02.01.2006

Drei Sekunden Sicherheit

Ortstermin: In Hamburg-Lokstedt tragen die „Sportsfreunde der Sperrtechnik“ ihre Deutschen Meisterschaften im Schlossöffnen aus.
Um 11:01 Uhr steht Steffen Wernéry, der Präsident des "Sportsfreunde der Sperrtechnik Deutschland e. V.", auf und sagt laut, dass die Wettkampfregistrierung abgeschlossen sei. Neben ihm, an zwei großen Holztischen, sitzen 13 Männer und 2 Frauen. Die Wettkampfregistrierten. Sie wollen deutsche Meister im Schlossöffnen werden. Einer kommt aus den Niederlanden. Es sind offene Deutsche Meisterschaften. Die German Open sozusagen.
Wernéry trägt ein schwarzes Jackett und darunter einen rotes Hemd und darunter ein gelbes T-Shirt und sagt: "Wir beginnen mit dem Wettbewerb Hangschlossöffnung, Wettkampfzeit drei Minuten." Später folgt der Wettbewerb Handöffnung von Zylinderschlössern, dann das Freestyle, wo alle Hilfsmittel erlaubt sind, die nichts kaputtmachen. Außer Schlüssel, klar. Zum Schluss die Blitzöffnung.
Wernéry hat gelbe Blätter ausgelegt, für die Zuschauer. Es sind nicht viele gekommen, ein paar ältere Herren mit Hüten, aber man hat vorgesorgt, man will niemanden beunruhigen. Auf den Blättern steht die "Sportordnung".
Punkt 1: "Es ist deine erste Pflicht, deine Ehrbarkeit, Integrität und fachliche Professionalität zu demonstrieren. Das Sicherheitsbedürfnis Dritter musst du unbedingt wahren!" Punkt 2: "Du darfst nur Schlösser öffnen, die dir gehören." Punkt 3: "Für alle anderen Schlösser brauchst du die Erlaubnis des Besitzers." Das ist der Ehrenkodex. Der Kodex ist wichtig. Einbrecher haben keinen Kodex.
Auf den beiden Holztischen liegen Lederetuis mit feinen Instrumenten, manche ähneln den spitzen Haken, mit denen Zahnärzte nach Karies kratzen. Es sind die zugelassenen Werkzeuge. Hand-Pick-Sets. Dazwischen liegen die Hangschlösser, auch Vorhängeschlösser genannt. Deutschlands Kellertüren sind voll mit Hangschlössern. Hangschlösser schützen Fahrräder, Grillgeräte, Skier, Kohlen und alle Dinge, die nicht in die Wohnung passen. Ein gutes Schloss. Ein Schloss für Mieter. Deutschland ist schwer vorstellbar ohne das Hangschloss.
Dann wird geöffnet, leise metallene Geräusche. Klick-klick-klick. Der Schnells-te braucht sechs Sekunden. Der zweite zwölf.
Wahrscheinlich kann man das Hangschloss vergessen. Es hängt an der deutschen Kellertür und ist Dekoration. Die Leute, die es lächerlich machen, sitzen in einem eingetragenen Verein und veranstalten Deutsche Meisterschaften.
Es gibt 350 von ihnen. "350 organisierte Sperrsportler", sagt Wernéry, der Präsident. Sie sind Richter, Physiker, Studenten, Kaufmänner oder Schließer im Gefängnis. Sie sind alles Mögliche, ein gesellschaftlicher Querschnitt, und sie lieben das Schloss, und noch mehr, das Schloss zu öffnen, es zu überwinden, auszutricksen, die Zylinder zu bewegen, den wunderbaren Moment des Aufschnappens. "Ein geiles Gefühl", sagt Wernéry.
Er hat mit Computern angefangen, er ist eine Art Hacker-Legende. Ein Mythos. 1984 hackte er sich in das Btx-System der Deutschen Bundespost, um zu beweisen, dass es nicht sicher sei, manipulierbar. Irgendwann langweilten ihn Computer, und er entdeckte die Schlösser, Mechanik, eine altmodische Sache. Old School. Aber eigentlich geht es um das Gleiche: zeigen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Wernéry gründete einen Verein, weil man das so macht in Deutschland.
An den hölzernen Tischen der Wettkämpfer wird geraucht, viel geraucht. Die Zigaretten hängen in den Mundwinkeln, während man mit feinen Werkzeugen im Schloss kratzt. Der Raum ist klein und fast blau. Niemand öffnet die Fenster.
Hätten sie auf die Zigaretten verzichtet, säßen sie jetzt, an diesem Dienstag, in Berlin. Hinter großen Glasscheiben in der Kongresshalle am Alexanderplatz, auf dem Jahrestreffen des Chaos Computer Club, so, wie in all den Jahren zuvor. Die Schloss-Hacker und die Computer-Hacker. Hardware und Software. Aber diesmal sagten die Computer-Hacker, dass der Kongress rauchfrei bleiben soll. Gesund. Die Schloss-Hacker sagten, dass es ohne Rauch nicht gehe. Jetzt sitzen sie hier in Hamburg im hölzernen Clubheim des Fußballvereins Eintracht Lokstedt. Es sind die 9. Deutschen Meisterschaften.
Der Präsident ruft den nächsten Wettkampf aus. Handöffnung. "Unsere Königsdisziplin". Es geht um Zylinderschlösser. Die findet man zum Beispiel in Türen, sie werden oft Sicherheitsschlösser genannt. Deutschland liebt das Sicherheitsschloss, genauso wie den Zaun, den Türspion und den Lärmschutzwall an Autobahnen. Alles Dinge, die für Ruhe sorgen, Frieden. Die ganze aufgeregte Welt bleibt draußen. Marmor, Stein und Eisen bricht. Das Sicherheitsschloss nur durch Gewalt.
Klick-klick-klick-klick, wieder der leise Sound der Instrumente. Metall auf Metall. Der Haken, die Schlange, der Halbdiamant. Manche Wettkämpfer stochern im Schloss. Das sind die Groberen. Die Aufsprenger. Andere tasten sanft, suchend. Nach 5 Sekunden fällt das erste Schloss. Nach 14 das zweite.
Eine Wohnungstür ist nichts anderes als ein Zelteingang, sagen die Schloss-Hacker. Das Sicherheitsschloss nur ein Begriff der Schlossindustrie.
Nächste Runde: 3 Sekunden, 6, 31. "Offen!", rufen die Wettkämpfer nacheinander.
In Berlin, beim Jahrestreffen des Chaos Computer Club, sitzen die Computer-Hacker und sagen, dass der neue biometrische Reisepass Mist sei. Die neue elektronische Gesundheitskarte auch. Technisch unausgereift. Hier in Hamburg sitzen die Schloss-Hacker und lachen über das Sicherheitsschloss. Ganz Deutschland scheint knackbar. Offen. Sicherheit ist nur ein Gefühl, aber nie objektiv, sagt Steffen Wernéry, der Präsident.
Die Lage sei trotzdem nicht so schlecht. Vier Schlösser stecken in seiner Wohnungstür. Für zwei braucht er Schlüssel.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 1/2006
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