26.01.1970

IRAK / HINRICHTUNGEN

Tanz um Leichen

Wir haben ihn gefesselt. Kommt, damit Ihr den Verräter sterben seht", drängte ein nächtlicher Anrufer aus der Villa des Präsidenten in Bagdad. "Die 24 Panzer im Garten stehen für die Befreiung bereit."

Ausgediente Generale und Obristen eilten gegen ein Uhr morgens am vergangenen Mittwoch zum Palais ihres Präsidenten Ahmed Hassan el-Bakr, 58, der sie einst entmachtet hatte. Sie wollten den telephonisch vermeldeten Staatsstreich vollenden. Doch sie gingen in eine Falle -- einen kleinen Salon im Stil Louis XIII.

Schadenfroh und ohne Fesseln betrat der Staatschef den Salon und grüßte: "Ahlan wa-sa-lan" -- herzlich willkommen. Dann schlug er dem General Rawi mit der Faust ins Gesicht.

Seine Leibgardisten, die "mit von der Putschpartei waren" (so die Beiruter Zeitung "Le Jour")" prügelten die überraschten Verschwörer in einen Nebenraum. Dort wartete schon das Standgericht.

Den 15. Putsch seit dem Bestehen des Irak inszenierte el-Bakr -- im Juli 1968 durch einen Coup d'Etat an die Macht gekommen -- selber. Seine Komparsen: bekannte Oppositionelle und unzufriedene Militärs.

Untermalt von Marschmusik und pathetischen Revolutionsreden" meldet seither Radio Bagdad die Urteilsvollstreckungen. Innerhalb der ersten 24 Stunden starben sieben Generäle, neun Obristen, 14 Majore und Hauptleute sowie sechs Zivilisten. Alle 40 Minuten wird füsiliert oder gehängt.

Um den inneren Feind zu vernichten, wird der äußere Feind zitiert: Persien und der Zionismus. Der dritte Sekretär an der Kaiser-Botschaft in Bagdad soll angeblich 3000 Maschinenpistolen und 650 000 Schuß Munition über die gemeinsame Grenze im rebellischen Kurdistan geliefert haben. 450 000 Mark steckte er angeblich einem irakischen Offizier zu, der dann das Komplott verriet.

Tatsächlich hat ein Perser die Pläne für el-Bahr erdacht: Persiens Staatsfeind Nummer eins, früherer Schah-Intimus und Soraya-Onkel Amir Teymur Bachtiar, 56. rächt sich an seinem Herrn für Ungnade und ein Todesurteil in Absentia. Als Berater des irakischen Geheimdienstes organisiert der zum Iraki h.c. ernannte Perser-General die "durchsichtigen iranischen Spionage-Komplotte" (Radio Bagdad): etwa die Krise um den Schatt el-Arab im Mai und die darauf folgende Austreibung persischer Minderheiten aus dem Zweistromland.

Vor 17 Jahren hatte Bachtiar seinen Kaiser von dem Linkspolitiker Mossadegh befreit und den Schah aus seinem Exil in Rom zurückgerufen. Zur Belohnung durfte er den Pfauenthron mit dem gefürchteten Savah-Geheimdienst schützen. Über die Landreformpläne seines Herrn aber entzweiten sich General und Kaiser, denn Bachtiar war Großgrundbesitzer.

Inzwischen enteignet, war Bachtiar ins europäische Asyl gegangen ("Ich habe die Schah-Demonstrationen in der Bundesrepublik organisiert!"), landete dann aber wegen illegalen Waffenhandels in der "Gelben Festung" von Beirut. Doch die Libanesen mochten den General nicht an den kaiserlichen Feind und in die Todeszelle von Teheran ausliefern. Der Perser wurde nach Bagdad entlassen, woher er schon seit seiner Verbannung erhebliche Gelder zur Aufwiegelung arabischer Minderheiten in der iranischen Provinz Khusestan bezogen hatte. Das antipersische Regime des Irak finanzierte außerdem seine Agitation unter den Auslandspersern. Jetzt konspiriert der Ex-General für seinen Generalsfreund el-Bahr und läßt hinrichten -- auch wenn die Opfer Schah-Feinde sind -- wie der Oberst Samarradsch und die Generäle Mosleh und Sirri.

"Mit dem öffentlichen Hängen von 121 .Spionen" und dem Volkstanz um ihre Leichen im Jahre 1969 waren sicher noch nicht alle Feinde ausradiert", schrieb der Beiruter "Daily Star" zur jüngsten Hinrichtungs-Orgie.

Das holt el-Bakr jetzt nach. Während sich der persische Chargé d'Affaires Sabahi im irakischen Außenministerium für "seinen korrupten Kaiser im Sold von Imperialisten und Zionisten abkanzeln ließ" ("al Dschumhuriya"), spulte el-Bakr seine "Konterrevolution" ab.

El-Bakrs Adjutant prophezeite: "Das ist erst der Anfang, diesmal machen wir reinen Tisch." Die jetzt hingerichteten "Putschisten" waren teils schon im vergangenen Jahr verurteilt worden.


DER SPIEGEL 5/1970
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