03.04.1963

NACHRUFHARRY PIEL 12.VII.1892 - 27.III.1963

Er schleppte immer noch eine Kiste mit sich herum: Sie enthielt Kopien von einigen seiner Filme, in denen er mit allen Gegnern und Gefahren fertig wurde, mit Menschen, Tieren, Sensationen jeder Art - mit dem Alter war er nicht fertig geworden.
Noch im vergangenen Jahr hatte er auf neue Interessenten für die alten Zelluloidstreifen gehofft. Er wollte sie für ein heutiges Publikum "aufbereiten", und er hätte gern auch neue Filme, wie einst "spannend, aber jugendfrei", gedreht. Doch niemand wollte sie sehen.
Letzten Sommer fischten fünf Taucher aus dem Heinitzsee bei Berlin ein Automobil, das er 1923 vor der Kamera ins Wasser chauffiert hatte. Sein versunkener Ruhm aus jener Zeit, als die Kinder ihn besangen ("Harry Piel sitzt am Nil, putzt die Zähne mit Persil"), war nicht mehr zu heben. Großpapas Kino ist zu lange tot.
1911 hatte der Düsseldorfer Kaufmannssohn, als Seekadett wegen eines Herzfehlers von der Wilhelminischen Marine verabschiedet, in Paris das Fliegen gelernt und die Bekanntschaft eines französischen Filmregisseurs gemacht. 1914 gründete
er in Berlin seine "Ariel-Film" -Gesellschaft; er war Produzent, Autor, Regisseur, Kameramann, Cutter, Darsteller und sein eigener Werbechef; als einer der ersten filmte er auf der Zugspitze; 1935 drehte er bereits seinen hundertsten Film, insgesamt brachte er 107 - die meisten stumm - zustande.
Harry Piel war eine Rarität im deutschen Film: ein untersetzter, schwarzhaariger, restlos unkomplizierter Held. Seine Filme hießen "Abenteuer im Nachtexpreß", "Sprung in den Abgrund", "Menschen, Tiere, Sensationen", "Panik", "Der Verächter des Todes" oder "Der Dschungel ruft", und sie barsten von schierer, gleichsam unschuldiger Aktion: Ganoven und Gorillas, Pistolen und Dolche, Feuer und Wasser konnten dem "eisernen Harry" nichts anhaben. Wenn Harry seine dichten Brauen zusammenzog, erzitterten Räuber und Raubtiere.
Harry, ein deutscher Douglas Fairbanks, ein Tarzan vom Rhein, sprang vom Flugzeug auf den fahrenden Zug, hing zwischen den Rädern des Nachtexpreß, kämpfte im Gestänge fliegender Doppeldecker, warf sich durchgehenden Pferden entgegen, hangelte über Abgründe, zerschmetterte ganze Gangster-Banden, bändigte ausgebrochene Tiger und Löwen in großer Zahl.
Zur Heldentat gehörte die markige Eleganz, mit der sie absolviert wurde, gehörte Harrys Art, in überlangen Spitzen steckende Zigaretten zu rauchen, gehörte seine Manier, das schwarze Abendcape mit dem weißen Seidenfutter zurückzuschlagen. Er bediente sein Publikum im Kino an der Ecke mit Hausmacher-Exotik, Abenteuer-Konfektion und soliden Illusionen, mit wakkerer Wunschtraum-Befriedigung.
Zum Abenteuer gehörte immer auch die Romanze - Piels Liebesgeschichten konnten freilich stets für Jugendliche zugelassen werden. Aufdringlichen Damen entwand Harry sich mit dem gleichen energischen Ruck, mit dem er sich aus der Umklammerung von Pythonschlangen zu befreien pflegte.
"Kunst" lag ihm fern - er war nie langweilig.
Er trug Schuhe mit überhöhten Absätzen und versuchte seine Nase durch geschminkte Seitenschatten zu schmälern. Doch seine halsbrecherische Artistik war fast immer echt: er verschmähte Doubles, trug Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen davon, wurde gebissen und zerkratzt. Mein Korpus ist wie ein Hackbrett", sagte er stolz.
Gegen einen Verleumder ließ er sich die Authentizität seiner Tollkühnheit -
wesentlicher Faktor seines Renommees - sogar durch Gerichtsentscheid bestätigen: "Dem Antragsgegner wird bei Vermeidung einer Geldstrafe von 150 Reichsmark verboten, zu behaupten, der Antragsteller lasse seine Sensationen stets oder meist durch andere in seiner Maske vorführen."
Nach 1945 konnten Sensationen im Piel-Stil, authentisch oder nicht, die Kinogänger kaum noch beeindrukken. Opas Kino, dessen redlicher Held Harry Piel war, wurde begraben; der Zirkus, dem er verschworen war, siechte dahin; die Sensationen wurden nun bald härter, die Helden wurden zwiespältiger, die Storys raffinierter, die Liebe wurde gepfefferter gewünscht.
Der Filmveteran nahm noch einige Anläufe, drehte einen "Tiger Akbar", einen Kurzfilm "Wenn Tiere betteln", dann löste er seine nach Kriegsende in Wiesbaden neu gegründete "Ariel" -Gesellschaft wieder auf. Er zog zu seinem Sohn nach Südafrika und flüchtete vor der Hitze nach Deutschland zurück. Im letzten Frühjahr suchte er, seit 1960 Witwer, durch Inserat in einer Berliner Tageszeitung eine "Lebenskameradin mittleren Alters, seriös und gutsituiert".
Vergangenen Mittwoch starb der 70jährige in München. Am Dienstag nächster Woche ist Harry Piel in einer vor seinem Tode aufgezeichneten "TV-Sendung aus Mainz zu sehen: "Wiedersehen im Fernsehen".

DER SPIEGEL 14/1963
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