05.06.1963

JIDDISCHZeit der Zoress

Zum zweitenmal hat Dr. Salcia Landmann, 51, aus Schlesien gebürtige, in St. Gallen ansässige Amateur-Judaistin, einen Grabgesang angestimmt.
Vor zweieinhalb Jahren prophezeite und beklagte sie den unvermeidlichen Untergang des jüdischen Witzes. Ihr Epitaph in Buchform - "Der jüdische Witz" - wurde ein Bestseller (SPIEGEL 51/1960), dessen Verbreitung auch durch eine im "Monat" veröffentlichte Anti-Landmann-Polemik (Überschrift: "Wai geschrien!") des witzgeübten Wiener Schriftstellers Friedrich Torberg nicht gebremst werden konnte. Vor kurzem lieferte der Walter-Verlag die fünfte Auflage der Scherze-Sammlung aus.
Jetzt hat die Doktorin der Philosophie und Jaspers-Schülerin Landmann, die auf Torbergs Verriß, wie sie sagt, "angesichts des wenig sachlichen Tones und der sehr geringen Sachkenntnisse Torbergs" nicht reagieren wollte, in einem neuen Buch auch die Sprache des Judenwitzes, das Jiddische, als moribund diagnostiziert**.
Diese absonderlich-pittoreske Mundart, eine zumindest von Germanisten kaum erforschte "Nahsprache des Deutschen", so erklärt Salcia Landmann, sei heute sowohl in USA wie in dem von Hitler heimgesuchten, von den Kommunisten gleichgeschalteten slawischen Osten ein sterbendes oder schon fast totes Idiom. In Israel gibt es zwar immer noch strenggläubige Juden -Sippen, die im Alltag jiddisch sprechen, um die Sprache der Bibel, das Hebräische, nicht zu profanieren. Doch, auch diesen Jiddisch-Reservaten gibt die Autorin keine Überlebens-Chance.
Für den Verfall der Sprache, die ihre Verächter als Kauderwelsch, ihre Sprecher, die "Jidden", als "Mame-Loschen" (Muttersprache) bezeichnen, macht Salcia Landmann, wie schon beim jüdischen Witz, nicht nur Hitlers "Endlösung", nicht nur den kulturpolitischen Antijudaismus des Sowjet-Regimes verantwortlich: "Die jiddische Sprache stirbt, weil die Preisgabe der eigenen, der semitischen geistig-geistlichen Tradition der Juden ihr den Lebensquell ... raubt, so daß sie, selbst wenn sie noch ein Weilchen existieren sollte, zu dem wird absinken müssen, was sie in den Augen des Westens auch in ihrer Blütezeit ... gewesen ist: zu einen Jargon."
Um nachzuweisen, daß Jiddisch kein Jargon war und noch keiner ist, holte Salcia Landmann weit aus. Dabei entdeckte sie in der Historie des Idioms, dessen Vokabular zu fast 75 Prozent mittelhochdeutschen Dialektend entstammt, einen "tragischen Roman".
Zu diesem "Roman" gehören Vokabeln wie "meschugge", "mies" oder "Schmus", ins Umgangsdeutsch übernommene oder abgewandelte Wörter jiddischer Herkunft. Es gehören dazu "chuzpe" (Frechheit), "tinef" (Schund) und "schlimasl" (Unglück). Auch "taufen", "schäkern" und "kotzen" leitet Salcia Landmann in ihrem Sprachgeschichtsbuch, das ein Lexikon einschließt, aus dem jiddisch-hebräischen Wortschatz ab. Zum "Roman" der jiddischen Sprache gehören schließlich auch die Eigenheiten der hebräischen Schrift.
"Merkwürdigerweise", konstatiert die Philologin Salcia Landmann, "schrieben die Juden auch die Sprachen ihrer Wirtsvölker immer in ihrer semitischen, von rechts nach links laufenden Silbenschrift." Diese aber sei nur ein "scharf und geistvoll ausgedachtes Stenogramm", ein "Skelett der Konsonanten": Vokale werden nicht mitgeschrieben, sondern nur gesprochen, und zwar im Dialekt -Klang des jeweiligen Gastlandes eingefärbt. Das Adjektiv "rot" zum Beispiel wird einheitlich geschrieben, für die Aussprache aber läßt es einen Spielraum zwischen "rat", "rout", "rojt" und "rejt" offen. Juden aus verschiedenen Regionen, so behauptet Salcia Landmann, konnten sich also phonetisch unter Umständen nur schwer, um so besser aber stets schriftlich verständigen.
Für Nichtjuden, glaubt die Autorin, sei die semitische Schreibweise nicht so schwer erlernbar, wie es den Anschein habe. Zur Einübung hat sie in ihrem Buch eine Reihe von jiddischen Anekdoten in dreifacher Version drucken lassen: jiddisch und deutsch in lateinischer Schrift, jiddisch in hebräischen
Lettern. Die Mehrheit der Landmann -Leser wird sich allerdings wohl mit den beiden ersten Versionen begnügen (siehe Seite 68).
Eines der letzten Kapitel in dem von Salcia Landmann beschriebenen "Abenteuer einer Sprache" (Buch-Untertitel) ist die Entdeckung der ältesten bisher bekannten Niederschrift der germanischen Gudrun-Sage: Sie wurde, in hebräischen Lettern und jüdisch-deutscher Mundart abgefaßt, erst unlängst bei einer Synagoge in Kairo gefunden - Detail aus dem Repertoire eines mittelalterlichen jüdischen Spielmanns, 1382 für deutsche Juden aufgezeichnet, die offenbar vor den Verfolgungen der Kreuzzügler-Zeit aus Deutschland nach Ägypten geflohen waren.
Bis zum 4. Lateran-Konzil, 1215, das Christen und Juden streng voneinander schied, hatten die in Deutschland lebenden Juden überwiegend deutsch gesprochen. Erst im Getto, auf ihre ursprünglichen Traditionen zurückgeworfen, ließen sie das Deutsche zugunsten hebräischer und aramäischer Vokabeln verarmen. Salcia Landmann: "Die jiddische Sprache wurde geboren in den Judenpogromen durch die Kreuzfahrer und den Blutprozessen zur Zeit der Pestepidemien, an denen man den Juden die Schuld gab."
Vorerst freilich war diese Sprache mehr eine Mundart zwischen Deutsch und Jiddisch: das sogenannte Judenteutsch. Das eigentliche Jiddisch, laut Salcia Landmann eine "echte und sogar besonders originelle, ja faszinierende Sprache, ein vollwertiges Instrument
für volkstümliches Gespräch sowohl wie für Dichtung, für Philosophie, für Wissenschaft", bildete sich erst, als deutsche Juden nach Osten flohen. Vor allem in Polen schufen sie sich - zunächst nicht weniger isoliert als in Deutschland - für den Eigengebrauch eine neue Umgangssprache.
Zu den Wörtern und Redensarten deutschen, hebräischen und aramäischen Ursprungs, zum "ajngemachts" (Eingemachtes, eingezuckerte Früchte) und zum "gesindel" (Familie, Hausgesinde), zum "goj" (Volk, Nichtjude, Bauer, Ignorant) und zum "ponim" (Gesicht) gesellten sich slawische Brocken. Überdies kamen noch Relikte "aus buchstäblich allen Ländern und Gegenden" (Landmann) hinzu.
Es waren nicht nur antisemitisch gestimmte Nichtjuden, die dieses Sprachen -Amalgam als Jargon, als verdorbenes Deutsch und linguistische Mißgeburt schmähten. Der Aufklärer-Philosoph und Lessing-Freund Moses Mendelssohn (1729 bis 1786) bezeichnete-Jiddisch als Kauderwelsch und forderte die Juden auf, es zugunsten der Gastlandessprache preiszugeben. Bei den emanzipierten Westjuden starb die "Mame -Loschen" im 19. Jahrhundert ab. "Von den geistigen Führern der Juden im Osten", schreibt Salcia Landmann, "wurde die jiddische Sprache zur Zeit der Aufklärung gehaßt." Unter dem Einfluß Mendelssohns propagierten gebildete Ostjuden die Ausrottung ihrer Muttersprache.
Ihre antijiddischen Traktate mußten freilich in Jiddisch abgefaßt sein - das einfache Volk hätte sie sonst nicht verstanden. Damit aber begann die moderne jiddische Literatur: Gegen ihren Willen brachten die jüdischen Aufklärer die Literaturwürdigkeit und die ästhetischen Reize der "Mame-Loschen" an den Tag.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die jiddische Literatur ihre Hoch-Zeit. Als Klassiker gelten heute der in Litauen geborene Mendele Moicher Sfurim (1836 bis 1917), der aus Polen gebürtige Jizchak Leib Perez (1851 bis 1915) und der aus der Ukraine stammende Scholem Alejchem (1859 bis 1916). Von Sfurim hat der Walter-Verlag zwei Roman-Bände herausgebracht: "Fischke der Krumme und Der Wunschring", "Binjamin der Dritte und anderes". Von Alejchem erschienen im Insel-Verlag "Tewje, der Milchmann" und "Menachem Mendel, der Spekulant"; von Perez im Winkler-Verlag "Erzählungen aus dem Ghetto".
Nicht mehr allzu viele Nachkommen der jiddischen Klassiker sind heute noch
fähig, deren Werke im Original zu lesen. Die junge jüdische Generation, bei der Salcia Landmann eine "Trotz reaktion" auf die "Vernichtungswelle" vermißt, assimiliert sich auch sprachlich immer mehr an die Gastländer.
Nicht einmal das "Jiddische Wissenschaftliche Institut" (JIWO) in New York, das an einem mehrbändigen Jiddisch Lexikon ("Grojsser-Werterbuch fun der Jiddischer Sprach") arbeitet, wird hach Meinung Salela Landmanns den Sprachtod verhindern können.
Als ein Satyrspiel auf die Tragödie der Jidden-Sprache beschreibt die Jiddistin die Verwendung und Entstellung jiddischer Vokabeln in der Geheimsprache der mittelalterlichen Bettler, Gauner und Vaganten, dem "Rotwelsch": "Während diese hebräischen Begriffe im Jiddischen ihren Ursinn meist voll behalten haben, sind, sie im Rotwelsch auf eine bewußte, frivole und niederträchtige Weise entstellt." Die Gauner, erklärt die Philologin, "haben die ungeheuerlichsten Sprachbastarde gezeugt, die man sich auszudenken vermag". Nicht wenige dieser Wortbildungen sind in den umgangsdeutschen Wortschatz eingedrungen.
In einem ihrem Buch angehängten Rotwelsch-Glossar gibt die Autorin Beispiele. Sie erläutert die Herkunft der "Pleite" vom hebräischen "plejta" (Flucht), den Bedeutungswandel der jiddischen "mischpoche" (Familie, Verwandtschaft) zur rotwelschen "Mischpoche" (Gaunerbande, Gefängnisinsassen), die Ableitung der "schiksse" (Christenmädchen) vom hebräischen "schekez" (Reptil, Abscheu).
Auch die "Saure-Gurken-Zeit", so enthüllt Salela Landmann, ist ein von den Gaunern gezeugter - wenngleich gewiß nicht der ungeheuerlichste - Sprachbastard: Der Ausdruck ist eine phonetische Verballhornung der ursprünglichen jiddischen "zoress- und jokress"-Zeit - "zoress" sind Sorgen, "jokress" Teuerungen.
Daß die "Marne-Loschen", laut Landmann-Analyse, just in solchen Verballhornungen, ausgerechnet durch die entstellende Vermittlung des Gauner-Rotwelsch, noch am ehesten überleben mag, ist vielleicht der melancholischste aller jüdischen Witze.
** Salcia Landmann: "Jiddisch". Walter-Verlag, Olten; 472 Seiten; 28,50 Mark.
Juden im 15. Jahrhunderte: Mame-Loschen muß sterben
Philologin Salcia Landmann
Werterbuch fun der Jiddischer Sprach
* Das Bild, ein Gemälde aus der Schule van Dycks, zeigt eine jüdische Familie beim "Passah"-Festmahl, bei dem ein Lamm mit ungesäuertem Brot verzehrt wird.

DER SPIEGEL 23/1963
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