23.03.1970

SÜDOSTASIEN / KAMBODSCHA

Köpfe essen

Reisen nach Peking scheinen für Führer der Dritten Welt riskant: 1966 stürzten Generäle Ghanas "Erlöser" Kwame Nkrumah, während er in China weilte. Letzte Woche setzten Armee und rechte Politiker Kambodschas ihren "Samdech", den "geliebten Führer" Prinz Norodom Sihanouk ab, als er eben von Moskau nach Peking fliegen wollte.

Sihanouk, 47, hatte schon vor zwei Wochen Unheil geahnt. In Paris sprach er von Putsch-Plänen in seiner Heimat. Aber der wendigste politische Taktiker Ostasiens hoffte auch diesmal, Herr der Situation zu bleiben -- so wie er bisher die schier unmögliche Aufgabe gemeistert hatte, Kambodscha aus dem vietnamesischen Drama herauszuhalten.

Schließlich wurden ihm doch die Vietnamesen zum Verhängnis: Sihanouk stürzte über jene etwa 65 000 Mann roter Vietnam-Partisanen, die den Ostteil seines Landes als Operationsbasis gegen Südvietnam benutzen.

Jahrelang hatte der Prinz die ungebetenen Eindringlinge -- mangels geeigneter Möglichkeiten, sie loszuwerden -- ignoriert. Als die USA ihn beschuldigten, er gewähre roten Partisanen Unterschlupf, lud Sihanouk amerikanische Reporter ein, sich von der "Haltlosigkeit" solcher Vorwürfe zu überzeugen. Doch die Reporter spürten prompt die Stützpunkte auf. Daraufhin verhängte Sihanouk eine Einreisesperre für westliche Journalisten.

Jetzt aber protestierte sein eigenes Volk gegen die "dreckigen Vietcong". Demonstranten zündeten die Botschaften Nordvietnams und der Vietcong in der Kambodscha-Hauptstadt an. Es war der Auftakt zum Sturz des Prinzen, dessen waghalsiger Schaukelpolitik der Dschungelstaat anderthalb Jahrzehnte lang die Erhaltung der Unabhängigkeit verdankte.

Die französischen Kolonialherren waren 1954 fast ohne Blutvergießen aus dem hinterindischen Königreich abgezogen -- weil Sihanouk ihnen mit chinesischen Truppen gedroht hatte. Den roten Vietminh Ho Tschi-minhs wiederum gaukelte er ein Hilfsersuchen an die USA vor -- und bewog sie zum friedlichen Abzug.

Als die Amerikaner mit einer halben Million Soldaten in Südvietnam eingriffen und die Kommunisten wieder ins Khmer-Reich eindrangen, brach Sihanouk die diplomatischen Beziehungen zu Washington ab und überschwemmte die Uno mit persönlichen Beschwerden, wenn amerikanische Flugzeuge oder Soldaten seine Grenze verletzten. Denn: "Ich bin keine Hure der Amerikaner."

Peking bat er zum Botschafteraustausch, Mao widmete er einen Boulevard in seiner Hauptstadt, den Nordvietnamesen räumte er eine zweistöckige Villa ein, der südvietnamesischen Befreiungsfront gewährte er eine Botschaft. Mit diesen Alibis hoffte er, die Kommunisten von Angriffen auf seine Herrschaft abzuhalten.

Aber als die Amerikaner im letzten Jahr mit ihrer Absetzbewegung aus Indochina begannen, zogen die Kommunisten nicht mit. Die Nordvietnamesen verstärkten ihre Streitmacht in Sihanouks Reich von 40 000 auf über 60 000 Mann. Der Prinz modifizierte seinen Antiamerikanismus.

"Ihr Amerikaner habt 100, 200 und sogar 300 Millionen Einwohner, aber ihr könnt die Köpfe von 30 Millionen Vietnamesen nicht essen", spottete er auf einer seiner alltäglichen Massenkundgebungen. "Wir werden sehen, ob 30 Millionen Vietnamesen die Köpfe von sieben Millionen Khmers essen können. Darüber möchte ich keine Voraussagen machen -- jedenfalls ist Sihanouks Kopf ziemlich zäh."

Dann riet er den Amerikanern von einem Total-Rückzug aus Südostasien ab, damit sie "ihr Gesicht in Asien wahren können". Fatalistisch fügte er hinzu: "Wenn mein Land je kommunistisch werden muß, sollen das gleich die Chinesen erledigen."

Zu den äußeren Gefahren kam wachsende innere Unzufriedenheit mit dem Prinzen, den der Parteikongreß noch 1989 mit 99 Prozent -- so das amtliche Stimmenergebnis -- wiedergewählt hatte. Die von den "sozialistischen Freunden" (Sihanouk) entlehnte staatliche Wirtschaftspolitik hatte zum Bankrott geführt. Trotz bester Reisfelder mußte Kambodscha zehn Millionen Tonnen China-Reis einführen. Inflation laugte die Riel-Währung aus.

Früher pflegte Sihanouk in solcher Situation zurückzutreten, um sich dann vom Volk wieder rufen zu lassen. Diesmal überließ er die Probleme seinem Stellvertreter, dem Premier Lon Nol, und dessen Vize, Prinz Sisowath Sirik Matak. Er selbst verzog sich zur Kur in die Heimat seines Abgotts de Gaulle. Die Schuld für alle Mißerfolge hätten, so kalkulierte der Prinz, die Stellvertreter zu tragen.

Doch die beiden Vertreter verbündeten sich gegen ihren Chef. Sie durchsuchten rote Diplomaten-Post und öffneten die Kuriersäcke der kommunistischen Botschaften, um illegal eingeführtes Geld zu beschlagnahmen. Dann schickten sie Bauern mit Steinen und Knüppeln vor die Lager der Vietcong-Truppen. Die Vietnamesen schossen und schufen damit Märtyrer: Die Volkswut auf die traditionell verhaßten Fremdtruppen aus dem Nachbarland war entfacht.

Schüler und Studenten in Pnom Penh erhielten Freistunden zum Demonstrieren. Zwar warnte das Innenministerium den Botschafter Hanois vor Ausschreitungen, vergaß dann aber den Polizeischutz für die diplomatische Immunität. Statt sich zu entschuldigen, sandte General Lon Nol ein Ultimatum an die Vietnamesen und forderte den Abzug der kommunistischen Truppen binnen weniger Tage. Die Vietcong erklärten sich verhandlungsbereit, ließen dann aber die Konferenz platzen. An der Grenze begannen Soldaten der schlecht ausgerüsteten 35 000-Mann-Armee Kambodschas gemeinsam mit Amerikanern und Südvietnamesen auf KP-Guerillas zu schießen.

Aus Paris beklagte Sihanouk telegraphisch "die Verschwörung, die unser Land in die Arme einer imperialistischen Kapitalisten-Macht treibt". Dann suchte Sihanouk in Moskau und Peking Schutz vor den Vietcong und Rückendeckung vor seinen ungehorsamen Bürgern. Aber es war zu spät.

Vorigen Mittwoch wagten die Verschwörer in Pnom Penh, ihren Prinzen "einmütig" abzuhalftern, weil er eine politische Krise ausgelöst habe. Die große Krise könnte damit erst beginnen: Die schnelle Anerkennung durch die USA deutet auf amerikanische Putsch-Hilfe hin -- Peking dagegen hofiert weiter den Prinzen. Allein kann die neue Regierung wenig gegen die roten Truppen ausrichten. Dennoch ist ein Eingreifen der USA kaum vorstellbar: Es gäbe dem Indochinakrieg eine von niemandem gewollte, neue Dimension.

So könnte es sein, daß Kambodscha am Ende doch nicht ohne seinen "Samdech" auskommt, von dem der Londoner "Economist" schrieb: "Alles was er sagt, ist dreideutig."


DER SPIEGEL 13/1970
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