16.03.1970

SYBERBERGSchön oben

Er hat Bundesfilm- und Kritikerpreise, Drehbuch- und Spielfilmprämien gewonnen und mit seinem "wertvollen" Lichtspiel "Scarabea" die deutsche Filmwirtschaft beim Festival von San Sebastian repräsentiert. Doch die Kinobranche ist auf den Münchner Regisseur und Produzenten Hans-Jürgen Syberberg, 34, plötzlich nicht mehr gut zu sprechen.
Denn ein Dokumentarfilm, den Syberberg jüngst unter dem Titel "Sex Business made in Pasing" gedreht hat, ist "alles andere ... als eine Werbung für die Filmwirtschaft und die Denkungsweise ihrer Produzenten". Das hat die maßgebende Fachzeitschrift "Film-Echo/Filmwoche" ganz richtig erkannt.
Syberbergs "Beitrag zur deutschen Filmsoziologie" (Untertitel), der vom Bayerischen Rundfunk am Sonntag um 22.10 Uhr im Ersten Fernseh-Programm gesendet wird, dokumentiert in Interviews und unkommentierten Bildern sechs Tage aus dem Porno-Filmschaffen des bayrischen Produzenten, Verleihers und Kinobesitzers Alois Brummer, 44 (SPIEGEL 21/1969). Und dessen "Denkungsweise" ist so schlicht, daß es der gewiß nicht übermäßig intellektuellen Branche fast schon peinlich ist.
"Total nackt kommt sehr gut an", so spricht Brummer, und nach diesem simplen Rezept macht der ehemalige Spediteur in Kuhställen, Kiesgruben und besonders gern im Keller seines Pasinger Wohnhauses "Filme wie andere Leute Schmelzkäse" ("Süddeutsche Zeitung"). Sie sind voller Banal-Erotik und heißen etwa "Eros-Center Hamburg". "Graf Porno und seine Mädchen" oder "Graf Porno und die liebesdurstigen Töchter".
Die Nacktricen vermittelt ihm zumeist der "Künstlerdienst" des Arbeitsamtes, und wenn sie Brummers künstlerischem Anspruch genügen -- "Die Taille, die Oberweite und die Unterweite muß stimmen" -, dürfen sie sich dem "Grafen Porno von Geilsberg" zu niederer Gage beigesellen.
Syberberg hat Brummers Spielplätze, seine Spezial-Tricks ("Das Bein schön oben lassen, das ist die FSK-Stellung"), seinen "erotischen Fremdarbeiter", den Italiener Rinaldo Talamonti, ohne Drehbuch mit Methoden des "Cinéma vérité" authentisch aufgenommen und auch erkundet, warum Brummers Mädchen zum "Porno -- Film gegangen sind: "Um ins Geschäft überhaupt reinzukommen."
Doch am hartnäckigsten blieb Syberbergs britischer Kameramann Christian Blackwood dem Unternehmer Brummer auf den Fersen: Er filmte ihn beim Feilschen mit einem Kamera-Assistenten ("Ich kann nicht von Film zu Film die Gage erhöhen"), heim Telephonat mit seinem Anwalt, dem Verleihfunktionär Horst von Hartlieb, und bei Hilfsarbeiten für das jüngste Brummer-Werk "Graf Porno und die liebesdurstigen Töchter".
In einem Moorbad etwa spült der Produzent einer Darstellerin den Schlamm vom nackten Körper und kneift sie dabei väterlich in die Brust; im heimischen Keller läßt Brummer eigenhändig ein Wandbrett mit Gläsern hüpfen -- im fertigen Film vermittelt diese Erschütterung die Intensität einer rustikalen Paarung auf der Alm.
Auch in Augenblicken der Wahrheit hat Syberberg seinen korpulenten Hauptakteur ertappt. Erschöpft und mißtrauisch ("Aber diese Sachen möcht i net reinha'm") kommentiert Brummer das Geschäft mit dem Sex: "Heute würd' ich's ja nicht mehr machen ... das Risiko ist zu groß ... kann "ne Million bringen, kann gar nichts bringen, dann is"s Geld kaputt."
Bislang jedoch ist alles gutgegangen. Mag da auch heutzutage jeder zweite im Bundesgebiet produzierte Film nicht einmal seine Herstellungskosten einspielen -- Brummers Trivial-Produkte, zu Dumping-Preisen (rund 350 000 Mark für einen abendfüllenden Farbfilm) gefertigt, garantieren Millionenumsätze in vollen Kinos.
Und dieses einträgliche Geschäft soll auch Syberberg nicht durch Enthüllungen stören. Nur "wer den Ast, auf dem er sitzt, absägen möchte", riet darum "Film-Echo/Filmwoche" den Kinobesitzern, "sollte den Streifen des Herrn Syberberg spielen."
Der Ruf zum Boykott hatte den gewünschten Erfolg: Der Duisburger Atlas-Verleih, ursprünglich bereit, "den Film als ein bemerkenswertes Dokument über die deutsche Sexfilmproduktion ins Kino zu bringen", sah nach diesem Kommentar, "der als Aufforderung an alle Filmtheater angesehen werden muß, diesen Film nicht zu spielen", einem "Kinoeinsatz" jede wirtschaftliche Basis entzogen und ließ Syberberg aufsitzen.
In einer Phase "sich offensichtlich nun anbahnender besserer Verständigung zwischen Film- und Fernsehleuten" ("Film-Echo/Filmwoche") mochte auch das ZDF, ursprünglich Auftraggeber des Syberberg-Dokuments, den Film nicht spielen. Nach einem "Hör zu"-Interview Syberbergs während der Dreharbeiten ("Es wäre doch eine Bankrotterklärung, wenn die Leute beim ZDF sagen würden, so was können wir nicht bringen") fühlte sich die Anstalt "auf massive Weise unter Druck gesetzt" und verzichtete.
Verzichtet haben auch die Sender in Köln, Hamburg, Berlin und Saarbrücken; beim Bayerischen Rundfunk hatte Syberberg schließlich Glück: Von dem 90-Minuten-Werk (Kosten: 30 000 Mark) sendet die Münchner Anstalt nun zu akzeptablem honorar (40 000 Mark) immerhin eine um dokumentarische Sex-Sequenzen gekürzte Stunde.

DER SPIEGEL 12/1970
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