02.03.1970

OLYMPIA VERZICHTKleines Alibichen

Das gag-bewußte Aktuelle Sportstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens fuhr am vorletzten Wochenende Kanonen auf. Doch die Pappmörser blubberten nur kläglich. Den Knalleffekt des Abends erzielte erst ZDF-Sportchef Willi Krämer, 43, mit einem Olympiakommentar.
"Zur Einleitung des notwendigen Denkprozesses für die Ermittlung eines neuen olympischen Standortes schlage ich vor", verlas der frühere Deutsche Meister im Rückenschwimmen, "daß die Mannschaft der Bundesrepublik nicht an den Olympischen Spielen teilnimmt." Den Bundesathleten empfahl der spröde formulierende Krämer, die Gastsportler lieber zu betreuen statt mit ihnen zu kämpfen. Soviel olympischer Defaitismus trieb einige Sportfans sofort zu den Telephonen "Der Krämer hat eine Meise", vermutete einer.
Zwischen Aschermittwoch und 1. April forschten Krämers Kollegen in den Zeitungsredaktionen nach Scherz-Motiven. Eine "Schnapsidee" nannte die Münchner "Abendzeitung" den Versuch, die größte Schau der Welt "unter eine olympische Käseglocke" ("Stuttgarter Zeitung") zu stellen.
Münchens schockierter Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel fragte, "wie soll ich mich dazu noch höflich ausdrücken". Der bundesdeutsche Olympiachef Willi Daume rügte mild: "Dieser unrealistische Vorschlag steht im Gegensatz zum olympischen Gedanken." Und der Cheforganisator der Münchner Spiele, Herbert Kunze, konterte: "Haben Sie schon mal einen Gastgeber gesehen, der nicht mitißt?"
Tatsächlich hatten bisher die Gastgeber beim Medaillenkampf stets kräftig zugelangt. Bei den ersten Olympiaden moderner Zeit heimsten die Griechen in Athen (1898), die Franzosen in Paris (1900) und die Amerikaner in St. Louis (1904) die meisten Plaketten ein. Als nach dem Ersten Weltkrieg die USA zur Sportgroßmacht herangewachsen waren, vermochten 1936 nur die Deutschen im heimischen Berlin die Vorherrschaft zu brechen. 1956 in Melbourne schnitten die sonst erfolglosen Australier ebenso wie 1960 in Rom die Italiener und 1964 in Tokio die Japaner am drittbesten ab.
Immer mehr vermischte sich aber das Medaillenstreben mit chauvinistischem Gepränge. Noch 1912 in Stockholm standen nicht "die Medaillengewinner auf dem Siegerpodest, sondern der schwedische König, der ihnen Lorbeerkränze überreichte. Die Medaillen gab es erst später im Klubhaus. Erstmals erhöhten die Amerikaner 1932 die Olympiasieger -- sie bauten ihnen eine Siegertreppe.
In der Sowjet-Union, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg an Olympiaden teilnahm, schärften Funktionäre bei Spartakiaden von Pskow bis Wladiwostok bereits das Medaillenbewußtsein der Acht- bis Zwölfjährigen. In der DDR rangeln derzeit bei der Spartakiade 1300 Kinder um 213 Plaketten in Gold, Silber und Bronze.
Krämer, der einst bei Sporthochschulgründer Carl Diem sein Turn- und Sportlehrerdiplom erwarb, fand es an der Zeit, "Medaillen-Hektik, Aggressionsstauungen und olympischen Gigantismus" abzubauen. "Ich bin kein olympischer Spinner", wehrt er naheliegenden Verdacht ab. "Aber ebenso unrealistisch ist es ja auch, wenn man den Frieden in der Welt fordert."
Letzten Anstoß zur Umkehr in die heile Olympiawelt gaben ihm Geistliche und Studenten der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Sie verwiesen auf organisierte Basisgruppen gegen olympischen Ungeist an bundesdeutschen Universitäten. So etablierte sich in Frankfurt ein anti-olympisches Komitee, daß die "Jugend der Welt" aufforderte, "die heuchlerischen Spiele in die Luft zu jagen". Außerdem propagierte es neben Sackhüpfen und Kopfwackeln sexbetonte Leibesübungen nach van der Velde und Josefine Mutzenbacher.
Als sich am vorletzten Wochenende der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, zur Besichtigung der Münchner Olympiabaustelle angesagt hatte, verfaßte Krämer ("Ein kleines Alibichen auch gegenüber dem Ausland") sein Verzichts-Manuskript. Olympiabewahrer Brundage war aber anderer Meinung: "Es ist wichtiger Olympiasieger zu sein, als nationaler Meister."
"Im Mittelfeld zwischen Exzentrikern von links und rechts", vermerkte der Sportjournalist Willi Knecht, "hat Krämers Nachtvorstellung zwar ein Nachdenken ausgelöst, doch der Raum zwischen beiden Polen ist weniger breit als man zugunsten der Spiele in München erhoffen muß."

DER SPIEGEL 10/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 10/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OLYMPIA VERZICHT:
Kleines Alibichen

Video 02:04

Funksprüche vor Boeing-Notlandung "Entschuldigung, Sie sagten, es gebe ein Loch?"

  • Video "Telefon unterbricht Chelsea-Trainer: Sorry. Das ist meine Frau." Video 00:47
    Telefon unterbricht Chelsea-Trainer: "Sorry. Das ist meine Frau."
  • Video "Neuwahlen in der Türkei: Erdogan will einer Krise zuvorkommen" Video 02:45
    Neuwahlen in der Türkei: "Erdogan will einer Krise zuvorkommen"
  • Video "Freestyle-Premiere: Auf Skiern durch den Looping - rückwärts" Video 01:13
    Freestyle-Premiere: Auf Skiern durch den Looping - rückwärts
  • Video "Dashcam-Video: Polizei filmt Gas-Explosion" Video 00:32
    Dashcam-Video: Polizei filmt Gas-Explosion
  • Video "Amateurvideo aus Iran: Riesiger Sandsturm trifft auf Wohngebiet" Video 00:49
    Amateurvideo aus Iran: Riesiger Sandsturm trifft auf Wohngebiet
  • Video "Müll-Problem: Forscher entdecken Plastik-fressendes Enzym" Video 01:44
    Müll-Problem: Forscher entdecken Plastik-fressendes Enzym
  • Video "Triebwerksexplosion bei Boeing-Flugzeug: Passagier filmt Notlandung" Video 01:28
    Triebwerksexplosion bei Boeing-Flugzeug: Passagier filmt Notlandung
  • Video "Burger mit gebratener Tarantel: Die spinnen doch!" Video 01:17
    Burger mit gebratener Tarantel: Die spinnen doch!
  • Video "Transplantation: Der Mann mit den drei Gesichtern" Video 01:01
    Transplantation: Der Mann mit den drei Gesichtern
  • Video "Antisemitischer Angriff in Berlin: Israeli mit Gürtel verprügelt" Video 00:49
    Antisemitischer Angriff in Berlin: Israeli mit Gürtel verprügelt
  • Video "Ausgezeichnete Körperkontrolle: Handstand-Guru beeindruckt das Netz" Video 00:43
    Ausgezeichnete Körperkontrolle: Handstand-Guru beeindruckt das Netz
  • Video "Umstrittene Songzeile: Bei Auschwitz ist eine Grenze überschritten" Video 03:32
    Umstrittene Songzeile: "Bei Auschwitz ist eine Grenze überschritten"
  • Video "Panne bei Tarifabschluss-Verkündung: Seehofer und der zweite Zeitraum" Video 01:36
    Panne bei Tarifabschluss-Verkündung: Seehofer und der "zweite Zeitraum"
  • Video "Animation der Präsidentenlimousine: Trumps neues Beast" Video 01:08
    Animation der Präsidentenlimousine: Trumps neues "Beast"
  • Video "Ausgezeichnete Körperkontrolle: Handstand-Guru beeindruckt das Netz" Video 00:43
    Ausgezeichnete Körperkontrolle: Handstand-Guru beeindruckt das Netz
  • Video "Funksprüche vor Boeing-Notlandung: Entschuldigung, Sie sagten, es gebe ein Loch?" Video 02:04
    Funksprüche vor Boeing-Notlandung: "Entschuldigung, Sie sagten, es gebe ein Loch?"