08.05.1963

GUTE UND SCHLECHTE KATHOLIKEN?

Ein Versuch über den deutschen Katholizismus, von jemandem verfaßt, der nicht gerade als Beauftragter des Zentralkomitees deutscher Katholiken gelten kann, ist von vornherein in Gefahr, in einem bestimmten Fach abgelegt zu werden. Der Titel: Die Kapitulation, dazu ein Nachwort von mir, der ich in diesem Buch einige Male zitiert werde, schon hört man die offiziösen Nachtigallen ihr Lied anstimmen von den bösen Buben, die einander die Stange halten. Nun, sie haben recht: ich halte Carl Amery die Stange.
Die Grundstimmung dieses kleinen Buches ist Melancholie, noch nicht Resignation, und es steht fast allein gegen einen aufgeblähten, publizistischen Apparat, wie er dem deutschen Katholizismus zur Verfügung steht: Amerys Buch ist unerbittlich, genau In seiner historischen Analyse, aber nicht unversöhnlich, es ist fair - und steht einem Apparat gegenüber, dem Fairneß nicht die vertrauteste aller Vokabeln ist.
Das Buch eines deutschen Katholiken über den deutschen Katholizismus, dazu bedarf es einiger Vorbemerkungen. Was ein deutscher Katholik ist, läßt sich einigermaßen klar definieren: wer katholisch getauft, nicht exkommuniziert ist, seiner deutschen Staatsangehörigkeit nicht verlustig ging oder sich ihrer entledigte. Der deutsche Katholizismus, wie er hier verstanden wird, existiert in Gremien, Komitees, auf Konferenzen. Es gibt nicht die Einheit: deutsche Katholiken - deutscher Katholizismus; gäbe es sie, dann hätte Reinhold Schneider auf einem Katholikentag seine Rede gegen die Wiederaufrüstung halten dürfen.
An keiner Person besser als an der Reinhold Schneiders läßt sich nachweisen, wie schnöde der deutsche Katholizismus an deutschen Katholiken zu handeln vermag. Reinhold Schneider hatte alles, was "man" sich nur wünschen konnte: Er war auf eine ritterliche Weise konservativ, er war ein Dichter des inneren Widerstands, gelobt, geehrt und vorgezeigt, als er aber die ersten Anzeichen der Kapitulation des deutschen Katholizismus vor dem Nachkriegsopportunismus angriff, zeigte sich, welcher Natur seine Partner gewesen waren: er wurde denunziert und diffamiert ...
Der deutsche Katholizismus äußert sich nie offiziell oder gar ex officio, immer nur offiziös, in Kirchenzeitungen, katholischen Tageszeitungen oder durch die KNA. Das Wort offiziös bezeichnet den zweideutigen Zustand genau, man legt sich nicht fest, drückt doch aus, was man ausdrücken möchte und was doch als offiziell empfunden wird: daß es gute und schlechte deutsche Katholiken gibt. Die guten ins Töpfchen "deutscher Katholizismus", die schlechten ins Kröpfchen und der KNA zum Fraß. Wer bei der Aussortierung in gute und schlechte Katholiken das Aschenputtel spielt, weiß niemand genau.
Peinlich ist natürlich, daß man auch den schlechten Katholiken die beiden Eigenschaften, deutsch und katholisch zu sein, nicht absprechen kann.
Es geht in Carl Amerys Buch nicht darum, ein paar Außenseiter, Individualisten und Sektierer gegen den gelegentlich unbarmherzigen deutschen Katholizismus zu verteidigen, es geht um mehr, fast ums Ganze, es geht darum, den deutschen Katholizismus von seiner Schizophrenie zu heilen. Reinhold Schneiders "Fehltritt" war ein politischer, kein religiöser - kein Oberhirte hat Reinhold Schneider öffentlich in Schutz genommen.
Als Herr Dr. Roegele sich gegen die Verleihung des päpstlichen Ordens an Franz von Papen wehrte, hätte es ihn fast die Chefredaktion des Rheinischen Merkur gekostet. Schnöde Welt mit schnöden Sitten ...
Von Papen söhnte Hitler mit dem Großkapital aus, er brachte gemeinsam mit Kaas dem deutschen Katholizismus die ansehnlichste Trophäe, das Reichskonkordat. Ein knappes Jahr nach Abschluß des Konkordats hielten die Nazis ihre blutige Bartholomäusnacht, den 30. Juni 1934. Papens Berater Edgar Jung wurde erschossen, Papen überlebte, überlebt - und ein Angriff auf Ihn hätte dreißig Jahre später den Chefredakteur des Rheinischen Merkur fast seine Position gekostet!
Es gibt sechsundzwanzig Millionen westdeutsche Katholiken und einen westdeutschen Katholizismus. Die Frage, ob und wie dieser die sechsundzwanzig Millionen repräsentiert, ist nie so recht gestellt worden. Gern mokiert man sich gelegentlich über die sogenannten Taufscheinkatholiken, kirchensteuerzahlende Gleichgültige, deren Steuergeld aber offensichtlich nicht so schmutzig ist, daß man's empört zurücküberweisen müßte. Es gibt keine theologische Möglichkeit, einen Taufscheinkatholiken als solchen zu bezeichnen. Wer repräsentiert im deutschen Katholizismus diese ungeheuer große Zahl der Gleichgültigen?
Ich weiß nicht, ob die kirchlichen Behörden so penibel wären, wenn eine oder einer durch eine kirchlich nicht existente Ehe automatisch exkommuniziert ist, dem Finanzamt mitzuteilen, es möge der Sünderin oder des Sünders Geld zurückweisen?
Und wer repräsentiert im deutschen Katholizismus die schlechten Katholiken, die ins Kröpfchen geraten sind? Sie werden auf offiziöse Art "eingestuft", ganz gleich, ob sie wie Reinhold Schneider von "rechts" kommen, oder wie andere von "links".
Es geht in Carl Amerys Versuch nicht um die Hilfsbezeichnungen Rechts- und Linkskatholiken. Es gibt anpassungsfähige, leicht zu zähmende "Linke" und aufsässige »Rechte". Es geht um die Zweideutigkeit, mit der der deutsche Katholizismus vor einem einzigen politischen Muster, das zum alleinseligmachenden erklärt wird, kapituliert hat ...
Der deutsche Katholizismus ist auf eine heillose Weise mit jener Partei und ihren Interessen verstrickt, die sich als einzige das C (für christlich) angesteckt hat ...
Der fast schon wehmütige Ruf der CDU nach Kontakt mit den Intellektuellen, d.h. nach solchen, die ihr widersprechen, kommt vielleicht aus der lähmenden Langeweile einer mut Funktionärsvokabeln überfütterten Schar.
Carl Amerys Versuch ist keine Kündigung des Gesprächs, auch keine Bitte um ein solches, pathetisch ausgedrückt ist es eine Stimme der Generation, die ungefragt (wir waren 15, 16 Jahre alt, als die von unseren Vätern gewählten katholischen Parteien Hitler ermächtigten) für die Kapitulation des deutschen Katholizismus mitverantwortlich wurde, mitgebüßt hat und in einen zweideutigen Zustand geriet.
Es ist nicht ganz sauber, wenn der deutsche Katholizismus heute, dreißig Jahre später, seine Widerstandskämpfer, die unzähligen Tapferen vorzeigt; denn der Widerstand eines Katholiken, auch eines katholischen Priesters, war Privatsache ...
Es ist die Hauptfrage in Carl Amerys Versuch, ob ein Widerstand gegen den heillosen Opportunismus einer Partei, der Widerstand gegen eine sich fortschreitend politisierende Welt wieder nur Privatsache bleiben wird. Ob ein junger Deutscher, der katholisch ist und entschlossen, keinen Wehrdienst zu leisten, gezwungen ist, den "Schwejk" zu spielen, sich mit den üblichen Kniffen und Tricks dem Wehrdienst zu entziehen, oder ob er des Schutzes seiner Oberhirten gewiß sein darf.
Die Oberhirten schweigen, für sie gibt es scheinbar nur den deutschen Katholizismus und seine Organe, von denen einige zu den unfairsten der Bundesrepublik gehören. Vielleicht dringt Carl Amerys Stimme über den deutschen Katholizismus hinweg ans Ohr der Hirten und an die Ohren derer, die der Gewißheit bedürfen, daß sie nicht allein sind.
Katholik Böll
Die Oberhirten schweigen

DER SPIEGEL 19/1963
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