26.01.1970

LUNJOWO-FILMAuf Rot geschaltet

Seit heute gehören wir zur Avantgarde". frohlockte der deutsche Stalingrad-General Walier von Seydlitz, als er in russischer Gefangenschaft in Lunjowo bei Moskau vom Stauffenberg-Attentat auf Hitler hörte.
Schon ein Jahr vor dem 20. Juli 1944 hatten sich im ehemaligen Gewerkschaftshaus von Lunjowo etwa
* Mit Werner Kreindl, Dieter Borsche.
100 Kriegsgefangene, von Seydlitz angeführt, zum Bund Deutscher Offiziere (BO) formiert, um die deutsche Heeresführung zum Sturz Hitlers aufzurufen.
Doch an der Ostfront und in der Heimat galten die BO-Offiziere als Wehrkraftzersetzer, Verräter und am liebsten noch als "Erfindung vom Iwan". Auch nach dem Krieg galten sie vielen als Widerstandskämpfer zweiter Klasse.
Der Zeitgeschichtler Bodo Scheurig etwa zweifelt in seinem Buch über das Nationalkomitee und den Bund Deutscher Offiziere in der Sowjet-Union zwar nicht an der "Echtheit der Gewissensentscheidung" der Männer von Lunjowo, den Widerstandskämpfern des 20. Juli räumt er jedoch "einen bedeutenden Vorrang" ein.
Das Deutsche Fernsehen will nun am 29. Januar (20.15 Uhr) eine Ehrenerklärung für die BO-Militärs abgeben: In Peter Adlers Dokumentarspiel "Das Haus Lunjowo" werden die abtrünnigen Offiziere, "die nach der Niederlage von Stalingrad begriffen haben, daß Hitler das deutsche Volk ins Unglück stürzt" (Kommentar), nicht als "nützliche Idioten der Sowjets", sondern als wahre deutsche Patrioten vorgestellt.
Autor Adler, der schon zeitgeschichtliche Themen wie den "Tod des Engelbert Dollfuß" und "Heydrich in Prag" ins Fernsehen gebracht hat, stützt sich bei seinem Lunjowo-Memorial auf einen Augenzeugenbericht: auf Heinrich Gerlachs "Odyssee in Rot", in der das ehemalige Gründungsmitglied des Offiziersbundes" heute Studienrat, über die deutschen Idealisten hinter russischem Stacheldraht berichtet.
Getreu den historischen Unterlagen ringen sich Seydlitz (Dieter Borsche) und Generalmajor Lattmann (Wolfgang Preiss) nur schwer zur Entscheidung durch, gegen Hitlers Deutschland zu konspirieren. Denn: "Eid ist Eid." Erst als ihnen der sowjetische General Melnikow wahrscheinlich identisch mit dem heutigen Deutschland-Experten des Sowjetpremiers Kossygin (SPIEGEL 4/1970) -- in nächtlicher Klausur für ihre Mithilfe beim Sturz Hitlers eine Offerte Stalins präsentiert, gründen sie ihren Bund.
Stalins Garantien: Die Reichsgrenzen von 1938 bleiben, die Wehrmacht wird nicht aufgelöst, die Sowjets mischen sich in deutsche Angelegenheiten nicht ein und schließen den Freundschaftsvertrag mit einer bürgerlich-demokratischen Reichsregierung.
Von der Aussicht auf ein neues, schöneres Deutschland bestochen, gingen die BO-Leute wieder an die Front -- auf russischer Seite.
Im Leuchtkugelhagel riefen sie ihre kämpfenden Kameraden über Lautsprecher zur Kapitulation auf. Bei Überläufern und Kriegsgefangenen erkundigten sie sich, "was die Männer im Kessel ... was Model oder Manstein denken". Antwort: "Die denken, ihr habt auf Rot umgeschaltet."
Doch mit den aus Deutschland emigrierten Roten, mit den KP-Führern Pieck, Ulbricht und dem KP-Autor Erich Weinert vom "Nationalkomitee", wollten die Offiziersbündler zunächst nichts zu tun haben. Schließlich fusionierten sie bei Krimsekt und Kaviar ihre Organisationen dennoch zur antifaschistischen Einheitsbewegung "Freies Deutschland".
Wie die Männer von Lunjowo gescheitert sind, das zeigt dieser Film, den Franz Peter Wirth In sprödem Dokumentarstil inszeniert hat, freilich nicht: Als Hitlerdeutschland, auch ohne die Mithilfe der Seydlitz-Offiziere, zusammenbrach, wurde der Offiziersbund, so teilt ein Kommentartext mit, am 5. November 1945 aufgelöst. Seydlitz wurde als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt, begnadigt und 1955 aus russischer Gefangenschaft entlassen.
Die dem Dritten Reich treuen Generale, die mit ihm entlassen wurden, weigerten sich, im selben Eisenbahnabteil heimzureisen.

DER SPIEGEL 5/1970
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