02.02.1970

PHILOSOPHIE / HEISENBERGWieder Blumen

Einstein spricht soviel über den lieben Gott, was hat das zu bedeuten?" Die Frage, von einem jungen Naturwissenschaftler vor rund vierzig Jahren in einem Brüsseler Hotel gestellt, steht am Anfang eines Physiker-Disputs, den Werner Heisenberg, 68, Mitbegründer der Quantenmechanik und Nobelpreisträger, in seinem vor wenigen Monaten erschienenen Buch rekonstruiert hat*.
Die Frage nach Gott, nach dem, was hinter dem Physischen steht, durchzieht wie ein roter Faden Heisenbergs Buch, das teils autobiographische Skizzen, teils Dialoge mit den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts enthält: mit Albert Einstein und Max Planck, mit Niels Bohr und Paul Dirac, mit Wolfgang Pauli und Carl Friedrich von Weizsäcker.
Sie alle haben durch ihre Forschungen ein Weltbild zerstört, das von dem Grundsatz der klassischen Physik, der streng kausalen Determiniertheit alles Geschehens, beherrscht war. Die alte Physik konnte auf Gott verzichten.
Erst als die moderne Physik die Determination demontierte, als Heisenberg nachzuweisen meinte, daß im atomaren Bereich das Kausalgesetz nicht gelte, stellte sich wieder die Frage nach dem Metaphysischen. Für Einstein, so läßt Heisenberg den Physiker Pauli im Brüsseler Hotel die Frage beantworten, "hat der liebe Gott
irgendwie mit den unabänderlichen Naturgesetzen zu tun". Für ihn gebe es "keine Trennung zwischen Wissenschaft und Religion", seien beide nur zwei Selten einer Medaille. Offen bleibe freilich dabei, wie Heisenberg bemerkt, was aus einer solchen Betrachtungsweise abzuleiten sei -- welche ethischen Forderungen daraus entstünden. Heisenberg: "Von dieser Haltung geht doch gar nichts aus."
Anders als Einstein, für den es keine Trennung zwischen Wissenschaft und Religion gab, vertrat Planck, laut Heisenberg, die Auffassung, daß die Naturwissenschaft "die Grundlage des technisch zweckmäßigen Handelns, die Religion die Grundlage der Ethik" sei. Heisenberg: "Der Konflikt zwischen beiden Bereichen scheint dann nur auf dem Mißverständnis zu beruhen, das entsteht, wenn man die Bilder und Gleichnisse der Religion als naturwissenschaftliche Behauptungen interpretiert."
Freilich, die Trennung der beiden Bereiche des Technisch-Zweckmäßigen auf der einen, des Religiös-Ethischen auf der anderen Seite vermochte die jüngeren Physiker nicht zu befriedigen. "Ich muß gestehen", sagte Heisenberg im Brüsseler Gespräch, "daß mir bei dieser Trennung nicht wohl ist."
Auch die Ablehnung des Religiösen überhaupt, die der britische Physiker
* Werner Heisenberg: "Der Teil und das Ganze". R. Piper & Co. Verlag, München; 334 Selten; 24 Mark.
Dirac, damals 25 Jahre alt, vertrat, erschien den Gott-Suchern als zu simpel. Heisenberg erinnert sich an den Einwand Paulis: "Dirac hat eine Religion; und der Leitsatz dieser Religion lautet: "Es gibt keinen Gott, und Dirac ist sein Prophet.'"
Schien der Gottes-Disput der Physiker im Jahre 1927 mehr ein theoretisches Fragen nach einer hinter all dem physikalisch Unbestimmbaren stehenden "zentralen Ordnung" zu sein, so trat rund zehn Jahre später unerwartet die praktische Seite des Problems auf. Ende des Jahres 1938 gelang Hahn die erste, als solche erkannte Spaltung eines Uran-Atoms.
Die neue Physik hatte eine Kraft von bislang unbekannter Größe in die Verfügungsgewalt des Menschen gebracht -- eine Kraft, gleichermaßen geeignet zu Wohltat und Zerstörung. Damit wurde "die Frage nach dem, was wir tun, was wir anstreben, wie wir uns verhalten sollen" (Heisenberg), unausweichlich. Dabei war den meisten von ihnen -- wie Heisenberg bekundet -- sehr wohl klar, daß die Wissenschaft, welche die Sprengkraft des Atoms disponibel gemacht hatte, keinen "Kompaß" hergab, nach dem die Menschheit sich hätte richten können.
Während im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Physiker, Einstein an der Spitze, sich (unter der vermeintlichen Drohung einer deutschen Bombe) entschlossen, die Atomkraft in eine zerstörerische Waffe zu verwandeln, blieb ihren deutschen Kollegen eine solche Entscheidung erspart, weil Hitler die Bedeutung der Atomkraft nicht erkannt hatte. Die ethische Problematik der Bombe reduzierte sich so für die deutschen Physiker auf eine mehr akademische Frage.
Auch als die Deutschen sich 15 Jahre später ein weiteres Mal -- diesmal durch Bundeskanzler Adenauer -- der vagen Möglichkeit einer deutschen Bombe konfrontiert sahen, hatte die von ihnen zu treffende Entscheidung keineswegs die Dramatik des amerikanischen Vorgangs. Immerhin, der am 16. April 1957 veröffentlichte Anti-Bomben-Appell der 18 Göttinger Physiker verlangsamte Adenauers (wahrscheinlich ohnehin zum Scheitern verurteiltes) Manöver.
In diesem Zusammenhang kommt Heisenberg zu freilich rätselhaften Aussagen über Konrad Adenauer. Der Kompaß, der Adenauer bei seiner Atompolitik leitete, habe nicht "auf die alten preußischen Leitbilder" reagiert, auch nicht auf "die Freiheitsvorstellungen der Wikinger, an denen sich das englische Weltreich orientiert hatte". Heisenberg glaubt vielmehr, daß Adenauers katholisches Denken auch "einen Anteil östlicher Philosophie und Lebensweisheit" enthalten habe, aus dem er in schwierigen Lagen Kraft schöpfte.
Heisenbergs eigener "Kompaß" scheint vorwiegend Einsteinscher Herkunft zu sein. Er glaubt wie jener an das Vorhandensein einer "zentralen Ordnung", die er im Anschluß an die hellenistische Philosophie gelegentlich auch "das Eine" nennt, Letztlich sei -- so meint Heisenberg -- das Eine unzerstörbar, doch gebe es Lagen, in denen "die Dämonen regieren", oder, naturwissenschaftlich ausgedrückt, "Teilordnungen wirksam werden, die mit der zentralen Ordnung nicht zusammenpassen".
Im Gegensatz zu den apokalyptischen Obertönen der amerikanischen Atom-Debatte -- zum Beispiel bei J. Robert Oppenheimer -- nimmt die deutsche bei Heisenberg am Ende bekannt-naive Züge an: "Die Tatsache, daß nach jedem Winter doch wieder Blumen auf den Wiesen blühen und daß nach jedem Krieg die Städte wieder aufgebaut werden, daß also Chaotisches sich immer wieder in Geordnetes verwandelt", beweise, daß sich "die zentrale Ordnung doch wohl immer durchsetzt".

DER SPIEGEL 6/1970
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