30.03.1970

APO / ORGANISATIONENSechste Kolonne

Der SDS", sagte Udo Knapp, Bundesvorstands-Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, "hat seine historische Funktion erfüllt." Rund 250 SDS-Mitglieder fanden das auch und lösten, am vorletzten Wochenende im Studentenhaus der Frankfurter Universität, den SDS-Bundesverband auf.
"Ein Stück politischer Geschichte der Bundesrepublik", schrieb die "Frankfurter Rundschau" in einem Nachruf, "fand ihr tristes Ende."
Doch was der linksliberalen Zeitung trist erschien, stimmte die linkssozialistischen Genossen eher heiter: Sie trieben Schabernack. klebten bunte Ostereier an die Wände und hielten es mit ihrem Vorsitzenden Knapp für "falsch, über den Zerfall des SDS zu jammern".
Denn In dem Studentenbund, einst Kerntrupp der Außerparlamentarischen Opposition, hatten die meisten Jung-Sozialisten seit langem nur noch "Ballast" (Knapp) gesehen: Wichtiger als die Organisation der Studenten, so hieß es in einem zur Auflösung verteilten SDS-Papier, sei die "Organisation des Proletariats".
Spätestens seit dem Abflauen der Studenten-Revolte im vergangenen Jahr hatten die SDSler erkannt, daß sich in der Bundesrepublik mit Hochschülern allein eine revolutionäre Bewegung nicht einrichten läßt. SDS-Vorsteher Knapp: "Der Rückzug der Masse der Studenten ins bürgerliche Studium, die geringe Zahl von Genossen, die heute als potentielle Revolutionäre zu bezeichnen sind -- all das zeigt die klassenmäßige Beschränktheit studentischer Mobilisierung."
Um diese Beschränktheit zu überwinden, erscheint den meisten SDSlern eine "proletarische Kampforganisation" (Knapp) notwendig (siehe Interview Seite 106).
Wie die Organisation beschaffen sein soll, bedarf nach Ansicht der SDS-Liquidatoren allerdings noch monatelanger Diskussion: In etwa zwei Jahren soll eine "Konferenz zur Schaffung dieser nationalen proletarischen Organisation" über die Zukunft der linken Bewegung entscheiden,
West-Berliner Genossen freilich wollten so lange nicht warten. Schon Anfang März -- der SDS-Bundesvorstand hatte gerade zu seiner Auflösung eingeladen -- gründeten ehedem prominente Berliner SDS-Funktionäre, unter ihnen Jürgen Horlemann, Peter Neitzke und Christian Semler, eine "Aufbauorganisation für die Kommunistische Partei Deutschlands" -- die sechste auf deutschem Boden*.
* In Deutschland existieren gegenwartig fünf kommunistische Parteien: die SED in der DDR, die sozialistische Einheitspartei West-Berlin (SEW), die illegale Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) die neugegründete Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und die maoistische KPD/ML (Marxisten-Leninisten).
Der antiautoritären Skepsis gegen straffe Organisation ebenso überdrüssig wie den Apo-typischen "Formen des bohemienhaften Lebens" ("Vorläufige Plattform"), verlangten sie in der "Roten Presse Korrespondenz" (RPK), dem Diskussions-Organ der West-Berliner "nicht-revisionistischen Linken", von den künftigen Mitgliedern der sechsten Kolonne zunächst und vor allem "straffe Disziplin",
Sie monierten die notorische Unpünktlichkeit der jungen Linken ("Schwierigkeiten bei der Einhaltung von Terminen") und beklagten, daß "Genossen im ganzen unkonzentriert, fahrig und nachlässig arbeiten". Ihr Therapie-Vorschlag: "Kritik und Selbstkritik zur Erreichung eines guten Arbeitsstils."
Diese Empfehlungen entlehnten die Berliner Neugründer ebenso dem Arsenal herkömmlicher kommunistischer Polit-Prinzipien wie das Organisations-Modell für ihre künftige Partei. Es ist der "demokratische Zentralismus", wie er -- so die "Plattform" -- "am klarsten im Statut der Kommunistischen Partei Chinas niedergelegt" ist. Das heißt: "Unterordnung des einzelnen unter die Organisation, Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, Unterordnung der gesamten Partei unter das Zentralkomitee."
Gleichwohl soll den Genossen -- entgegen der Praxis der SED oder der DKP -- das Recht zugestanden werden, "Kritik an den Parteiorganisationen sowie an den leitenden Funktionären aller Ebenen zu üben und ihnen Vorschläge zu unterbreiten".
Doch so leicht es den Berliner Sozialisten fiel, sich anhand des Mao-Musters eine Satzung zu schneidern so schwer tun sie sich bei dem Versuch, ihrer Aufbauorganisation eine proletarische Basis zu verschaffen. Die schätzungsweise hundert KP-Avantgardisten rekrutieren sich in ihrer Mehrheit aus Studenten bürgerlicher Herkunft. Und nur in zwei West-Berliner Großbetrieben gelang ihnen bislang der Aufbau von Arbeiterzellen.
Gerade in den Fabriken aber wollen die Partei-Studenten Mitglieder gewinnen, um ihre "Organisation auf nationaler Ebene in den proletarischen Massen" zu verankern, "Arbeiterschulung" zu entwickeln und damit zugleich bei sich selbst den "Abbau studentischer Denk- und Verhaltensweisen" zu fördern. Denn die Gründer möchten nicht "als Intellektuelle im Arbeiterkostüm die Führung ... übernehmen".
Bescheidener auch als ihre fünf deutschen KP-Konkurrenten, die allesamt behaupten, ihnen allein gebühre von Anfang an die Führung des Proletariats, will die Berliner KPD-Aufbauorganisation "ihren Führungsanspruch in Massenkämpfen verwirklichen", indem sie "die Richtigkeit ihrer politischen Linie in den Kämpfen selbst überprüft".
Kampf freilich winkt ihnen zunächst nur im eigenen Apo-Lager. Antiautoritäre und anhanglose SDS-Führer prophezeien den "Horle-Männern und Konsorten" alsbaldigen Untergang. Die meisten SDS-Streiter halten die Gründung der Aufbauorganisation für übereilt. SDS-Kopf Knapp meint, der Berliner Versuch sei "zum Scheitern verurteilt".
Denn nach Ansicht vieler einstiger SDSler kommt bei der Strategie der Aufbauorganisation die "Spontaneität" zu kurz; eine proletarische Kampforganisation müsse aus der "konkreten Arbeit" von Basisgruppen entstehen. Knapp: "Diese Gruppen werden in ihrem Kampf In den Betrieben, den Schulen, den Stadtteilen, in massenhaften lokalen Aktionen die Voraussetzungen für die Gründung einer nationalen Kampforganisation schaffen müssen."
Gegner haben die Horlemann-Anhänger auch im anarchistischen Lager. Ein "Kommando "Valerie Solanas'" schickte dieser "Handvoll Dunkelmänner und Finsterlinge, diesen Agenten der Konterrevolution" per Flugblatt eine "letzte schriftliche Warnung": "Nehmt euch in acht!!" Und anonyme Marxisten-Leninisten reimten frei nach Bert Brecht: "Doch sollte es regnen "und sie begegnen / der Arbeiterklasse / im Zirkel oder als Masse dann macht die aus ihnen Beefsteak Tatar."

DER SPIEGEL 14/1970
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