23.03.1970

Hartmut Häußermann über Karl Steinbuch: „Programm 2000“EIN PRIESTER DER TECHNIK

Hartmut Häußermann, 26, im Sommer der Studentenrebellion 1967 Asta-Vorsitzender an der Freien Universität Berlin, ist jetzt Assistent am FU-Institut für Soziologie und vertritt den Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) im Bildungspolitischen Ausschuß der SPD. -- Professor Karl Steinbuch, 52, Ordinarius für Nachrichtenverarbeitung und -übertragung in Karlsruhe, ist durch seinen Bestseller „Falsch programmiert“ (1968) bekannt geworden.
Dieses Buch soll "ein provokativer Aufruf zur Umorientierung" sein, die "konstruktive Ergänzung" zu Steinbuchs früherer Veröffentlichung "Falsch programmiert"; sie war ein deutscher Bestseller, und auch "Programm 2000" steht schon wenige Wochen nach Erscheinen auf den Bestseller-Listen obenan,
Steinbuchs hemdsärmeliger, sein ehrlicher Zorn über den Konservatismus in der Bundesrepublik geben ihm das Flair eines radikalen Kritikers. Für den bürgerlichen Konsumenten ist es dann aber doch recht erleichternd festzustellen, daß hier nicht schon wieder Veränderung der Gesellschaft gefordert wird, sondern lediglich Umdenken.
Der Autor geht davon aus, daß die Gesellschaft der BRD nicht für die Zukunft gerüstet sei: Vor allem der Mangel an technologischer Wissen mache unsere Situation bedrohlich, An vielen Einzelbeispielen versucht Steinbuch nachzuweisen, wie durchweg "Unbeweglich" und "rückwärtsgewandt" die BRD sei -- doch er führt diesen Nachweis ohne einen konsistenten analytischen Ansatz. Entsprechend banal ist das Ergebnis seiner kursorischen Betrachtungen: Schuld am gegenwärtigen Zustand hat eine "unintelligente Politik", deren "Motive und Methoden nicht gut" sind; unsere Intelligenz ist einfach falsch programmiert.
Aus dieser Diagnose leitet Steinbuch nun seine Forderung nach Umprogrammierung ab. Wenn alle Leute nur "rational" denken, dann wird auch keine "unintelligente" Politik mehr gemacht: "Der Schlüssel zur Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme ist die Bildungsreform." Und die muß so aussehen: fort von der vorwiegend philologisch-historischen Orientierung unserer Bildungsinhalte -- hin zu einer naturwissenschaftlichen Dominanz. Steinbuch: "Meines Erachtens müßten 60 % (der Lehrer) von Mathematik und Naturwissenschaft als "geistiger Heimat" ausgehen, etwa 20 % von Sprache und Geschichte und etwa 20 % von musischen Fächern."
Wie aber kann sich eine falsch Programmierte Gesellschaft selbst umprogrammieren? Eben nur dadurch, daß einige Wissende quasi von außerhalb das Steuer herumreißen. Das bedeutet für Steinbuch: "Höchstwertige Spitzenkräfte" sollten in einem "Institut zur Planung zukünftiger Bildungssysteme" ein völlig neues Bildungssystem ausarbeiten. Da diese Arbeit nicht "Sandkastenspiel" adaptiver Wissenschaftler sein soll, müßte sie "unter dem Imperativ stehen: Die Verantwortung für praktisches Handeln Ist bei uns". Der demokratische Willensbildungsprozeß, meint der Verfasser, gleiche "irrationalen Verführungen" und könne deshalb nicht korrigierend eingreifen. Dabei sei "theoretisch ziemlich einfach anzugeben", was getan werden müsse. Eben diese auf der Hand liegenden Einsichten sollten von dem zu gründenden Institut in die Realität gezwungen werden.
Was Steinbuch einen "konkreten Vorschlag" nennt, ist tatsächlich von erstaunlicher Naivität -- kaum überraschend allerdings nach dem, was er als eine Art politische Analyse im einleitenden Kapitel seines Buches ausbreitet.
Auf Seite 7 geht es "uns Menschen In der Bundesrepublik" noch gut; auf Seite 8 ist schon alles "verkalkt", das Gesundheitswesen, das Bildungswesen, die "sozialen Strukturen allgemein", Raumordnung, Städtebau und "all diese Gemeinschaftsaufgaben". Solche Schwammigkeit der Begriffe und die widersprüchliche Argumentation offenbaren ein komplettes Unverständnis gegenüber dem, was man Politik nennt. Selbst die Analyse der Gründe für die Entscheidung der vorigen Bundesregierung, die Mark nicht aufzuwerten, muß Steinbuch dem "psychoanalytisch Interessierten Historiker" überlassen.
Manchmal versteht er einfach die Welt nicht mehr: "Die Ratlosigkeit ist heutzutage weltweit", und "zwischen die Einsicht in das Notwendige und das tatsächlich Geschehende schieben sich unkontrollierbare Instanzen". Politische Phänomene wie Macht oder Interessen treten nicht ins Gesichtsfeld dieses Autors. Seine Vorstellung von Politik ist In eigentümlicher Weise frei von gesellschaftlichen Subjekten; dies läßt sich bis in den Sprachgebrauch verfolgen: Durch die häufige Verwendung von "man", "der Mensch", "wir" oder passiven Formulierungen entgeht Steinbuch der Notwendigkeit, konkret zu benennen, wer nun wann was tut oder tun sollte. Herrschende und Beherrschte lösen sich im anonymen Gemeinschaftsbrei auf.
Das Mittel, seine Vorstellungen von Bildungspolitik In die Praxis zu übersetzen, ist für Steinbuch die Überredung. Er meint, man müsse diese Gesellschaft einfach so lange provozieren, bis sie einsichtig und "rational" wird. Neben dem unhistorischen und naiven Politikbegriff steckt hinter dieser Ansicht eine sehr fromme Wissenschaftsgläubigkeit -- beides, politische Naivität und Glaube an die bergeversetzende Kraft technischer Rationalität, machen ihn am Ende doch zu dem, was er gerade nicht sein will: zum Technokraten.
Für Steinbuch liegt die Wahrheit im Computer -- wenn überhaupt irgendwo; das Apollo-Programm ist ihm Modell für die Lösung sozialer Probleme; die Probleme der Dritten Welt, meint er, können technisch gelöst werden; aus einer Datenbank sollen wir Informationen beziehen, wie gesellschaftliche Veränderungen am besten zu organisieren wären; das rationale Denken der Naturwissenschaften soll die Scholastik der Second-Hand-Propheten (das sind die Philosophen) überwinden. Die Lenkung der Gesellschaft ist ein technisches Problem, das dann gut gelöst werden kann, wenn wir nur genügend viele "Institute" mit den "besten Köpfen" des Landes einrichten. Dort kann dann auch eine "Friedensstrategie für den sozialen Bereich" entwickelt werden, die von den gesellschaftlichen Individuen schon akzeptiert werden wird, wenn sie durch ihre naturwissenschaftliche Ausbildung erst einmal befähigt sind. "rationale" Lösungen zu akzeptieren.
Naturwissenschaftliches und technisches Denken ist für Steinbuch per se progressiv. Die zumeist konservative politische Einstellung der technischen Intelligenz in Deutschland ist ihm deshalb ein Rätsel. Das stößt ihn aber nicht etwa auf die Problematik seines Rationalitätsbegriffs: Technische Rationalität ist eine methodische, sie bemißt sich an Kriterien wie falsch und richtig; dagegen ist die Anwendung von Technik ebenso wie die Organisation des menschlichen Zusammenlebens in einem Rationalitätsbereich zu diskutieren, der von der technischen Rationalität nicht mehr gedeckt werden kann -- Kriterien wie richtig und falsch versagen, wenn es prinzipiell mehrere Möglichkeiten des Verhaltens gibt.
Dann nämlich ist zu entscheiden, was vernünftigerweise getan werden soll und was nicht. Und die Vernunft, die diesen Rahmen bestimmt, ist geprägt durch die Organisationsform der Gesellschaft, durch das Maß an Demokratie und Gerechtigkeit zum Beispiel.
Mit dieser Seite des Problems, wie unsere Zukunft "rational gestaltet werden könne", beschäftigt sich Steinbuch überhaupt nicht. Und das genau ist der Mangel, der sein Buch so naiv macht -- so naiv zu glauben, eine durchs Profitprinzip gelenkte Gesellschaft lasse sich eine neue Rationalität aufschwatzen. Diese Gesellschaft wird immer nur so weit rational sein können, wie es der Rationalität des Profits nicht schadet. Dem Kybernetiker Steinbuch, der die technische Rationalität für die ganze nimmt, wird gar nicht bewußt, daß Technik Instrument der Herrschenden ebenso sein kann wie Hilfsmittel kollektiver Bedürfnisbefriedigung, und er kümmert sich nicht darum, unter welchen Bedingungen sie welche Funktion hat.
Steinbuch durfte in der deutschen Öffentlichkeit als "Linker" gelten. Er selber leistet diesem Mißverständnis dadurch Vorschub, daß er seine "Sympathie mit der Unruhe der Studenten" bekanntgibt. Die Übereinstimmung zwischen diesem Priester der Technik und kritischen Studenten reicht aber bestimmt nicht weiter als bis zu der Feststellung, daß bei uns etwas nicht in Ordnung sei.
Für die Beantwortung der Frage, warum nun auch "Programm 2000" 50 erfolgreich ist, mag folgender Steinbuch-Satz vielleicht einen Hinweis geben: "Wer unsere Gesellschaft aufmerksam beobachtet, der sieht ganz deutlich: Die Zukunft -- oder mindestens das Gerede über die Zukunft -- ist modern, erzeugt spontane Zustimmung und ist werbewirksam."
Von Hartmut Häußermann

DER SPIEGEL 13/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hartmut Häußermann über Karl Steinbuch: „Programm 2000“:
EIN PRIESTER DER TECHNIK

Video 01:07

Interstellares Objekt Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"

  • Video "Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild" Video 01:07
    Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild
  • Video "Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway" Video 00:57
    Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway
  • Video "Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber" Video 00:58
    Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber
  • Video "Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte" Video 02:25
    Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte
  • Video "Die Nacht der Entscheidung: Das war eine absurde Situation" Video 03:32
    Die Nacht der Entscheidung: "Das war eine absurde Situation"
  • Video "Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt" Video 00:47
    Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt
  • Video "Größtes Luftschiff der Welt: Airlander 10 in England abgestürzt" Video 00:59
    Größtes Luftschiff der Welt: "Airlander 10" in England abgestürzt
  • Video "Geplatzte Jamaika-Sondierungen: Ich bin ziemlich schockiert" Video 01:58
    Geplatzte Jamaika-Sondierungen: "Ich bin ziemlich schockiert"
  • Video "Keine Road to Jamaika: Lindner wollte offensichtlich nicht regieren" Video 02:53
    Keine Road to "Jamaika": "Lindner wollte offensichtlich nicht regieren"
  • Video "Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund" Video 00:47
    Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund
  • Video "Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet" Video 01:15
    Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet
  • Video "Merkel zu Jamaika: Tag mindestens des tiefen Nachdenkens" Video 01:28
    Merkel zu Jamaika: "Tag mindestens des tiefen Nachdenkens"
  • Video "Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab" Video 01:36
    Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab
  • Video "Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld" Video 03:58
    Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld
  • Video "Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid Oumuamua" Video 01:07
    Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"