09.02.1970

SEUCHEN / POCKENDurchs Fenster

Nordrhein-Westfalens oberster Seuchenbekämpfer, Ministerialrat Dr. Josef Posch, glaubte, es geschafft zu haben: "Wir haben die Pocken im Griff, nach menschlichem Ermessen sind alle Kontaktpersonen isoliert." Als am Dienstag letzter Woche, 19 Tage nach Ausbruch der Pocken im St.-Walburga-Krankenhaus zu Meschede, Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die sauerländische Pockenfront inspizierten, schien die Lage klar:
Alle Pockenkranken -- zwei waren inzwischen gestorben -- waren im Krankenhaus zu Wimbern (Kreis Iserlohn) isoliert, rund 250 Kontaktpersonen in neun behelfsmäßigen Quarantänestationen untergebracht. In den vier zum Pockensperrgebiet erklärten Landkreisen Arnsberg, Warstein, Lippstadt, Wiedenbrück hatten sich bereits 15 000 Einwohner impfen lassen, und tags darauf lief im Sperrgebiet eine Massenimpfaktion für 100 000 an. Beeindruckt lobten die WHO-Beauftragten das Organisationstalent der deutschen Seuchenbekämpfer als "mustergültig" und "optimal".
Es waren in der Tat eher Nachlässigkeiten einzelner, welche die Pockenverbreitung ermöglichten, nicht ein Versagen des Schutzsystems. Die erste Panne geschah am 30. Dezember, als ein Grenzschutzbeamter auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen den 20jährigen Bernd Klein aus Meschede, der von einer Reise aus dem Orient zurückkehrte, anstandslos passieren ließ, obwohl in Kleins Impfpaß die offizielle Pocken-Impfbescheinigung fehlte. Seuchenbekämpfer Posch: "Hätte der Beamte aufgepaßt, wäre Klein sofort in Quarantäne gekommen."
Klein kam, am 11. Januar, in Quarantäne: wegen Typhusverdachts. Er wurde in die Mescheder Klinik zu den Grippekranken in der Isolierstation im Haus Rochus gelegt. Erst nach vier Tagen korrigierten die Ärzte ihren Irrtum und gaben Pocken-Alarm.
Die Gegenmaßnahmen, von einer Düsseldorfer Ärztekommission unter Professor Helmut Ippen gesteuert, verliefen zunächst nach Plan. Das Rochushaus wurde von der Umwelt abgekapselt, Seuchenträger Klein mitsamt den Ärzten und Schwestern, die ihn behandelten, sowie seinen Angehörigen in die Pocken-Festung Wimbern transportiert, die von Staats wegen für eventuelle Pockenfälle jederzeit aufnahmebereit gehalten wird. Die Patienten der Isolierstation in Meschede wurden nicht verlegt und bekamen, wie auch die in Wimbern abgesonderten Kontaktpersonen ersten Grades, keine Pocken.
Doch dann befiel die Seuche St.-Walburga-Patienten und Pflegerinnen, die nie die Isolierstation betreten hatten. Die 17jährige Schwesternschülerin Barbara Berndt aus Duisburg-Hamborn und der 80jährige Anton Hömberg aus Nuttlar (Kreis Meschede) starben. Walburga-Assistenzarzt Dr. Dieter Enste erklärte, wie auch andere Mediziner, die unvorhergesehene Ausbreitung mit dem "Kamin-Effekt": Die Viren müssen, an Staubpartikelehen geklebt, durch offenstehende Fenster geweht oder mit dem Speiseaufzug in die oberen Stockwerke transportiert worden sein. Posch: "Wir wissen immer noch nicht genau, was die Viren alles können."
Immerhin, alle gefährdeten Personen schienen bekannt und isoliert, die gefährliche Krankheit schien eingedämmt. Da meldete sich am 26. Januar der Steinbruchunternehmer Fritz Funke, 42, aus Suttrop (Kreis Lippstadt) bei seinem Arzt Dr. Reinhold Scheef in Warstein und klagte über Fieber und Gliederschmerzen. Der Arzt schöpfte Verdacht, doch Funke beruhigte ihn: Er sei am 6. Januar im Mescheder Krankenhaus gewesen, zu einer Zeit also, als Klein noch nicht eingeliefert war. Beruhigt verschrieb Scheef dem Kranken Anti-Grippe-Mittel und behandelte am Nachmittag noch rund 70 Patienten in seiner Praxis.
Zwei Tage später war klar: Funke hatte die Pocken. Der Vater von sechs Kindern hatte, wie sich herausstellte, nicht am 6. Januar, sondern am 12. Januar in Begleitung seiner Frau die Walburga-Klinik betreten und sich im Vorraum der Isolierstation bei Assistenzarzt Enste nach dem Befinden seiner an Gelbsucht erkrankten Schwiegermutter erkundigt. Enste hatte den Vorfall vergessen, dem Ehepaar Funke kam es nicht in den Sinn, sich bei den Gesundheitsbehörden zu melden.
So schwärmten die Seuchenbekämpfer von neuem aus und jagten mit "kriminalistischem Eifer"
Im Sauerland breitete sich Furcht aus, Eltern schickten ihre Kinder nicht mehr in die Schule, Hausfrauen mieden den Gang zum Kaufmann und versorgten die Familien mit Konserven. Das Hennesee-Hotel" mit 50 Betten das größte in Meschede, schloß vergangene Woche vorerst bis zum 28. Februar und meldete sein Acht-Mann-Personal arbeitslos, weil die Gäste flüchteten und die Hauswäscherei des Hotels in Bochum sich weigerte, Bettwäsche zu waschen.
Auf den Großmärkten des Ruhrgebiets wurden Lastwagen aus Meschede von den Parkplätzen gewiesen. In den 40 bis 50 Kilometer entfernten Wintersport-Orten des Hochsauerlandes standen in den Wintersport-Hochburgen Zimmer leer -- ungewöhnlich am Karnevalswochenende.
Die Angst geriet in Meschede zur Panik, als Bundeswehrpanzer gemeinsam mit englischen und belgischen Einheiten zu einer Übung auffuhren. "Meschede ist umstellt, die lassen keinen mehr raus. Wir müssen alle sterben", lief die Entsetzensparole durch die Stadt.
Mit "fast mittelalterlichen Wahnvorstellungen", so Pockenfachmann Professor Ippen von der Düsseldorfer Hauptklinik, verfolgten Mescheder Bürger die Familie des Pockenträgers und angeblichen Haschers Klein. Schmähbriefe, Anschuldigungen und Morddrohungen wurden den Eltern des "Pocken-Hippies" (Kölns "Express") in die Quarantänestation geschickt. Professor Ippen hat Vater Klein bereits eine neue Stelle weit von Meschede entfernt besorgt, denn "die Familie muß hier bei Nacht und Nebel raus, die meisten Mescheder denken doch heute, der Hascher hat uns die Seuche an den Hals gehängt".
Inzwischen ist Bernd Klein soweit genesen, daß er bei der Pflege der anderen 13 Pockenkranken in Wimbern helfen kann. Doch die "Zeit des Wartens" (Posch) ist noch nicht vorbei: Erst in dieser Woche wird sich herausstellen, ob Steinbruchunternehmer Funke noch mehr Menschen angesteckt hat.

DER SPIEGEL 7/1970
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