19.06.1963

MÜNCHENDie Jungen sind müde

Zweimal mußte in Bayern das Wort "Deutsch" gestrichen werden. Dann erst, als aus dem "Haus der Deutschen Kunst" ein "Haus der Kunst", aus der "Großen Deutschen Kunstausstellung" eine "Große Kunstausstellung" geworden war, setzten die Münchner wieder fort, was sie 1845 begonnen und zwölf Jahre unter Hitlers Schirmherrschaft - großdeutsch weitergeführt hatten: in jedem Jahr Malern und Bildhauern eine repräsentative Verkaufsschau einzurichten.
Die fünfzehnte Nachkriegsdarbietung, nach Anzahl der ausgestellten Werke und VerKaufserfolg eine der größten Veranstaltungen ihrer Art in Deutschland, wurde am vergangenen Mittwochabend eröffnet: die "Große Kunstausstellung München 1963".
Das bayrische Element hat sich nicht nur den Titel der Riesenschau zurückerobert: Knapp die Hälfte der insgesamt 927 Ausstellungsstücke (433 Exponate) stammen von 192 Mitgliedern Münchner Künstlergruppen; in den Rest (494 Exponate) teilen sich 337 Gäste. 2145 weitere Stücke und 424 weitere Künstler wurden von den Jurys nicht zugelassen.
Trotz dieser Juroren-Strenge klingt die erste Bilanz der Lokalpresse mißmutig: "Die Großen sind müde", kritisierte Münchens "Abendzeitung", "die Jungen noch nicht da."
Demgegenüber hat die Ausstellungsleitung, um ihren Ruf als Nachwuchsförderin besorgt, schnell errechnet, daß die Jungen sehr wohl da seien: 226 der zugelassenen Werke stammen von 151 Künstlern, die jünger als fünfunddreißig Jahre sind. Nicht errechnet wurde, daß sehr viel mehr, nämlich 266 Werke, von 123 Künstlern stammen, die mindestens sechzig Jahre, zum Teil aber sehr viel älter sind.
Doch die Generationsfrage ist inzwischen nebensächlich geworden: Die Jungen malen mit der revolutionären Kühnheit ihrer Großväter, die Großväter malen weiterhin mit der revolutionären Kühnheit ihrer Jugend. Zu sehen sind Bilder von Picasso, Matisse und Rouault, von Chagall, Feininger, Otto Dix, Franz Marc und Käthe Kollwitz, Collagen von Schwitters - nur daß sie eben nicht von Picasso oder Rouault gemalt oder von Schwitters aus Fahrscheinen und Tuchresten geklebt sind: Im Katalog stehen ganz andere Namen.
In solcher Umgebung haben es die arrivierten alten und älteren Herren der deutschen Bildenden Kunst - etwa Oskar Kokoschka, Hans Purrmann, Karl Schmidt - Rottluf, die Bildhauer Toni Stadler und Richard Scheibe - leicht, Pointen der Ausstellung mit Stücken zu werden, die innerhalb ihrer eigenen Produktion kaum als Höhepunkte gelten dürften.
Aus der mittleren Generation der Berühmtheiten haben überhaupt nur noch wenige - die Maler Nay, Kaus, Bissier, Troekes und Hartmann etwa, die Bildhauer Hartung, Heiliger, Wotruba, Jendritzko - Mittleres geschickt.
Ringsum aber suchen die Maler und Skulptoren nach Wegen und Auswegen und finden doch zumeist nur längst erobertes Gelände. Dabei stehlen sich diese retrospektiven Pfadfinder nicht nur zu den Kunsteroberungen der Zeit vor und kurz nach dem Ersten - Weltkrieg zurück, zu Expressionismus,
- Kubismus, Dadaismus und abstraktem,
oft geometrischem Farbenspiel.
Sie suchen Anregungen und Erfrischung nicht nur bei der Naivität der Sonntagsmaler und den delikaten Alptraumphantasien der Surrealisten, sondern scheuen auch weitere Rückwege nicht - bis hin zum Barock, zur frühchristlichen Mosaikkunst, ja bis zu den alten Nil-Kulturen.
Zeitlos bleiben nur die Konturen der. Anmut: Wie es sich gehört, zeigt die "Große Münchner" viel nacktes Weibervolk in jeder Form und Farbe.
Das Unbehagen angesichts dieses Schaufensters gegenwärtiger deutscher Malerei und Bildhauerei wird allerdings in München weniger den Künstlern zugeschoben als der Technik der Auswahl. Wie nahezu bei jeder "Großen Kunstausstellung" der vergangenen vierzehn Jahre wird auch diesmal wieder das Jury-System diskutiert und angezweifelt.
Sogar Kultusminister Professor Theodor Maunz distanzierte sich von diesen Streitigkeiten. Die Bayrische Staatsregierung, beschwor er, vertraue fest darauf, daß sich die jurierenden Kunstverbände "als Sachwalter der gesamten Künstlerschaft" betrachten.
So wie vor Ausbruch des Dritten Reichs entscheiden über Zulassung oder Ablehnung der eingesandten Werke drei Münchner Künstlervereinigungen:
- die "Neue Gruppe" (101 Mitglieder),
- die "Münchener Secession" (63 Mitglieder) und
- die "Neue Münchener Künstlergenossenschaft" (129 Mitglieder). Jedes Mitglied dieser Gruppen; hat das Recht, bis zu drei Stücke unjuriert für die Ausstellung zu bestimmen. Wer nicht Mitglied einer dieser Münchner Künstlergruppen ist, muß sich, wenn er an der "Großen Münchner" beteiligt sein will, dennoch an eine der drei Gruppen wenden.
Ist ein Nichtmitglied, das sich satzungsgemäß an eine der Gruppen gewandt hat, von deren Jury nicht akzeptiert worden, so werden seine Einsendungen automatisch noch den Jurys der anderen beiden Gruppen vorgelegt. Praktisch jedoch kommen Jahr für Jahr die Gruppenmitglieder leichter zu Ausstellungsplätzen als die Nichtmitglieder.
Anstoß an dieser komplizierten Sortier-Praxis haben nicht nur die Kritiker genommen. Eine radikale Gruppe Unzufriedener hatte sich sogar zur Abfassung eines Manifestes entschlossen: "Wir fordern den Kitsch, den Dreck, den Urschlamm, die Wüste. Die Kunst ist ein Misthaufen, auf dem der Kitsch wächst."
Die Heftigkeit, mit der um die Zulassungs- und Ablehnungspraktiken bei der "Großen Kunstausstellung" gebalgt wird, hat eine gänzlich unkünstlerische, für die Künstler nichtsdestoweniger höchst bedeutsame Ursache: Im vergangenen Jahr wurden in München nicht weniger als dreißig. Prozent der Exponate abgesetzt.
"Als Laie ist man vielleicht versucht zu denken, daß dreißig Prozent nicht
viel sind", äußerte dazu der Geschäftsführer derAusstellung, Ernst Neumann. "In unserer Branche ist das aber ein ganz beachtlicher Erfolg, denn es gibt meines Wissens keine Kunsthandlung oder Galerie, die im Jahr ein Drittel ihres Bestandes absetzt."
Oskar Kokoschka: "Doppelbildnis"
Wolfgang Lettl: "Die Beerdigung"
Hans Purrmann: "Porträt"
Bayerns Kultusminister Maunz (M), Gäste: Picassos unter anderem Namen

DER SPIEGEL 25/1963
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