02.03.1970

KANZLERAMTHorst von Medici

Vielleicht", so vermutete Franz Josef Strauß letzte Woche vor dem Bundestag, "ist da nur die Null vor dem Komma hinter das Komma gerutscht." Keineswegs nur zwei nichtpolitische Beamte, wie Brandt-Minister Horst Ehmke zuvor behauptet hatte, sondern gleich 20 seien nach dem Regierungswechsel im Palais Schaumburg ausgeschaltet worden.
In Wahrheit hat Ehmke nur drei Beamte formell "entpflichtet", das heißt, von der laufenden Arbeit dispensiert, etwa 20 weitere jedoch sind formlos auf das gleiche Abstellgleis geschoben worden. Und schon am 4. Februar, dem 43. Geburtstag des Ministers, war er wegen dieser Personalpolitik in einer Versammlung aller Kanzleramts-Bediensteten gerügt worden.
Ministerialrat Klaus Seemann, 45, seit Erhards Zeiten im Palais Schaumburg, warf als Personalratsvorsitzender seinem neuen Chef vor, zahlreiche Nicht-Entpflichtete seien "mindestens ebenso frustriert wie die Entpflichteten, die einen mit einer Bescheinigung politischer Verfolgung, die anderen ohne".
Bildungsbürger Seemann tat auch einen Griff in die Geschichte. Er hielt Ehmke die Bartholomäusnacht vom 24. August 1572 vor, in der Katharina von Medici bei der Pariser "Bluthochzeit" Tausende von Hugenotten ermorden ließ. Freilich gestand er seinem Horst von Medici zu: "Die Geschichte moralisiert nicht."
Von SPD und FDP verlangte Klaus Seemann eine Revision ihrer Vorstellung vom Palais Schaumburg. Sein Vorwurf: "In den Augen der Sieger" habe sich das Kanzleramt als "Zitadelle des Schwarzen Korps" dargestellt, "wo finstere Gestalten, die selbst nachts im dunklen Kohlenkeller noch Schatten werfen ... noch weitaus finsterere Gedanken ausbrüten und ihr Unwesen getrieben hatten, sozusagen eine Art christlicher Ku-Klux-Klan".
Als Kontrast malte Personalvertreter Seemann die unbedingte Loyalität der Schaumburg-Bediensteten in leuchtenden Farben: "Wir sind überzeugt, daß jeder Mann in diesem Amt ... aufgrund der sittlichen und ethischen Wurzeln des Berufsbeamtentums ... auch den neuen Herren gegenüber seine Pflicht getan hätte und tut."
Statt dessen, so ereiferte sich der Ministerialrat" bleibe "einer großen Beamtenschaft als einzige Tätigkeit das Spazierentragen ihrer AnzUge".
Allen voran das schon seit Erhards Kanzlerschaft vom Aktenkreislauf ausgeschlossene CSU-Mitglied Klaus Seemann.

DER SPIEGEL 10/1970
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