10.04.1963

BRECHTMacht nichts

Weil ihr das Stück ungeeignet erschien, "von jungen Menschen gesehen zu werden, die nicht zum mindesten das siebzehnte Lebensjahr vollendet haben", verschickte die Intendanz des Landestheaters Darmstadt ein Rundschreiben "für den nicht seltenen Fall, daß Abonnenten, die selber am Besuch einer Aufführung verhindert sind, ihre Kinder hinschicken wollen".
Denn es ging um Gier und Völlerei, um Wasserleichen und Leichenschändung, um, so der Autor, die "obszönen Wonnen des Fleisches" - um Bertolt Brechts erstes Bühnenstück "Baal", das letzten Donnerstag in Darmstadt neu aufgeführt wurde.
Es war die erste deutsche "Baal" Premiere nach 36 Jahren. Der 20jährige Direktorensohn, Medizinstudent und Weltkriegs-Sanitäter aus Augsburg, Bertolt Brecht, hatte das wüste Stück 1918 in wenigen Tagen niedergeschrieben.
Die Leipziger Uraufführung im Jahr 1923 provozierte ebenso wie die Berliner Aufführung 1926 einen Riesenskandal. Den Leipzigern war am Abend zuvor Ernst Tollers Krüppel-Tragödie Hinkemann" dargeboten worden, deren Held durch eine Weltkriegs-Kugel seine Virilität eingebüßt hat.
Brechts "Baal" zeigte das Gegenteil: einen potenten Gierhals und pathetischen Kraftmeier, einen Schnorrer und Pennbruder, der von einem panischen Glücksverlangen besessen ist ("Warum kann man nicht mit den Pflanzen schlafen?"), der in einer schäbigen Dachkammer berauschte Verse dichtet ("Jetzt mache ich den Sommer. Rot. Scharlachen. Gefräßig").
Gleich seinem Autor singt Baal in billigen Kneipen obszöne Lieder zur Klampfe. Hilflos und allein wie ein Tier verendet er zuletzt im Wald. Namensvorbild war der syrische Fruchtbarkeitsgott Baal, dessen Bild der frühreife Stückeschreiber Brecht in seiner Augsburger Dachstube sich übers Bett gehängt hatte.
So wenig lehrstückhaft die expressive Bühnenballade auch ist, der junge Noch-nicht-Kommunist Brecht hatte auch mit "Baal" bereits die redlich gehaßte Bourgeoisie zersetzen wollen. "Die Lebenskunst Baals", erläuterte Brecht 1954, "teilt das Geschick aller anderen Künste im Kapitalismus: sie wird befehdet. Er ist asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft."
Gleichzeitig übte Brecht aber auch Kritik an seinem von Marxisten wenig geschätzten Jugendwerk: "Ich gebe zu (und warne): dem Stück fehlt Weisheit."
Brechts Selbstkritik hat nicht verhindert, daß auch "Baal" im internationalen Brecht-Boom dieser Jahre wieder hervorgeholt wurde. Anfang Februar wurden Baals Kraftakte von dem englischen Schauspieler Peter O'Toole ("Lawrence of Arabia") im Londoner "Phoenix"-Theater vorgeführt. Brecht -Herold Kenneth Tynan verglich den Saufaus und Sex-Fex Baal mit Jack Kerouac und den Beatniks und philosophierte: "Seine Wurzeln gehen zurück auf Peer Gynt und seine Ableger erblühen bei Genet und Beckett."
Baals Triebe kamen jetzt auch in Darmstadt wieder ans Licht - allerdings beschnitten. Regisseur Hans Bauer strich etliche Passagen, die auch heute noch Anstoß erregen könnten. Die zwei Schwestern etwa, die gemeinsam in Baals Mansarde kommen, müssen sich nicht mehr darüber streiten, wer "zuerst muß". Diffuses Licht verschleiert den derben Realismus einiger Szenen, und die Bühnenkneipen sind keineswegs "schweinisch", wie Brecht vorschreibt, sie sind nur baufällig.
Bauers Vorsichtsmaßnahmen waren übertrieben. Brechts Wasserleichen -Poesie, in den zwanziger Jahren en vogue, wirkt heute lachhaft; sein Pansexualismus und seine Fäkalsprache, von modernen Romanen längst übertroffen, verfängt nicht mehr. Supermann Baal wurde mit zunehmendem Bühnenalter zur komischen Figur.
Baal in "Baal": "Das ist Papier. Aber es macht nichts."
Brechts "Baal" (Hans Dieter Zeidler) in Darmstadt: Trieb aus Papier

DER SPIEGEL 15/1963
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