18.05.1970

GESTORBENFRANZ ETZEL

FRANZ ETZEL, 67. Als "Mann am Radarschirm des politischen Geschehens, der darauf achten muß, daß die Schiffe der finanziellen Wünsche nicht zusammenstoßen", wollte er den Bundeshaushalt "hart am Rande des Defizit?" entlangsteuern. Der CDU-Bundesfinanzminister von 1957 bis 1961 (zuvor Vizepräsident der Hohen Behörde der Montan-Union) führte die staatlich prämiierte Sparförderung ein und kämpfte -- ebenso vergeblich wie seine Kollegen vor und nach ihm -- um eine große Steuerreform. Auch die "schreckliche Treppe" der alljährlich auswuchernden Bundesausgaben bezwang er nicht. Der Wunsch Adenauers, den Landwirtssohn aus dem niederrheinischen Wesel und gelernten Juristen zu seinem Nachfolger zu küren, scheiterte an der breiteren Popularität Ludwig Erhards. Etzel, Mitbegründer der CDU, zog sich in die Geschäftsführung des Düsseldorfer Bankhauses Friedrich Simon zurück. Er starb in seinem Wohnort Wittlaer an den Folgen eines Herzversagens.
NELLY SACHS, 78. Die jüdische Lyrikerin, die 1940 aus Berlin nach Schweden hatte emigrieren können, war nach Hermann Hesse der bislang einzige Autor deutscher Junge, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Bekannt geworden war Nelly Sachs erst um 1960, als Suhrkamp einen Sammelband ihrer Lyrik -- einer dunkel-melodischen, unorthodox-religiösen "Totenklage um das jüdische Volk" ("Die Welt") -- veröffentlichte und Hans Magnus Enzensberger sie zur "größten Dichterin" erhob, "die heute in deutscher Sprache schreibt". Von der jüngeren deutschen Autoren-Generation verehrt, von Bundespräsident Lübke bedankt, weil sie trotz des erlittenen NS-Unrechts "treu zu ihrer Heimat" stehe, zur Ehrenbürgerin Berlins ernannt, mit einem ihr zu Ehren gestifteten Nelly-Sachs-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels honoriert, ist Nelly Sachs in Deutschland nicht immer der Gefahr entgangen, "zu einer scheuen, traurig-feierlichen Heiligenfigur stilisiert" zu werden (Kritiker Joachim Kaiser).
WLADYSLAW ANDERS, 78. Als polnischer Offizier, Absolvent der Generalstabs-Akademien in St. Petersburg und Paris, kämpfte er im Weltkrieg I auf russischer Seite gegen die Deutschen, 1920 gegen die Russen, kam 1939 in russische Gefangenschaft und führte in Italien ein polnisches Korps gegen die Deutschen. Nach der Schlacht von Monte Cassino wurde er Oberbefehlshaber aller polnischen Truppen außerhalb Polens. Seit 1945 lebte er im Londoner Exil: Die Warschauer Regierung hatte Anders wegen "staatsschädigender Tätigkeit" die polnische Staatsangehörigkeit entzogen.
WALTER P. REUTHER, 62. Der amerikanische Automobilarbeiter-Führer, reformeifrigster und angesehenster unter den US-Gewerkschaftsbossen, begann seine Karriere als Schlosserlehrling mit elf Cent Stundenlohn und als Agitator gegen die Sonntagsarbeit. 1932 wurde der damalige Sozialist bei Ford gefeuert. Zusammen mit seinem Bruder Victor radelte er durch Deutschland (woher sein Vater stammte), verdingte sich 18 Monate lang in einer russischen Autofabrik, kehrte jedoch 1935, vom Kommunismus enttäuscht, nach Detroit zurück. Dort begann er zu organisieren. In erbitterten Streiks erkämpften sich seine United Automobile Workers (UAW) 1937 bis 1941 das Monopol für Tarifverträge mit den Auto-Giganten General Motors, Chrysler, Ford. 1946 avancierte der gewiefte Taktiker zum Präsidenten seiner Gewerkschaft, neun Jahre später außerdem zum Vize des neugebildeten Gewerkschafts-Dachverbands AFL-CIO. Der Puritaner Reuther ("Time": "Der Saubermann der Gewerkschaftsbewegung") hatte weder mit korrupten Opportunisten vom Schlag des Transportarbeiter-Führers Jimmy Hoffa etwas gemein noch mit Konservativen wie dem AFL-CIO-Chef George Meany, den er selber als "selbstgefälligen Hüter des Status quo" schmähte. Denn der überzeugte Parteigänger der Demokraten galt stets als Pionier: Er sah die Gewerkschaften nicht nur als Tarifmaschine an, sondern als Motor gesellschaftspolitischer Reformen. Reuther focht gegen die Diskriminierung der Neger und, auf internationaler Ebene, gegen die Kapitalverflechtung. Sein politischer Aktivismus trug freilich zum Bruch mit Meanys AFL-ClO bei: 1968 verstieß der Dachverband die 1,5 Millionen Mitglieder starke UAW. Bei einem Flugzeugunglück kam Reuther jetzt ums Leben, kurz nachdem er eine Erklärung gegen die Kambodscha-Invasion und gegen die Erschießung von vier uS-Studenten veröffentlicht hatte. JOHNNY HODGES, 63. Wenn er in einen Konzertsaal trat, richteten sich Scheinwerfer und Kameras auf ihn, und die Reporter fragten: "How do you do, Mr. Ellington?" Der farbige Altsaxophonist aus Cambridge, Massachusetts, der seit 1928 -- mit einer kurzen Unterbrechung -- dem Orchester Duke Ellington angehört hatte, sah seinem Meister fast zum Verwechseln ähnlich. Und ohne Hodges vollen, warmen, ausdrucksstarken Vibrato-Ton hätte auch Ellingtons Musik anders geklungen. Doch so stilbildend er auf dem Altsaxophon auch gewesen sein mag -- fürs große Publikum war Hodges neben Ellington doch nur der zweite Mann.

DER SPIEGEL 21/1970
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