10.04.1963

KUBA / EMIGRANTENCastro gewann

Guerra! Guerra! Guerra!" (Krieg! Krieg! Krieg!) schrien die 40 000 Kubaner in minutenlangen Sprechchören. Amerikas Präsident verstand den Schlachtruf.
Unter dem betäubenden Beifallsgeheul der Menge entfaltete er die Fahne der "Brigade 2056", jener exilkubanischen Invasoren, die im April 1961 in der Schweinebucht von Castros Insel gescheitert waren. Kennedy: "Ich versichere euch, diese Fahne wird der Brigade in einem freien Havana zurückgegeben werden."
Mit diesen Worten hatte der Präsident im Dezember 1962 unter dem Jubel der im Orange-Bowl-Stadion zu Miami versammelten Exilkubaner die von Castro losgekauften 1100 Schweinebucht-Gefangenen begrüßt.
Knapp vier Monate später, Anfang April 1963, nannten die Führer der 300 000 nach den USA geflüchteten Kubaner den amerikanischen Staatschef einen "Verräter" und erklärten Chruschtschows Kuba-Frachtern auf eigene Faust den Krieg.
Amerikas Kuba-Politik hat sich in der Zwischenzeit in ihr Gegenteil verkehrt: Sie zielt nicht mehr offen auf den Sturz des Insel-Diktators, sondern schützt das Castro-Regime plötzlich vor seinen ärgsten Feinden. Grund: Die Amerikaner wollen den Sowjets jeden Vorwand nehmen, ihr militärisches Engagement in der Karibischen See beizubehalten oder gar zu verstärken.
Zwei Kommando-Unternehmen, die der Chef der größten exilkubanischen Untergrundorganisation, "Alpha 66", der einstige- Castro-Mitkämpfer Eloy Gutierrez Menoyo ("Alpha ist der Anfang vom Ende des Castro-Regimes") dirigierte, hatten Kennedy zu drastischen Maßnahmen veranlaßt, um den Ausbruch einer zweiten Kuba-Krise zu verhindern:
- Am 17. März beschossen Mitglieder
eines "Alpha 86"-Kommandos von einem Schnellboot aus den Sowjetfrachter "Lgow", der im nordkubanischen Hafen Isabela de Sagua vor Anker lag.
- Am 27. März riß eine Sprengladung ein mannshohes Loch in den Bug des Sowjetfrachters "Baku" im Kuba -Hafen Caibarién.
Der Kreml reagierte auf diese Terroranschläge mit einer scharfein Protestnote: "Es besteht kein Zweifel daran; daß die Angriffe auf sowjetische Handelsschiffe keine zufälligen Einzelaktionen sind, sondern von den Vereinigten Staaten aus sorgfältig geplante Provokationen."
Kaum verhüllt drohte Moskau, sowjetische Öltanker und Zuckerfrachter auf der Kuba-Route würden künftig von Kriegsschiffen eskortiert, zumindest aber bewaffnet werden.
Das State Department antwortete:
"Wir beabsichtigen, mit allen erforderlichen Maßnahmen sicherzustellen, daß solche Überfälle (wie gegen die "Lgow" und die "Baku") nicht vom Gebiet der USA aus unternommen werden." Diese von der Kennedy-Regierung zugesagten "erforderlichen Maßnahmen", die der Nationale Sicherheitsrat in Washington Ende vorletzter Woche beschloß, bedeuteten das Todesurteil für jede wirksame Untergrundtätigkeit gegen das Castro-Regime:
- Die Prominenz der Kuba-Emigranten, alles in allem 25 fanatische Castro-Feinde, darf den Landkreis Miami (Dade County) nicht mehr verlassen.
- Jedem Exilkubaner, der von amerikanischem Hoheitsgebiet ausWaffenlieferungen für Untergrundkämpfer oder Kommando-Einsätze gegen
Kuba organisiert, droht künftig
Strafverfolgung unter den,US-Neutralitätsgesetzen mit Höchststrafen
bis zu 5000 Dollar und fünf Jahren Gefängnis.
Präsidentenbruder und Justizminister Robert F. Kennedy beauftragte gleichzeitig die ihm unterstehende Bundeskriminalpolizei FBI, nach den Rädelsführern und den Waffenlagern der Anti-Castro-Rebellen zu fahnden.
Amerikas Kriegsmarine und die US -Küstenwache suchten außerdem mit Patrouillenbooten und Aufklärungsflugzeugen nach Schnellbooten und mit Waffen beladenen Kuttern der Castrofeindlichen Freischärler.
Schließlich appellierte die Regierung Kennedy an Großbritannien, sich an der Jagd auf Anti-Castro-Rebellen im Karibischen Meer zu beteiligen.
Schon 24 Stunden später meldete die britische Frégatte "Londonderry" den ersten Erfolg: Bei der Bahama-Insel Norman's Key, 300 Kilometer von Kuba entfernt, wurde ein Schnellboot aufgebracht. Ein zweites Rebellen-Boot konnte entwischen. Sein Kommandant funkte: "Wir werden uns niemals ergeben. Auch nicht der US-Navy."
Die Fronten waren nun vollends verkehrt. Die Großmacht Amerika, kurz zuvor noch im Bunde mit den Exilkubanern, setzte nun sogar Luftwaffe und Kriegsmarine ein, um Castro und die Sowjets vor den Attacken der kubanischen Antikommunisten zu bewahren.
Amerikas Staatschef erfüllte damit ein Versprechen, das er Chruschtschow im Oktober 1962 geben mußte, damit der Sowjetpremier den Rückzug der sowjetischen Mittelstreckenraketen und Iljuschin-Bomber aus Kuba anordnete.
"Wir würden", so schrieb Kennedy damals auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise an Chruschtschow, "unter der Voraussetzung, daß die Uno die Erfüllung dieser Verpflichtungen (Demontage der Sowjetraketen) gewährleistet, damit einverstanden sein, die Quarantäne aufzuheben und Garantien gegen eine Invasion Kubas zu geben."
Diese Garantien waren jetzt fällig, wenn die Sowjet-Union den Abtransport ihrer auf Kuba stationierten Truppen in dem mit Washington vereinbarten Ausmaß fortsetzen sollte.
Die Initialen des US-Geheimdienstes CIA (Central Intelligence Agency) - der die Schweinebucht-Landung im April 1961 vorbereitet hatte - durften nicht länger, wie Kennedy-Kritiker witzelten, zugleich "Cuban Invasion Army" bedeuten. Das bekam vor allem "Alpha 66"-Chef Menoyo zu spüren. Ihm fehlen seitdem Geld, Waffen und seetüchtige Boote für weitere Kommando-Unternehmen.
Einer von Menoyos Kampfgefährten, Dagoverto Darias, klagte in Miami: "Erst wird uns untersagt, eine Exilregierung zu bilden, dann bekommen wir keine Arbeit, jetzt werden uns obendrein noch Angriffe auf Castro verboten. Es sieht ganz so aus, als ob Castro gewonnen hätte."
"Alpha 66"-Chef Menoyo
Gegen sowjetische Kuba-Frachter ...
... Krieg auf eigene Faust: Castro-Gegner in britischer Haft

DER SPIEGEL 15/1963
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