DER SPIEGEL



KOSMONAUTIN

Sterne abgestaubt

RAUMFAHRT

Waljuschka, Waljuschka, mein Herzblatt, wie hoch bist du geklettert!

Rentnerin Tereschkowa, Mutter der ersten Kosmonautin.

Walentina Tereschkowa hätte sich in Amerika für den Flug ins All nicht qualifizieren können. Nach amerikanischen Maßstäben ist sie nicht weltraumtauglich.

Die rote "Möwe", die im Gefolge des "Habichts" Walerij Bykowski 49mal um den Erdball flatterte und mit 71 Stunden länger im Kosmos weilte als alle amerikanischen Astronauten zusammen, wäre an einer Grundforderung des US-Weltraumprogramms gescheitert: Sie kann kein Flugzeug steuern.

Während die amerikanische Raumfahrtbehörde (Nasa) nur Testpiloten für den Flug ins All fit macht, die sich in Hochleistungsdüsenmaschinen bewährt haben, wählten die Sowjets für das kosmische Damen-Debüt eine Bürgerin ohne jegliche Piloten-Erfahrung. Die erste Frau, die in den Himmel gehoben wurde, hatte ursprünglich nur gelernt, wie man herunterfällt: Sie war passionierte Fallschirmsportlerin (126 Sprünge).

Und während die Amerikaner ihren Weltraumkandidaten technische Hochschuldiplome abforderten, genügte den Sowjets das Zeugnis einer Textilarbeiterin. Der russische Weltraum-Primus Gagarin berichtet, "das Studium der Raketentechnik, der Schemata und Ausrüstungen" sei der Walentina Tereschkowa während der Kosmonauten-Ausbildung "sichtlich schwergefallen".

Daß es die Sowjets dennoch wagen konnten, die 26jährige Komsomolzin nach nur einjährigem Training ins All zu schießen, ist in der Konstruktion der russischen Raumschiffe begründet. Die Kapseln vom Wostok-Typ (Gewicht: fünf Tonnen) sind so geräumig, daß die Techniker doppelte und dreifache Sicherheitsmechanismen einbauen konnten. Bei Ausfall einer automatischen Flug- oder Steuervorrichtung schaltet sich ein vollwertiges Ersatzsystem ein, das notfalls wiederum ersetzt werden kann.

Konsequenz: Walentina Tereschkowa war weitgehend abgeschirmt gegen Situationen, die ihre Reaktionsschnelligkeit und ihren technischen Sachverstand hätten strapazieren können. Sie brauchte keine komplizierten Manöver auszuführen.

Die Amerikaner hingegen, die wegen ihrer schwächeren Trägerraketen die beträchtlich kleineren Merkur -Kapseln (Gewicht: 1,5 Tonnen) für ihre Raumflüge benutzen mußten, waren in weit stärkerem Maße auf fliegerische Erfahrung, Gehirn und Nerven der Astronauten angewiesen. "Zwei oder drei der Merkur-Flüge", gestand die "New York Times" in der letzten Woche, "hätten vorzeitig beendet werden müssen, wenn nicht wirklich erfahrene Piloten an Bord gewesen wären."

So war es beim jüngsten US-Raumflug nur der Kaltblütigkeit und der Geschicklichkeit des Astronauten Gordon Cooper zuzuschreiben, daß er nach Ausfall der automatischen Steuerung überhaupt zur Erde zurückkehren konnte. Er steuerte seine Kapsel "Faith 7" während der kritischen Rückkehr-Phase mit der Hand (SPIEGEL 22/1963).

Merkur-Manager William Bland: "Die Erfahrung hat gezeigt, daß der Astronaut im Raumschiff das zuverlässigste System ist. Es ist am leichtesten zu kontrollieren und erfordert wenig Wartung, eigentlich nur dann und wann eine kräftige Mahlzeit."

In welchem Maße die Nasa auf die Astronauten baut, hatte sich schon nach den ersten erfolgreichen US -Raumflügen gezeigt. Ursprünglich war die Schleudervorrichtung, die den Raumfahrer bei einem Fehlstart in Sicherheit katapultieren soll, so angeordnet, daß sie nur automatisch ausgelöst werden konnte. Auf Vorschlag der Astronauten wurde das Schaltsystem geändert: Sie konnten den Auslösemechanismus von nun an selbst betätigen und damit in Sekundenbruchteilen über ihr eigenes Leben entscheiden.

Gemessen an den hochgezüchteten US-Anforderungen und dem strapazenreichen Pensum amerikanischer Raumfahrer, erschien denn auch der Flug der russischen Kosmonautin dem Kommandanten des Raketenschießplatzes Cape Canaveral, Generalleutnant Leighton Davis, als "Reklametrick" ("publicity stunt"). Und ein Nasa-Sprecher antwortete einem Reporter, der sich nach der Rolle der Frau im amerikanischen Raumfahrtprogramm erkundigte: "Nun, in unserer Mondflugkapsel werden wir etwas mehrPlatz haben. Da wären 125 Pfund für ein Vergnügungsobjekt (recreation equipment) übrig."

Freilich hätte ein Damen-Solo im Kosmos den Amerikanern angesichts der russischen Weltraum-Ersttaten gut angestanden, zumal den Sowjets - nachdem die Nasa das Merkur-Programm Anfang dieses Monats für beendet erklärt hat - bis zum Start einer amerikanischen Zweimann-Kapsel ("Projekt Gemini") Ende nächsten Jahres der Himmel praktisch allein zur Verfügung steht.

Dabei waren es Frauen der westlichen Welt, die durch Können und Wagemut dem Weibe einen Platz in den Ruhmesblättern der Luftfahrt sicherten:

- Elly Beinhorn (Deutschland) überflog 1931 als erste Frau sämtliche Kontinente und überquerte dabei Himalaja und Kordilleren (Flugdauer: 275 Stunden, Flugstrecke: 31 000 Kilometer). Während des Zweiten Weltkrieges flog sie Bomber vom Typ Ju 88 ein.

- Amelia Earhart (USA) überquerte

1932 als erste Frau im Alleinflug den Nordatlantik und stellte dabei einen neuen Transozean-Rekord von 13 Stunden und 30 Minuten auf. Seit dem 2. Juli 1937 ist sie verschollen: Bei dem Versuch, die Erde zu umfliegen, stürzte sie (wahrscheinlich im Pazifik) ab.

- Hanna Reitsch (Deutschland) errang

in den dreißiger Jahren fast sämtliche Segelflugweltrekorde für

Frauen und absolvierte 1938 mit dem Focke-Hubschrauber den ersten Hallenflug in der Geschichte der Luftfahrt. Im Zweiten Weltkrieg testete sie deutsche Geheimwaffen, darunter eine Kamikaze -Version der V 1 und das erste Raketenflugzeug der Welt, die Me 163. US-Astronaut Glenn: "Sie war der erste Mensch, der in einer Rakete abgeschossen wurde." Am 29. April 1945 steuerte sie die letzte Maschine - einen Fieseler Storch - nach einem halsbrecherischen Start aus dem umzingelten Berlin.

- Jacqueline Auriol, Schwiegertochter des Staatspräsidenten der IV. Französischen Republik, und Jacqueline Cochran, Gattin des amerikanischen Multimillionärs Floyd B. Odium, überboten nach dem Zweiten Weltkrieg einander mit Geschwindigkeitsweltrekorden. Derzeit schnellste Frau der Welt: Jacqueline Cochran mit 2036,96 Stundenkilometer (Super-Starfighter F-104 G).

Daß in der vergangenen Woche zum erstenmal eine Sowjetbürgerin in diese Elitegruppe aufstieg, quittierte die US-Senatorengattin Jane Hart, Sportfliegerin und Mutter von acht Kindern, mit der Bemerkung: "Unsere Behörden schlafen so lange, bis die Russen das ganze Leningrader Symphonieorchester zum Mond und wieder zurück befördert haben werden."

Mutter Jane hatte Grund, im Zorn zurückzublicken: auf ihre vergeblichen Bemühungen, für die USA ins All zu fliegen. Denn das Universum erwies sich bislang als der einzige Bereich, der den amerikanischen Frauen versperrt geblieben ist. "Unsere Frauen", schrieb die "Saturday Evening Post", "dürfen heute Auto fahren, Nachtklubs besuchen, Konzerne kommandieren und im Parlament sitzen. Nur eines dürfen sie nicht: Astronautin werden."

Als das Raumfahrtzeitalter anbrach, war diese Sex-Barriere noch nicht zu erkennen gewesen. Im Gegenteil: Die US-Weltraumbehörde startete damals eigens das Projekt "Women in Space Earliest" ("Frauen möglichst bald im Weltraum"), das von amerikanischen Abkürzungsfanatikern alsbald unter der Amtsbezeichnung "Wise" (neuer Wortsinn: "klug") geführt wurde. Zwölf "Wise"-Bewerberinnen fanden sich 1959 im Forschungszentrum des Raumfahrtmediziners Dr. Randolph Lovelace zu Albuquerque (Neu-Mexiko) ein, wo sich Amerikas männliche Astronauten kurz zuvor "der härtesten medizinischen Untersuchung der Geschichte" hatten unterwerfen müssen.

Den Frauen wurde Gleichberechtigung zuteil: Sie wurden, wie die Männer, elektrisch geschockt, mit einer Wippe stundenlang vom Stand in die Rückenlage gekippt und wieder emporgeschnellt, von einer Tretmühle bis zur Erschöpfung getrieben. Die Ärzte spritzten ihnen Eiswasser in die Ohren, um den Gleichgewichtssinn zu testen. Während der Torturen stellten die Tester Fragen wie: "Wünschen Sie, tot und von dem ganzen Kram erlöst zu sein?"

Nach einer "brutalen Batterie von 75 Tests" (so "Time") stand fest: Frauen sind weltraumflügge. Mehr noch: Dr. Lovelace verkündete sogar,

"daß bestimmte Eigenschaften weiblicher Astronauten denen ihrer männlichen Kollegen vorzuziehen" seien. Als Vorteile, zumindest bei wochen - oder monatelangen Raum-Expeditionen, wertete der Raumfahrtmediziner, daß Frauen

- normalerweise ein geringeres Gewicht

als Männer haben,

- weniger Sauerstoff verbrauchen,

- mit weniger Nahrung auskommen,

- psychische Belastungen mitunter

besser ertragen können und

- wegen ihrer anatomisch besser geschützten

Reproduktionsorgane höhere Dosen radioaktiver Strahlung ertragen können.

Drei der Lovelace-Prüflinge, darunter die renommierte Pilotin Jerrie Cobb, nahmen den härtesten aller psychischen Albuquerque-Tests auf sich: Sie ließen sich für neun Stunden in das Wasserbassin einer Isolationskammer hängen. Sie konnten nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen; es gab weder etwas zu riechen noch zu schmecken. Diesen Test, der labile Prüflinge an den Rand der Verzweiflung treiben kann, bestand Jerrie Cobb ohne jegliche Halluzinationen. Andere Frauen, so die Raketentechnikerin Joan Sherley, absolvierten Schwerelosigkeits-Tests in Spezialflugzeugen.

Aber bald formierte sich eine Abwehrfront gegen die Bemühungen der Amerikanerinnen, nach den Sternen zu greifen. Brigadegeneral Don Flickinger von der Bioastronautischen Forschungsabteilung der US-Luftwaffe bemängelte die Tauglichkeitstests, denen sich die Weltraum-Aspirantinnen unterzogen hatten. Er erklärte, die männlichen Astronauten seien "weit rigoroser" geprüft worden.

Jerrie Cobb, die als "kaltblütigste und technisch versierteste Pilotin Amerikas" gilt, konnte die Kritiker nicht einmal überzeugen, als sie sich in einer Testzentrale der US-Navy den härtesten Zerreißproben in Zentrifugen und Unterdruckkammern unterzog, die von den Wissenschaftlern ersonnen worden waren. Die Nasa fand sich nicht bereit, eine mittlerweile in Kraft gesetzte Bestimmung zu ändern, die Frauen automatisch vom ersten US-Weltraumprogramm ausschloß: Laut Nasa-Reglement müssen sämtliche US-Astronauten - ihre Düsenflugerfahrungen auf einer Testpilotenschule der US-Streitkräfte oder der Nasa erworben haben.

Es nützte Jerrie Cobb mithin nichts, daß sie schon damals über 7500 Flugstunden (heute: 10 000) nachweisen konnte - mehr, als irgendeiner der männlichen US-Astronauten. Nach dreijährigem Quengeln ("Man läßt mich keinen regulären Astronautenkurs absolvieren, aber ein Schimpansenweibchen macht man fit") brachte sie es immerhin fertig, zusammen mit der fliegenden Senatorenfrau Jane Hart und der Weltrekordlerin Jacqueline Cochran den amerikanischen Kongreß zu mobilisieren.

Im Juli 1962 wurde ein Untersuchungsausschuß eingesetzt. "Wir haben unser Raumfahrtprogramm zu sichern", gab der als Zeuge geladene Astronaut Carpenter zu Protokoll. "Ja, gegen die Frauen", entrüstete sich der republikanische Abgeordnete James Fulton.

Nasa-Flugdirektor Low bestätigte den Parlamentarier. Er bezeichnete weibliche Astronauten als "Verschwendung und Luxus", den sich die Vereinigten Staaten nicht leisten könnten. Ein Sonderprogramm für Frauen zum gegenwärtigen Zeitpunkt müsse das von Präsident Kennedy proklamierte all-amerikanische Ziel gefährden: bis zum Jahre 1970 einen Mann auf den Mond zu setzen.

Damit waren die amerikanischen Frauen vorerst vom Kosmos ausgesperrt. Ihre Zukunft im All war nur noch Gegenstand wissenschaftlicher Spekulationen. Der Begründer der Raumfahrtmedizin, der Deutsch-Amerikaner Professor Hubertus Strughold, dachte der Frau für spätere Marsfahrten eine Rolle als Köchin zu. Und der Biophysiker Helvey hielt es für ratsam, eine Mondstation mit zwei Männern und einer Frau - als Gefühlsregulator - zu besetzen: "Sexuelle Triebkraft und feindselige Tendenzen müssen unbedingt auf Gebiete abgeleitet werden, die für das Unternehmen nützlich sind."

Der Gefahr, daß sich die Mondfrau in einen ihrer beiden Begleiter verlieben und ihn "sozial und körperlich" bevorzugen könnte, mochte sich der Gelehrte nicht verschließen. Für den Zeitpunkt, da es technisch und finanziell möglich sein würde, vier Personen zum Mond zu schicken, empfahl er denn auch eine nach seinem Dafürhalten noch stabilere Mannschaftszusammensetzung: zwei Ehepaare.

Ähnlich akademisch schienen auch die Sowjets das Problem zu behandeln. Noch unlängst verkündete eine russische Biologin: "Es wird notwendig sein, eine Frau in den Weltraum zu schicken, wenn die Wissenschaftler vor der Frage stehen, eine kleine 'Insel des Lebens' im Kosmos zu errichten."

Diese zukunftsfernen Projekte trübten allerdings - im Gegensatz zu Amerika - nicht den Blick für gegenwartsnahe Publicity. Denn spätestens nach ihren ersten erfolgreichen Raumflügen mußte den Sowjets klar geworden sein, daß sie ihre geräumigen und leicht hantierbaren Raumschiffe auch mit Frauen würden befrachten können.

Rechtzeitig zum diesjährigen Weltfrauenkongreß präsentierte Moskau eine leibhaftige Miss Universum. Wie "Aschenbrödel, das durch die Berührung des Zauberstabes zur Prinzessin wird" ("Le Monde"), avancierte die pummelige Proletarierin in einer Parfümwolke (Lieblingsmarke: "Rotes Moskau") zum Symbol kosmischer Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Ein Kommentator des sowjetzonalen Rundfunks jubilierte denn auch, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei nun nicht mehr Amerika, sondern die Sowjet-Union. Die "New York Herald Tribune" pflichtete ironisch bei. Nach Ansicht des Blattes ließ die Sowjet-Union durch Walentina Tereschkowa verkünden:

"Es stimmt zwar, daß bei uns die Frauen Straßen kehren. Aber wir erlauben ihnen auch, die Sterne abzustauben."

Sowjet-Raumfahrerin Tereschkowo

Textilarbeiterin ausgewählt

US-Raumfahrt-Aspirantin Joan Sherley* Düsenpilotinnen abgewiesen

Elly Beinhorn (1935)

Hanna Reitsch (1932)

Amelia Earhart (1932)

Zum Mars ...

Jacqueline Cochran (1961)

Jacqueline Auriol (1962)

Jerrie Cobb (1963)

... als Köchin?

* Wahrend eines Schwerelosigkeits-Tests an

Bord eines Flugzeuges: Beim Durchfliegen einer bestimmten Kurvenbahn tritt in Flugzeugen für 30 bis 60 Sekunden Schwerelosigkeit ein.


DER SPIEGEL 26/1963
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DER SPIEGEL 26/1963
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