02.03.1970

PHILOSOPHIE / MARXISMUSBaldachin für Heilige

Verrat am Marxismus-Leninismus warf die "Prawda" vor zwei Wochen wieder einmal jenen jugoslawischen Marxisten vor, die seit sechs Jahren die Zeitschrift "Praxis" herausgeben. DDR-Funktionäre hatten bereits geargwöhnt, die "Konterrevolution" in der CSSR sei vom "Praxis"-Kreis organisiert worden.
Die orthodoxen Linken fanden in den Gedanken dieser Zeitschrift ein Virus wieder, das sie vordem schon in der "Kritischen Theorie" der Frankfurter Schule diagnostiziert hatten: die Auflehnung gegen ihren "dialektischen Materialismus" (Diamat>, der Philosophie nur noch als Widerspiegelung der wirklichen Verhältnisse zuläßt. Für P. Kopnin, einen der sowjetischen Spitzen-Philosophen, führt diese Sünde zum "Pluralismus in der marxistischen Philosophie" und damit "unweigerlich zu der zügellosen Reaktion -- dem Antikommunismus und Antisowjetismus". Einer der beiden "Praxis"-Chefredakteure" Gajo Petrovic, kontert in seinem neuen Buch "Wider den autoritären Marxismus"*: "Der Terminus 'dialektischer Materialismus' taucht bei Karl Marx überhaupt nicht auf."
Petrovic, 42, der unter anderem in Moskau und Leningrad studiert hat und heute in Zagreb Philosophie lehrt, gründete die "Praxis" 1964 mit einer Gruppe Zagreber Philosophen und Soziologen, die auch heute noch das Redaktionskomitee bilden -- darunter der Soziologe Rudi Supek, 56, einstiger Häftling im KZ Buchenwald, Milan Kangrga, 46, Professor für Ethik und Ästhetik, sowie die Philosophie-
* Gajo Petrovic: "Wider den autoritären Marxismus". Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M.; 228 Seiten; 12 Mark.
** "Revolutionäre Praxis -- Jugoslawischer Marxismus der Gegenwart". Herausgegeben von Gajo Petrovic, Verlag Rombach, Freiburg; 290 Seiten; 29 Mark. Historiker Predrag Vranicki, 47, und Danko Grlic, 46. Programmatische Erklärung der Redakteure damals: "In unserer Zeitschrift soll Philosophie der Gedanke der Revolution sein, rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, humanistische Vision einer wirklich menschlichen Welt, inspirierende Kraft revolutionären Handelns" -- kurz, der wahre Marx sollte wieder entdeckt werden.
Diesem Ziel wollte sich die Redakteurs-Gesellschaft durchaus auch auf dem Wege der Kritik am bestehenden Sozialismus nähern: "Wir glauben, daß zum Verständnis des Marxschen Denkens seine intelligenten Kritiker mehr beitragen können als beschränkte und dogmatisch denkende Anhänger." So gliederte die Kroatische Philosophische Gesellschaft, Herausgeberin der "Praxis", der ersten, serbokroatisch geschriebenen Nummer der Zeitschrift im Januar 1965 eine Internationale Ausgabe an, deren Beiträge auf deutsch, englisch oder französisch gedruckt werden, Die Auflage ist inzwischen auf 5000 Exemplare gestiegen -- davon 2000 in der internationalen Version.
Kontakt zu kritischen Marxisten in aller Welt hatten die Zagreber über die seit 1963 von ihnen veranstaltete "Sommerschule" auf der Adria-Insel Korcula gefunden. Alljährlich im August diskutieren dort Denker wie Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Leszek Kolakowski, Eugen Fink und Lucien Goldmann, inzwischen sämtlich Mitglieder des Redaktionsrats" über Themen wie "Marx und die Revolution" (1968) oder "Macht und Menschlichkeit" (1969). Die lockere Verbindung von Philosophie und Müßiggang wurde zur Attraktion: Zutritt hatte stets jedermann.
Eines dieser Treffen signalisierte schließlich auch der Weltöffentlichkeit den endgültigen Bruch zwischen "stalinistischem Positivismus" und "schöpferischem Marxismus" ("Praxis"). Als am 21. August 1968 sowjetische Panzer In Prag einrückten, schickten die In Korcula Versammelten ein Protest-Telegramm an "Mister Breschnew" -- in der ersten Fassung hatte es noch "Genosse" geheißen,
Anders als Horkheimer, Adorno und Marcuse entwickelten die "Praxis"-Philosophen ihre Kritik an Kapitalismus und Sozialismus freilich von Anfang an in einem sozialistischen Land, Viele von ihnen waren gleich Supek und Vranicki Widerstandskämpfer und litten nach dem Krieg "unter der Einwirkung äußerer Macht im Namen künftiger Freiheit", wie Petrovic das in einer ersten Dokumentation des "Praxis"-Kreises für deutsche Leser umschrieben hat**.
Die Abkehr vom Stalinismus, die Tito 1948 durchgesetzt hatte, und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung -- 1950 zunächst für die Betriebe beschlossen -- verhalf der neuen jugoslawischen Philosophie zur Geburt. Belgrad wurde zu einer Art Zentrum für das Studium amerikanischer" und englischer Philosophie, in Zagreb beschäftigte man sich vorwiegend mit deutschen Denkern wie Husserl und Heidegger, und in Ljubljana studierte man Sartre und den Strukturalismus. Außerdem wurden die Frühschriften von Marx und Georg Lukács populär.
Erbarmungslos deckte der "Praxis"-Kreis Hohlstellen im Diamat auf: einerseits die vom Kapitalismus geerbten Gestalten der Entfremdung des Menschen wie Staat, Klasse, Partei, Nation, Bürokratie, Religion und Geld, andererseits die Degradierung von Philosophie, Kunst und Kultur zum bloßen "Überbau"" zur Widerspiegelung der ökonomischen Basis. "Der Rote Oktober", schrieb Vranicki, "ist kein Baldachin, unter dem nur Heilige der Politik und Theorie einherschritten."
"Praxis" soll dagegen zweierlei sein: Protest gegen die Reduktion des Menschen zur bloß noch "wertvollsten Produktivkraft" (Stalin) und Programm für eine konsequente Selbstverwaltung" Der Kampf für diese Selbstverwaltung gegen bürokratische Tendenzen im Partei- und Staatsapparat wurde von den "Praxis"-Redakteuren durchaus konkret geführt; anders als Adorno und Habermas in Frankfurt beteiligten sie sich zum Beispiel 1968 in Belgrad an studentischen Protestaktionen. Einige Professoren wurden daraufhin aus dem "Bund der Kommunisten", der jugoslawischen KP, verstoßen; die Zeitschrift wurde heftig angegriffen und zeitweise in ihrer Existenz bedroht (siehe SPIEGEL-Gespräch, Seite 170).
Doch die "Praxis" erscheint noch immer. Petrovic kann darauf hinweisen, daß "keine Zeitschrift in einem anderen sozialistischen Land der Gegenstand derartig langer und heftiger Angriffe wurde und dennoch überlebte"; offensichtlich hat das die Kritik der orthodoxen Linken inzwischen auch um ihre gewohnte Selbstsicherheit gebracht, Der Basler Marxismus-Kenner Arnold Künzli schätzt die "Praxis" bereits als "klügstes und interessantestes Avantgarde-Organ eines zeitgenössischen Marxismus".

DER SPIEGEL 10/1970
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