22.05.1963

OBERLÄNDERDer Weg zurück

Seit Mittwoch vergangener Woche sitzt ein Mann wieder im Deutschen Bundestag, dessen Vergangenheit der Bundeskanzler selbst einst als "tiefbraun" empfand. Theodor Oberländer, vertriebener Minister, setzte sich auf den Platz der verstorbenen Abgeordneten Elisabeth Vietje aus Hannover.
Nicht allen seiner Parteifreunde ist der Heimkehrer freilich ganz geheuer: Nur mäßiger Beifall erklang, als der Exminister von seiner Fraktion empfangen wurde. Es stand in der "Welt": "Sein Übel ist, daß er nie resigniert, immer dabeisein muß, und zwar möglichst weit, vorn an der Spitze."
Eine Probe dieser Talente hatte Oberländer bereits 1960 abgelegt: Erst drei Tage nach seinem 55. Geburtstag, mit dem er Anspruch auf eine Ministerpension von rund 2000 Mark erwarb, hatte er nach monatelangen Protesten seiner Gegner die Bundesregierung verlassen.
Seine politische Karriere vom Reichsführer des "Bundes deutscher Osten" zum Teilnehmer am Einzug der Ukrainer -Einheit "Nachtigall" in Ostgalizien während des Hitler-Feldzuges gegen die Rote Armee und schließlich zum Vertriebenenminister der Bundesrepublik erreichte ihren Tiefpunkt, als er 1961 sogar auf sein Abgeordnetenmandat im Bundestag verzichten mußte.
Die Vorwürfe der Opposition, Oberländer sei mit seiner Vergangenheit im öffentlichen Leben der Bundesrepublik nicht tragbar, hatte den CDU-Kreisverband in Hildesheim damals bewogen, Oberländers Wahlkreis einem anderen Bewerber zuzuteilen. Der verbitterte Ostexperte mußte sich mit dem 13. Platz auf der niedersächsischen CDU-Landesliste zufriedengeben.
Oberländer gab nicht auf. Er schrieb Artikel, hielt Vorträge und entwarf sogar einen Wiedervereinigungsplan.
Im rechtsmilitanten Frontkämpferblatt "Der Stahlhelm" proklamierte Oberländer einen "revolutionären Krieg" gegen die Sowjet-Union. Aber Kanonen wollte er nicht donnern hören. Vielmehr, so Oberländer, müßten zu diesem Krieg "Soldaten ohne Gewehr" eingezogen werden, denn er sei ideologisch und "am Rande der Demokratie" zu führen.
Im April 1962 fanden CDU/CSU -Politiker unter ihrer Post einen "Staatsvertrag mit Deutschland". Das als "streng vertraulich" bezeichnete Dokument enthielt einen Plan zur Wiedervereinigung Deutschlands. Entworfen hatte ihn der Bundesvertriebenenminister außer Diensten Theodor Oberländer als Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Oder -Neiße zusammen mit dem vielseitigen, Würzburger Völkerrechts - Ordinarius Friedrich August Freiherr von der Heydte.
In der Bonner Papierflut ging der Plan unter, und Oberländer wurde von der CDU aufs Land geschickt, damit er unter den ehemaligen BHE-Anhängern
im Vertriebenen-Dorado Schleswig-Holstein Sympathien für die CDU werbe.
Im August 1962 griff Oberländer seine These vom ideologischen Krieg wieder auf. In einem Vortrag vor Hamburger Korporationsstudenten - die Polizei durchsuchte den Raum zuvor nach angeblich versteckten Bomben - qualifizierte er die Verfasser des Tübinger Memorandums als trojanische Esel, weil sie einen Verzicht auf die ehemals deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße gefordert hatten. Eben weil ideologischer Krieg herrsche, seien die Tübinger (Oberländer: "Leute, die bei uns nichts verloren haben") zu bestrafen.
Im oberbayrischen Freising antwortete Oberländer auf die Frage eines seiner Zuhörer von der "Jungen Union", ob er glaube, daß ein Verräter im SPD -Parteivorstand säße, süffisant: "Einer?"
Neue Freunde gewann Oberländer mit solchen Sprüchen nicht. Auch die von Oberländer einst betreuten Flüchtlinge meldeten jetzt gegen seine Rückkehr Bedenken an.
Der Landesverband Nordrhein-Westfalen ddr Sowjetzonen-Flüchtlinge hat Bundestagspräsident Gerstenmaier gebeten, Oberländer zum Verzicht auf sein Mandat zu -bewegen. Alle Bemühungen um eine Wiedervereinigung Deutschlands würden gefährdet, wenn sich Personen in den Vordergrund drängten, die für die deutsche Politik eine Belastung darstellten.
CDU-Parteispieß Dufhues verbarg sein Mißvergnügen über die Rückkehr Oberländers nur notdürftig: "Das muß er selbst mit seinem Gewissen abmachen."
Heimkehrer Oberländer (r) im Bundestag: Wen die Nachtigall stört

DER SPIEGEL 21/1963
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