16.02.1970

Parteien„AUS UNSERER SEELE“

Am vorletzten Wochenende konstituierten sich in West-Berlin die „Zentrale“ und der erste Landesverband des „Freundschaftskreises der CSU Deutschlands“. Vorsitzende des beim Amtsgericht noch nicht eingetragenen Vereins ist die Berliner Oberstudienrätin Dr. Ingeborg Masur, ihre Stellvertreter sind der Kölner Byzantinistik-Professor Berthold Rubin und der Berliner praktische Arzt Dr. Branimir ("Branko") Jelic, 64, Vorsitzender des „Kroatischen Nationalkomitees“ und der europäischen Exilunion der Kroaten, zu der 25 Landesverbände gehören. Jelic lebt seit 1949 in Deutschland, ist deutscher Staatsangehöriger und seit 16 Jahren CDU-Mitglied. Der Katholik ist Träger des goldenen Ehrenzeichens der CDU, die ihn gleichwohl als „Belastung“ (geschäftsführender Landesvorsitzender Heribert Baumann) empfindet. Jelic rühmt sich, der „eigentliche Gründer“ der kroatischen Ustascha-Bewegung gewesen zu sein, von der er sich jedoch 1934 wegen „zu enger Kontakte dieser Organisation mit der damaligen Mussolini-Regierung“ distanziert haben will, „weil ich demokratisch eingestellt war“.
SPIEGEL: Herr Dr. Jelic, Sie sind der Chef von 15 000 Exilkroaten in der Bundesrepublik und West-Berliner CDU-Mitglied. Sie haben jetzt in Berlin einen Freundschaftskreis der bayrischen CSU gegründet. Warum?
JELIC: Ich war nicht Initiator dieser Aktion, sondern Professor Rubin, Ich habe mich auch nicht um den Posten beworben, besonders weil ich in kroatischen politischen Dingen so stark engagiert bin. Aber wir Kroaten, wissen Sie, wir haben irgend etwas mit Bayern gemeinsam. Der große Schweizer Anthropologe Pittard sagt, daß blutmäßig oder anthropologisch kaum zwei andere Stämme so sich gleich sind wie die Kroaten und Bayern; es kann sein, daß mich das Blut Irgendwie zieht.
SPIEGEL: Wer gehört außer dem Professor Berthold Rubin -- der 1962 versucht hat, mit Hammer und Meißel ein Loch in die Berliner Mauer zu schlagen -- noch zu Ihrem Freundeskreis?
JELIC: Ich will Namen nicht erwähnen, wir waren 18 oder 20 bei der Gründung, aber wenn ich nur meine Freunde, die mich angesprochen haben -- auch aus der Ärzteschaft -, eingeladen hätte, dann ginge schon die Zahl in die Hunderte ...
SPIEGEL: Es sind also hauptsächlich Berliner in dem Freundeskreis?
JELIC: Vorläufig ja, aber wir werden Mitglieder in der ganzen Bundesrepublik bekommen, das ist sicher.
SPIEGEL: In Ihrem Gründungsaufruf erklären Sie, daß Sie die politischen Vorstellungen der CSU und des Vorsitzenden Franz Josef Strauß unterstützen wollen. Was verbindet Sie mit Strauß?
JELIC: Seine außenpolitische Einstellung, die meiner Meinung nach nicht nur für Deutschland, sondern für Europa und die ganze Welt von eminenter Bedeutung ist. Ich sehe in Franz Josef eine so große Persönlichkeit, daß auf sie jedes Volk stolz sein könnte. Und da Franz Strauß in Bonn nur 50 Abgeordnete hat, ist es ungerecht, daß diese große Persönlichkeit immer zweite oder dritte Geige spielen muß. Ich sage nicht, daß unbedingt Franz Josef Kanzler sein soll, aber ich will, daß seine politischen Konzeptionen mehr zum Ausdruck kommen sollen,
SPIEGEL: Warum gründete sich die "Zentrale" des Kreises für Strauß ausgerechnet in Berlin?
JELIC: Wir gehören nicht zu den Verzichtpolitikern. Berlin war Hauptstadt Deutschlands, und wir betrachten auch heute Berlin als Hauptstadt aller Deutschen, Das ist weder eine Provokation noch, verstehen Sie, ein Versuch, Schaden zu machen, Im Gegenteil.
SPIEGEL: Gefällt Ihnen die Außenpolitik der Bundesregierung nicht?
JELIC: Wir sind nicht gegen Verhandlungen mit dem Osten, wir wissen, es muß sein. Aber wir wissen auch, daß die Russen nur starke Persönlichkeiten respektieren, und ich bin fest überzeugt, daß die Russen viel lieber mit Franz Josef Strauß sprechen würden als mit anderen Politikern. Damit, was die Regierung jetzt tut, wird sie nichts einkaufen können, nur die deutschen Ansprüche irgendwie preisgeben.
SPIEGEL: Wie wollen Sie denn die CSU konkret unterstützen, durch Geld?
JELIC: Wir haben jetzt nichts, aber wenn wir eines Tages etwas haben sollten -- natürlich. Ich persönlich bin CDU-Mann, aber der Strauß spricht mehr aus unserer Seele ...
SPIEGEL: Wollen Sie auch Mitglieder für die CSU anwerben?
JELIC: Selbstverständlich -- im ganzen Bundesgebiet. Die CDU/CSU müßte zehn Prozent Stimmen haben, um regieren zu können.
SPIEGEL: Zehn Prozent mehr Stimmen?
JELIC: Ja. Und deswegen sind wir dabei zu werben -- rechts ist der Totalitarismus die Grenze, links gehen wir bis Mende.

DER SPIEGEL 8/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Parteien:
„AUS UNSERER SEELE“

  • Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet