06.04.1970

ZEITGESCHICHTE / HITLERVon Steuern befreit

Das Steuersystem ist sinnlos kompliziert", dozierte Reichskanzler Adolf Hitler 1933, "alles könnte durch einen äußerst einfachen Apparat erledigt werden."
Für sich selber hatte der Führer des Deutschen Reiches das unkomplizierteste Steuersystem reserviert: die Steuerfreiheit.
Schon in seinen ersten Amtswochen ließ Reichskanzler Hitler seine Dienstbezüge im Gegensatz zu allen Vorgängern in der Weimarer Republik -- durch einen Erlaß des Finanzministeriums von der fälligen Einkommensteuer befreien. Mit dem Hinweis, er werde sein Kanzlergehalt (60 000 Mark jährlich) ausschließlich zur Unterstützung der Witwen und Waisen gefallener alter Kämpfer von SA und SS zur Verfügung stellen, erwirkte Hitler beim Finanzamt München-Ost Steuerfreiheit für sein Staatssalär. Diesen Abgaben-Dispens genoß er auch dann noch, als er in den Folgejahren seine Bezüge für sich behielt.
Des Führers Sucht nach Steuerprivilegien war damit freilich nicht befriedigt. Sein Kampf galt im Spätsommer 1934 der Steuerfreiheit für den Schriftsteller Adolf Hitler. Die Millionen-Tantiemen des nach der Bibel in Deutschland auflagenstärksten Druckwerks "Mein Kampf", das allen Brautpaaren bei der Trauung überreicht wurde, wollte der Kanzler ungeschmälert einstecken.
Hitlers Steuerfaulheit entdeckte jüngst der Haus-Historiker des Bonner Finanzministeriums, Dr. Alfons Pausch. als er für seinen Dienstherrn Alex Möller die letzten "fünfzig Jahre Reichsabgabenordnung" durchforschte. Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister von 1932 bis 1945, steuerte eigene Erfahrungen bei.
Graf Schwerin von Krosigk, 82, der heute in Essen lebt, berichtete dem Historiker Pausch: Im Reichskabinett fragte Hitler-Vertrauter Goebbels -- selbst Autor des NS-Bestsellers "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" -- scheinheilig, ob Hitlers Einkünfte tatsächlich vom Finanzamt der Besteuerung unterworfen würden. Schwerin von Krosigk erwiderte. er halte es für selbstverständlich, daß auch der Führer von seinen Privateinkünften, insbesondere von "den Einnahmen aus seinem Buch, Steuern zahle".
Den Streit zwischen dem preußischen Finanzmann und dem NS-Propagandisten beendete Hitler schließlich selbst. Er gab Schwerin recht, freilich mit dem Vorbehalt, daß im Steuergesetz für Einkünfte dieser Art ein geringerer Steuersatz vorgesehen sei.
Erst Jahre später erfuhr Schwerin von Krosigk, daß der Kanzler ihn hinters Licht geführt hatte. Wenige Stunden nach der Kabinettsitzung hatte Hitler sich mit dem Staatssekretär im Finanzministerium und früheren Leiter der NSDAP-Rednerschule, Fritz Reinhardt, über die strittige Steuerfrage ins Benehmen gesetzt. Er veranlaßte den Parteigenossen, zunächst einen niedrigeren Satz für Autor Hitler festzulegen,
Weisungsgemäß schrieb Parteigenosse Reinhardt am 30. Januar 1934 an den Parteichef Hitler: "Im Hinblick auf die Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Führer des deutschen Volkes entstehenden außergewöhnlichen Belastungen erkläre ich mich mit Abzug von fünfzig Prozent des Gesamtbetrages Ihrer Einkünfte als Werbungskosten für das Steuerjahr 1933 einverstanden." Am 22. März 1934 reichte Hitler seine Steuererklärung 1933 ein. Er gab an, neben dem Reichskanzler-Gehalt 1 232 335 Reichsmark verdient zu haben, und wies "auf die Entscheidung des Reichsfinanzministeriums hin, die sich beim Steuerakt befindet". Da ihm fünfzig Prozent Werbungskosten zugestanden worden seien, habe er nur 616 167 Mark zu versteuern.
Doch auch die darauf fälligen 297 005 Reichsmark mochte der Volksgenosse Hitler seinem Staat nicht gönnen. Vergebens stellten Münchens Steuerbeamte ihrem Führer Ende August 1934 einen Steuerbescheid zu und setzten eine Zahlungsfrist bis Ende September. Auch fünf Mahnungen an Hitlers Sekretariat blieben ohne Antwort.
Den schon ausgefertigten Vollstreckungsauftrag indes wollten die Steuerbeamten vorerst nicht herausgeben. Denn in einem Schreiben hatte Hitlers Adjutant Julius Schaub im November 1934 um "Geduld" gebeten.
Den Aufschub nutzte der Kanzler. sich von jeder Steuerpflicht freistellen zu lassen. Finanz-Staatssekretär Reinhardt radierte für den Dienstherrn die Steuerfrage aus: Gemeinsam mit dem Präsidenten des Landes-Finanzamtes München, Ludwig Mirre, der später zum Präsidenten des Reichsfinanzhofs befördert wurde, wies er Münchens Finanzamtschef Dr. Lizius an, dem Führer generellen Steuerdispens zu erteilen.
Der an die Integrität seines Staatslenkers glaubende Lizius bestand darauf, daß "dem Führer die rechtliche und verfassungsmäßige Begründung seiner Steuerfreistellung vorgetragen" werde. Der Finanzbeamte war überzeugt, Hitler werde die von Reinhardt und Mirre verlangte Begünstigung nicht akzeptieren.
Doch der Einspruch aus der Reichskanzlei unterblieb. Resignierend vermerkte Lizius in einem Erinnerungsprotokoll: "Präsident Mirre teilte mir telephonisch mit, der Führer stimme mit der Auffassung von Herrn Mirre und Herrn Reinhardt überein. Ich habe daraufhin sämtliche Akten des Führers, einschließlich der Steuerkarten, aus dem Amtsverkehr gezogen und unter Verschluß genommen."
Am 12. März 1935 wurde auch Hitlers Adrema-Platte im Finanzamt München vernichtet, sein Name in der Veranlagungsliste gelöscht. Zehn Jahre vor seinem politischen und physischen Ende verschwand der Steuerzahler Adolf Hitler.

DER SPIEGEL 15/1970
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Von Steuern befreit

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