26.01.1970

SEGELN / SEE-REGATTENSieger in Serie

Es war Nacht vor der holländischen Küste, der Wind blies mit Stärke 8: Krachend prallte die "Listang" in ein Wellental. Unter der Wucht des Aufpralls lösten sich zwei Spanten, gleichsam Skelett-Stücke des Bootes, vom Rumpf. Die nächste Welle knackte zwei weitere Spanten und verbog den Kiel. Wasser schwappte bis in die Kojen.
"Nicht nur einmal fragte sich die Mannschaft: "Bleiben wir schwimmen?"", berichtete Mit-Segler Harald Schwarzlose später in der "Yacht". Vorsorglich machte die Crew die aufblasbare Rettungsinsel klar.
Die vier Segler an Bord der deutschen Jacht hatten keinen trockenen Faden mehr am Leib, aber noch zehn Stunden auf See vor sich. Doch das kleine postgelbe Boot (Länge: 7,62 m) hielt durch -- die Besatzung auch.
Nur sieben von 19 Booten. die im vergangenen Jahr vor Holland zur Regatta gestartet waren, erreichten das Ziel der 100 Seemeilen (185,2 Kilometer) langen Seewettfahrt. Die deutsche "Listang" siegte in der Gesamtwertung und holte eine neue, begehrte Trophäe nach Deutschland: den sogenannten Vierteltonner-Pokal.
Listang-Eigner und -Skipper Ulrich Libor, 29, Segel-Olympia-Zweiter 1968 vor Acapulco, der sich in Hamburg mit einer eigenen Bootsfirma etabliert hat, bot in der vergangenen Woche auf der X. Deutschen Bootsausstellung im Hamburger Messepark Planten un Blomen schon drei Varianten seiner Sieger-Jacht zum Kauf: allesamt Boote eines noch neuen Typs -- der sogenannte Vierteltonner.
"Diese kleinen Jachten gewinnen in Europa rasch an Popularität", stellte die britische Fachzeitschrift "Yachting World" fest. Doch die Vierteltonner sind nur die jüngste Stufe einer langen Entwicklung. Immer mehr Segler wollen die Bedingungen, unter denen kleinere Einheits-Klassen, wie die Einmann-Jolle "Finn-Dinghi" oder die Zweimann-Jolle "Flying Dutchman" auf küstennahen Kursen Regatten segeln, auf See- und Hochsee-Wettfahrten übertragen: den unmittelbaren Kampf Boot gegen Boot.
Bisher wurden Hochsee-Regatten nach einem verwirrenden Reglement ausgetragen: Das erste Schiff im Ziel war selten Sieger. Bei der Transatlantik-Regatta 1968 von Bermuda nach Travemünde etwa lief die amerikanische Jacht "Ondine" als erste im Zielhafen ein. Aber in der Gesamtwertung erschien die schnellste Jacht als 32. und vorletzte. Sieger wurde die 22 Stunden nach ihr eingetroffene amerikanische "Indigo". Als letztes Boot segelte die deutsche "Rhe" nahezu fünf Tage später ein; aber in der Wertung blieb die Ondine um sechs Plätze hinter ihr zurück.
Denn bei Hochsee-Regatten traten. verglichen mit Begriffen des Automobilbaus, gleichsam Familienkutschen gegen Sportautos, Mittelklassewagen gegen Rennroadster an -- die dazu noch aus allen Produktionsjahren stammen, bis zurück in die Vorkriegszeit. Die ungleichen Boote wurden von Experten nach Konstruktions-Formeln vermessen, die für Landratten wie Alchimisten-Latein klingen. Dann erhielt jedes Boot seinen "Rennwert".
Dabei wurden nicht nur Segelfläche, Länge und Breite sowie Wasserverdrängung berücksichtigt; der "Rumpffestigkeits-Faktor" etwa war zu ermitteln oder der "Krümmungs-Faktor achtern
Die vermessenen Boote bekamen dann, sofern sie kleiner oder älter als durchschnittlich waren, einen Vorsprung in Form einer Zeitgutschrift. Die größeren und moderneren Jachten mußten sich dagegen einen Zeitabzug gefallen lassen. Während längerer See-Regatten verloren die Segler meist rasch die Übersicht über den Stand des Rennens.
Am Ziel wußten die Segler nur ihre wirklich gesegelte Zeit. Die für die Plazierung entscheidende, umgerechnete Zeit erfuhren sie gelegentlich erst Wochen später aus einer Fachzeitschrift, weil sie längst heimgesegelt waren, bevor die Funktionäre ihre komplizierten Berechnungen beendet und nachgeprüft hatten. Erst neuerdings verkürzen Computer die Berechnungsdauer.
Zusätzliche Schwierigkeiten entstanden, weil die Segler an einer amerikanischen, einer englischen und einer deutschen Formel festhielten. Neun Jahre bearbeiteten die Segler den Internationalen Segler-Verband, dann beschloß er eine einheitliche Formel.
Doch die Jachtsegler wollten mehr: Regatten ohne mühevolles Errechnen des Siegers -- den klaren Kampf Boot gegen Boot. Das erste Schiff im Ziel sollte wirklich Erster sein.
1965 räumte der Pariser "Cercle de la Voile" einen alten, zehn Kilo schweren Silbertopf aus seiner Vitrine und setzte ihn als Pokal für eine solche Bootgegen-Boot-Regatta aus -- für Jachten einer bestimmten Renngröße, die sogenannten Eintonner, Boote um etwa elf Meter Länge. 1967 siegte der deutsche Eintonner "Optimist" und holte die begehrte Trophäe in die Bundesrepublik. 1968 verteidigten die Deutschen den Cup vor Helgoland erfolgreich gegen 21 Konkurrenten.
Der Eintonnerpokal "löste eine wahre Tonner-Epidemie" ("Die Yacht") aus. Sosehr sich die Eintonner bewährten, ihr Preis von weit über 100 000 Mark begrenzte ihre Popularität. Da stiftete der Regatta-Verein von La Rochelle 1966 eine weitere Trophäe für Boot-gegen-Boot-Rennen ohne Verrechnung, den "Atlantik-Pokal" für "Halbtonner". Die ungefähr neun Meter langen Jachten kosten ausgerüstet etwa 50 000 Mark, werden aber in einfacher Ausführung schon für den Preis eines Mercedes geliefert.
1967 setzte die französische Société des Régates Rochelaises einen weiteren Pokal für derartige Regatten aus -diesmal für "Vierteltonner", Boote um sieben Meter Länge. Als der Hamburger Olympia-Segler Libor davon erfuhr, ließ er von dem Konstrukteur Klaus Feltz eine Jacht entwerfen und in leichtem Stahl bauen.
Drei deutsche Crews beteiligten sich 1969 schon an den Regatten um den Vierteltonner-Cup. Libors Siegerboot Listang wird nun bei der Hamburger Werft Blohm & Voss, die früher auch das Schlachtschiff "Bismarck" und den Passagierdampfer "Cap Arcona" baute, in Serie aus Kunststoff gefertigt.
Rennfertig kostet ein Vierteltonner etwa 20 000 Mark. "Wenn sich das vier Mann teilen", rechnete Libor, "kommt es den einzelnen nicht teurer als ein Finn-Dinghi, zwei müßten ebensoviel für einen Flying Dutchman zusammenlegen." Außerdem will Libor bei Blohm & Voss einen Halbtonner in Auftrag geben. Den Prototyp möchte er schon bei der Kieler Woche segeln.
Die "Tonner-Typen" spornten die Crews im Kampf Boot gegen Boot zu Höchstleistungen an: Nach einer Regatta über 300 Seemeilen (556 Kilometer) liefen beispielsweise im Eintonnerpokal die beiden schnellsten Jachten im Abstand von nur 30 Sekunden nacheinander ein. Besondere Vorschriften für die Ausrüstung der Kajüte verhindern, daß pure Rennmaschinen konstruiert werden, die zu keinem Familien-Törn taugen.
"Man hält es kaum für möglich, wieviel Platz in einem solchen Schiff sein kann", staunte Fachjournalistin Ingrid Gundlach über den französischen Typ Arpège, der 1967 den Halb-~ tonner-Pokal gewonnen hatte.
Allerdings tragen die Tonner-Boote irreführende Kennzeichnungen. Weder wiegt ein Vierteltonner eine viertel Tonne, noch hat ein Halbtonner eine halbe Tonne Wasserverdrängung. Die Bezeichnungen gehen auf veraltete Bemessungen aus dem vorigen Jahrhundert zurück. Dem Laien erschließt sich nur, daß Halbtonner größer als Vierteltonner sind. Den Fachleuten sind sie ein Kennwort für den neuen Trend im Segeln.
"Die Viertel- und Halbtonner haben eindeutig steigende Tendenz", versicherte Claus Wulf, Leiter der Hamburger Bootsausstellung. "In unseren Hallen ist für 1970 die Kapazität für solche Boote erschöpft." Mehr als ein Dutzend Tonner-Jachten werden gezeigt.
Ulli Libor ist überzeugt, daß das Segeln mit Halb- und Vierteltonnern mehr Spannung in die Hochsee-Rennen bringt und neue Käufer anlockt: "Das hat eine Bombenzukunft."

DER SPIEGEL 5/1970
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