhängt und sie dort zwangsweise einige Wochen festgehalten würden; die anderen für den Fall, daß ihre eigenen Kunden erführen, wo sie sich ausgeruht hätten.
"Ich habe Kunden mit Lebensmittelgeschäften und dergleichen, die sich das
einfach nicht leisten können", sagte der Münchner Sport-Reiseunternehmer Otto Scheck, der im Frühjahr stets zu den wichtigsten Zulieferern der Zermatter Hotellerie gehört. "Für mich natürlich auch ein harter Verlust."
Zermatts Kurdirektor Cachin tobte indes gegen die Presse, die nach seiner Meinung mehr als der Typhusbazillus das plötzliche Mißtrauen gegen Zermatt erregt hat: "Von denen möchte ich mal ein paar bei 27 Grad unter Null mit Wasser bespritzen."
Mit allen Mitteln der Überredung suchte der Kurdirektor den Verdacht zu zerstreuen, ein Aufenthalt im Matterhorn-Dorf könne Unannehmlichkeiten mit sich bringen ("Typhus ist doch heute kein Problem mehr"). Eher schon sei es denkbar, daß die Fremden ihrerseits Krankheiten mitbrächten. "Mein Hund ist auch nie krank, nur wenn Gäste kommen, ist er krank."
Am vergangenen Wochenende rückte eine Sanitätsabteilung der schweizerischen Armee mit Material für ein Notlazarett in Zermatt ein. Kurdirektor Constant Cachin: "Das Leben geht weiter."
Zermatt-Reiseprospekt
"Die Herrschaften haben Angscht"
Abtransport von Typhus-Kranken: 2500 Gaste flohen

DER SPIEGEL 13/1963
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