09.02.1970

BAHR

Viel dazugelernt

(siehe Titelbild*)

Zehn Jahre lang schmähte ihn Deutschlands Rechte als ostpolitischen Phantasten und verdächtigte ihn des Verrats deutscher Interessen.

Seit zehn Tagen betreibt Egon Bahr, außenpolitischer Chefberater Willy Brandts, die delikateste Mission der deutschen Nachkriegsdiplomatie. Vor Ort in Moskau soll er die Fährte auskundschaften, auf der sein Kanzler 20 Jahre nach Adenauers Arrangement mit dem Westen sich nun der Aussöhnung mit dem Osten nähern will.

Von Bahrs Geschick und Geduld hängt es ab, ob das anspruchsvolle Konzept der Regierung Brandt/Scheel für eine neue Ostpolitik sich als realistisch erweisen oder mißlingen wird.

Kanzleramts-Minister Horst Ehmke sieht in dem kleinen, scheuen Mann den idealen Wortführer Bonns in Moskau: "Egon ist der Beste." Kanzlerfeind Franz Josef Strauß dagegen spricht dem 47jährigen Staatssekretär im Palais Schaumburg jede Befähigung zum Unterhändler ab: "Der Mann würde mit einem Milchgeschäft pleite gehen."

Kanzler Brandt schätzt seinen umstrittenen Moskau-Emissär "wegen seiner hervorragenden Fähigkeiten". Und er hält Ort und Zeit der Bahr-Operation für günstig.

Nachdem die CDU-geführten Bundesregierungen in falscher Einschätzung der Lage Jahre damit vertan haben, die Länder des Warschauer Pakts gegen die DDR und gegen Moskau auszuspielen, wendet sich SPD-Kanzler Brandt zum erstenmal an die zuständige Adresse. Über ein Gewalt-

* Egon Bahr vor Willy Brandts Schreibtisch im Kanzleramt.

verzichtsabkommen mit Moskau sucht er die russische Rückendeckung für ein Übereinkommen mit der DDR, das den Status West-Berlins sichern und Erleichterungen für innerdeutsche Kontakte bringen soll.

Seit die beiden Supermächte USA und UdSSR den Abrüstungsdialog begonnen haben und die Sowjet-Union in einer europäischen Sicherheitskonferenz Flankenschutz für ihre Auseinandersetzung mit Maos China sucht, müßte ihr nach Bonner Analyse nun auch an einer Übereinkunft mit Amerikas Hauptverbündetem auf dem europäischen Kontinent gelegen sein.

Kanzler Brandt hielt nicht nur Ort und Zeit für optimal, sondern auch den Mann seiner Wahl. Keiner kennt die Welt des Willy Brandt so genau wie Egon. Bahr. Brandt- und Bahr-Vertrauter Dietrich Spangenberg, Staatssekretär im Bundespräsidialamt: "Für Brandt läßt sich Bahr totschießen." Brandt- und Bahr-Freund Horst Ehmke: "Für Willy läßt sich der Egon vierteilen." Er war es zum Beispiel auch, der Ende letzten Jahres als Gesprächs- und Briefpartner Axel Springers vergeblich für Willy Brandts Ostpolitik warb und dabei den besonderen Zorn des Presseherrn auf sich zog.

Moskau-Kundschafter Egon ("La Paloma") Bahr, der Gauloises in Kette raucht und französischen Kognak Marke Monnet trinkt, tritt immer dann in die Kulisse, wenn Scheinwerfer aufleuchten. Der stille Mann im Hintergrund, schmal und zart, fast unscheinbar, trägt schlecht sitzende Anzüge in gedeckten Farben. Daheim in seinem Einfamilienhaus in Hangelar bei Bonn spielt "Gonna", wie Frau Dorothea, Sohn Wolfgang, 24, und Tochter Marion, 19, den Hausherrn liebevoll nennen, am Flügel Kompositionen von Bela Bartók. Krimi-Freund Bahr bevorzugt Thriller von Agatha Christie und 007-Autor Ian Fleming. Auch versäumte er keine Folge der TV-Krimi-Serie "Kommissar Maigret". Am Wochenende reitet er -- freilich immer darauf bedacht, daß er keine Zuschauer hat, die diesen Ausgleichssport als "snobistische Attitüde" deuten könnten.

Die Politik betreibt Bahr mit Leidenschaft und analytischem Verstand. Bis zu zwölf Stunden am Tag sitzt er am Schreibtisch des ehemaligen Adenauer-Gehilfen Globke, vor sich eine Miniaturbronze John F. Kennedys. Mit gedämpfter Stimme (Kiesinger." larmoyant") diktiert er schnell, aber von langen Denkpausen unterbrochen.

Mit dem Hochmut des Intellektuellen fällt der Schnelldenker langsameren Partnern ins Wort: "Das ist alles Quatsch", aber nur selten, bei gelegentlichen Zornausbrüchen, dringt sein Organ durch die Doppeltür des Arbeitszimmers. Publikumsscheu hemmt ihn, vor größeren Auditorien zu sprechen. Bahr: "Ich kenne meine Grenzen. Ich will nicht vor 100 000 Menschen stehen."

Bahr gehört zu den wenigen, die jederzeit unangemeldet Zutritt zu Kanzler Brandt haben, den er freundschaftlich duzt. Den Einfluß auf den Kanzler verdankt er seinem "ausgeprägten Sinn für Loyalität" (Brandt) und seiner Fähigkeit, den Regierungschef nuancenreich mit Ideen und Analysen zu versorgen. Von der Bedeutung seiner Gedanken überzeugt, drückt Bahr auf alle seine Entwürfe den Geheim-Stempel. Der Ideen-Produzent nimmt dabei geduldig in Kauf, daß Brandt und Chefminister Ehmke nicht jedes Bahr-Papier übernehmen und seine Ausarbeitungen umschreiben. Brandt: "Umschreiben gehört bei mir zur Mentalhygiene."

Seit zehn Jahren der politische Schatten des Berliner Bürgermeisters, des AA-Chefs und nun des Kanzlers, ist Egon Bahr mit den Winkelzügen und Akteuren der Ost- und Deutschland-Politik vertraut.

Für den Regierenden Bürgermeister arrangierte Senatspressechef Bahr Mitte der 60er Jahre vertrauliche Zusammenkünfte mit Moskaus Ost-Berlin-Botschafter Pjotr Abrassimow.

Den Außenminister Willy Brandt brachte AA-Planungschef Bahr während der Uno-Vollversammlungen in New York zweimal mit Moskaus Außenminister Andrej Gromyko zusammen.

Für den Kanzler Brandt schließlich reiste Staatssekretär Bahr noch vor Ablauf der ersten 100 Tage SPD/FDP-Regiment nach Moskau.

Zuvor schon hatte Bonn nach dem Konzept des ostpolitischen Chefplaners ein Geflecht von flankierenden Maßnahmen geknüpft:

* Fünf Wochen nach Willy Brandts Kanzlerwahl unterschrieben Bonns Botschafter in Moskau, London und Washington den von der CDU anderthalb Jahre lang auf Eis gelegten Atomwaffensperrvertrag und minderten damit östlichen Argwohn gegen die Bundesrepublik.

* In seiner Regierungserklärung bescheinigte Brandt der DDR die Staatlichkeit, doch ohne ihr die völkerrechtliche Anerkennung zuzugestehen. Wenig später bot er seinem DDR-Pendant Willi Stoph brieflich gleichberechtigte Verhandlungen über den Abschluß eines Gewaltverzichtsabkommens an.

* Wirtschaftsminister Karl Schiller förderte das Zustandekommen des größten Nachkriegsgeschäfts zwischen der Bundesrepublik und der Sowjet-Union, den Tausch von 1,2 Millionen Tonnen Großrohren gegen Erdgas aus Sibirien (Gesamtvolumen des Geschäfts: vier Milliarden Mark, siehe Seite 34);

* Schillers Staatssekretär Klaus Dieter Arndt startete vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld zu einer Goodwill-Tour nach Budapest. Zur gleichen Zeit nahm SPD-Geschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski in Budapest Kontakte zur ungarischen Regierung auf.

* AA-Staatssekretär Georg Ferdinand ("Ducki") Duckwitz flog letzten Mittwoch nach Warschau in die Kälte, zur Generalbereinigung aller deutsch-polnischen Streitfragen einschließlich der Oder-Neiße-Linie. Zugleich verhandeln Bonn und Warschau über einen 500-Millionen-Mark-Kredit, wie er zuvor bereits Rumänien gewährt worden war.

* AA-Sonderbotschafter Egon Emmel flog eine Woche nach Bahr in Moskau ein, um Verhandlungen über technisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit zu führen.

Moskau-Botschafter Allardt hatte seit dem 8. Dezember letzten Jahres bei Außenminister Gromyko sondiert. Nach drei Begegnungen im Hochhaus des sowjetischen Außenministeriums am Smolensker Platz meldete der Diplomat offenen Dissens mit den Russen: Während Bonn der Sowjet-Union ein Gewaltverzichtsabkommen anbot, verlangte Gromyko von der Bundesrepublik eine Generalgarantie für alle Nachkriegsgrenzen in Europa und die völkerrechtliche Anerkennung der DDR, wie sie auch Walter Ulbricht in einem Vertragsentwurf gefordert hatte. Überdies hatte das Gespräch, so berichtete Allardt in Bonn, "philosophische Breite" angenommen, der sich der weisungsgebundene Karrierebeamte nicht mehr gewachsen fühlte.

Führende Sozialdemokraten argwöhnten zudem, der Altdiplomat Allardt betreibe die Gespräche mit Gromyko zwar redlich, aber nicht mit dem genügenden Engagement. Bonn entschloß sich zum Einsatz.

Dabei gebot das Protokoll, den Russen keine niedrigere Verhandlungscharge zu offerieren, als sie den Polen mit Staatssekretär Duckwitz zugestanden worden war. Im AA aber waren nach der Nominierung von Duckwitz nur noch der auf EWG-Fragen spezialisierte Staatssekretär Günther Harkort Und der verhandlungsunerfahrene Parlamentarische Staatssekretär Ralf Dahrendorf als angemessene Partner Gromykos greifbar.

Sachkenntnis und Engagement dagegen durfte man eigentlich nur bei dem ostpolitischen Chefplaner selber erwarten. Kanzleramtsminister Horst Ehmke überzeugte seinen Kanzler: "Jetzt muß Egon ran."

Der koalitionsloyale Brandt zögerte noch. Er entsann sich seiner eigenen Außenministerzeit unter CDU-Regierungschef Kiesinger: "Zuletzt spielte ich nur noch die Rolle eines vortragenden Legationsrats, und oft nicht einmal das." Ehmke versprach, Scheel zu beruhigen.

* Nach dem Abschiedsbesuch beim Kanzler vor der Abreise nach Warschau. Eine lange Januarnacht saßen die beiden whiskyfesten Kabinettskollegen Scheel und Ehmke bei einer Flasche Chivas Regal in der Außenminister-Villa, Schleichstraße 6, auf dem Bonner Venusberg. Die beiden schieden im Einvernehmen, Scheel werde den Bundeskanzler um Freistellung von Bahr bitten, so daß der Außenminister den Kanzleramts-Staatssekretär nach Moskau entsenden könne. Scheel selber sollte das Kabinett über Bahrs Mission in Moskau informieren.

Doch als die Angelegenheit Im Kabinett spruchreif war -- Moskau hatte längst sein Einverständnis erklärt, der Emissär seine Koffer gepackt -,fehlte Scheel in der Ministerrunde, Er hatte seine Selbstverpflichtung vergessen. Verärgert lasen Scheel und seine Freidemokraten in der Zeitung, Willy Brandt -- nicht der Außenminister -- habe Bahr nach Moskau geschickt.

So durfte der Prophet einer "Politik der kleinen Schritte" selber erproben, wie weit er auf dem Moskauer Parkett vorankommen kann. SPD-Fraktionschef Herbert Wehner hatte ihn In einem SPIEGEL-Gespräch (5/1970) noch vor der Abreise unterstützt. Wehner gab den Russen als Zeichen für den deutschen Verhandlungswillen zu verstehen, daß Bonn

* jeden Vertrag mit Moskau, der DDR oder einem anderen Staat des Warschauer Pakts akribisch erfüllen werde, ob er nun Völkerrechts-Charakter besitze oder nicht;

* einen noch ranghöheren Unterhändler, gegebenenfalls den Regierungschef, nach Moskau schicken werde, wenn die Verhandlungen es erforderten.

Indes, guter Wille und schöne Gesten aus Bonn nutzten nichts. In zehneinhalb Stunden Verhandlung machte Moskaus Gromyko Bonns Unterhändler klar, daß der Sowjet-Union ein Gewaltverzichtsabkommen nicht ausreiche. Da Westdeutschland in einem solchen Abkommen nur darauf verzichten wolle, die Grenzen Europas gewaltsam zu verändern, bleibe nicht ausgeschlossen, daß die revanchistische Politik der Grenzrevision mit anderen Mitteln fortgesetzt werde.

Deswegen, sagte Gromyko, müsse die Sowjet-Union darauf bestehen, daß die Bundesrepublik die DDR völkerrechtlich anerkenne und darüber hinaus Staatsgebiete und Staatsgrenzen im Nachkriegseuropa völkerrechtlich garantiere, so

* Territorium und Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik -- was den endgültigen Verzicht auf staatliche Wiedervereinigung bedeuten würde;

* die Westgrenze Polens an Oder und Neiße -- was den im Potsdamer Abkommen festgelegten Vorbehalt einer friedensvertraglichen Grenzregelung einseitig aufheben würde;

* die Westgrenze der CSSR; darüber hinaus soll Bonn das Münchner Abkommen für von Anfang an nichtig erklären.

Mit dieser endgültigen Festschreibung der bestehenden Grenzen würde Bonn der Sowjet-Union den mitteleuropäischen Status quo völkerrechtlich garantieren. Egon Bahr nach dieser bitteren Verdeutlichung des Moskauer Standpunkts: "Ich habe viel dazugelernt. Ich kenne die sowjetische Haltung nun sehr viel genauer als vorher."

Gromykos erstes Zugeständnis war mager. Unterhändler Bahr in seinem Telegramm ans Auswärtige Amt: "Die Sowjet-Union ist unter Umständen bereit, Ziele und Prinzipien der UN-Charta in ein Gewaltverzichtsabkommen aufzunehmen." Mithin würde die UdSSR den Interventionsanspruch gegenüber der Bundesrepublik, den sie ebenfalls aus der UN-Charta ableitet und dank der Nato-Zugehörigkeit Bonns ohnehin nicht mehr durchsetzen könnte, formell fallenlassen.

Die Verhärtung In Moskau gab denen Bahr-Gegnern in Bonn neuen Auf-

* Während des Brandt-Urlaubs in Tunesien, Januar 1970.

trieb, die schon bisher den ostpolitischen Kanzler-Chefberater als linken Phantasten herabgesetzt und Brandt scheinheilig vor der Riege seiner angeblich ultralinken Berater gewarnt hatten.

Die Jagd auf Bahr ist nicht erst seit seiner Moskau-Reise auf. Rias-Kommentator Meyer-Dietrich höhnte Anfang des Jahres, der Bonner Staatssekretär repräsentiere "in diesem Augenblick kaum mehr als sich selbst". Straußens "Bayernkurier" machte sich über die "westdeutschen Verfasser ostpolitischer Rührstücke" lustig. Und Springers "Bild" warnte den Kanzler: "Man hüte sich vor politischen "Eierköpfen"! Diese Mahnung sollte sich Kanzler Willy Brandt ins politische Stammbuch schreiben."

Der "Rheinische Merkur" schloß sich der Kampagne an: "Man kann auch zu viele, zu einseitige Berater haben. Brandt sollte acht geben, daß in der Ostpolitik der "Regierende' Kanzler bleibt und nicht zusehends zum "regierten" Kanzler wird." Regiert von "seiner linken linken Hand Egon Bahr, seiner linken rechten Hand, Kanzleramtsminister Horst Ehmke" ("Bild") und "verwegenen Gestalten, wie Leo Bauer" ("Bayernkurier").

Der ehemalige CDU-Bundestags-Abgeordnete Artur Missbach enthüllte in seinen "Vertraulichen Mitteilungen aus Politik und Wirtschaft" einem interessierten Anti-Brandt-Publikum sinistre Beziehungen der Kanzlerberater zum internationalen Kommunismus: "Die SPD hat In letzter Zeit ihre Verbindungen zur italienischen und jugoslawischen Kommunistischen Partei verstärkt. Die wichtigsten Kontaktleute sind nach wie vor Staatssekretär im Bundeskanzleramt Egon Bahr und der "Chefideologe' der SPD Leo Bauer."

Nach dem Grundmuster der Diffamierungskampagne gegen Herbert Wehner in den 50er Jahren betreibt die deutsche Rechte nun ihre Attacken auf die angeblich Moskau-hörigen linken Berater Brandts. Offenbar soll persönliche Verunglimpfung erreichen, was im parteipolitischen Kampf bislang nicht gelungen Ist: die schmale Mehrheitsbasis der SPD/FDP-Koalition zu unterminieren und zu erschüttern. Die rechtsradikale "Deutsche National-Zeitung" lieferte das Stichwort in roten Lettern: "Egon Bahr -- Verrat in Moskau?"

Die Hetzkampagne der Rechten kümmert sich nicht um Tatsachen. Denn: Sosehr Brandt-Vorgänger Kiesinger sich mit ostpolitischen Ultras umgab -- an der Spitze die Staatssekretäre Baron von Guttenberg, Karl Carstens und Günter Diehl -, so wenig hat die des Ausverkaufs deutscher Interessen verdächtigte Linke Einfluß auf Brandts Außenpolitik.

Noch immer nimmt Herbert Wehner die Spitzenstellung unter denjenigen ein, auf die der Kanzler hört. Mehrmais in der Woche greift Brandt zum Telephon, um Wehners Rat besonders in heiklen Fragen direkt einzuholen. Der illusionslose Politstratege plädiert seit Jahren für eine beharrliche Politik der Aussöhnung mit dem Osten und ein entkrampftes Verhältnis zur DDR; seine Zeitpläne mißt er nach Jahrzehnten.

Brandt über den SPD-Fraktionschef: "Wehner ist für mich der wichtigste Minister, obwohl er dem Kabinett nicht angehört." Wehner: "Ich fühle mich nur als Hausmeister dieser Regierung."

Der Chef dieser Regierung hat sich einen buntscheckigen Beraterstab rekrutiert:

* Horst Ehmke, 43, Inhaber eines ordentlichen Lehrstuhls für öffentliches Recht und einer beliebig verwendbaren Intelligenz, einflußreichster Minister im Kabinett, verdingte sich als ideologiefreier Allround-Manager des Kanzlers und seiner Regierung. Den Vorwurf, hauptsächlich an der eigenen Karriere zu hängen, wehrt er flink ab: "Ich arbeite hier nicht für mich. ich arbeite nur für fremde Rechnung."

* Conrad ("Conny") Ahlers, 47, rechter Falke im Kanzlerhorst, dient der Brandt/Scheel-Regierung als establishment-bewußter Fürsprecher, dessen propagandistischer Übereifer Willy Brandt mehr als einmal in Verlegenheit gebracht hat (siehe Seite 21). Gleichwohl genießt er das Privileg, sonntags von Willy Brandt zum Frühschoppen in der Kanzler-Residenz auf dem Bonner Venusberg empfangen zu werden.

* Hans-Jürgen Wischnewski, 47, ein kleinbürgerlicher Parteiarbeiter ohne ideologisch geprägte Vergangenheit, hat sich Willy Brandt als Manager des letzten SPD-Wahlsiegs und als Dirigent der kommenden kritischen Landtagswahlkämpfe unentbehrlich gemacht; freiwillig suchte er die neue Ostpolitik durch Kontakte zu kommunistischen Parteien Osteuropas zu fördern.

* Leo Bauer, 57, ist der einzige Brandt-Assistent mit kommunistischer Vergangenheit. Der gelernte Journalist, einst Fraktionsführer der KPD im hessischen Landtag und Chefredakteur des kommunistischen Deutschlandsenders, fand nach jahrelanger Haft in DDR-Zuchthäusern und sibirischen Straflagern seinen Sozialismus in Willy Brandts SPD. Mit Horst Ehmke zusammen verfaßte er die unbekümmert pragmatischen SPD-"Perspektiven im Übergang zu den 70er Jahren" und entwirft Brandt-Reden und Brandt-Aufsätze.

Am nächsten steht dem Kanzler Egon Bahr. Seine "bedingungslose Loyalität" (Wehner) resultiert aus den zehn Jahren intimer Zusammenarbeit mit Brandt. Bahr über Brandt: "Politiker werden von einer gewissen Position an einsam. Sie müssen wissen, daß es Leute gibt, denen sie bedingungslos vertrauen können." Brandt über Bahr: "Er Ist mir ein guter Freund geworden."

In der Wandelhalle des Bonner Bundeshauses hatte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den gemäßigt antikommunistischen Kommentator des Senders Rias 1960 kennengelernt. Berlins damaliger Bonn-Senator Günter Klein empfahl den in der Bonner Berlin-Vertretung gerngesehenen Gast für den Posten des Senats-Pressechefs.

Der Journalist stellte eine Bedingung: "Das geht nur gut, wenn ich meine Meinung sagen kann." Brandt: "In Ordnung, aber dann bitte unter vier Augen." So blieb es bis heute.

Bahr stammt aus einem thüringischen Lehrerhaus. In Torgau und Berlin besuchte er das humanistische Gymnasium, sang im Kirchenchor und wollte Musiker werden. Nach dem Abitur 1940 versagten die Nazis dem Enkel einer jüdischen Großmutter die Studienzulassung und schickten ihn als Stahlkocher zu Rheinmetall-Borsig.

Gleichwohl riefen sie Ihn zwei Jahre später zu den Fahnen. Doch als Bahr Offizier werden sollte, entdeckten seine Vorgesetzten in der Luftkriegsschule Kitzingen das jüdische Erbteil in Fahnenjunker-Unteroffizier Egon Bahr. Er wurde wegen "Einschleichens in die Wehrmacht" unehrenhaft entlassen und als Rüstungsarbeiter zu Borsig zurückgeschickt.

Bahr leidet bis auf den heutigen Tag unter dieser Verletzung seines Nationalgefühls, es bestimmt Denken und Handeln auch des Politikers Bahr. Willy Brandt: "Egon trägt schwer an dieser Geschichte. Das Kriegsgeschehen kommt immer wieder in ihm hoch."

Mit dem Kriegsende begann für Bahr jene Episode, die ihm von seinen Gegnern heute noch als Beweis für Krypto-Kommunismus vorgehalten wird. Er startete seine journalistische Laufbahn als radelnder Reporter für die "Berliner Zeitung", ein sowjetisches Besatzungsblatt mit russischem Chef.

Schon nach einem Jahr überwarf sich Bahr wie später Leo Bauer mit dem neuen Chefredakteur Rudolf Herrnstadt und ging zur Gegenseite über, zum amerikanischen Besatzungsblatt "Neue Zeitung". Er wechselte zum "Tagesspiegel" und zum "Rias". An ein kurzes Gastspiel als Presseattaché der deutschen Botschaft in Accra erinnert heute noch eine kleine Negerplastik auf dem Schreibtisch seines Berliner Büros. 1957 trat er in die SPD ein.

In seiner Kommentatorenzeit zeichnete er das Dilemma vor" dem er sich heute, zwölf Jahre später, selber konfrontiert sieht. Vor der Genfer Außenministerkonferenz von 1959 -- Moskau wollte die DDR als gleichberechtigten Teilnehmer an den Verhandlungstisch bringen -- kommentierte Bahr: "Der überraschende sowjetische Schritt zeigt jedenfalls, schon bevor man ihn genau kennt und beurteilen kann, wie hart und wie erfindungsreich die sowjetische Diplomatie ist und wie schwierig schon die trickreiche Phase zu durchmessen sein wird, die wie eine Barriere vor den eigentlich entscheidenden Sachverhandlungen liegt."

Seinen Berliner Sprecherjob, den er 1960 begann, begriff Bahr nur als Behelf; er wollte weniger Sprachrohr des Senats als politischer Berater des Regierenden Bürgermeisters sein: "Es gibt Journalisten, die wollen nur kommentieren, Entwicklungen aufzeigen, Ereignisse deuten. Und andere, denen das eines Tages nicht mehr genügt, die möchten aktiv etwas tun."

Sein Arbeitsmotto entlehnte Egon ("Tricky") Bahr vom großen Schweiger Moltke: "Alles, was man sagt, muß wahr sein. Man muß aber nicht alles sagen, was wahr ist."

In der Frontstadt-Atmosphäre wandelte sich Egon Bahr vom Falken zur Taube.

Den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der Sowjetzone hatte er noch mit Rias-Mentalität und im Sinne der Roll-back-Strategie des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles gefeiert: "Die Macht des Regimes wurde verkleinert, der Wert der Zone für die Sowjet-Union verringert, und das ist der Weg, der die deutsche Einheit beschleunigen wird."

Nach acht Jahren, am Tage des Mauerbaus 1961, erkannte Egon Bahr die Realität der DDR für sich an. Vom Westen verlassen ("Wir sind verkauft, aber noch nicht geliefert"), müsse die Bundesrepublik nun auch das Gespräch mit der vierten Besatzungsmacht, der Sowjet-Union, suchen.

Zwei Jahre später formulierte Egon Bahr in Anwesenheit Willy Brandts vor der Evangelischen Akademie in Tutzing als Ausgleichsrezept den "Wandel durch Annäherung". Kernsätze aus dieser Rede:

"Wenn es richtig ist, daß die Zone dem sowjetischen Einflußbereich nicht entrissen werden kann, dann ergibt sich daraus, daß jede Politik zum direkten Sturz des Regimes drüben aussichtslos ist."

* "Heute ist klar, daß die Wiedervereinigung nicht ein einmaliger Akt ist ... sondern ein Prozeß mit vielen Schritten und vielen Stationen."

* "Ich halte die Diskussion um die Anerkennung ... für zu eng ... weil sie uns in eine Sackgasse führen und jegliche Politik verhauen kann."

Diese Geburtsurkunde der neuen Ostpolitik Brandts hatte Bahr in anderthalb Stunden diktiert und sich in der Eile weder mit seinem Chef noch mit der SPD-Spitze beraten; die Folgen bedachte er nicht.

Ost wie West wiesen Bahrs Thesen zurück. Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" spottete: "Aggression auf Filzlatschen". SPD-Vize Wehner sagte es noch kürzer: "Narretei".

Erst 1966 erhielt Bahr Gelegenheit, den Realitätsgehalt seiner Thesen von Amts wegen zu testen. Als Sonderbotschafter, später als Planungschef des neuen Außenministers Willy Brandt, zog er ins AA an Bonns Koblenzer Straße um.

Seinen neuen Mitarbeitern riet er: "Vergeßt, was ihr gelernt habt, fangt an zu spinnen, denkt das Undenkbare." Ein halbfertiges Buchmanuskript mit dem Arbeitstitel "Was nun?", in dem Bahr seine Tutzinger Gedanken weiterentwickeln wollte, schloß er auf Geheiß Brandts weg. Die Antwort suchte er in der Praxis.

So zog der AA-Planer den Entwurf des Atomwaffensperrvertrags an sich und betrieb die Aufklärung der strittigen Punkte. Sein Ziel: die Gegenargumente der Christdemokraten auszuräumen und durch eine baldige Unterzeichnung die Moskauer für Gespräche mit Bonn geneigt zu machen. Indes, die Christdemokraten blockierten die Bestrebungen.

* Im Berliner Rias-Studio.

Ein Jahr vor der russischen Intervention gelang es Bahr, in Prag eine westdeutsche Handelsmission einzurichten und die letzte Lücke im Netz handelspolitischer Beziehungen zum Ostblock zu schließen.

Bahrs Versuch, diese Beziehungen in Richtung auf konsularische oder diplomatische Vertretungen auszudehnen, scheiterte -- nicht ohne sein Verschulden, wie Bahr-Gegner meinen (Bahr in Prag: "Der eigentliche Nationalheld hier ist eben der Schwejk").

Zurück in Bonn, geriet der Sonderbotschafter in die Schußlinie bösartiger Angriffe von rechts und links. Bonns Kalte Krieger warfen ihm vor. deutsche Interessen verletzt zu haben, weil er auf die tschechische Bezeichnung "Deutsche Bundesrepublik" für "Bundesrepublik Deutschland" eingegangen war. Erst als Linguisten der Universität Köln gutachteten, die tschechische Sprache lasse die Wortverbindung der beiden Substantive Bundesrepublik und Deutschland nicht zu, kam Bahr wieder aus der Klemme.

Ende 1968 beschuldigten Springers "Welt am Sonntag" und Franz Josef Straußens "Bayernkurier" den Ost-Emissär, sich mit ZK-Mitgliedern der SED getroffen zu haben; Tonbänder des englischen Geheimdienstes hätten den konspirativen Treff festgehalten.

Der Ministerialdirektor wurde zu Kanzler Kiesinger zitiert und mußte einräumen, während seiner AA-Zeit einmal mit einem DDR-Oberen zusammengetroffen zu sein ("Den Namen nenne ich nicht, um meinen Gesprächspartner nicht zu gefährden"). Den Kontakt hatte er seinem Kanzler aber per Aktennotiz längst ordnungsgemäß gemeldet.

Den politischen Traum, bis in die Metropole der sowjetischen Weltmacht vorzudringen, erfüllte Willy Brandt seinem Mitarbeiter erst nach zehn Dienstjahren. Schon einmal in seinen Berliner Senatstagen war Bahr auf dem Sprung nach Moskau, doch die Sowjets wollten damals seinen Bundespaß nicht anerkennen und verlangten die Vorlage des Berliner Personalausweises. Bahr verzichtete auf die Reise.

Am Mittwoch vorletzter Woche ging er mit blauem Diplomatenpaß durch die Paßkontrolle des Moskauer Flughafens Scheremetjewo. Auf dem Weg in die Stadt passierte der Moskau-Reisende drei symbolische Straßensperren, die an den Stopp der deutschen Panzerspitzen vor den Toren der sowjetischen Hauptstadt gemahnen.

In der Botschaft angekommen, gab Bahr Order, für ihn eine den russischen Temperaturen angemessene Kopfbedeckung zu beschaffen. Da Qualitätspelze vergriffen waren, mußte sich der Bonner Staatssekretär mit einer Dienstboten-Chapka aus Kanin bescheiden. Am vorletzten Wochenende reihte er sich an der Kremlmauer in die Schlange der Wartenden vor dem Lenin-Mausoleum ein.

In vorläufig drei Sitzungen und 14 Verhandlungsstunden berieten Bahr und sein Gastgeber Gromyko über die westdeutschen Gewaltverzichts-Wünsche und die sowjetischen Anerkennungs-Forderungen.

Auf das Ergebnis der Bahr-Mission warten Ost-Berlins Ulbricht und Warschaus Gomulka ebenso gespannt wie Brandt und Scheel in Bonn. Polen und DDR-Deutsche orientieren ihre Taktik gegenüber den Bundesdeutschen am Ausgang der Leitgespräche in Moskau.

So wartet DDR-Ministerpräsident Stoph mit seiner Antwort auf das Brandt-Angebot, ebenfalls Gewaltverzichtsverhandlungen zu führen, bis ein Signal aus Moskau kommt. Am Donnerstag letzter Woche ließ sich Ulbricht von UdSSR-Botschafter Abrassimow einen ersten Bericht über die vertraulichen Moskauer Bahr-Gespräche erstatten.

Die synchrongeschaltete Zurückhaltung des Ostens verringerte auch die Bedeutung der Warschau-Visite von AA-Staatssekretär Duckwitz. Daran änderte nichts, daß seit dem Bonner Regierungswechsel das politische Klima in Polen umgeschlagen ist.

Westdeutschlands neue Regenten werden in Presse und Rundfunk freundlich beurteilt, Polens Kalte Krieger mit Bonns "entmachteten Christdemokraten" gleichgestellt, so in der Zeitschrift "Polityka" (siehe Seite 176). An einem Erfolg der Verhandlungen müßte Parteichef Gomulka gleichermaßen interessiert sein wie Willy Brandt. Der Pole steht unter dem wachsenden Druck der Jugend -- über 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 40 Jahre -- und unter Ökonomischem Zwang, die Beziehungen des Landes mit Westeuropa zu verstärken.

"Brandt und Scheel brauchen einen Erfolg ihrer neuen Ostpolitik", erläutert Ryszard Wojna, stellvertretender Chefredakteur der Warschauer Tageszeitung "Zycie Warszawy", "und bei uns spielt die Reaktion der polnischen Öffentlichkeit die größte Rolle" (siehe Seite 88).

Gleichwohl demonstrierte Polens Presse in den letzten Tagen vor dem Duckwitz-Besuch taktische Härte gegenüber Bonn. Hart auch spielte der Duckwitz-Gastgeber Jozef Winiewicz, stellvertretender polnischer Außenminister, beim siebeneinhalbstündigen Gespräch über die Tagesordnung späterer deutsch-polnischer Verhandlungen.

Biedermännisch bot Duckwitz einen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen, einen Kulturaustausch, Gespräche über humanitäre Fragen und die Ausstattung der deutschen Handelsmission mit Konsularrechten, eventuell ihre Aufstufung zur Botschaft, an.

Ungerührt nannte Winiewicz seine Prioritätenliste, auf der völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und der DDR obenan stehen. Am Freitagabend trennten sich die beiden Partner und verabschiedeten sich bis zur zweiten März-Hälfte.

Was DDR-Stoph der Bundesregierung antworten wird und ob Deutsche und Polen sich im März wiedersehen werden, hängt vom Geschick des Duckwitz-Kollegen Bahr und von der Kompromiß-Bereitschaft seiner Gesprächspartner in Moskau ab.

Trotz aller sachlichen Gegensätze hofft Bahr noch immer auf Verhandlungsinteresse der Russen. In seinen Analysen für die Bonner Zentrale gibt Nuancen-Sucher Bahr deshalb zu bedenken, daß

* der Außenminister der Weltmacht Sowjet-Union wohl kaum 14 Stunden am Verhandlungstisch verbracht hätte, wenn er die Verhandlungen scheitern lassen wollte;

* die Sowjetregierung daran interessiert sein müsse, die Bundesrepublik als Fürsprecher für die von der UdSSR angestrebte und im Westen skeptisch beurteilte Sicherheitskonferenz zu gewinnen;

* Verhandlungspartner Gromyko mit Vorbedacht seinen Stellvertreter Semjonow zu den Verhandlungen hingezogen habe, der als Kandidat des ZK der KPdSU das besondere Vertrauen der Parteispitze genießt. Bahr ließ Bonn weiter wissen, er werde gegebenenfalls so lange in Moskau ausharren, bis er neben dem Spitzendiplomaten Gromyko auch einen Spitzenpolitiker aus dem ZK gesprochen habe.

Wenigstens einen Minimalerfolg will Egon Bahr erreichen: die Fortsetzung der Gespräche.

Sollte ihm das gelingen, dann muß sich Bonn auf eine neue Zeitrechnung einstellen. Um seine Diplomaten einzustimmen, bat Außenamtschef Scheel seinen Kollegen in Wien um Auskunft darüber, wie lange Österreich mit der Sowjet-Union über seinen Staatsvertrag verhandelt habe. Die Antwort aus Wien: 289mal.


DER SPIEGEL 7/1970
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