02.02.1970

„WIR SIND WIE HUNDE AN DER LEINE“

Am Morgen hatte er sich, "wie üblich", um neun Uhr erhohen und gefrühstückt. Gegen Mittag verzehrte er ein "leichtes Mahl" und hielt Siesta. Gegen vier Uhr vernahm er am Telephon, er sei nun ein "Unsterblicher";
Eugène Ionesco, 57, der liebe Grock des absurden Theaters, ist aufgefahren in die "Académie francaise" und sitzet nun in jener welschen Intelligenz-Walhall, die seit 300 Jahren an einem französischen Lexikon schafft. Doch noch am Abend der Erhöhung eilte der Dichter, per Eisenbahn, weiteren Ehrungen zu.
Im neuen Schauspielhaus zu Düsseldorf, nämlich, gab es am vorletzten Wochenende die Uraufführung des neuen Ionesco-Dramas "Triumph des Todes" (Regie: Karlheinz Stroux), und Ionesco, der dem Ereignis bänglich entgegengefahren war, staunte sehr: Eine halbe Stunde lang patschten die Premierengäste begeistert in die Hände.
Auch im schönen Heim der blonden Persil-Principessa Gabriele Henkel, 35, wo Ionesco mit Gattin Rodica samt Tochter Marie-France logierte. stand der kleine scheue Mann im Zentrum raunender Bewunderung: Hat sich Ionesco, einst beschimpft und verhöhnt, nun vollendet? Ach, ich fürchte: ja; und anders, als man hoffte.
Er war einst, vor 20 Jahren, als Kleinbürgerschreck angetreten. In der "Kahlen Sängerin", dem famosen Erstling, hatte er das banale Leben des petit bourgeois in sinnentleerten Klippklapp-Dialogen dargestellt, und er gestand, daß er diese Sorte Mensch "verachte".
In den nächsten kleinen Stücken. die er schrieb, quoll dann des Kleinbürgers Dämonie ans Licht, seine Ängste, Lüste, seine eherne Stupidität; die mechanische Komik dieser Spiele persiflierte zudem das kleinbürgerliche Amüsier-Theater. Kleinbürger sein war damals kein Vergnügen.
Mählich, freilich, wurden die Stücke länger und die Helden lieber. Behringer, so hieß der Haupt-Mann in den "Nashörnern", in "Der König stirbt", im "Fußgänger der Luft", war zwar auch ein petit bourgeois; aber wer wollte, konnte mit ihm leiden, und der Sinn der Parabeln lag fortan offener auf der Hand.
Der Ionesco-Kosmos, jedenfalls, entsprach dem Schema, das Soziologen sich vom Kleinbürger machen: unpolitische Leutchen in einer vermeintlich undurchschaubaren, unveränderbaren Welt, die sich Repressionen anpassen, Kriege als Naturkatastrophen hinnehmen und sich, sentimental, als Opfer dunkler Mächte wähnen.
Als 1965 "Hunger und Durst", das letzte Langspiel vor dem "Triumph des Todes", in Düsseldorf uraufgeführt worden war, erblickte "Die Zeit" im Kleinbürger-Meister noch einen "tiefgründigen Sozialkritiker". In den fünf Jahren seither hat Ionesco sein Image korrigiert.
Denn in den seither publizierten Tagebüchern, Gesprächen und Essays kritisierte Ionesco nicht die kleinbürgerliche Mentalität; er identifizierte sich damit. Es ist eine bedrückende Lektüre.
"Die Leute haben alle ein System, sich die Welt zu erklären", schreibt er: "Ich bin der einzige auf der Welt, der nichts begreift." Er fühlt sich als "Komparse", der das "Schauspiel in seiner Gesamtheit nicht sehen" kann. "Wir sind determiniert, wir werden wie Hunde an der Leine geführt."
"Delirierende Adjutanten" regieren die Welt; in China, beispielsweise, herrsche "Maos Paranoia" die Tollwut einer blutgierigen Hydra". Und statt Lenin hätte man besser "drei oder vier schreckliche amerikanische Kapitalisten" im plombierten Waggon nach Rußland schleusen sollen:" Rußland, Europa wären dann gerettet gewesen."
Um Kommunist zu sein, habe er "nicht genug Geld": Er kenne "keine armen Kommunisten". Wenn er aufbegehre, dann "romantisch", nicht "politisch": "Wer Partei ergreift, ist auf jeden Fall ein Mörder."
Die zänkische Biedermännerei zergeht in Larmoyanz, wenn Ionesco um sein Hauptthema kreist: Der Tod und die Angst vorm Sterben. "Wie kann man leben, wenn man sterben muß?" fragt er. "Triumph des Todes", sein jüngstes Stück nach fünf Jahren dramatischer Pause, ist allein dem Hippenmann gewidmet.
Mit Details aus Daniel Defoes fingierter Reportage über das Londoner Pestjahr 1665, mit Artauds Panik-Theatralik, vor allem aber mit Bruchstücken seiner eigenen Konfusion füllte Ionesco an die zwanzig grellgroteske Sterbe-Sketche und addierte sie zu einem apokalyptischen Kasperle-Theater: Ein schwarzer Mönch bringt die schwarze Pest in eine Stadt und mäht hoch und niedrig, alt und jung dahin.
Undurchschaubar dünkt den Ionesconen wieder die Welt, die Pest ist ein unabwendbares Verhängnis, Wissenschaft und Politik sind Scharlatanerie, und ein Uralter, der mit Gattin über die Bühne schlurft, spricht Bedeutsames aus Ionescos Tagebüchern: Alles sei "düster", das Dasein nicht "zumutbar", und immer drohe die "Angst".
Die Regression des einstigen Bilderstürmers auf die Mentalität der Leute, die er einmal attackierte, ist ein beklemmender Anblick. Nicht minder erschreckt, daß ein heutiges Publikum mit derlei banalem, irrationalem Kleinmut korrespondieren kann. Fühlt es sich bestätigt?
Befriedigung verschafft allein der Schluß vom "Triumph des Todes": Die von der Pest vergessenen Ionesco-Kleinbürger werden von einem mächtigen Feuer vertilgt.

DER SPIEGEL 6/1970
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