18.05.1970

PSYCHOLOGIE / FAMILIENTHERAPIEMami und Papi

Sieben Jahre lang litt die Patientin an Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Atemnot und Schwächeanfällen. Zur Behandlung wurde sie mehrmals in die Klinik eingeliefert -- doch die Arzte konnten der Kranken nicht helfen.
Mit Diätkuren, Elektroschocks, Medikamenten und Hypnose trachteten die Mediziner vergeblich, das hartnäckige Leiden zu heilen. Und auch eine längere psychotherapeutische Behandlung schlug fehl -- die Mutter der Patientin, eine resolute Beamtenwitwe, störte beharrlich die Versuche des Analytikers. dem Ursprung der Krankheit auf die Spur zu kommen.
Erst der Gießener Psychoanalytiker Professor Horst-Eberhard Richter verhalf der Patientin zur Genesung -- mit Hilfe einer ungewöhnlichen Heilmethode: Richter, Direktor der Psychosomatischen Klinik an der Universität Gießen, behandelte nicht die Patientin allein, sondern zugleich die ganze Familie der Kranken.
In die psychotherapeutische Kur bezog Richter auch die Mutter und den Ehemann der Palientin ein, Das herrschsüchtige Gebaren der neurotischen Mutter, die ihre 31jährige Tuchtee wie ein unmündiges Kind behandelte und auch deren Ehemann einschüchterte, hatte bei der jungen Frau zur Flucht in die Krankheit geführt. Als die Mutter im Verlauf der Behandlung ihren Herrschaftsanspruch mäßigte, gingen auch die Krankheitssymptome der Tochter zurück.
Die Krankengeschichte einer Familie -- dargestellt in einem soeben erschienenen Buch Richters -- veranschaulicht einen neuen Weg der psychoanalytischen Behandlung*. Noch vor wenigen Jahren gingen die Psychotherapeuten überwiegend von der Annahme aus, daß seelisch bedingte Krankheiten (Neurosen) auf einer individuellen Fehlentwicklung des Patienten beruhen. Dementsprechend suchte der Therapeut während einer Analyse die Angehörigen des Kranken möglichst fernzuhalten.
Nun aber setzt sich die Erkenntnis durch, daß neurotische Leiden auch in der Fehlentwicklung von größeren oder kleinen Gruppen -- etwa Ehepaaren und Familien -- begründet sein können. Mithin, so glauben viele Analytiker, müsse sich die Behandlung neurotischer Patienten auch auf deren Angehörige ausdehnen,
Psychoanalytiker Richter, der in seiner Gießener Praxis schon seit einigen Jahren Ehepaare und Familien psychotherapeutisch behandelt, hat in seinem Buch die Erfahrungen mit, der Gruppen-Analyse erstmals zusammenhängend beschrieben. Anhand von exemplarischen Krankenberichten schildert ei eine Reihe von typischen
* Horst-Eberhard Richter: "Patient Familie". Rowohlt Veröag.Reinbek; 256 Seiten; 19,80 Mark.
Familien-Neurosen, die aus unbewältigten Konflikten innerhalb der Fami-Iie entstehen können.
Am häufigsten begegneten die Psychotherapeuten in Gießen dem Typ der -- von Richter so genannten -- "symptomneurolischen Familie": In diesen Familien werden gemeinsame. gruppeninterne Spannungen auf ein bestimmtes Mitglied abgeleitet. Das Familienmitglied mit der Blitzableiter-Funktion wird als "Sorgenkind" oder "Sündenbock" (Richter) abgestempelt und übernimmt, gleichsam stellvertretend, die gemeinsamen Fehler und Schwächen aller übrigen Familienangehörigen.
Nicht selten, so fanden Richter und seine Mitarbeiter, werden in deutschen Familien Kinder in die Rolle des Sündenbocks gezwungen. wenn etwa die Eltern mit ihren Eheproblemen oder die Väter mit beruflichen Schwierigkeiten nicht fertig werden. Erkranken die malträtierten Opfer an einer Neurose, so werden sie oft von ihrer Familie "ausgestoßen" (Richter) -- sie werden einer Klinik oder einem Fürsorgeheim überantwortet. Dann freilich, wenn der Sündenbock plötzlich fehlt, können in der Familie neurotische Konflikte offen ausbrechen -- es zeigt sich, daß die vermeintlich gesunden Familienmitglieder in Wahrheit die schwachen und unfähigen sind.
Eine zweite Gruppe von neurotischen Familien-Erkrankungen faßt Richter unter dem Begriff "familiäre Charakterneurosen" zusammen. Kennzeichnend für diesen Typ· von Familien-Neurosen ist, daß die Familienmitglieder allesamt bestimmte, für ihre Gruppe charakteristische neurotische Verhaltensweisen annehmen.
In der "hysterischen Familie" (Richter) beispielsweise überspielen die Familienangehörigen ihre gruppeninternen Konflikte, indem sie sich zu einer Art Show-Ensemble formieren, das der Umwelt ein harmonisches Theaterstück vorführt. Meist scharen sich die Angehörigen um eine darstellerisch besonders begabte Zentralfigur, die dann den Mitspielern bestimmte Rollen zuweist.
Zum neurotischen Eklat kommt es in solchen Show-Familien' wenn ein Mitglied die Ihm zugedachte Charge ablehnt oder wenn ein Mitspieler ausfällt -- wenn etwa eine Tochter wegen Heirat aus der Theater-Truppe scheidet: Die Mutter, bis dahin an eine jugendliche Naive als Mitspielerin gewohnt, findet sich plötzlich in ihrem Textbuch nicht mehr zurecht; sie gerät in eine Nervenkrise.
Während die "hysterische Familie" theaterhaft um ihr Publikum wirbt, kämpft die -- so Richter -- "paranoide Familie" geschlossen gegen eine feindliche Außenwelt an. Die paranoide (wahnhafte> Gruppe baut sich äußere Gegner auf und entzieht sich so den inneren Spannungen. Zugleich kultiviert sie nach innen ein übersteigertes kollektives Selbstbewußtsein, das sich gelegentlich zu familiärem Größenwahn steigern kann.
Der Zerfall einer "paranoiden Familie" beginnt, wenn eines der Mitglieder den hochgeschraubten Erwartungen des Kollektivs nicht genügen kann -- wenn etwa der Sohn die Hoffnungen seiner Eltern nicht erfüllt. Alle familiären Aggressionen. die bis dahin auf eine feindliche Welt gerichtet waren, treffen dann den vermeintlichen Versager innerhalb der eigenen Gruppe,
Als dritte Form der "familiären Charakterneurose" beschreibt Richter den Typ der "angstneurotischen Familie". die. wie der Gießener Gelehrte konstatiert, in Westdeutschland besonders häufig anzutreffen sei. Der angstneurotische Familienverband lebt, aus Furcht vor vermeintlich gefährlichen Reizen der Außenwelt, zurückgezogen im friedlichen "Schonklima einer Sanatoriumswelt" (Richter).
Ängstliche Abwehr familienfremder Einflüsse, Furcht vor vitalen Auseinandersetzungen und eine zwanghafte Neigung zum Ausklammern von Konflikten sind Merkmale einer solchen "angstneurotischen Familie. In der Nestwärme suchenden, stets zusammengluckenden Gemeinschaft, deren Oberhäupter sich gegenseitig "Mami und "Papi" titulieren, spielt meist jenes Familienmitglied die bestimmende Rolle, dessen vitale Antriebe am schwächsten sind -- die herzneurotische Mutter etwa, die vom Ehemann und ihren Kindern stets entsagungsvolle Rücksicht fordert.
Den verbreiteten Typ der "angstneurotischen Familie", deren Mitglieder frustriert und gleichsam seelisch verstümmelt, allenfalls als "Persönlichkeitstorso" ihr Familienleben fristen, hält Richter für ein "Massenphänomen von bedeutendem gesellschaftlichem Einfluß": Eine "bremsende Wirkung" auf progressive gesellschaftliche Veränderungen gehe von dem "krankenhausartigen Lebensstil' der Familien aus, der weithin als Idealform familiären Zusammenlebens akzeptiert werde.
In Zukunft freilich, so glaubt Richter, werde die "kleinherzige" Normal-Familie an Anziehungskraft verlieren; den verunsicherten Mitgliedern der Kleinfamilie müsse die Psychoanalyse den Übergang in neue Familienformen erleichtern.
Einstweilen allerdings bleibt die Familien-Analyse noch Domäne wissenschaftlicher Pioniere. Erst vor zehn Jahren haben Psychotherapeuten und Sozialwissenschaftler vor allem in England und in den USA damit begonnen, Störungen im Zusammenleben der Familie systematisch zu erforschen und zu behandeln.
Widerstände gegen die Gruppen-Analyse regten sich nicht zuletzt bei den Psychotherapeuten, denen die Behandlung ganzer Familien ungewohnte Mühe abfordert. Bei der Analyse darf sich der Therapeut nicht in die familiären Konflikte, die er zu lösen hat, hineinziehen lassen; er darf keines der widerstreitenden Familienmitglieder bevorzugen oder benachteiligen -- eine, wie Richter findet. schwierige Aufgabe "in einer so weitgehend vom Rivalitätsprinzip beherrschten Kultur wie der unseren".
In der Bundesrepublik fehlt es überdies an ausgebildeten Analytikern. Westdeutschen Familien steht gegenwärtig "nur eine Handvoll" (Richter) Psychotherapeuten für die Gruppen-Behandlung zur Verfügung.
Und zusätzlich wird die Familien-Behandlung durch das bundesdeutsche Krankenversicherungssystem behindert. Zwar gewähren die Kassen seit kurzem eine Vergütung für psychoanalytische Einzelbehandlungen -- für eine Familien-Therapie hingegen zahlen die Kassen nichts.

DER SPIEGEL 21/1970
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