12.06.1963

SAEVECKEDer dritte von links

Ein Telephonanruf aus Ludwigsburg von der Zentralstelle für die Aufklärung von Naziverbrechen verhieß vorletzte Woche dem Bundesinnenministerium eine Menge zusätzlicher Arbeit. In 42 Aktenbänden über die Aktivität des SD in deutsch besetzten Gebieten des Zweiten Weltkrieges, so ließen die Ludwigsburger die Bonner wissen, sei man auch auf den Namen des Regierungskriminalrats Theo Saevecke gestoßen.
Das nationalsozialistische Vorleben des Saevecke, der bis zum 15. Februar dieses Jahres dem Referat "Hoch- und Landesverrat" der Bonner Sicherungsgruppe vorstand und dort auch die Aktion gegen den SPIEGEL befehligte, füllt ohnehin schon 15 dicke Aktenbände. Dieser Papierberg stapelt sich jetzt auf dem Schreibtisch des Innenministerialrats Albrecht Krause.
Volljurist Krause, sonst mit Kabinettsangelegenheiten und der Aufsicht über die Bundeszentrale für Heimatdienst beschäftigt, ist zum Untersuchungsführer in einem Disziplinarverfahren bestimmt worden, das Bundesinnenminister Höcherl gegen den Kriminalrat Saevecke eingeleitet hat.
Der inzwischen vom Dienst suspendierte Saevecke war während des Dritten Reiches als Alt-Pg in nur acht Jahren (1934 bis 1942) vom Kriminalanwärter zum Kriminalrat und SS-Hauptsturmführer avanciert (siehe Lebenslauf Seite 25), obwohl er nicht einmal die höhere Schule abgeschlossen hatte. Solch steile Kripo-Karriere glaubten die Personalreferenten im Nachkriegs -Bonn dennoch allein Saeveckes Tüchtigkeit als Spezialist für Mord-Untersuchungen zuschreiben zu können. Saevecke: "Ich habe niemals etwas über meine Vergangenheit verschwiegen. Alle meine Unterlagen liegen bei meiner vorletzten Dienststelle, dem Bundesinnenministerium."
Allerdings kam schon 1954 soviel Neues zutage, daß der damalige Bundesinnenminister Schröder den Kriminalrat Saevecke vom Dienst suspendierte. Der Personalreferent des Innenministeriums, Oberregierungsrat Fröhlich (er ist heute persönlicher Referent von Minister Höcherl) fuhr nach Norditalien, um Vorwürfe wegen Saeveckes Aktionen als SD-Chef in Mailand in den Jahren 1943 und 1944 zu untersuchen.
Rechercheur Fröhlich kam jedoch mit dem Befund zurück, die italienischen Beschuldigungen beruhten weitgehend auf "Hörensagen". Die Zeugenaussagen widersprächen einander und es sei nicht mit ausreichender Sicherheit nachzuweisen, daß Saevecke sich an Übergriffen gegen Juden und politische Gefangene beteiligt habe.
Aufgrund dieses ziemlich summarischen Berichts kassierte Bundesinnenminister Schröder damals das Disziplinarverfahren, und Kriminalist Saevecke scherte nach neunmonatigem Zwangsurlaub wieder als Schutzmann gegen staatsfeindliche Umtriebe in die Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts ein.
Bekennt Bundeskriminalamts-Präsident Reinhard Dullien: "Herr Saevecke hatte die fachliche Vorbildung für diesen Posten. Er war bei der Abwehr ... wir waren froh, daß wir überhaupt jemand für diesen Posten hatten ..."
Staatsschützer Saevecke stieg unbehelligt zum stellvertretenden Leiter der Sicherungsgruppe auf. Gleichwohl strebte er aus diesem politischen Amt fort. Er wollte wieder Mordspezialist sein, wie er es am Anfang seiner Kriminallaufbahn gewesen war. Endlich - im Herbst 1962 - bequemten sich seine Vorgesetzten zu dem Versprechen: "Nur diese eine Sache noch, dann werden Sie versetzt."
"Diese eine Sache" war die Aktion gegen den SPIEGEL. Der Hoch- und Landesverratsreferent Saevecke - gewohnt mit Spionen und Agenten umzuspringen
- leitete in der Nacht zum 27. Oktober
1962 maßgeblich die Überrollungen der SPIEGEL-Redaktionen in Hamburg und Bonn und wunderte sich, als diese Tätigkeit öffentliche Entrüstung hervorrief.
Kripo-Mann Saevecke beteuerte auch diesmal, nur nach Weisungen gehandelt zu haben, und betrieb nun mit neuem Nachdruck seine Versetzung ins Bundeskriminalamt nach Wiesbaden. Am 3. Januar 1963 verfügte Kriminal-Präsident Dullien schließlich Saeveckes Versetzung per 15. Februar. Nur mühsam wehrte das Bundesinnenministerium damals den Verdacht ab, es gebe einen Zusammenhang mit der SPIEGEL -Aktion und der Verhaftung des SPIEGEL-Redakteurs Ahlers in Spanien ("Die Versetzung war reine Routine-Sache").
Versicherte Präsident Dullien: "Ich hatte ihm fest zugesagt, daß er spätestens im Oktober/November nach Wiesbaden könne. Gerade zu dieser Zeit aber passierte die Sache mit dem SPIEGEL. Ihn da mittendrin herauszunehmen, das war natürlich unmöglich."
Mitten heraus wurde Saevecke allerdings genommen, als Bundesinnenminister Höcherl ihm mit Schreiben vom 24. April mitteilte, er sei "mit sofortiger Wirkung vorläufig des Dienstes beim Bundeskriminalamt enthoben".
Saeveckes Erwähnung im amtlichen SPIEGEL-Bericht der Bundesregierung hatte Betroffene in Tunesien und Oberitalien an den einstigen SS-Hauptsturmführer und SD-Mann erinnert. Es hagelte neue Vorwürfe (SPIEGEL 9/1963), und Bundesinnenminister Höcherl mußte sich wie sein Amtsvorgänger Schröder entschließen, einen Untersucher in Sachen Saevecke nach Mailand zu schicken. Diesmal reiste der Ministerialrat Wiedemann von der Personalabteilung des Innenressorts, um in Italien Zeugen zu hören. Sein Bericht bewog Höcherl, gegen Saevecke ein förmliches Disziplinarverfahren einzuleiten.
Mit beträchtlichem Eifer hatten Mailänder Politiker, Kirchenmänner und Verfolgtenorganisationen jetzt - 20 Jahre danach - Aussagen gegen Saevecke zusammengetragen. Giovanni Melodia, Sekretär des Verbandes ehemaliger politischer Deportierter, berichtete in einer Pressekonferenz von "erdrückendem neuen Material".
In einem Telegramm an Italiens Ministerpräsident Fanfani forderte Mailands Stadtrat schon im Februar einstimmig, dem Saevecke müsse der Prozeß gemacht werden, er sei der Judenverfolgung und Geiselerschießung schuldig und habe Einweisungen in deutsche Vernichtungslager angeordnet oder selbst vollzogen.
Italiens Zeitungen berichteten, SS -Hauptsturmführer Saevecke habe:
- am 16. Oktober 1943 das Hotel
Regina gegenüber dem Mailänder Dom als SD-Hauptquartier bezogen, Nachbargebäude hinzurequiriert und einen Teil der insgesamt 210 Zimmer seiner Dienststelle als Haft- und Folterzellen herrichten lassen;
- sich vom faschistischen Polizeichef
Coglitore eine Liste aller Juden und Antifaschisten verschafft, Razzien veranstaltet und Verhaftete in plombierten Waggons in deutsche Vernichtungslager verschickt;
- im Stadtgefängnis San Vittore politische Häftlinge mißhandeln lassen.
"Das bestialische Wüten Saeveckes", so schrieb der "Messaggero", "gipfelte in der Erschießung von 15 Geiseln auf dem Piazzale Loreto." Die Mailänder Wochenzeitschrift "Oggi" ergänzte: Der Befehl zu dieser Erschießungsaktion vom August 1944 trage klar und deutlich Saeveckes Unterschrift.
Die Saevecke-Akten des Bonner Innenministeriums enthalten indessen keinen solchen Erschießungsbefehl. Im Gegenteil, man liest in Bonn eine ganz andere Version der Erschießungsaktion aus den Akten heraus.
Demnach hatte die deutsche Militärführung 1944 nach einem Bombenattentat durch Partisanen angeordnet, daß zur Vergeltung 30 Geiseln erschossen werden sollten. SD-Mann Saevecke hat nach Bonner Aktenkenntnis damals 15 Insassen des San-Vittore-Gefängnisses benannt, die zum Tode verurteilt waren oder ein Todesurteil zu erwarten hatten.
Nach Bonner Feststellungen hat dann "eine italienische Truppe, mit der Saevecke nichts zu tun hatte", die Exekution durchgeführt. Ebensowenig gilt es bislang für Bonn als bewiesen, daß Kriminalist Saevecke als Mailänder SD -Chef Gefangene mißhandelt, geschweige denn Juden deportiert oder auch nur gewußt hat, ob seine Untergebenen sich dergleichen zuschulden kommen ließen.
"Wirklich schlüssige Beweise", so heißt es im Innenministerium, "sind schwer zu beschaffen. Man kann Zeugen im Ausland ja nicht vereidigen."
Eine Zeugin hat Italienfahrer Wiedemann allerdings bei seinen Recherchen in Mailand gefunden, die mit Entschiedenheit behauptet, SD-Mann Saevecke sei selbst dabei gewesen, als sie im San-Vittore-Gefängnis mißhandelt wurde. Sie identifizierte den einstigen SS-Hauptsturmführer auch auf einem Photo: "Es ist der dritte von links."
Der betroffene Saevecke jedoch entsinnt sich dessen nicht. Zu dem angegebenen Zeitpunkt bin ich gar nicht in dem Gefängnis gewesen", beteuerte er. "Ich kenne die Frau überhaupt nicht."
Untersuchungsführer Ministerialrat Krause, besorgt um richterliche Unbefangenheit, meint: "Was da dran ist, muß jetzt geprüft werden."

DER SPIEGEL 24/1963
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