24.04.1963

NAHER OSTEN / VARZweiter Versuch

Über den Köpfen der jubelnden Menschen vor dem Präsidentschaftspalast in Kairo wehte, Rot-Weiß -Schwarz mit drei grünen Sternen, das Banner der neuen Vereinigten Arabischen Republik.
Begleitet vom rhythmischen Hupen der in die Menge eingekeilten Autos schrie es in endlosen Sprechchören aus Tausenden heiserer Kehlen: "Nas-ser, Nas-ser, Nas-ser!" und "Ahlan Bil Wehda - Willkommen, Union!"
Das Volk in den Straßen von Kairo, wie die Massen in Bagdad und Damaskus, feierte die Geburt des mächtigsten Staatsgebildes der modernen arabischen Geschichte, des neuen Bundesstaates VAR, bestehend aus Ägypten, Syrien und dem Irak.
Nach fünfwöchigen Verhandlungen hatten Ägyptens Staatspräsident Gamal Abd el-Nasser, der irakische Premier Ahmed Hassan el -Bakr und der Präsident des syrischen Revolutionsrats, Louay el-Attassi, in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche
im großen Saal des Kairoer Kubbeh -Palastes die Rahmenverfassung des neuen Staates paraphiert.
Mit einem Gebiet von 1,7 Millionen Quadratkilometern und fast 40 Millionen Einwohnern erstreckt sich die neue Vereinigte Arabische Republik von den Grenzen Libyens und des Sudan
bis zur Türkei und zum Indischen Ozean.
Um zu vermeiden, daß die neue VAR - wie 1961 ein erster VAR-Bund zwischen Syrien und Ägypten - an der Verkennung soziologischer Gegensätze zerbricht, war Nasser darauf bedacht, den einzelnen Gliedstaaten innere Verwaltungs-Autonomie sowie die Kontrolle über ihre Wirtschaft zu belassen.
Nach dem neuen Vertrag wird die Bundesregierung der neuen arabischen Föderation für die Außenpolitik, den Außenhandel, die Finanzen und die Verteidigung verantwortlich sein. Bundeshauptstadt ist Kairo.
Mitte September soll in den drei Gliedstaaten die Bundesverfassung in derselben Volksabstimmung gebilligt werden, mit der Nasser zum Präsidenten des neuen Staates gewählt werden soll. Erst dann kann die neue Vereinigte Arabische Republik offiziell proklamiert werden.
Angesichts des plötzlichen Machtzuwachses des Diktators am Nil zeigten sich selbst Nassers traditionelle Feinde versöhnlich. Jordaniens König Hussein, bevorzugte Zielscheibe Kairoer Propaganda und Komplotte, entließ in aller Stille 56 militante Nasser- und Baath -Anhänger aus seinen Festungskammern in Amman.
Zwölf der 50 Mitglieder im Legislaturrat Kuwaits beantragten den Anschluß an die neue VAR. Als vierter Bundesstaat soll in naher Zukunft der Jemen in die Föderation aufgenommen werden. Algerieris Regierungschef Ahmed Ben Bella, von Nasser in aller Form eingeladen, sein Land dem panarabischen Bund zuzuführen, lehnte zwar ab, kabelte jedoch überschwenglich zurück: "Dies ist der wundervollste Tag meines Lebens."
Beklommenheit aber herrschte in Israel. In ihrem gemeinsamen Kommuniqué hatten Nasser, el-Bakr und el -Attassi ein Hauptmotiv für ihren Drang nach arabischer Einheit unterstrichen: "die Situation in Palästina und die nationale Pflicht zur Befreiung" dieses Landes.
Zur Verwirklichung dieses Ziels wird Nasser als künftiger Oberbefehlshaber der neuen VAR über insgesamt 325 000 Soldaten verfügen.

DER SPIEGEL 17/1963
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NAHER OSTEN / VAR:
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