08.05.1963

PANZERBrigade Quandt

Für den 20. Mai hat Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel die Mitglieder des Bonner Verteidigungsausschusses zu einer Landpartie nach Munsterlager in der Lüneburger Heide eingeladen. Die Parlamentarier sollen dort das jüngste Prunkstück deutscher Waffenschmiede kennenlernen: den ersten Nachkriegspanzer eigener Konstruktion.
Mit diesem Raupenfahrzeug schiebt sich zugleich eine vertraute, wenn auch in Westdeutschland jahrelang verfemte Erscheinung wieder ins Bild: der Drang der Industrie nach massiven Rüstungsaufträgen. Die Zeit, da ein Verzicht auf die Herstellung von schwerem Kriegsmaterial durch immer höhere Umsätze in friedlichen Produkten belohnt wurde, neigt sich im widrigen Konjunkturwind dem Ende zu.
Da zugleich auch der Devisenhort des Bundes zusehends schmilzt, herrscht zwischen dem Verteidigungsministerium und der rüstungswilligen Industrie schon heute Einigkeit, daß die Bundeswehr mit dem westdeutschen Panzer versehen wird. Die noch ausstehende Vergleichserprobung mit dem leichteren französischen Konkurrenzprodukt wird an dem deutschen Entschluß zur Selbstversorgung kaum etwas ändern.
Als freilich Franz-Josef Strauß mit seinem französischen Amtsbruder Guillaumat Ende 1958 die gemeinsame Entwicklung eines Europa-Panzers verabredete, der die langsam veraltenden, von Amerika gelieferten Panzer M 47 und M 48 ablösen sollte, war noch an spätere gemeinschaftliche Produktion gedacht. Deutsche und Franzosen sollten je drei verschiedene Ausführungen eines 36-Tonnen-Panzers entwickeln und sich später für einen davon entscheiden. Falls die französischen Militärplaner einen deutschen Panzer akzeptierten, sollten sie rund 500 Stück in Lizenz bauen.
Mit Schwung ging die+ deutsche Industrie zu Werk. Gleich zwei Firmengruppen stürzten sich unabhängig voneinander auf das Projekt. Altvertraute Rüstungsveteranen boten ihre guten Dienste an. In der Firmengruppe " werkelten Porsche, die Maschinenfabriken Luther & Jordan, die Lokomotivfabrik Jung und die zur Hugo Stinnes Persönlich GmbH gehörende MAK Maschinenbau Kiel (früher Holmag). Das Management dieser Gruppe fiel alsbald dem Industrie-Imperium Harald Quandts
zu.
Zur Gruppe "B" schlossen sich die rüstungserprobten Firmen Rheinstahl Hanomag, Ruhrstahl und Henschel zusammen. Der Konstruktion des Zehn -Zylinder-Allstoff-Motors für beide Konkurrenzversionen nahm sich die Daimler-Benz AG an, bei der neben Friedrich-Flick auch Harald Quandt eine Beteiligung hält.
Um für die spätere Auftragserteilung in günstiger Position zu sein, konzentrierte ^Daimler-General Hitzingel die Schwermotoren-Produktion seines Werkes. Nachdem er zuvor schon eine Beteiligung an der Friedrichshafener Maybach Motorenbau erworben hatte, kaufte er Anfang dieses Jahres 50 Prozent der ebenfalls am Bodensee beheimateten, bis dahin zum Mannesmann -Konzern gehörenden Firma Porsche -Diesel auf.
Im Mai 1961 traf Strauß eine Entscheidung, die den deutsch-französischen Gemeinschaftspanzer praktisch erledigte: Er sagte den devisenschwachen Engländern zu, die deutsche Version des Panzers mit einer britischen 105-mm-Kanone auszustatten. Befriedigt konstatierte Englands damaliger Verteidigungsminister Watkinson, ein Bonner Auftrag über 200 Panzerkanonen werde bald, über 300 weitere später erteilt. Die Abnahme weiterer 2000 Stück stehe in Aussicht.
Zur gleichen Zeit hatten die Franzosen ihr Europa-Gefährt mit einer einheimischen 90-mm-Kanone bestückt. Diese leichtere Kanone erlaubte es den Franzosen auch, einen leichteren Kampfwagen zu konstruieren. Der französische Benzinmotor hat ebenfalls geringeres Gewicht als das Allstoffmodell von Daimler-Benz, ist allerdings technisch weniger befriedigend.
Deutsche Panzerkanoniere übten letztes Jahr auf dem englischen Truppenübungsplatz Castlemartin bereits an den 105-mm-Kanonen. Die Franzosen schossen sich zu Hause mit ihrem Kriegsgerät ein.
Als Verteidigungsminister von Hassel zum ersten Truppenbesuch Mitte Februar dieses Jahres nach Munsterlager kam, waren die Würfel praktisch gefallen. Die ersten Erprobungsberichte der Truppe hatten trotz einiger Mängel der Zieloptik (sie genügt noch nicht der großen Reichweite der englischen Kanone) und trotz des hohen Gewichts der Panzer (40 statt 36 Tonnen) den Ausschlag gegeben. In fünf bis sechs Jahren werde, so ließ sich der prominente Besucher vernehmen, die Bundeswehr auf den neuen Panzer umgerüstet sein. Beleidigt schlossen die Franzosen das Visier.
Auch die Tank-Experten der Bundeswehr waren nicht einmütig zufrieden. Vor allem wurde bemängelt, daß der Panzer,bereits nach nur ungenügender Probezeit produziert werden solle. Andere erhoben den Einwand, daß der neue westdeutsche Panzer nicht voll tauchfähig ist.
Einen hochmodernen Panzer, der voll schwimmfähig sein sollte, hatten die Amerikaner ursprünglich gemeinsam mit den europäischen Nato-Verbündeten entwickeln wollen. Dieses Projekt hätte überdies, anders als ein deutscher Eigenbau, die für den Ernstfall entscheidend wichtige Nachlieferung von Ersatzteilen und möglicherweise eine Aufrechterhaltung der Produktion auch im Kriege gestattet.
Unbeschwert von solchen Überlegungen konnten die bundesdeutschen Panzerschmiede ihren Erfolg genießen. Sieger war die Firmengruppe "A" geblieben, deren Typ noch einige Schnörkel aus dem Entwicklungsergebnis-der unterlegenen Gruppe "B" aufgesetzt worden waren.
Zielstrebig suchte Gruppen-Manager Quandt nach geeignetem Gelände, um den bevorstehenden Mammutauftrag auch sicher in die Scheuer fahren, zu können. Auf dem verwaisten Hamburger Werftgelände des untergegangenen Schiffers Schlicker in Steinwerder will Quandt künftig den Bundes-Tank zusammenbauen.
Hamburgs SPD-Bürgermeister Nevermann applaudierte gedämpft: "Politisch gesehen ist es bedauerlich, daß Hamburg nach solchen Lückenbüßern ... greifen muß. (Aber) wenn Panzer gebaut werden müssen, dann ist dieser Auftrag in Hamburg gut zu gebrauchen."
Brauchbar ist der Auftrag auch für die Brigade Quandt: Er wird mindestens 1500 Panzer zu je einer Million Mark umfassen.
Angelockt von soviel Kasse bewarben sich eilig weitere Firmen um Aufnahme in den Milliarden-Klub, so - unter anderen die bayrische Firma Krauss -Maffei, deren Kapital zu 60 Prozent
den Buderuswerken gehört. Diese sind ihrerseits zu ebenfalls 60 Prozent in Händen der Flick-Gruppe.
- Sollten die Bayern Erfolg haben, dann wäre Konzernherr Flick
- über die Auto-Union am Bau des
Jeeps,
- über Daimler-Benz an der Fertigung
- des Bundeswehr-Unimog, des Fünftonnen-Lkw sowie des Panzermotors und
- über Krauss-Maffei am Bau des Panzerchassis beteiligt.
Doch auch die Firmengruppe "B" braucht nicht zu trauern., Rheinstahl Hanomag und Henschel haben bereits die Erprobungsserie des ersten deutschen Schützenpanzers so weit vorangetrieben, daß sie in Kürze mit dem Auftrag aus Bonn rechnen können.
Dieses Fahrzeug soll, etwas abgeändert, auch als Kanonen-Jagd-Panzer dazu dienen, die bislang nicht voll befriedigende Panzerabwehr des Bundesheeres zu verstärken. Der Kanonen -Jagd-Panzer hat, im Unterschied zum normalen Panzer, ein starr eingebautes Geschütz, so daß mit dem ganzen Fahrzeug gerichtet werden muß.
Der Preis für dieses Gefährt (Schützenpanzer und Kanonen-Jagd-Panzer) wird zwar niedriger liegen, dafür aber werden möglicherweise noch größere Stückzahlen benötigt als beim Panzer, so daß der Auftrag dem Panzerkontrakt nicht viel nachstehen wird.
Westdeutscher 40-Tonnen-Panzer: Die Franzosen schlossen das Visier
Panzer-Interessent Flick Mit Daimler-Benz-Motoren ...
Panzer-Produzent Quandt
... in fünf Jahren ...
Bundeswehr-Inspizient Heye
... eine schlagkräftige Truppe

DER SPIEGEL 19/1963
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