03.07.1963

DOLMETSCHERDieser eine Fehler

John F. Kennedys größter Triumph auf deutschem Boden war für Robert Lochner die Stunde seiner bittersten Niederlage.
Vor dem Schöneberger Rathaus übersetzte nicht - wie zuvor in Köln, Bonn und Frankfurt - der Rias-Direktor und Amateur-Dolmetscher Lochner, sondern der Vortragende Legationsrat des Bonner Auswärtigen Amtes Heinz Weber. Abgeschlagen lauschte Lochner im Hintergrund.
Das Schöneberger Protokoll hatte den im minuziös vorgeplanten Besuchsprogramm nicht vorgesehenen Interpretenwechsel durchgesetzt. Begründung: Es sei zweifelhaft, ob sich die Stimme Lochners gegen den Jubel der Massen würde durchsetzen können.
Nicht zweifelhaft war, daß Präsidenten-Dolmetscher Lochner in den ersten Tagen des Kennedy-Besuchs "ungehobelt" übersetzt hatte, wie die "Welt" anderntags monierte: "... und der rhetorische Schwung, mit dem der amerikanische Präsident schon im Tonfall die Menschen ... immer wieder zu Beifallsstürmen hinreißt, geht bei ihm vollständig verloren."
Verloren ging auch der trockene Humor Kennedys, der durch Lochner absurd entstellt wurde. Den Kennedy-Satz, in Köln seien schon die Römer marschiert, als die Einwohner von Boston noch Felle getragen hätten, umschrieb der Rias -Direktor mit allgemeinen Worten über die Anfänge der Zivilisation.
Lochner führt "diesen einen Fehler" auf schlechte Organisation zurück. Bei den Vorbesprechungen in Washington sei ihm versichert worden, daß für den Dolmetscher ein zweites Mikrophon bereitstünde. Doch in Köln gab es kein zweites Mikrophon. Sagt der zweisprachige Rias-Chef: "Der Präsident stand oben auf dem Podium, immer wenn ich übersetzen wollte, mußte ich erst die Treppe heraufsteigen."
Just in dem Augenblick, als er sich den Witz über die bepelzten Amerikaner habe notieren wollen, habe ihn der Präsident heraufgewinkt. Lochner: "Da hatte ich keine Zeit mehr." Außerdem: "Der Präsident hielt sich nicht an den vorbereiteten Text."
Lochners seit Köln und Bonn arg lädierter Interpreten-Ruhm hat seine Wurzeln in Berlin, wo sein Vater, Louis Lochner, Enkel eines Nürnberger Auswanderers des 19. Jahrhunderts, lange Jahre als Korrespondent für die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) arbeitete.
Lochner-Sohn Robert ("Bob") machte in Berlin das Abitur, ging 1936 nach Amerika zurück, studierte in Chicago politische Wissenschaften und wirkte im Krieg an US-Propagandasendungen gegen Deutschland mit.
Als Mitglied des US-Strategie-Bombing-Service kehrte Robert Lochner nach dem Krieg zurück, um die moralischen Auswirkungen der Bombenangriffe auf die deutsche Bevölkerung zu studieren. Und während Vater Lochner 1947 zusammen mit dem Altpräsidenten Herbert Hoover Kinderspeisungen für die Deutschen organisierte, war Robert bereits zum Kontrolloffizier von Radio Frankfurt aufgestiegen.
Die Feuerprobe als amtlicher Dolmetscher lag damals schon lange hinter ihm. Erinnert sich Lochner an seinen ersten offiziellen Übersetzer-Auftritt im Dienst der Besatzungsmacht: "Das war, als General Joseph T. McNarney Weihnachten 1946 auf dem Römer in Frankfurt die Mitläufer amnestierte."
Seit der Übersetzung dieses Generalpardons für rund, 800 000 nominelle Mitglieder der NSDAP wirkte Lochner, quasi nebenamtlich, als Chefdolmetscher der amerikanischen Prominenz in Deutschland - von Clay über McCloy und Conant bis Eisenhower und Dulles.
Daß Lochner sich trotz beruflichen Aufstiegs - seit 1961 ist er Leiter des "Rundfunks im amerikanischen Sektor Berlins" (Rias) - immer wieder schweren, wenn auch interessanten
Übersetzermühen widmen mußte, führt
Lochner selbst auf eine verblüffende Tatsache zurück: Dem Weißen Haus mangelt es an einer erstklassigen deutschen Übersetzerkraft. Begründet Lochner: "Bei allen seinen Besuchen brachte. Adenauer stets den eigenen Dolmetscher mit."
Seit Amtsdolmetscher Weber den Amateur Lochner in Schöneberg auspunktete, neigt sich die nebenberufliche Karriere des Rias-Chefs dem Ende zu.
Lochner, der manche Übersetzungsschwierigkeiten auf das ungewöhnlich hohe Sprechtempo John F. Kennedys zurückführt, braucht daher künftig um sein leibliches Wohl bei Staatsvisiten kaum mehr besorgt zu sein.
Lochner: "So etwas erschöpft den stärksten Mann. Der Dolmetscher sitzt mit an der Tafel, aber essen kann er nie - oder soll er etwa die Unterhaltung zwischen Präsident und Kanzler mit vollem Mund dolmetschen?"
Die vielsprachige Tradition der Familie Lochner aber wird dennoch weiter gepflegt werden. Drei der Lochner-Kinder besuchen in Berlin die französische Schule. Vater Robert: "Die Kinder kommen weiter als wir - sie wachsen dreisprachig auf."
Kennedy mit Dolmetscher Lochner
Der Präsident hielt sich nicht ...
Kennedy mit Dolmetscher Weber
... an den vorbereiteten Text

DER SPIEGEL 27/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOLMETSCHER:
Dieser eine Fehler