10.04.1963

HOHEITSGRENZENBusses Fauna

Zwei Trawler scherten aus dem großen deutschen Fischdampfertreck nach Island aus. Sie ließen die wohlbekannten Fanggründe an Steuerbord liegen und peilten Neuland an.
Die "Bonn" und die "Heidelberg" der "Nordsee' Deutschen Hochseefischerei GmbH" umrundeten das grönländische Kap Farvel und dampften in die von Nebel und driftendem Eis gefährdeten Gewässer unter der Süd- und Westküste Grönlands, um dort ihre Schleppnetze auszulegen.
Als die Kursabweichler eine Woche später das Fanggeschirr wieder an Deck verstauten, konnten Kapitäne, Steuerleute und Mannschaften auf einen Rekordfang anstoßen: Mit erschöpften Brennstoffreserven zwar, aber vollgestopft mit je 5000 Zentner Kabeljau und Rotbarsch machten die Trawler am 3. Juli 1952 in ihren Heimathäfen Bremerhaven und Cuxhaven fest.
Mit diesem ersten Vorstoß deutscher Fischer in den Nordatlantik jenseits von Kap Farvel hatten die Fangrekordler Gewässer erschlossen, die sich alsbald zur bevorzugten bundesdeutschen Fisch-Speisekammer entwickelten: Nahezu 150 000 Tonnen Fisch gingen den bundesdeutschen Hochseefischern 1962 vor Grönland ins Netz - 42 Prozent der als Frischfisch, Tiefkühlfisch und Salzfisch angelandeten Jahresmenge.
Fast auf den Tag genau elf Jahre nach der denkwürdigen Nordlandfahrt wollen Grönlands ehemalige Kolonialherren, die Dänen, die Tür dieser Speisekammer verriegeln.
Dänemarks Grönlandminister, Mikael Garn - von den Eingeborenen zum "Ehrengrönländer" ernannt -, hat im Kopenhagener Staatsrat einen Gesetzentwurf durchgeboxt, der die Fischbestände vor dem unwirtlichen Eskimo -Eiland den Dänen und den 1953 zu dänischen Staatsbürgern avancierten Einheimischen reservieren soll:
- Am 1. Juni 1963 wird die Fischereigrenze vor Grönland von bisher drei auf zwölf Seemeilen ausgedehnt.
- An diesem Tage werden die Küstengewässer bis zu einer Breite von sechs Seemeilen für alle fremden Fischereifahrzeuge gesperrt.
- Traditionelle Fischerei-Nationen - darunter die Bundesrepublik - dürfen noch bis zum 31. Oktober 1970 in der Zone zwischen sechs und zwölf Seemeilen fischen - danach nur noch außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone.
Die Dänen begründeten ihren Plan, fast 100 000 Quadratkilometer der offenen See vor Grönland zu okkupieren, weniger mit wirtschaftlichen als mit meeresbiologischen Erwägungen: Da neuerdings neben Deutschen, Portugiesen, Isländern, Franzosen, Spaniern, Norwegern und Engländern auch Russen und Japaner Vorstöße in die grönländische Speisekammer unternähmen, seien Rotbarsch und Kabeljau von der Ausrottung bedroht.
Die deutschen Hochseefischer glauben allerdings, daß die Dänen weniger lautere Absichten verfolgen. Argwöhnte der Reeder Busse, Chef des Verbandes deutscher Hochseefischereien: "Vermutlich wollen sie sich vor einem Eintritt in die EWG einen Besitzstand verschaffen, den sie als Verhandlungsgegenstand ausspielen können."
Die deutschen Fischerei-Reeder berufen sich vor allem darauf, daß weder die Dänen noch die einheimischen Grönländer das große Fischreich vor der Eisinsel sinnvoll nutzen können.
In der Tat sind an den Hafenplätzen Grönlands, das von 33 000 Eskimo-Nachfahren und 2450 Europäern bevölkert wird, lediglich 500 Motorboote und
etwa 1300 Ruderboote beheimatet. Diese an Zahl zwar große, an Fangkapazität aber bescheidene Armada brachte 1960 insgesamt 9300 Tonnen Salz-, Stock und Tiefkühlfisch an Land, während die deutschen Fischer unter West- und Südgrönland im selben Jahr 43 000 Tonnen fingen. Ein modernes Fang - und Verarbeitungsschiff, das die 1700 bis 2000 Seemeilen entfernten europäischen Fischmärkte direkt beliefern könnte, ist in der gesamten dänischen Flotte nicht vorhanden.
Die Dänen, von Bundesdeutschlands vereinigten Hochseefischern des Völkerrechtsbruches geziehen, haben sich mit ihren Meer-Eroberungsplänen allerdings nur eine Taktik des kalten Seekrieges zu eigen gemacht, die vordem schon etliche andere Nationen mit Erfolg anwendeten, um die Grundlagen des überkommenen Seerechts aufzuweichen.
Nachdem der holländische Völkerrechtler Hugo Grotius zu Beginn des 17. Jahrhunderts in seiner berühmten Schrift "Mare Liberum" die Freiheit der Meere proklamiert hatte, setzten sich im internationalen Seerecht zwei Begriffe durch, die bis in die jüngste Gegenwart weithin respektiert wurden: das "offene Meer", auf dem jedermann ungehindert Handel und Schiffahrt treiben darf, und das "Küstengewässer", das der Hoheit des Uferstaates untersteht. Die meisten Staaten umgaben sich mit einem drei Seemeilen breiten Hoheitsgewässer; denn so weit reichten die Kanonen aus den Tagen des Grotius.
Als erster machte sich der russische Zar Nikolai II. daran, dieses Gewohnheitsrecht zu durchlöchern. Er schob schon im Jahre 1900 die Hoheitsgrenze bis auf zwölf Seemeilen ins Meer hinaus, und noch heute fängt das Sowjetreich zwölf Meilen vor der Küste an.
Noch größeren Meer-Appetit als die Russen bewiesen nach dem Zweiten Weltkrieg einige ehemalige Kolonialländer. Nacheinander erhoben Chile, Peru, aber auch die exotischen Kaffee-Kleinstaaten Costa Rica und El Salvador Anspruch auf eine 200-Meilen-Zone. Indonesien schickte sich im Dezember 1957 an, eine Fläche von 1,3 Millionen Quadratkilometer aus dem freien Meer herauszuschneiden, und danach proklamierten China, der Irak, Libyen, Panama, Saudi-Arabien und die Vereinigte Arabische Republik ihren Anspruch auf ein zwölf Meilen breites Küstengewässer.
Nun schlossen auch die Europäer auf. Island und Norwegen, die wirtschaftlich weitgehend vom Fischfang auf den Fanggründen vor ihrer Haustür leben, meldeten exklusive Fischereirechte in einer zwölf Seemeilen breiten Küstenzone an.
Vergebens versuchte die Uno, den Seehunger der Meeres-Anrainer auf internationalen Seerechtskonferenzen unter Kontrolle zu bringen. Schon 1960, auf der zweiten Tagung dieser Art, an der Staaten mit so divergierenden Fischerei-Interessen wie die Bundesrepublik und der Vatikan teilnahmen, war von einer Rettung der klassischen Drei-Meilen-Norm nicht mehr die Rede.
Klagte die "Frankfurter Allgemeine": "Für die Fischerei und für den See- und Luftverkehr dürfte damit eine Zeit der Unsicherheit beginnen."
Daß sich ausgerechnet der Nato -Partner und EWG-Anwärter Dänemark
als Freibeuter in Sachen Hoheitsgrenze betätigen würde und noch dazu in einem für die deutsche Fischerei extrem ergiebigen Fanggewässer, hatten Bundesdeutschlands Hochseefischer freilich nicht erwartet. Der dänische Anspruch auf zwölf Seemeilen erreichte sie in einem Augenblick, als sie sich gerade aus höchster Seenot gerettet wähnten.
Nachdem die Isländer 1958 ihre Fischereireservate willkürlich erweitert und die ausländische Konkurrenz von einträglichen Fangplätzen vertrieben hatten, sah sich die deutsche Fischereiflotte dem Ruin gegenüber: Gleichwertige Ersatz-Fanggründe lagen außerhalb der Reichweite der meisten an Unterelbe, Unterweser und in Kiel beheimateten deutschen Fischdampfer.
Nicht zuletzt auf Anraten Bonns, das ihnen unter anderem mit Abwrackprämien unter die Arme griff, begannen die Trawler-Reeder, ihre Flotte zu modernisieren und für die sogenannte Fernfischerei umzurüsten. Von 1958 bis Anfang 1963 gaben die Fischfänger bei ihren Hauswerften für insgesamt 250 Millionen Mark 53 Neubauten in Auftrag, die nahezu ausschließlich für den Fang vor Grönland bestimmt sind. Rund 25 Prozent ihrer Fänge fördert diese Grönlandflotte derzeit in der von Dänemark beanspruchten Zwölf-Meilen-Zone. Fischer-Chef Busse: "Gerade mit diesen Schiffen verteidigt die deutsche Hochseefischerei ihre Existenz."
Sobald die dänischen Pläne ruchbar wurden, signalisierte der in Bremerhaven beheimatete Fischerverband SOS in Richtung Bonn: Die Bundesregierung möge ihren Nato-Partner schleunigst zur Ordnung rufen. Begründung: "Unseres Wissens vertritt die Bundesregierung nach wie vor den Standpunkt, daß international nur die Drei-Seemeilen -Grenze gilt."
Obwohl Staatssekretär Carstens dem Bremer SPD-Abgeordneten Hansing am 6. März in der Fragestunde des Bundestages offiziell bestätigte, daß dieses in der Tat die Meinung der Regierung sei, hat Bonn bei den angekündigten Verhandlungen mit den Dänen eine schwache Position: Mit einer norwegischen Zwölf-Meilen-Zone - 1961 von Oslo proklamiert - hat sich die Bundesregierung inzwischen stillschweigend abgefunden.
Ein Beamter des Bonner Ernährungsministeriums beantwortete den Hilferuf der Fischerei-Reeder mit dem Hinweis: "Wegen solcher Geschichten kann man heute keinen Krieg mehr machen."
Deutscher Trawler vor Grönland: Die Speisekammer ...
Chef-Fischer Busse
... wird verriegelt

DER SPIEGEL 15/1963
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