09.02.1970

OSTHANDEL / RÖHREN-KREDITSalto am Trapez

In einem Salon des Louvre musterte Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Giscard d'Estaing mißtrauisch seinen deutschen Gast. Dann bat er den um Preisstabilität bemühten deutschen Wirtschaftsminister Karl Schiller um Auskunft, ob er die Preise verderben wolle.
Die unverblümte Frage des Kollegen Giscard d"Estaing galt, anläßlich der letzten deutsch-französischen Konsultationsgespräche, dem bislang größten und politisch bedeutsamsten Ost-West-Geschäft -- einem gigantischen Tauschhandel deutscher Pipeline-Rohre gegen sowjetisches Erdgas.
Den Vertrag hatten Ruhrgas AG, Mannesmann-Export GmbH und die Deutsche Bank im Beisein des Außenhandelsministers Patolitschew mit den sowjetischen Verhandlungspartnern am vorletzten Sonntag in Essens Prominenten-Herberge "Kaiserhof" unterzeichnet. Schon in den Tagen zuvor war in Paris durchgesickert, daß die Russen dieses erste Milliarden-Geschäft mit den westdeutschen Monopol-Kapitalisten zu spektakulär günstigen Bedingungen abschließen würden. Laut Vertrag
* wird die Mannesmannröhren-Werke GmbH in der Zeit von Juli 1970 bis Dezember 1972 rund 1,2 Millionen Tonnen Großrohre für Gasleitungen von etwa 2000 Kilometer Länge an die Russen liefern;
* verpflichten sich die Russen, vom 1. Oktober 1973 an innerhalb von 20 Jahren rund 52 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Wert von 2,5 Milliarden Mark in die Bundesrepublik zu pumpen;
* gewährt ein deutsches Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank den Sowjets einen Kredit in Höhe von 1,2 Milliarden Mark, mit dem sie die Mannesmann-Rohre sofort bezahlen können. Der Kredit (Laufzeit elf Jahre, Zins knapp über sechs Prozent) soll später aus den sowjetischen Gas-Einnahmen getilgt werden. Finanz-Unterhändler Dr. F. Wilhelm Christians, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, hatte sich und die anderen Röhren-Finanziers zu strengem Stillschweigen über die ausnehmend günstigen Kredit-Konditionen vergattert. Dennoch wurden bei den nicht beteiligten Geldinstituten bald Einzelheiten bekannt. Gotthard von Falkenhausen, Mitinhaber des Essener Bankhauses Burkhardt & Co., kritisierte: "Unter den gegenwärtigen Bedingungen" am Kapitalmarkt wäre mindestens ein Zinssatz von neun Prozent angebracht gewesen.
Auch einige der 17 Konsortialbanken schluckten den Niedrig-Zinssatz nur widerwillig. Das Düsseldorfer Bankhaus Trinkaus beispielsweise sieht in dem Abschluß "ein reines Entgegenkommen an die Stahlindustrie".
In der Tat wird der Russenauftrag das Großrohrwerk Mündelheim der Mannesmannröhren-Werke GmbH, die zu zwei Dritteln dem Stahlgiganten Mannesmann und zu einem Drittel der August Thyssen-Hütte gehört, für zweieinhalb Jahre voll auslasten.
Die 2000 Kilometer lange Rohrleitung aus der Bundesrepublik soll der Sowjet-Union helfen, ihre riesigen Erdgaslager in Sibirien gewinnbringend zu nutzen, Mit 10 000 Milliarden Kubikmeter Erdgasreserve haben die Russen das bislang reichste Erdgasland der Welt, die USA mit ihren 8000 Milliarden Kubikmetern, übertroffen. Die größte europäische Erdgasblase im holländischen Groningen enthält nur 2350 Milliarden Kubikmeter. * Im Essener Hotel Kaiserhof.
Das Russengas soll nicht nur in der Bundesrepublik verkauft werden. Nach den Moskauer Vorstellungen wird es vom Pipeline-Knotenpunkt Bratislava (Preßburg) sowohl über Wien nach Mailand strömen wie- auch über das bayrische Marktredwitz bis nach Paris.
Mit dem Troika-Geschäft zwischen Mannesmann-Export GmbH (sie wickelt den Auftrag ab), der Ruhrgas AG (sie verteilt das russische Erdgas) und dem Bankenkonsortium auf der einen Seite, den russischen Staatsbetrieben Prjomsyrioimport, Sojuznefteexport sowie der Bank für Außenhandel der UdSSR auf der anderen Seite wird eine Schlappe wettgemacht, die der deutschen Industrie seit 1963 Kummer bereitete:
Damals wurden auf Anweisung der Nato-beflissenen Regierung Adenauer Röhrenkontrakte zwischen den Stahlkonzernen Mannesmann, Phoenix-Rheinrohr, Hoesch und den Russen durch das sogenannte Röhrenembargo gebrochen.
Die Regierung Brandt erhofft sich von dem neuerlichen Handelskontrakt mit den Russen vor allem politischen Nutzen. Aber auch -weitere Ostaufträge sollen folgen: Anschlußgeschäfte über Pipeline-Stationen und ein Abschluß mit dem Großrohrkontor Hoesch/Salzgitter über 250 000 bis 300 000 Tonnen spiralgeschweißter Großrohre.
Hannover, Wien, Moskau, Düsseldorf und Rom waren Stationen dieser Mammut-Verhandlungen, die im Mai letzten Jahres begonnen hatten. Während Mannesmann bereits am 4. Dezember 1969 in der sowjetischen Handelsvertretung in Rom mit den Russen handelseinig wurde, rangen die Banken bis zur letzten Minute um die Höhe des Zinssatzes.
Den günstigen Kredit, den sie den Sowjets schließlich einräumten, mußte Schiller während der Pariser Konsultationsgespräche gegenüber seinem französischen Kollegen Giscard d"Estaing verteidigen. Schiller: "Es handelt sich um einen Ausnahmefall." Der Minister wies außerdem diskret auf den "Nachholbedarf" der -deutschen Industrie bei Großprojekten für den Ostblock hin.
Mit diesem Argument hatte Schiller auch bei den zunächst widerstrebenden deutschen Banken Unterstützung gefunden. Christians: "Jeder wußte, wohin die Reise geht."
Wohin sie für die Banken wirklich geht, wird von der Internationalen Zinsentwicklung abhängen. Die beteiligten Bankiers hoffen auf eine rasche Senkung des Zinsniveaus und damit auf Gewinne. Zum "trockenen Brot" (Trinkaus-Bank), das sie bis dahin essen müssen, sollen ihnen die Röhrenproduzenten Wein reichen. Die Konsortialbanken rechnen damit, daß ihnen Mannesmann und Thyssen von ihren Röhrengewinnen etwas abgeben.
Außerdem wollen sie sich beim Bund mit einem Bürgschaftsantrag über 600 Millionen Mark für den Fall absichern, daß bei den Sowjets einmal die Zahlungen stocken. Christians: "Ich mache keinen Salto ohne Netz, schon gar nicht am Trapez."

DER SPIEGEL 7/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OSTHANDEL / RÖHREN-KREDIT:
Salto am Trapez

Video 03:52

Ärztemangel in Hessen Zur Blutabnahme in den Bus

  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih" Video 25:37
    Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus