26.06.1963

STRAUSSSaudämliche Details

Im gutbürgerlichen Hotel "Weidenhof" zu Regensburg hoben die Frühschöppler am vorletzten Sonnabend die-Köpfe: Durch den Vorhang, der ein Nebenzimmer vom Schankraum trennt, drang Gebrüll. Noch ehe die Gäste sich beschweren konnten, erkannten sie das Organ des früheren Bundesverteidigungsministers, der einen gerafften Lebenslauf vorzutragen schien.
Jenseits des Vorhangs lärmte Strauß: "Ich komme aus Oberbayern, 48 Jahre alt, Familienvater von drei Kindern, 1935 Abitur am Max-Gymnasium, bis 1939 Philologie studiert, anschließend bis 1945 an allen Fronten des Krieges gestanden, sechs Wochen in amerikanischer Gefangenschaft, von den Amerikanern als Landrat in Schongau eingesetzt, später frei gewählt, 1948 im Frankfurter Wirtschaftsrat, seit 1949 im Parlament. Meine Verdienste" - Handschlag auf die eigene Brust - "um die Partei und um das deutsche Volk brauche ich hier nicht darzustellen. Und nun, Herr Riedle, ziehen Sie nach!"
Bernd Riedle, Student an der Münchner Universität, war auf ein solches Begehren nicht gefaßt. Der Landesverband Bayern des Ringes Christlich -Demokratischer Studenten (RCDS) veranstaltete in Regensburg eine Delegiertenversammlung und hatte den Landesvorsitzenden der CSU als Gast geladen. Aber statt eine politische Rede zu halten, kanzelte Strauß lautstark renitente Jungakademiker ab.
Student Riedle hatte nämlich in höflicher Form wissen wollen, wie es denn zu erklären sei, daß Strauß in Sachen SPIEGEL-Affäre der Unwahrheit bezichtigt werde. Strauß: "So, Sie sind also der Herr Riedle. Sind Sie denn überhaupt Mitglied der CSU?" Riedle: Er sei CDU-Mitglied. Strauß: "Na, dann gehen Sie doch gefälligst dorthin."
An der RCDS-Stätte im "Weidenhof" spielte es keine Rolle, welcher der beiden Schwesternparteien Bernd Riedle Beiträge entrichtet. Unverdrossen wies der Student auf die Widersprüche zwischen dem Bundestagsprotokoll und dem SPIEGEL-Bericht der Bundesregierung hin. Strauß: "Lassen Sie doch diese saudämlichen Details. Haben Sie denn überhaupt das Protokoll und den Bericht hier?"
Riedle hatte weder Bericht noch Protokoll bei sich. Triumhphierte Strauß dröhnend: "Wenn Sie etwas behaupten, müssen Sie es auch nach den Grundsätzen wissenschaftlicher Akribie beweisen können; das sollte Ihnen weiß Gott bekannt sein. Zeigen Sie bitte die Schriftstücke vor. Nun, warum tun Sie es nicht? Sie sind also nicht imstande zu beweisen, was Sie daherreden." Und, mit sich überschlagender Stimme: "Wo
ist denn das Tonband? Warum lassen Sie es nicht spielen? Wo sind Ihre Beweise?"
Jenes Tonband war zeitweilig gelaufen, als einige Redakteure der Studentenzeitung "Argus" am 30. Oktober vergangenen Jahres Strauß in Bonn interviewt hatten, dann jedoch, als die Rede auf die SPIEGEL-Affäre kam, auf ausdrücklichen Wunsch Straußens hin abgestellt worden.
Um diesen Sachverhalt öffentlich darzulegen, meldete sich nunmehr der Student Josef Thesing: Er sei damals dabeigewesen, als Strauß auf die "Argus"-Frage, ob er mit der SPIEGEL -Affäre irgend etwas zu tun habe, mit einem kräftigen Nein antwortete.
Die RCDS-Studenten, so Delegierter Thesing, hätten dem CSU-Chef natürlich vertraut und ihn an den Hochschulen gegen alle Angriffe verteidigt, bis ihnen klargeworden sei, daß Strauß sich ihnen gegenüber unkorrekt ausgedrückt habe. Deshalb sei der RCDS in eine schiefe Lage geraten.
Strauß: "Sie sind also der Herr Thesing. Sagen Sie mal, haben Sie überhaupt das Abitur? Und wie kommen Sie eigentlich dazu, sich als CV (Cartellverband)-Mitglied auszugeben? Sind Sie im CV? Es sollte mich schon sehr wundern, wenn der solche Leute aufnimmt, wirklich äußerst fragwürdig."
Thesing: "Herr Minister, erstens bin ich im CV, und zweitens hat das doch mit der Sache nichts zu tun."
Straußens Zeigefinger stach vor: "Ich will wissen, ob Sie das Abitur haben."
Josef Thesing legte dar, daß sein Vater kriegsbeschädigt sei, er noch acht Geschwister habe und somit wirtschaftliche Gründe es ihm unmöglich gemacht hätten, über die mittlere Reife hinaus am Gymnasium zu bleiben. Aber er sei ordentlicher Studierender an der Münchner Hochschule für Politische Wissenschaften (HfPW).
Strauß: "So. Wo ist denn eigentlich der Herr Fischer?"
Es meldete sich Johann Peter Fischer, ebenfalls an der HfPW.
Strauß, schreiend: "Haben Sie das Abitur?"
Fischer: "Herr Strauß, auf dieser Ebene diskutiere ich nicht mit Ihnen."
Der CSU-Anführer holte Atem und ließ sich das Vorlesungsverzeichnis der HfPW zeigen. Dann richtete sich sein Zeigefinger erneut auf Thesing: "Sie wollen wohl Berufspolitiker werden?"
Thesing: "Ja, aber ich eifere da nicht gewissen Vorbildern nach."
Strauß: "Sie meinen wohl damit mich?"
Thesing: "Eben Sie nicht."
Der Bundesvorsitzende des RCDS, Hans Jürgen Vogt, machte Strauß darauf aufmerksam, daß Abitur-Forschungen sinnlos seien: "Die Anwesenden sind Delegierte des Ringes und in dieser Eigenschaft da."
Vogts Stellvertreter im Bundesvorstand stieß verbindlich nach: "Dieter Bolten, Abitur, siebentes Semester Jura. Herr Minister, in studentischen Kreisen werden wir immer wieder darauf angesprochen, was Sie da in Israel gesagt haben."
Das schweißglänzende Gesicht des "Ministers" lief violett an: "So, Sie sind also der Herr Bolten, der Stiefsohn des Kollegen Dr. Artzinger. Sie haben neulich in Bonn Äußerungen über mein Verhalten in Brühl gemacht, und zwar
haben Sie behauptet, ich sei betrunken gewesen, und man habe mich nur mit Mühe davon abhalten können, auf den Tisch zu steigen und dort zu tanzen."
Bolten korrigierte: Er habe sich wesentlich anders ausgedrückt, und außerdem bestehe kein Zusammenhang mit seinem Stiefvater, denn der "war zu dem Empfang gar nicht geladen und deshalb konnte er mir auch keine Informationen vermitteln".
Strauß, brüllend: "Ich bezichtige Sie öffentlich, ein Verleumder zu sein. Ich würde Strafantrag gegen Sie stellen, wenn nicht Ihr Stiefvater in der gleichen (Bundestags-)Fraktion säße wie ich. Und was den SPIEGEL anbetrifft, so habe ich seit fünf Jahren die Mark in der Woche nicht übrig, um ihn mir zu kaufen. Aber ich will Ihnen was erzählen: Ein sehr prominenter Bundestagsabgeordneter, den alle kennen - wenn
Sie ein bißchen nachdenken, wissen Sie auch, wer es ist -, er hat mir gesagt, der SPIEGEL sei eine privatisierte Gestapo, und so ist zu verstehen, was ich in Israel geäußert habe*."
Strauß, schäumend: "Wo bin ich hier eigentlich? Bin ich Gast oder Angeklagter? Ich nehme das Gastrecht für mich in Anspruch. Vor Ihnen brauche ich mich doch nicht zu verteidigen."
Der Zeigefinger fixierte Johann Peter Fischer, dem CSU-Generalsekretär Zimmermann am 27. Februar leutselig offenbart hatte, Strauß habe "zum Wohle des deutschen Volkes gelogen": "Der Herr Zimmermann ist wirklich sehr dumm gewesen, daß er sich mit Ihnen an einen Tisch gesetzt hat, das muß ich schon sagen."
Nach einem Schluck Bier ging Strauß zur Offensive über: "Als der SPIEGEL über Adenauers Aktien-Geschäfte schrieb (SPIEGEL 3/1961), da hat ihm der Eckardt die Nummer auf den Schreibtisch gelegt und ihn gebeten, Stellung zu nehmen. Aber als er nach einer Woche wiederkam, da sagte der Kanzler: 'Ach, da hatte ich keine Zeit zu.' Und als Eckardt die nächste Woche kam, da hatte er noch immer keine Zeit gehabt, und Eckardt wußte nicht, was er der Bundespressekonferenz sagen sollte. Aber auf diese Angelegenheit ist keine einzige Zeitung eingestiegen."
Und: "Dem Herrn Adenauer ist jedes Mittel recht, um bis zu seinem neunzigsten Lebensjahr Bundeskanzler zu bleiben, wirklich jedes Mittel, und dabei hat er doch gravierende Fehler begangen. Er wollte sogar eine Große Koalition bilden, nur um zu bleiben, mit dem Wehner - wo wären wir da hingekommen - die SPD sollte neun Kabinettssitze kriegen..."
Außerdem: "Das mit dem SPIEGEL -Bericht, der ist doch unrichtig. Wenn Sie mir beweisen können, daß ich in der Bundestagsdebatte auch nur ein einziges Mal die Unwahrheit gesagt habe, bin ich bereit, dem RCDS eine größere Spende zu geben. Nun, wer kann es mir beweisen, bitte, aber mit wissenschaftlicher Akribie. Ich warte."
Das zweistündige Toben verfehlte seine Wirkung nicht. Mehr und mehr Studenten richteten Ergebenheitsadressen an den pikierten Tribun, der schmetternd drohte, er werde die Gründung spezieller CSU-Studenten-Trupps an den bayrischen Hochschulen fördern.
Demütig erhob sich schließlich der Rechtsreferendar Rüdiger Dahme aus München: Strauß dürfe ja nicht denken, daß alle Studenten so wären wie die HfPW-Vertreter Fischer und Thesing; das sei durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, der CSU-Vorsitzende möge versichert sein, daß die weitaus meisten RCDS-Mitglieder ihn nie im Stich gelassen hätten: "Es wäre uns sehr peinlich, wenn Sie hier etwa einen falschen Eindruck bekämen; bitte verlassen Sie sich ganz darauf, daß wir nach dem Mittagessen umgehend eine Klärung... herbeiführen werden."
Die Klärung wurde herbeigeführt: Obwohl der Bundesvorstand auf Satzungswidrigkeiten verwies und betonte, daß die HfPW-Gruppe ungeachtet aller Maßnahmen Mitglied des RCDS -Bundesverbandes bleibe, feuerte der Landesverband Bayern am frühen Nachmittag die renitente Politstudenten-Fraktion aus seinen Reihen.
* Strauß sagte nicht die Wahrheit. Die wörtliche Wiedergabe seiner Äußerungen liegt vor (SPIEGEL 24/1963).
RCDS-Student Fischer
"Haben Sie das Abitur?"
CSU-Chef Strauß
"Bin ich hier Angeklagter?"

DER SPIEGEL 26/1963
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