17.04.1963

OPPENHEIMERDas Subjekt

Der Angeklagte, so urteilten die Richter, weise "grundlegende Charaktermängel" auf. "Seine Beziehungen zu Personen, die ihm als Kommunisten bekannt sind, haben sich weit über die tragbare Grenze von Vorsicht und Selbstbeherrschung erstreckt."
Angeklagt war Dr. Robert Oppenheimer: prominentester Atomphysiker der USA; Gründer der Bombenstadt Los Alamos und wissenschaftlicher Leiter des 4500 Mann starken Arbeitsteams, das die erste Atombombe der Welt entwickelte; Berater des amerikanischen Präsidenten, der Abwehrzentrale CIA und der Atomenergie-Kommission.
Und Mitglieder der Atomenergie -Kommission waren es, die über ihn zu Gericht saßen. Nach dreiwöchiger Untersuchung sprachen sie ihn schuldig. Oppenheimer, so fanden sie, sei ein "Sicherheitsrisiko" für das Land und dürfe fortan keinerlei Zugang zu Geheimnissen haben.
Am vorletzten Wochenende - fast auf den Tag neun Jahre, nachdem Oppenheimer zum erstenmal vor dem Untersuchungsausschuß der Atomenergie-Kommission hatte aussagen müssen - verlieh ihm eben jene Atomenergie-Kommission, freilich in neuer Besetzung, eine der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen: den mit 50 000 Dollar (200 000 Mark) dotierten Enrico -Fermi-Preist*.
Die Verleihung des Preises, der nur "mit Zustimmung des Präsidenten" vergeben wird, ließ offenbar werden, daß die langjährigen Bemühungen von Wissenschaftlern und Politikern um eine Rehabilitation Oppenheimers nun auch von der Regierung gestützt werden.
Denn fest steht, daß der Physiker keine Geheimnisse an die Sowjet-Union verraten hat oder verraten wollte. Oppenheimer wurde vielmehr Opfer der Hysterie, die der republikanische Senator und Kommunistenjäger Joseph McCarthy Anfang der fünfziger Jahre in den USA entfesselt hatte. Fast alles, was die Ankläger dem Wissenschaftler vorwarfen, war den Sicherheitsbehörden seit Jahren bekannt gewesen. Wie viele Intellektuelle in Amerika und Europa, hatte Oppenheimer in den dreißiger Jahren mit den Kommunisten sympathisiert. KP-Mitglied war er nie.
Schon im Mai 1943, noch bevor er Direktor der Atomstadt Los Alamos wurde, hatten die Sicherheitsbehörden die Spur des ehemaligen Kommunistenfreundes Oppenheimer aufgenommen. In einem umfangreichen Rapport an das Kriegsministerium in Washington empfahl Abwehr-Oberst Boris Pash, "das Subjekt" - wie er den Physiker im Polizeijargon nannte - sofort zu entlassen. General Groves jedoch, militärischer Chef des Atombomben-Projekts, setzte sich für Oppenheimer ein: "Er ist absolut unentbehrlich für das Unternehmen."
Oppenheimers überragende wissenschaftliche Fähigkeiten, sein Organisationstalent und vor allem sein Geschick im Umgang mit den eigenbrötlerischen Atomforschern (Groves: "Die größte Ansammlung unberechenbarer Narren") machten ihn zum "Vater der Atombombe", wie er später genannt wurde.
Aber der Begeisterung beim Bombenbau folgten die Gewissensbisse nach dem Bombardement von Hiroshima und Nagasaki. Die meisten Physiker lehnten es nun ab, weiterhin Bomben zu bauen. Eine kleine Gruppe unter Führung des Exil-Ungarn Edward Teller jedoch drängte darauf, die Wasserstoffbombe zu entwickeln.
Oppenheimer, der nach dem Kriege als Direktor von Los Alamos zurücktrat und zum berühmten "Institute for Advanced Study" in Princeton (US-Staat New Jersey) übersiedelte, entpuppte sich als stärkster Gegenspieler Tellers - obwohl er noch im Sommer 1945 die Entwicklung der Wasserstoffbombe befürwortet hatte. Und unter seinem Vorsitz lehnte ein neunköpfiges Gutachtergremium der Atomenergie -Kommission am 29. Oktober 1949 die Entwicklung der H-Bombe ab.
Denoch befahl Präsident Truman am 31. Januar 1950, ein Schwerpunktprogramm für den Bau der Wasserstoffbombe einzuleiten. Oppenheimer, vom Gewissen gepeinigt, plädierte weiterhin dagegen und bestärkte damit die Sicherheitsbehörden in ihrem alten Mißtrauen gegen ihn.
Im November 1953 war die Akte Oppenheimer, so wenigstens berichtete der Washingtoner Korrespondent der "New York Herald Tribune", Robert J. Donovan, zu einem eineinhalb Meter hohen Stapel angewachsen. Wenige Wochen später kam es zum Eklat. Der Vorsitzende der Atomenergie-Kommission überreichte dem "Vater der Atombombe" die Anklage: 23 Punkte bezogen sich auf Oppenheimers frühere Verbindungen zu Kommunisten; im letzten Punkt wurde dem Atomforscher vorgeworfen, sich dem Bau der Wasserstoffbombe "stark widersetzt" zu haben.
40 prominente Zeugen marschierten in dem Verfahren auf. Nur einer erklärte, Oppenheimer habe sich illoyal verhalten. Dennoch fand die Atomenergie-Kommission schließlich, Oppenheimer dürfe keinen Zugang mehr zu Staatsgeheimnissen haben.
Die Proteste zahlreicher Wissenschaftler blieben ergebnislos. Nachdem der Kommunistenjäger McCarthy 1957 gestorben war, setzten sich auch Politiker stärker für die Rehabilitation Oppenheimers ein. Aber erst im letzten Jahr wagte die Regierung eine Geste der Wiedergutmachung. Zu einem Festbankett, das zu Ehren - amerikanischer Nobelpreisträger gegeben wurde, lud Präsident Kennedy auch den nicht genobelten Oppenheimer ein.
Monatelang zögerte der Präsident mit dem nächsten Schritt. Doch nichts geschah, als Oppenheimer jetzt ausgezeichnet wurde. "Die Entscheidung, Dr. J. Robert Oppenheimer den Enrico-Fermi-Preis zu verleihen", meldete die "New York Times", "wurde in politischen Kreisen mit allgemeinem Stillschweigen begrüßt."
* Benannt nach dem Physiker und Nobelpreisträger Enrico Fermi, der 1942 In den
USA den ersten Atomreaktor baute.
Atomphysiker Oppenheimer
Nach neun Jahren rehabilitiert

DER SPIEGEL 16/1963
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