26.01.1970

Ironie mit Ikarus

Raymond Queneau: „Der Flug des Ikarus“, Stahlberg; 304 Seiten; 20 Mark.
Ikarus, erst einige Seiten alt, kommt seinem Autor aus dem Manuskript abhanden. Er taucht im Paris der Goncourt-Zeit unter, lernt den Absinth kennen und LN, eine Dirne "kreuzwortistischer Herkunft" (es fehlt ihr einiges zur HELENA). Ikarus eignet sich autorfremdes Schicksal an; sein nun schreibbehinderter Urheber, Hubert Lhubert geheißen, argwöhnt, er sei von eifersüchtigen Kollegen gekidnappt worden, und setzt einen dummschlauen Detektiv auf ihn an. der zwar immer Nick Arus versteht, den Abhandenen jedoch trotzdem findet. Aber hier, um die Mitte des Buches, fangen die beziehungsreichen Verwicklungen erst richtig an, die Queneau, 66, Hersteller hochwertiger literarischer Scherzartikel ("Zazie in der Metro"), für sein Jahrhundertwenden-Ensemble von Kunstfiguren und Kunstfiguren von Kunstfiguren ersinnt.
Die mittlerweile neugierigen Lhubert-Kollegen nämlich entführen, als Gendarmen verkleidet, den wiedergefundenen Ikarus unter dem Vorwand, er sei nicht zur Musterung erschienen, und fragen ihn aus. Erfolg: Ikarus wirkt ansteckend aufs Personal ihrer eigenen in Arbeit befindlichen Romane. Immer mehr erdachte Herrschaften verlassen die Manuskriptseiten und nehmen in Paris ein Eigenleben auf. Ikarus aber, der seine Vorliebe für Technik auch im "Leben" beibehält, entgeht nicht dem prädisponierten Ende: Mit einem der ersten Aeroplane stürzt er ab.
Dies Zeitgenössische, frühe Autos. Psychoanalyse, Telephone, Duelle, mischt Queneau genüßlich ins ironische, mitunter auch veralberte Hin und Her seines von anmutigen Wortspielen belebten, ganz und gar Uterassigen Dialogromans.

DER SPIEGEL 5/1970
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