24.04.1963

„MEIN PIUS IST KEINE KARIKATUR“

SPIEGEL: Herr Hochhuth, Sie haben in Ihrem Stück "Der Stellvertreter" den Papst Pius XII. eines Verbrechens beschuldigt, und von katholischen Kritikern werden Sie deshalb als Rufmörder verdammt ...
HOCHHUTH: Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man mich so nennt.
SPIEGEL: Aha.
HOCHHUTH: Ich meine, ich muß es hinnehmen, ob es mir angenehm ist oder nicht. Soll ich dagegen gerichtlich vorgehen? Das wäre, doch lächerlich.
SPIEGEL: Nun, so ganz falsch ist diese Vokabel ja nicht Pius XII. stand in dem Ruf, im Zweiten Weltkrieg seine Pflicht getan zu haben, und Sie haben sich zum Ziel gesetzt, diesen Ruf zu zerstören.
HOCHHUTH: Das war allenfalls eine Nebenabsicht. Ich bin kein Historiker und habe deshalb auf diesem Sektor wirklich keinen Ehrgeiz. In erster Linie wollte ich ein Drama schreiben.
SPIEGEL: Nach Ansicht der katholischen Bischöfe, die Ihnen die seltene Ehre einer öffentlichen Kritik gaben ...
HOCHHUTH: Eine sehr zweifelhafte Ehre!
SPIEGEL: ... haben Sie das Andenken des Papstes "geschändet", nach Meinung der Katholischen Nachrichten -Agentur sogar Pius XII. für den Mord an sechs Millionen Juden mit verantwortlich gemacht.
HOCHHUTH: Gegen den Unsinn, den KNA verbreitete, habe ich dann doch protestieren müssen, wie Sie ja wissen.
SPIEGEL: Aber Sie halten es jedenfalls für verbrecherisch, daß Pius XII. zu den Judenmorden geschwiegen hat?
HOCHHUTH: Ja. Als Stellvertreter Christi durfte er nicht schweigen.
SPIEGEL: Haben Sie schon mit dem katholischen Proteststurm gerechnet, als Sie im stillen Kämmerchen Ihr Theaterstück schrieben?
HOCHHUTH: Wenn man an solch einer Sache arbeitet, rechnet man gar nicht in dem Maße mit der Öffentlichkeit und fragt sich auch gar nicht, wie das wirken könnte.
SPIEGEL: Haben Sie nicht gezögert, den Papst auf die Bühne zu bringen?
HOCHHUTH: Doch, ich habe es mir sehr lange überlegt. Freunde haben mir abgeraten, zumal es ja Stücke gibt, in denen Leute, die eigentlich eine große "Rolle" spielen, überhaupt nicht auftreten. Der König von Preußen in "Minna von Barnhelm" zum Beispiel. Ich habe mir aber dann gesagt: Erstens ist Pius XII. eine Figur des öffentlichen Lebens, warum soll er nicht einmal auf die Bühne?
SPIEGEL: Ja, warum nicht? Es gibt keinen Grund dagegen.
HOCHHUTH: Zweitens wäre eine Vorzimmer-Szene, eine Szene, in der Riccardo nur bis ins Vorzimmer des Papstes gelangt, gefährlich gewesen. Viele hätten gesagt: Das ist genau wie bei uns, der Führer hat es nicht gewußt, der Papst hat es auch nicht gewußt.
SPIEGEL: Kein ernst zu nehmender Katholik hat je behauptet, Pius XII. habe von den Judenverfolgungen nichts gewußt.
HOCHHUTH: Es könnte sich trotzdem eine Legende bilden. Und drittens ist Pius XII. eine äußerst interessante und vielschichtige Figur, ein faszinierender Charakter, der jeden Autor reizen muß.
SPIEGEL: Sie sind dagegen, daß Pius XII. heiliggesprochen wird, wie Ihrem Buch zu entnehmen ist.
HOCHHUTH: Ich habe nicht die geringste Illusion, daß ich da mit meinem Stück irgend etwas bewirke. Es ist mir auch gleichgültig, ob sie ihn heilig- oder seligsprechen. Allerdings bin ich überzeugt, daß man sich diesen Plan noch sehr lange überlegen wird.
SPIEGEL: So?
HOCHHUTH: Als ich im Sommer 1959 nach Rom, in den Vatikan, kam, war ich sehr überrascht, wie weit die Gestalt des erst im Jahr vorher verstorbenen Pius hinter der gewinnenden Gestalt seines Nachfolgers Johannes schon zurückgetreten war. Auch in den Andenkenläden.
SPIEGEL: Ah ja.
HOCHHUTH: Verschiedene Leute, mit denen ich sprach, wiesen den Verdacht weit von sich, Pius XII. werde demnächst heiliggesprochen.
SPIEGEL: "Demnächst" kann das ja ohnehin nicht geschehen, denn erst müßte er seliggesprochen werden.
HOCHHUTH: Natürlich.
SPIEGEL: Damals, im Sommer 1959, haben Sie also an Ort und Stelle Quellenforschung getrieben. Im Vatikan kann sich allerdings niemand daran erinnern, Sie je in den Archiven oder anderswo gesehen zu haben.
HOCHHUTH: Ich habe auf der ersten Seite des Anhangs zu meinem Stück klar gesagt, daß ich im Vatikan das Archiv niemals betreten durfte.
SPIEGEL: Die Archive des Vatikans, zumindest soweit sie Dokumente der Zeit nach 1846 enthalten, bleiben auch den meisten Berufshistorikern verschlossen.
HOCHHUTH: Daran sieht man, daß es dem höheren Klerus nicht um die historische Wahrheit, sondern offensichtlich um die Reputation der Firma geht.
SPIEGEL: In den Archiven waren Sie also nicht. Aber Sie hatten offenbar sonst im Vatikan guten Kontakt gefunden, dank der Hilfe eines Prälaten, den Sie mehrfach erwähnen. War es so?
HOCHHUTH: Ich muß ganz offen sagen, darüber möchte ich gar nichts sagen.
SPIEGEL: Hm.
HOCHHUTH: Wenn es den Damen und Herren, mit denen ich dort gesprochen habe, gleichgültig wäre, ob ihre Namen genannt werden oder nicht, dann hätten sie sich ja inzwischen selbst zu Wort melden können.
SPIEGEL: Sie meinen, daß Ihre Gewährsleute Repressalien befürchten müssen?
HOCHHUTH: Das halte ich für möglich.
SPIEGEL: Sie sprachen von "Damen und Herren". Bezieht sich das ...
HOCHHUTH: Sie werden schon zu speziell.
SPIEGEL: ... auf den Vatikan?
HOCHHUTH: Sagen wir: auf Rom. Ich habe niemals behauptet, daß ich im Vatikan "geheime Quellen" entdeckt habe. Ich stütze mich in meinem Stück fast ausschließlich auf Dokumente, die schon in Buchform in deutscher Sprache veröffentlicht wurden.
SPIEGEL: Also hätten Sie, wenn Sie nicht in Rom, im Vatikan gewesen wären, Ihr Schauspiel genauso schreiben können, wie Sie es geschrieben haben - mit denselben Quellen?
HOCHHUTH: Mit denselben Quellen schon, ja. Im übrigen aber wäre es für mich ganz unmöglich gewesen, das Stück zu schreiben, ohne in Rom gewesen zu sein - einfach aus Gründen der Atmosphäre. Um zu wissen, wie sich ein Kardinal oder ein Bischof bewegt, wie ein Prälat spricht, mußte ich die Atmosphäre im Vatikan kennenlernen. Außerdem habe ich ja viele Augenzeugen der Ereignisse des Jahres 1943 in Rom befragt.
SPIEGEL: Wenn wir Sie recht verstehen, haben Sie also in Rom mehr atmosphärische Details gesammelt, als ...
HOCHHUTH: Ich war drei Monate dort und habe mir auch zeigen lassen, wo damals die Juden versteckt wurden, wie die Häuser aussahen, die Dachgärten und so weiter. Das brauchte ich für eine dramatische Szene, die in einem Modesalon unter einem Dachgarten spielt.
SPIEGEL: Diese Szene ist aber nicht im Stück.
HOCHHUTH: Die habe ich später wieder gestrichen. Aber das Stück enthält ja andere Szenen in Rom und im Vatikan, die Sie aus dem Buch und teilweise aus der Berliner Aufführung kennen. Ich hätte sie nicht schreiben können, wenn ich nicht an Ort und Stelle gewesen wäre.
SPIEGEL: Zeitgeschichtlich relevante Details haben Sie demnach in Rom weniger gesucht?
HOCHHUTH: Ich habe natürlich in den Gesprächen zuerst immer gefragt: Wie war das damals? Warum hat der Papst nicht öffentlich protestiert? Was waren die Gründe? Ich habe auf diese Weise mehr erfahren, als ich nur aus den Büchern hätte sammeln können. Aber jedenfalls habe ich keine Briefe oder Fernschreiben oder Aktennotizen gefunden, wenn Sie das meinen.
SPIEGEL: Haben Sie denn auch Priester oder "Damen und Herren", wie Sie sagen, getroffen, die über Pius XII. so streng denken wie Sie?
HOCHHUTH: Es ist merkwürdig, daß gerade die Juden in Rom der Meinung sind, der Papst habe sehr viel für sie getan.
SPIEGEL: Hat er ja auch.
HOCHHUTH: Ja, die wenigen Juden, die überlebt haben, gehen häufig von eigenen Erlebnissen aus, denn tatsächlich wurden damals sehr viele in den Klöstern versteckt und dadurch gerettet. Die Deportierten, für die etwas zu tun Pius sich geweigert hat, kann man allerdings nicht mehr befragen.
SPIEGEL: Sie haben einige Male erwähnt, Ihnen sei eine einstündige Audienz im Staatssekretariat des Vatikans gewährt worden. Darüber können und wollen Sie uns auch nichts sagen?
HOCHHUTH: Nein.
SPIEGEL: Waren Sie beim Kardinalstaatssekretär oder im Staatssekretariat?
HOCHHUTH: Ich war im Staatssekretariat. Mehr sage ich darüber nicht.
SPIEGEL: Herr Hochhuth, im Journalismus gibt es den Begriff der Sorgfaltspflicht; es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um die Tatsachen so genau wie möglich zu ermitteln. Zur Sorgfaltspflicht bei Ihren römischen Recherchen müßten eigentlich intensive Bemühungen gehört haben, mit dem Jesuitenpater Leiber Kontakt zu bekommen. Er gilt ja, da er im Kriege Privatsekretär bei Pius XII. war, als intimster lebender Kenner der Materie.
HOCHHUTH: Als ich damals in Rom war, fragte ich nach Pater Leiber in seinem Kolleg. Mir wurde dort gesagt, er sei in St. Blasien.
SPIEGEL: Haben Sie ihm geschrieben?
HOCHHUTH: Nein. Pater Leiber ist sicherlich der bestorientierte, zugleich aber auch ein befangener Experte. Ich habe mir von einem namhaften Zeithistoriker sagen lassen, daß viele Beteiligte der Zeitgeschichte nach zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren ganz andere Darstellungen geben als früher in ihren Tagebüchern. Gerade die Beteiligten sind sehr befangen. Pater Leiber ist gegenüber seinem ehemaligen Chef so ritterlich, wie sich das gehört.
SPIEGEL: Sie brauchten ja Leiber nicht unkritisch anzuhören.
HOCHHUTH: Ich hätte Pater Leiber bestimmt noch aufgesucht, wenn er nicht in den "Stimmen der Zeit" zwei umfangreiche Aufsätze zu meinem Thema geschrieben hätte - Aufsätze, denen er auch jetzt, nach Erscheinen des "Stellvertreters", sachlich nichts hinzuzufügen hat.
SPIEGEL: Diese Leiber-Aufsätze gehörten also zu dem bereits publizierten Material, das Sie hauptsächlich benutzten?
HOCHHUTH: Ja. Neben den Bänden von Poliakov/Wulf war Reitlingers "Endlösung" die Hauptquelle. Von diesem Werk sagt man heute, es habe viele Fehler und sei stellenweise überholt.
SPIEGEL: Das ist die herrschende Meinung.
HOCHHUTH: Weiterhin bleibt es aber meines Erachtens das Standardwerk zu diesem Thema. Ich meine, Mommsens "Römische Geschichte" ist auch überholt, und trotzdem ist es immer noch die Römische Geschichte.
SPIEGEL: Ein schmeichelhafter Vergleich für Reitlinger.
HOCHHUTH: Ich habe mich auch auf bislang unveröffentlichte Quellen, allerdings nur wenige, gestützt, vor allem auf Dokumente aus den Nürnberger Prozessen gegen den früheren deutschen Botschafter beim Vatikan von Weizsäcker und gegen Krupp.
SPIEGEL: Sie haben also die einschlägige Literatur gründlich studiert. Aber mancher Materialien haben Sie sich doch vielleicht etwas willkürlich bedient.
HOCHHUTH: Das müßten Sie mir schon beweisen.
SPIEGEL: Das Motto von Francois Mauriac, das Sie Ihrem Stück voranstellen, haben Sie doch wohl - entschuldigen Sie das harte Wort - verfälscht.
HOCHHUTH: Na, na!
SPIEGEL: Das vollständige Zitat besteht aus drei Sätzen; im ersten bedauert Mauriac, daß der Papst nicht eindeutig die Morde an den Juden verurteilt hat. Im zweiten Satz verweist er auf die "entsetzliche Pflicht, (durch Schweigen) schlimmeres Übel zu verhüten". Im dritten sagt er, daß trotzdem das Verbrechen auf alle Zeugen zurückfällt, die geschwiegen haben. Den zweiten Satz, der die Frage der Verantwortung modifiziert, haben Sie in Ihrem Buch ausgelassen und durch drei Punkte ersetzt.
HOCHHUTH: Konnte man damals durch Schweigen noch "schlimmeres übel verhüten"? Die Juden in den Waggons waren sicher anderer Meinung.
SPIEGEL: Sehr wahrscheinlich. Aber Mauriac wollte doch offensichtlich etwas anderes sagen als Sie. Und Sie erwecken nun den Eindruck: Mauriac und Hochhuth stimmen überein. Das ist einfach nicht wahr.
HOCHHUTH (schreibt einen Merkzettel): Gut, das soll in der nächsten Ausgabe geändert werden, das Zitat soll komplett gedruckt werden, ich werde das bei Rowohlt veranlassen. Der dritte Satz bleibt aber eindeutig das Resümee der Betrachtung Mauriacs.
SPIEGEL: Dem Papst widerfährt ähnliches Ungemach. Wer Ihr Stück liest oder sieht, gewinnt den Eindruck, daß gegen die Verfolgung der Juden nur einmal, im "Osservatore Romano", protestiert wurde. So war es ja nun doch nicht.
HOCHHUTH: Sie spielen auf die Weihnachtsbotschaft des Papstes, 1942, und auf seine Rede vor den Kardinälen, 1943, an?
SPIEGEL: Ja. Immerhin spricht Pius XII. in der Weihnachtsbotschaft davon, daß Menschen ohne eigene Schuld, nur wegen ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung verfolgt werden.
HOCHHUTH: Ich bin der Ansicht, und nicht nur ich allein, daß die beiden päpstlichen Stellungnahmen, auf die Sie hinweisen, damals ebenso unverbindlich wirken mußten wie der Artikel im "Osservatore". Natürlich war der Papst kein Antisemit. Wenn ihm aber tatsächlich die Rettung der Juden so sehr am Herzen gelegen hätte, würde er dann nicht das heikle Wort Jude hier einmal offen ausgesprochen haben? Das hat er nie getan, obwohl er sehr exakt und unverschlüsselt sprechen konnte, wenn er wollte. Zum Beispiel, was Bombardements betraf.
SPIEGEL: In Ihrem Drama fügen Sie viele negative Einzelheiten zu einem negativen Gesamtbild des Papstes. Das können Sie tun, nur dürften Sie sich dann vielleicht nicht unbedingt auf "Quellen" berufen, sondern mehr auf Ihre dichterische Freiheit.
HOCHHUTH: Ich muß Ihnen wiederum widersprechen. Ich kann mich mit Recht auf meine Quellen berufen, und ich zeichne auch kein völlig negatives Bild. Welche negativen Einzelheiten meinen Sie denn?
SPIEGEL: Pointieren Sie nicht das Interesse des Heiligen Vaters an den Finanzgeschäften des Vatikans zu stark?
HOCHHUTH: Man darf nicht vergessen, daß ich in derselben Szene den Papst auch sagen lasse, er sei bereit, den Juden Roms mit sehr viel Gold zu helfen.
SPIEGEL: Das eine hebt das andere auf?
HOCHHUTH: Mindestens zeige ich Pius XII. unter diesem Aspekt nicht einseitig.
SPIEGEL: Ihr Pius wäscht sich die Hände, nachdem er abgelehnt hat, deutlich gegen die Judenverfolgung zu protestieren - die Pilatus-Parallele drängt sich auf. Pius XII. erscheint bei Ihnen als ein wehleidiger Ästhet, der das Unangenehme von sich schiebt. Er wirkt im ganzen fast schön als Karikatur.
HOCHHUTH: Der Pius in meinem Stück ist ganz gewiß keine Karikatur. Ich muß einfach davon ausgehen, daß in jenen Tagen, als vor der Haustür des Papstes die Juden zusammengetrieben wurden, der Vatikan sich mit jenem schwammigen, nichtssagenden Artikel im "Osservatore Romano" begnügte. Das war eben, um es deutlich zu sagen, etwas außerordentlich Ekelhaftes. Wenn in dieser Situation meines Schauspiels der Papst eindeutig negativ erscheint, dann ist das seine, nicht meine Schuld. Aber auch dem primitivsten Leser meines Stückes wird doch wohl klar, daß Pius XII. die Hetzjagd auf die Juden ablehnt. Mehr noch: Ich lasse ihn auch die bedeutsamen und schwerwiegenden und verständlichen Beweggründe für sein Schweigen so überzeugend wie möglich darlegen.
SPIEGEL: Wirklich?
HOCHHUTH: Ja, ich lasse ihn die Besorgnis äußern, Stalin könne in Europa das Erbe Hitlers antreten. Als Papst mußte ihn das berechtigterweise mit größter Besorgnis erfüllen. Er war in dieser Beziehung weitsichtiger als Roosevelt. Daß Pius XII. den Kommunismus für die größere Gefahr hielt, kann sein Schweigen erklären, aber natürlich nicht entschuldigen.
SPIEGEL: Man könnte bei der Lektüre Ihres Stückes den Eindruck haben, daß auch diese Äußerungen den Papst nur in einem negativen Sinne kennzeichnen sollen.
HOCHHUTH: Das wäre sehr bedauerlich, aber wie soll man sich gegen Fehlinterpretationen wehren?
SPIEGEL: Der elfte Pius beobachtete "mit brennender Sorge" - so die Anfangsworte seiner Enzyklika von 1937 die Entwicklung des Nationalsozialismus in Deutschland, der zwölfte Pius in Ihrem Stück ist von "brennender Sorge" um Fabriken, Kraftwerke, Bahnhöfe und Talsperren und auch um die Finanzen des Vatikans erfüllt. Sie haben da doch wohl die Worte "mit brennender Sorge" absichtlich in einen ganz anderen Zusammenhang gestellt.
HOCHHUTH: Das ist halb und halb absichtlich geschehen. In erster Linie ist es eine stilistische Frage. Soll man die Leute in Versen oder in freien Rhythmen oder in stark rhythmisierter Prosa sprechen lassen? Wer mehrfach mit höheren Geistlichen gesprochen hat, der weiß, daß sie nicht Prosa, sondern stilisiert sprechen.
SPIEGEL: Aha.
HOCHHUTH: Die beiden ersten Zeilen, die ich den Papst sagen lasse, sind Hexameter. Da paßten die feierlichen Worte aus der Enzyklika gut hinein.
SPIEGEL: Sie wollten also die Gründe des Papstes für sein Schweigen möglichst plausibel machen?
HOCHHUTH: Ich wollte deutlich machen, daß der Papst vor lauter Diplomatie, zu der er natürlich auch verpflichtet war, seine christlichen Pflichten vernachlässigt hat. Er hätte beides wahrnehmen müssen, seine diplomatischen und christlichen Pflichten.
SPIEGEL: Mußte Pius XII. bei einem lauten Protest nicht um die zahlreichen Juden fürchten, die in den Klöstern in und um Rom Zuflucht gefunden hatten?
HOCHHUTH: Ich glaube nicht, daß die SS die Klöster gestürmt hätte. Hitler war nicht der Amokläufer um jeden Preis, zu dem man ihn heute macht.
SPIEGEL: Herr Hochhuth, Sie wollen Pius XII. nicht einseitig negativ dargestellt haben. Welches sind denn, Ihrer Meinung nach, die positiven Leistungen Pius' XII.?
HOCHHUTH: Erstens hat Pius XII. die äußere Macht der Kirche ganz ungewöhnlich verstärkt. Zweitens hat er die Kirche nahezu schadlos durch die Stürme des Zweiten Weltkriegs geführt.
SPIEGEL: Aber das werfen Sie ihm im Stück doch gerade vor.
HOCHHUTH: Nein, das werfe ich ihm nicht vor, sondern ich sage im Stück, daß diesem Punkt seine Hauptsorge galt und daß er darüber seine Pflicht als Stellvertreter Christi vernachlässigt hat.
SPIEGEL: Wir würden gern wissen, was aus der Sicht des Protestanten Hochhuth für Pius XII. spricht.
HOCHHUTH: Auch für Protestanten ist es ein Positivum, daß der Papst die Kirche nahezu völlig ungeschoren durch den Zweiten Weltkrieg geschleust hat. Pius XII. hat es ferner verstanden, in einer Zeit der zunehmenden Säkularisierung den Blick der Zeitgenossen auf die Kirche zu richten. Das ist ihm zweifellos nur deshalb geglückt, weil er sich modernster propagandistischer Mittel bedient hat.
SPIEGEL: In Ihrem Buch kritisieren Sie, daß Pius XII. sich für einen Film über den Vatikan schminken ließ.
HOCHHUTH: Das habe ich nicht kritisiert, sondern festgestellt. Ich finde aber, wenn man hinnimmt, daß ein Papst sich filmen, sich 100 000fach photographieren läßt, dann darf man mir nicht übelnehmen, daß ich Pius XII. persönlich auf die Bühne bringe.
SPIEGEL: Was Sie eben für Pius XII. vorgebracht haben - haben Sie das nicht doch sozusagen nur als Advokat der Kirche gesagt?
HOCHHUTH: Als Protestant bin ich natürlich ein schlechter Advokat der katholischen Kirche. Es ist ohnehin ein Schönheitsfehler, daß ich nicht katholisch bin. Eigentlich kann man Pius XII. nur gerecht beurteilen aus der Sicht der katholischen Kirche.
SPIEGEL: Das spräche gegen Ihr Stück. Aber wir meinen, daß man die Beurteilung der Päpste heutzutage nicht der Kirche allein zu überlassen braucht.
HOCHHUTH: Dann hätte ich das Stück ja auch gar nicht schreiben dürfen. Aber man muß sich natürlich darum bemühen, den katholischen Standpunkt völlig zu verstehen.
SPIEGEL: Und das haben Sie getan?
HOCHHUTH: Ganz gewiß. Viele Zuschauer in Berlin, zum Beispiel auch Hans Werner Richter und Günter Graß, haben den Autor des "Stellvertreters" für einen Katholiken gehalten.
SPIEGEL: Sie sehen also auch nach all dem, was Ihre katholischen Kritiker inzwischen zur Rechtfertigung von Pius XII. vorgebracht haben, keinen Grund, an Ihrem Stück etwas zu ändern?
HOCHHUTH: Nein, in keiner Weise.
SPIEGEL: Herr Hochhuth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Hochhuth (l.) bcim SPIEGEL-Gespräch in seiner Gütersloher Wohnung*
Pacelli-Vorgänger Pius XI.
"Brennende Sorge"
Pacelli-Nachfolger Johannes XXIII.
"Gewinnende Gestalt"
* Mit SPIEGEL-Redakteur Rolf Becker.

DER SPIEGEL 17/1963
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