22.12.1969

GESELLSCHAFT / ALTE

Um einen längeren Tag

(siehe Titelbild)

Die Welt wird jünger von Tag zu Tag. In zehn Jahren schon wird jeder zweite Mensch noch keine 22 sein und zu denen gehören, die halb mitleidig, halb hartherzig auf die Alten hinabblicken -- einfach weil die "eher sterben werden als ich", wie Bobby Moses, 24, Schlagzeuger der Beat-Band "Free Spirits", formuliert.

Die Welt wird jünger von Tag zu Tag, obwohl auch immer mehr Junge immer älter werden -- Grund genug, sich, wenn man 30 wird, auf die Couch des Psychotherapeuten zu begeben, (so eine Karikatur in der amerikanischen Zeitschrift "Look").

Es scheint, als würden die Alten bestenfalls ertragen in dieser Welt jugendlicher Selbstverherrlichung. Westdeutsche Schülerzeitungsredakteure, die sich vor zwei Jahren in Bad Lauterberg versammelt hatten, plädierten gar dafür, Leute über 60 einzuschläfern.

"Fluch dem Alter", rief der griechische Tragödiendichter Euripides, "es bringt nur Leid, Schmerz und Tod" -- und heute, neben den Zynismen der Jungen, das rhetorische Getue der anderen um jene acht Millionen über 65 in der Bundesrepublik, die gemeinhin als isoliert, funktionslos und deshalb überflüssig gelten.

"Alte Weiber machen mich krank", sang das Heidelberger Studentenkabarett "Bügelbrett" in einer Satire auf die Heuchelei gegenüber "unseren älteren Mitbürgern". Und die Jungkabarettisten der "Trampelmuse" ("Stellt Rentner ins Fenster") reimten in Düsseldorf: letzte Phrasen, dann vergasen -- ein Sarg an der Sonne".

Es gibt ein "Kuratorium Deutsche Altershilfe", eine "Aktion Gemeinsinn", sogar einen "Wilhelmine-Lübke-Preis" fOr publizistische Verdienste um alte. Menschen, aber wer sich über die gängige karitative oder administrative Routine hinaus um sie kümmert und nach anderen als den bislang verordneten musealen Sozialrezepten sucht, bleibt im Kohl-"Geruch der Armenpflege" (so Wilfried Hartwieg, Direktor des Paritätischen Sozialseminars in Detmold).

"Die bei der Kirche sagen immer, der liebe Gott wird das schon machen", findet der Mainzer Junggeselle Paul Paphal, 73, im evangelischen Martinsstift. Im Hamburger Fernsehen bedauerte ein Altersgenosse: "Man kann ja nun nicht von den Studenten verlangen, daß die nun demonstrieren."

"Die meisten leiden unter dem Gefühl, in dieser Weil ganz und gar überflüssig zu sein", meinte der ehemalige Bundespräsident Heinrich Lübke, der die Nöte des Alters kennt. Und so ("Wir sind doch überflüssig") vertraute sich eine 89jährige Berlinerin im Abschiedsbrief ihrem Arzt an, ehe sie sich in dessen Praxis mit dem Revolver ihres verstorbenen Mannes erschoß.

Nur 21 von 100 000 Deutschen gehen jährlich in den Freitod, doch die Selbstmordrate der 60jährigen Männer beträgt schon 55, der Greise über 80 Jahre gar 70 von 100 000, und die Rate der Frauen zwischen 50 und 55 ist doppelt so hoch wie die der Frauen zwischen 30 und 35.

Selbstmordversuche alter Leute über 60 "gelingen ... fast immer", registrierte der Berliner Selbstmordforscher und Theologe Dr. Klaus Thomas, bei dessen "Lebensmüdenbetreuung" diese Alten unter den Ratsuchenden ohnehin "stark unterrepräsentiert" sind. Über 70jährige "sehen wir gar nicht", bedauert Thomas -- die suchen keinen Rat mehr.

Wenn es zutrifft, daß sich, wie die amerikanische Sozialforscherin Elaine Cumming meint, die Intensität, mit der einer im Leben steht, an der Größe der Lücke messen läßt, die sein plötzlicher Tod aufreißen würde, dann kommen Deutschlands Alte schlecht weg bei dieser Vermessung. Ihr Tod, so muß es scheinen, bleibt um so eher unbemerkt, je jäher er kommt; und oft werden sie nur vermißt, weil sie Rechnungen nicht bezahlt, Rente nicht abgeholt haben.

"Vier Wochen tot im Wohnheim" (Münchner "Abendzeitung") lag die Rentnerin Emerentia Moser, 68, aus München, dann machte der von Postwurfsendungen überquellende Briefkasten die Hausmeisterin stutzig. Im bayrischen Deggendorf blieb eine 73 Jahre alte Frau sogar im Alters heim vier Wochen lang tot liegen, weil man glaubte, sie sei wohl verreist.

Der Rentner Friedrich Weber halte "dreimal seine Rente nicht abgeholt (Berliner "Tagesspiegel"). Da wurde die Polizei geholt; sie fand "den Mann halb verwest in seiner Wohnung liegen". Die Rentnerin Angelina Strachoff, 67, wurde nur deshalb schon nach vierzehn Tagen gefunden, weil dem neben ihr wohnenden Hauswirt aufgefallen war, daß die Stadt der Frau "das Licht abgesperrt hatte.

Die Alten sind, wie der Hamburger Medizin-Professor Arthur Jores konstatiert, "ausgespart aus dem allgemeinen Lehen". Sie leben immer häufiger allein -- ob sie wollen oder nicht: 1950 waren es 43 Prozent der über 65jährigen, 1961 schon 58 Prozent, und heute sind es zwei Drittel, die allein oder nur mit dem Ehepartner leben. Von hundert ehemaligen Angestellten im Alter zwischen 60 und 70, so ergab eine Erhebung. wohnen derzeit noch gerade 12,6 mit ihren Kindern zusammen.

Darüber zu klagen ist in der Bundesrepublik zumal christdemokratischen Politikern selbstverständlich -- etwa dem ehemaligen Minister für Arbeit und Sozialordnung Hans Katzer. der die Auflösung der Großfamilie betrauerte, weil nur dort die Alten "einen vollen Anteil am Leben hätten. Heinrich Lübke: "Das beste Altersheim ist nach wie vor die Familie."

Aber wie etwa in den öffentlich geförderten Wohnungen die erwünschten drei Generationen unterkommen könnten, wußten weder Katzer noch Lübke zu sagen. Denn die Haushalte werden immer kleiner: Während 1871 noch 4,6 Personen gemeinsam hauswirtschafteten, waren es 1968 noch 2,7. Im Jahr 1973 werden es nur 2,5 sein.

Tatsache ist auch, daß ein Platz im Altersheim -- Wartezeit bis zu fünf Jahren -- den Lebensabend öfter verkürzt statt verschönt. Im Alter stellt jeder Wechsel im gewohnten Leben eine derart schwere Belastung dar, daß die Wahrscheinlichkeit zu sterben im ersten Jahr nach dem Umzug ins Asyl zweieinhalbmal so hoch wie sonst ist: Ein Viertel aller neuen Altersheim-Insassen stirbt in den ersten sechs Monaten, ein weiteres Viertel leidet nach Untersuchungen der Universität Chicago unter "schweren psychischen Belastungen", auch "Umzugsdepression" genannt. Die Zahl der Einweisungen alter Leute in psychiatrische Kliniken ist neuerdings stark gestiegen.

Zum Verrücktwerden muß das Alter ja schon sein, weil, wie alle Welt unausrottbar glaubt, die sexuelle Kraft auf eine Weise verkümmert, die eine jugendorientierte und leistungsbestimmte Gesellschaft geradezu peinlich anmutet, zumal "sublimere Formen der Erotik in unserer Zeit nicht gerade gepflegt" werden, wie der Frankfurter Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich erkannte.

Auch auf der Straße kommen die Alten nicht mehr recht mit: Dem Straßenverkehr fallen doppelt so viele zum Opfer, wie ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Sitzen sie selbst noch am Volant, so verursachen Alte über 65 mehr Unfälle als selbst die hitzigen Fahrer zwischen 18 und 25" die sonst auch hier die Spitze halten. Schon haben Verkehrsexperten Eignungsprüfungen für alte Führerscheininhaber gefordert, und nur eine Frage der Zeit scheint es zu sein, daß den Alten die Selbstbestätigung des Chauffierens versagt wird.

Verdrängt werden sie auch als Fußgänger und Bahnfahrer: Die kurzen Grünphasen mancher Fußgängerampeln lassen nur äußerst flinke und entschlußfrohe Greise im ersten Anlauf durchkommen; die Haltezeiten gerade der schnellen und bequemen Zuge sind so knapp, die Trittbrettabstände so großzügig bemessen, daß für ältere Leute das Reisen beschwerlich oder gar quälend wird.

Sie sollen eigentlich gar nichts mehr dürfen, auch arbeiten nicht. Fast die Hälfte der deutschen Arbeitslosen ist über 55 Jahre alt, und amerikanische Soziologen haben ermittelt, daß alte Arbeiter nur in Wirtschaftszweigen mit rückläufiger Tendenz noch überrepräsentiert sind. In aufstrebenden Industrien werden sie immer weniger.

Allenfalls zu Diensten, für die noch keine Automaten erfunden wurden, scheint der rüstige Rentner gut: als Park- und Nachtwächter, Platzwart oder Bote. Die "Oma fürs Grobe" ist es, an die eine überlastete junge Mutter meist denkt, wenn sie nach einer "lieben Ersatzomi" inseriert, die "noch eine Lebensaufgabe" sucht.

"'Hauptleidtragende' der Funktionsverminderung der modernen Familie" nennt Soziologe Helmut Schelsky die Alten. Erst recht sind sie oft Hauptleidtragende des rapiden sozialen und wirtschaftlichen Wandels, der ihnen in ihrer konservativen Mentalität nicht immer als Fortschritt erscheint.

Sind sie deshalb, wie der Schriftsteller Christian Enzensberger in seinem "Größeren Versuch über den Schmutz" fragt, "ein Schmutz", der "weggehöre"? Sicher empfindet auch manche Alte die von Enzensberger geschilderte Abschiedsstimmung, "wenn sie sich ... im Spiegel des Bekleidungshauses häßlich und zerknittert erblickt ..., abzusehen, wann sie überflüssig und nicht mehr benötigt sei, wann sie eingespart werde und ins Getto könne, das in der Vorstadt schon längst bereitsteht".

Bleibt ihnen nichts als die Flucht aus der Wirklichkeit? Sicher: Wenn die Enkel lieber das HB-Männchen und Lassie fern sehen, als den Geschichten der Großmutter zuzuhören, dann geht die alte Dame eben zu Schneewittchen und den sieben Zwergen in den Märchenwald. In Berlin-Kladow, wo Grimms Märchen in freier Natur aufgebaut sind -- gedacht für Kinder -, stellen Alte beiderlei Geschlechts zwei Drittel der Besucher.

Bleibt ihnen nur die Wahl zwischen Revolte und Resignation? Junge Revolutionäre möchten die Rentner gern zusammen mit den unzufriedenen Frauen für ihre Zwecke mobilisieren. Der Berliner SDS-Führer Bernd Rabehl, 31, überlegte, alte Arbeiter als Dauer-Diskutanten wieder in ihre Fabriken zu schicken, und Apo-Mann Christian Semler, 30, gestand ihnen "subversive" Bedeutung zu, "weil sie nicht mehr ihre Arbeitskraft verkaufen, aber trotzdem im Betrieb drin sind".

Bleibt ihnen nur die Erinnerung an eine Welt, die ihnen ganz selbstverständlich gehörte und wohl schon deshalb für sie in Ordnung war? Wer heute 65 und älter ist, stammt schließlich noch aus einer Zeit, in der steife Kragen und starre Korsetts, Honoratiorenbärte und strenge Mienen die Würde des Alters auch schon bei jungen Männern und Frauen verherrlichen sollten.

Ganze Epochen strömten eine geradezu "aufdringliche Greisenhaftigkeit" (Soziologe René König) aus: Schwarze Kleidung dominierte zur Zeit Karls V., Kinder wurden wie kleine Erwachsene behandelt und kostümiert, und Velázquez malte sie auch so. Sogar Kokotten puderten sich das Haar greisweiß" um attraktiver zu sein.

Erst der Philosoph Jean-Jacques Rousseau verkündete (1762) der auf Würde und steife Reife erpichten Menschheit die These vom Selbstwert einer Jugend, die noch nicht von der Gesellschaft verbogen und verdorben sei und die ein Recht auf Eigenleben habe.

Bis dahin hatte die Menschheit sich stets an ihren Alten orientiert. "Mensch im Superlativ" -- soviel bedeutete der Name, den australische Eingeborene ihren Ältesten gaben. Dort wie in anderen schriftlosen Kulturen besaßen die Greise als einzige Quelle der Überlieferung und als tatsächlich "lebende" Geschichte den Wert von Supermännern und übten deshalb, wenn sie schon nicht Häuptlinge waren, die angesehensten Berufe aus: Wahrsager, Schönheitsexperten, Priester, Medizinmänner, Geburtshelfer und Erzähler.

Steinalt zu werden wie der biblische Urvater Methusalem (nach 1. Mose 5, 27 erreichte er 969 Jahre) war daher fast jedermanns Wunsch und eine große Ehre -- zumal die Lebenserwartung in alten Zeiten gering war. Sie betrug bei den Griechen -- wie Harvard-Archäologen anhand von 2022 Grab- und Denkmalinschriften eruierten -- 29,43 Jahre. Verständlich, daß es als Wunder galt, wenn jemand 60 Jahre oder länger durchhielt, und daß sich die Griechen deshalb zum Greisenkult versammelten; jedenfalls fanden die Archäologen das Greisen-Symbol an Opferstätten.

Wer es in Sparta schaffte, 60 Jahre alt zu werden, hatte alle Chancen, im Rat der Alten als "Geront" neben zwei Königen und fünf Ephoren die höchste Staatsgewalt auszuüben, wozu auch gehörte, über Fälle von Elternmißhandlung zu Gericht zu sitzen Im republikanischen Rom hatten die Beschlüsse des "Senatus", des Rates der Alten, den Charakter bindender Weisungen.

Heute kann einer, wie Edward Kennedy im Jahre 1962, schon im Alter von 30 Senator werden und im ehrwürdigsten Gremium der USA einen Platz erhalten Und auch in Deutschland fällt auf den Titel "Senator" noch immer ein Abglanz jenes Lichts, in dem die Zeiten hindurch alle Greise wandelten, vom Stammesältesten der Steinzeit bis zum Hausvater der Wilhelminischen Epoche, vor dem alles erzitterte.

Und gezittert wurde nicht nur in Ehrfurcht, sondern auch vor Angst: Immer hatten die alten Herrschaften auch Macht zu vergeben und Geld zu vererben. Heute "erbt" allenfalls von der Pension des Vaters die Mutter 60 Prozent, und die Macht der Erfahrung ist auch nicht mehr viel wert in einer Zeit, da Berufsqualifikationen und Wertvorstellungen in einer Generation ein paarmal umgeschlagen werden.

"Wer heute", schreibt Schelsky in seinem Buch "Auf der Suche nach Wirklichkeit", als Alter Autorität und Weitsicht hat, besitzt sie auf Grund individueller Leistung und Sublimierung, aber nicht mehr als Alter schlechthin" Konrad Adenauer war solch ein Alter, wenngleich viele Deutsche meinten, in ihm "das Alter" zu ehren.

Ansehen genießt sonst nur noch das Genie -- Albert Einstein etwa, der aller Welt die Zunge herausstreckte; oder das vitale Kuriosum der 88 Jahre alte Wilhelm Häfner etwa, der -- ein "medizinisches Phänomen" ("Süddeutsche Zeitung") vor einem Jahr einen 5000-Meter-Wettlauf mitmachte; oder auch die 80 Jahre alte Käthi Holzner, die als Servierfräulein auf dem Oktoberfest in München noch sechs Maßkrüge "dapackt".

Früher waren zupackende Greise die Regel. Nur wenn sie zu gar nichts mehr nütze waren, wurden sie, der Sage nach bei den Ukrainern, "auf den Schlitten gesetzt". Samoaner begruben ihre hinfälligen Großväter auf Wunsch lebendig, Griechen sollen sie über Klippen ins Mittelmeer gestürzt, Römer "brückenreife Sechziger" in den Tiber gekippt haben, und Nomadenvölker wie die Lappen ließen ihre Altersschwächsten mit einer eisernen Ration im Zelt sitzen und zogen weiter.

Diese alten Alten hatten, so die Formel des Ethnologen Leo W. Simmons, die "Endzeit der Hilf- und Hoffnungslosigkeit" erreicht -- in der vorindustriellen Zeit eine zumindest statistisch unerhebliche Erscheinung, heute jedoch eine Frage von "überragender Bedeutung", die laut Simmons "weitgehend auch sozial und kulturell bestimmt ist".

Wie wahr: Angesichts der grollen Zahl sozusagen überholter Menschenmodelle -- bis 1980 sollen 14,8 Prozent der Westdeutschen über 65 sein, zur Zeit sind es 12,7 Prozent sehen manche Gesellschaftspessimisten eine "graue Gefahr" im Anmarsch, ein humpelndes Heer verrunzelter Männer und Frauen, die, aus Wohnküchen und Schrebergärten vertrieben, nur noch eine physische Existenz in ihren "Morchelkasernen" (berlinisch für Altersheime) führen und als "Rentenberg den Nachkommen auf der Tasche liegen.

Daß dies ein Zerrbild ist, darüber sind sich Bevölkerungswissenschaftler und Soziologen allerdings einig. Nach 1980 wird der deutsche Altenteil wieder sinken und sich bei etwa 13 Prozent einpendeln. Und daß voraussichtlich 1975 je 100 Deutsche im Alter zwischen 15 und 65 für 62 Kinder und Alte mitzusorgen haben werden, mag zwar, wie der Bonner Familienbericht mutmaßt, "einen langsameren Anstieg des privaten Verbrauchs der aktiven Generation" nötig machen, ist so dramatisch aber nicht.

Die sogenannte Belastungsquote war in den herrlichen Zeiten von 1871 und 1910 noch höher: 64 und 65 Prozent. Daß die Fürsorgepflicht heute "möglicherweise ... subjektiv in weit stärkerem Maße als Belastung empfunden" wird, wie der Wiener Altersexperte Leopold Rosenmayr vermutet, liegt allenfalls daran, daß die Berufstätigen mehr als sonst für alte Leute, weniger für Kinder zu sorgen haben.

Und so hilf- und hoffnungslos, wie es den Anschein hat, sind die meisten Alten eben doch nicht -- auch wenn sie nicht mehr, wie zur Zeit Bachs, zu einer Großfamilie mit Kindern und Kindeskindern, Brüdern und Schwestern, Nichten und Neffen gehören.

Empirische Untersuchungen in den letzten zehn Jahren (vorher gab es in Deutschland keine) haben übereinstimmend das überraschende Resultat erbracht: Die Einsamen, die Unglücklichen, die von bitteren Gefühlen der Nutzlosigkeit heimgesuchten Todeskandidaten, die so arm sind, daß sie weder leben noch sterben können, sind ein Leitartikelthema für die Adventszeit, als Realität aber eine Minderheit. Obwohl sie alle viel "mitgemacht" haben, sind die meisten einer Meinung mit der Bergarbeiterswitwe B. im Film der Soziologin Erika Runge: "Mit allem Schweren, mit allem Schönen: jederzeit noch mal."

* Otto Blume: "Möglichkeiten und Grenzen der Altenhilfe. J. C. B. Mohr, Tübingen. 1968; 150 Seiten; 15 Mark.

Von 10 328 Alt-Deutschen über 65, die der Kölner Sozialforscher Otto Blume* befragte, empfanden 41 Prozent "keinerlei Kummer", 20 Prozent meinten gar, das Alter habe im allgemeinen keine unangenehmen Zeiten. Sogar die vier Prozent der Alten, die in Heimen leben, sind ganz gut beieinand: Von 207 Heimbewohnern im Landkreis Düsseldorf-Mettmann wußte über die Hälfte von keinem Seelenleid. Und der Bericht vom "Siebenten Internationalen Kongreß für Gerontologie" faßte aus 50 Einzeluntersuchungen zusammen: "Der Großteil alter Menschen ist weder isoliert noch einsam."

Allein und einsam ist nicht dasselbe. Daß die Jungen von ihnen getrennt leben, wird von 80 Prozent der Alten bejaht und als normal empfunden. Amerikanische Untersuchungen besagen, daß es ausgerechnet kinderlose Alte sind, die "am ehesten zu dem Glauben neigen, alte Eltern würden von ihren Kindern vernachlässigt".

Selbst verwitwete Mütter über 65 waren zu 84 Prozent damit zufrieden, allein zu wohnen, und nur vier Prozent würden gern zu den Kindern ziehen -- die übrigen wollten zu Bekannten oder ins Altersheim. Dagegen sind 40 Prozent der betagten Ehepaare und 29 Prozent der Witwen, die mit ihren Kindern und Enkeln unterm selben Dach hausen, diesen Zustand leid, denn zu "schweren Spannungen" kommt es nicht selten gerade dort, wo Oma den Haushalt versorgt, weil die Tochter Geld verdienen geht. Und bis ins Familienministerium hat sich herumgesprochen, daß "viele von sich aus das Leben im gemeinsamen Haushalt mit ihren Kindern nicht mehr wünschen" (Familienbericht).

Was Witwen wirklich wünschen, haben ihnen die Sozialforscher längst abgelauscht, nämlich "innere Nähe durch äußere Distanz" zur Nachkommenschaft -- so definierte der deutsche Soziologe Rudolf Tartler schon 1961 die Sehnsucht der Ruheständler, nur nicht in derselben Wohnung, aber gleich nebenan von Kindern und Enkeln zu wohnen.

Die Städteplanung hat sich freilich nicht darum geschert. Wie Frauen und Kinder wurden auch die alten Leute bei der Errichtung neuer Viertel ausgespart, obwohl Wohnung und Wohlbefinden gerade für sie identisch sind. Schon 1957 rügte der Aachener Architektur-Professor Erich Kühn, der Städtebau werde "in rücksichtsloser ... Einseitigkeit ... auf die Ansprüche der männlichen, erwerbstätigen Erwachsenen eingerichtet".

Zwar gibt es Ausnahmen, beispielsweise ein treppenloses "Feierabendheim" in Waiblingen und in Essen ein einfallsreich erbautes Altenheim im Stil des Brutalismus. Zwar sieht eine Novelle zum Wohnungsbaugesetz vor, daß der Bau von Wohnungen für alte Menschen Vorrang haben soll, Doch hat diese Bestimmung im wesentlichen dazu geführt, daß nun Altenwohnheime -- wo die Mieter, anders als im Allersheim" kochen können und eigene Toiletten oder Bäder haben -- in langen Blocks wie Kasernen hochgezogen wurden.

Die vom Familienministerium geforderten "Einliegerwohnungen im Familienheim" oder "Bungalows ... anteilig eingestreut in Wohnsiedlungen" gibt es kaum. Selbst in den "Demonstrativbauvorhaben", vom Wohnungsbauministerium geförderten neuen Nachbarschaften, sind Wohnungen für Alte selten.

Beim Demonstrativbauvorhaben Trier-Mariahof zum Beispiel wurden eingestreute Altenwohnungen, obwohl geplant, zunächst "einfach vergessen", wie Siedlungsarchitekt Peter Paul Jost berichtet. Das Nürnberger "Städtebauinstitut" suchte in 16 Demonstrativbauvorhaben nach Altenwohnungen und fand: Nur in fünf Komplexen waren sie vorhanden, und die meisten waren wieder zu Morchelkasernen geraten.

Architekt Jost, seit zwölf Jahren im Altenheimbau tätig, bemängelte: "Richtlinien und Empfehlungen, an die sich niemand zu halten braucht, sind absolut unzureichend." Und zwingende Auflagen, in öffentlich geförderten Neubauten einen bestimmten Prozentsatz von Altenwohnungen einzuplanen, gibt es nicht.

Die "geradezu wilde Entschlossenheit", mit der nach einer Untersuchung des amerikanischen Soziologen James E. Montgomery auch die alten Leute in Amerika an eigenen Wohnungen hängen, erklärt sich aus der relativen Unabhängigkeit, über die sie in ihren vier Wänden verfügen. In der Beamtenstadt Darmstadt zum Beispiel werkeln selbst von den über 80jährigen noch zwei Drittel in ihrem eigenen Haushalt.

Das unabhängige Wohnen versetzt nach Feststellungen des Bonner Psychologischen Instituts drei Viertel der Alten in die Lage, mit mindestens einem ihrer Kinder fast täglich in Kontakt zu treten. Altersheimbewohner dagegen haben (so in Düsseldorf) nur zu 26 Prozent ein Kind oder einen Enkel im Umkreis von einer Stunde, und die Berliner Regierungsdirektorin Dr. Gerda Tuercke fand: "Die Menschen stumpfen ja doch im Heim schnell ab."

Die Direktorin beim Senator für Soziales veranschlagte den Bedarf an Altenwohnheimen in Deutschlands Rentnerhauptstadt (Anteil: 21,3 Prozent über 65jährige) auf fünf Prozent, und nicht auf nur 2,5 Prozent wie der Deutsche Städtetag. Auf die mit städtischen Zuschüssen gebauten Wohnheime hat denn auch ein "Sturm" (Tuercke) eingesetzt.

Die Mieten dort liegen mit rund 140 Mark weit unter den Forderungen privater Heime, die für ein Mansarden-Apartment von 16 Quadratmetern ein Einkaufsdarlehen von 4000 Mark und in der "Betreuungsstufe 1" eine Monatsmiete von fast 400 Mark kassieren, so das "Senioren-Wohnheim" am Münchner Schloß Nymphenburg. Die Betreuungsstufe 1 umfaßt außer der Bruttomiete und täglichem Mittagessen nur Dienste, die eigentlich selbstverständlich sind: "Liftbenützung", "Erste Hilfe ... persönliche Beratungen, Bereithalten von Arzt und Krankenschwester" -- aber eben nur Bereithalten.

Gemeinnützige "Stifte" sind auch nicht billiger: Bei der "Haus der Ruhe GmbH" in Lindau (Träger: ein Stiftungsverein der katholischen Steyler Mission) kostet etwa das "Wohnrecht"-Darlehen je nach Größe der Behausung (19 bis 58 Quadratmeter) zwischen 21 000 und 64 000 Mark. Als Pensionspreis mußten Einzelmieter schon 1968 monatlich 750 Mark, Ehepaare 1200 Mark zahlen, und die Preise steigen. wie anderswo, in regelmäßigen Abständen.

Trotzdem: In München-Nymphenburg hatten die Bauarbeiter das Senioren-Wohnheim noch nicht verlassen, da waren die teuersten Apartments schon an die Alten gebracht: zu 10 000 Mark "Einkaufsbetrag" und monatlich 949 Miet- und Mittagstischpreis für zwei Personen und zwei Zimmer.

In Berlin, so Gerda Tuercke, ist es "furchtbar, was privat gebaut wird". Aber solange den Inhabern privater Altbau-Altersheime für einen fünf Quadratmeter kleinen Kellerverschlag anstandslos 350 Mark Pension gezahlt werden, kalkulieren die Baulöwen richtig. Fraglich bleibt nur, was aus den vorerst noch rüstigen Senioren in zehn oder 20 Jahren werden soll, denn Pflegekräfte oder gar Pflegeabteilungen sind nicht vorgeschrieben. Sogar in den vom Berliner Senat mitfinanzierten Wohnheimen besteht lediglich eine "Kann"-Bestimmung, ab 100 Apartments eine Pflegerin zu engagieren.

So wird für viele Heimbewohner "der katastrophale Mangel an Pflegebetten" (Architekt Jost) dazu führen, daß sie aus der dann vertraut gewordenen Umgebung in ein Pflegeheim verpflanzt werden müssen. Sogar Wohnheime der Arbeiterwohlfahrt haben, wie in München, Bestimmungen in ihre Mietverträge aufgenommen, nach denen die alten Leute auszuziehen haben, sobald sie pflegebedürftig werden. Dann wird es kritisch, wie Oberamtmännin Heerdegen vom Münchner Sozialamt weiß: "Die Leute wollen nicht raus."

Die Alten wissen nämlich " was sie wollen, nur fragt sie selten einer danach. "Man weiß schon, was für uns gut ist", kommentierte die Berliner Lehrerin i. R. Dora Lent, 72, die Verkindlichung und Entmündigung der Alten. Frau Lent ist im Altenwohnheim Zehlendorf mit ihren 213 Mark Rente zur Sozialkritikerin geworden: "Hier bist du alt, hier mußt du"s sein."

Es wird für die Alten, aber ohne sie geplant. Das Zweite Deutsche Fernsehen tut sich zwar etwas darauf zugute, daß es seit Anfang des Jahres "Mosaik", eine "Sendereihe für die ältere Generation", ausstrahlt, aber auf eine Bedarfsanalyse wurde verzichtet. Im Wohnstift Rathsberg in Erlangen waren zwar die besten Architekten am Werk, aber dann geriet ihnen alles derart modern, daß die Alten, wie auch anderswo, "gar nicht in die Räume hineingehen" (Sozialforscher Blume).

Weil sie fürchten, andernfalls könne es noch ärger werden, gehen sie schließlich doch hinein -- nicht zuletzt, weil manche das Geld dazu offenkundig haben. Eduard Ziehmer, 56, Bundesgeschäftsführer der "Lebensabend-Bewegung e. V." (LAB) in Kassel, weiß es von seinen 15 000 Mitgliedern: "Millionen, die sonst mehr oder weniger im Sparstrumpf bleiben", werden für den Einkauf ins Heim gern angelegt.

Zwar bezieht ein Drittel der Alten über 65 weniger als 350 Mark netto im Monat und liegt damit nahe am sozialen

Existenzminimum von 300 Mark -- der Stelle, an der nach dem Soziologen Blume "das Kontaktnetz

auseinanderrejOt". Doch bezieht ein weiteres Drittel mehr als 500 Mark monatlich.

Die Marktforscher haben laut "Capital" daher "an den Alten einen liebenswerten Zug entdeckt": Geld. Auch den Politikern und Soziologen ist das nicht entgangen: Sozialpolitiker Katzer sah in den Alten einen "durchaus attraktiven Markt", Soziologe Schelsky entdeckte unter ihnen "gesteigertes Konsumbedürfnis".

Touropa und Scharnow verfrachteten im Winter 1967/68 erst 3000 meist alte Überwinterer nach Andalusien und Mallorca, im letzten Winter waren es schon viermal soviel: 12 500. "Noch keinen Vierzehnhundertmark-Schein ein halbes Jahr", schwärmte eine alte Dame vor NDR-Fernsehkameras im Hotel Salva in Palma, "überall die Touren hab' ich mitgemacht, also etwas Einziges. Und morgen fliegen wir nach Afrika." Preis für zwölf Wochen inklusive Flug und Vollpension: knapp tausend Mark -- billiger als daheim in kalten, kommunalen Alterskolonien. Gemeinsam mit der Lebensabend-Bewegung nutzen die Ferienfabriken die von Sozialforschern nachgewiesene Reiselust der als immobil verrufenen Greise auch innerhalb Deutschlands, wo Harz und Holsteinische Schweiz (zwei Wochen Plön mit Halbpension von Hamburg aus: 192 Mark) die bevorzugten Ziele sind. Am Ende der Ferien händigt der Lebensabend-Verein seinen Alten eine "Urkunde über das Ferien-Examen" aus, in der ihnen zur Hebung des Selbstgefühls etwa bescheinigt wird, sie hätten sich vorbildlich in die Gemeinschaft eingefügt und auch immer etwas Lustiges zu erzählen gewußt. Widerborstige Teilnehmer erhalten unter der Rubrik "besonders erwähnenswerte Merkmale" zuweilen auch einen "Seitenhieb", so LAB-Ziehmer.

Das Image vom alten Mann ist trotzdem noch immer grau. Die Bonner Psychologin Lehr erkundete, daß jüngere Deutsche einem, der "im sechsten bis achten Lebensjahrzehnt steht", nicht zutrauen, daß er noch Urlaub im Ausland macht. Auch daß so einer "noch gern nach schönen Mädchen schaut", halten sie für ausgeschlossen.

Nach Mädchen sich umzusehen ist nun freilich auch für alte Herren bloße Routine. Besser noch: Eine Erhebung des US-Magazins "Sexology" unter prominenten Amerikanern über 65 ergab, daß 70 Prozent der Verheirateten noch "regelmäßig Geschlechtsverkehr" hatten. Sechs von 104 Herren im Alter zwischen 75 und 92 berichteten, achtmal im Monat sei das mindeste.

Auch die Ansicht junger Leute, die Alten seien so abgestumpft, daß sie sich "keine neuen Möbel" mehr anschaffen, ist falsch. Und langsam kommen wenigstens die Konsumforscher dahinter, daß die Deutschen über 50 pro Jahr fast elf Milliarden Mark verknuspern könnten -- drei Milliarden mehr als die Teenager. Die Baseler Prognos AG sieht schon voraus, daß von 1972 an die "Teenagermärkte im Wachstum verdrängt werden von den Märkten für Produkte und Dienste für alte Leute"

Schon jetzt konsumieren sie mehr, als mancher glaubt: Von den rund sieben Millionen Verbrauchern zwischen 60 und 70 besitzen 2,23 Millionen ein Auto, die meisten eines, das über 5500 Mark gekostet hat. 4,18 Millionen trinken "häufig" Bohnenkaffee; 540 000 Alte von Schrot und echtem Korn, prozentual mehr als in jeder anderen Altersklasse, kippen ebenso häufig klare Schnäpse, und von den 80jährigen geht jeder vierte noch in seine Stammkneipe.

Nur Whisky mögen sie nicht: Lediglich 60 000 trinken ihn häufig, 6"68 Millionen aber nie. Doch rasiert sich die Hälfte der alten Männer elektrisch, und fast ebenso viele benutzen modische Rasierwasser. Auch verwendet fast jede vierte Dame zwischen 60 und 70 noch Lippenrouge, und reichlich jede dritte sprüht Haarspray.

Freilich, wenn aus den Lach- erst einmal Kummerfalten geworden sind, wenn die Knie erst knacken, dann hat im lebenslangen Prozeß des Alterns die letzte Phase schon begonnen: Nun welkt, was einst ward, und "Mutterns Hände" werden runzlig: "Nu sind se alt. Nu bist du bald am Ende" (Tucholsky).

In "Der alte Mann und das Meer" hat Hemingway beschrieben, wie einer aussieht vor Sonnenuntergang: dünn und hager, mit tiefen Falten im Nacken, "und wenn er die Augen geschlossen hielt, war kein Leben in seinem Gesicht". Hemingways altem Mann ging es wie fast allen Alten: Er wachte früh auf, "um einen längeren Tag zu haben", und sprach mit sich, wenn er allein war.

Shakespeare, in "Romeo und Julia" dichtete: "Viel' Alte scheinen schon den Toten gleich: wie Blei, schwer, zähe, ungelenk und bleich." Und da helfen keine Pillen: Weder Hormoncremes noch Vitaminkapseln vermögen etwas daran zu ändern, daß jenseits des sechsten Lebensjahrzehnts der Anfang vom Ende gekommen ist -- weshalb im Bergwerk ein abgebautes Flöz auch "Alter Mann" heißt.

Danach hapert es bald überall. Die Haut, dünn und trocken, wird faltig und verschiebbar. Die Organe verlieren ihre Elastizität, verkalken, verfetten und ermüden. Hören und Sehen vergehen: Zuerst fallen die hohen Töne und die nahen Dinge aus -- den sehr Alten zirpt keine Grille mehr, kein Telephon klingelt, keine Uhr tickt, und wenn einer mit 80 die Zeitung noch ohne Brille liest, dann, zu Recht, meldet es das Lokalblatt.

Es dauert länger, zu begreifen, es fällt schwerer, zu denken. Die Persönlichkeit fällt gleichsam auf ein primitiveres Niveau zurück; die Gefühle stumpfen ab, die Reizbarkeit nimmt zu, die Stimmung ist labil, der Wille schwankend. Langsam, die Handschrift zeigt es an, erstarren die motorischen Funktionen.

Kein "Dennoch" der alten Leute nützt, aller Fortschritt der Wissenschaften hat dem Altern nichts anhaben können. Gewiß wie eh ist geblieben, daß sie bald über den Rand der statistischen Alterspyramide stürzen werden. Mag sich die Summe der Lebensjahre auch bei immer mehr Menschen zu biblischem Alter türmen: Die Spitze dieser Pyramide hat sich bislang kaum erhöhen lassen.

Zwar, wer heute geboren wird, darf ein längeres Leben als je erwarten. Aber: Wer alt ist, hat heute nicht sehr viel mehr zu erhoffen als zu Anfang des Jahrhunderts. Damals, 1900, hatte ein 60 Jahre alter weißer Amerikaner beispielsweise statistisch noch 14 Jahre vor sich. Heute sind es zwei Jahr. mehr, 24 Monate, zwei Weihnachtsfeste.

Selbst wenn es gelänge, alle Arten von Krebs zu heilen, dann nähme, so errechnete der amerikanische Versicherungsstatistiker Louis Dublin, die durchschnittliche Lebensspanne der männlichen Neugeborenen nur um 1,8 Jahre zu.

Warum das so ist -- auf diese Lebens-Frage können die Gerontologen (von griechisch "geron" = der Greis) vorerst nur Teilantworten geben, mögen sie Mediziner, Biologen, Statistiker, Psychologen, Pharmakologen. Soziologen sein. Eines wissen sie genau: Es stirbt der Mensch, solang er lebt -- jeden Tag ein wenig. Jeden Tag und jede Nacht gehen Millionen Körperzellen zugrunde. Binnen fünfzig Lebensjahren -- zwischen 20 und 70 -- sinkt das Gewicht

* des Gehirns von durchschnittlich 1400 Gramm auf 1200 Gramm

* der Leber von 1300 auf 1000 Gramm,

* der Nieren von 270 auf 240 Gramm.

In derselben Zeit verringert sich der Eiweißgehalt des Blutes um rund ein Fünftel.

Andere Befunde freilich deuten darauf hin, daß der Organismus viel länger standhalten könnte, als er es tatsächlich tut. So werden die roten Blutkörperchen beständig ersetzt, die Leber ist imstande, sich nach einem Schaden zu erneuern, und auch Nerven und Muskeln würden noch durchhalten, wenn anderes schon am Ende ist.

Als wichtigste Alters-Beschleuniger identifizierten die Gerontologen

* Erbeigenschaften: Menschen, deren Eltern das Greisenalter erreichten, haben selber auch eine höhere Lebenserwartung;

* Nahrungsmängel: Schon Ernährungsfehler beim Kleinkind verkürzen mutmaßlich das Leben:

* Strahlen: Die schon bei geringster Dosis schädliche Wirkung summiert sich durch kosmische Strahlenschauer, Röntgenuntersuchungen und, auch, durch das Leuchtzifferblatt der Armbanduhr;

* fehlerhafte Weitergabe von Erbinformationen: Die in jeder Zelle niedergelegten Baupläne für die Konstruktion neuer Zellen werden nicht eingehalten, und es entstehen Zellen, die nicht funktionieren oder absterben oder krebsig wuchern -- Anlaß zur Alarmierung des körpereigenen Abwehrmechanismus, der eigentlich nur gegen eindringende Mikroorganismen und Fremdgewebe tätig werden soll;

* Wasserverlust: Der Körper (Wassergehalt des Embryos 90 Prozent, im hohen Alter 60 Prozent) trocknet beständig aus. Das Gewebe verliert seine Elastizität, verdichtet und verhärtet sich, die Gefäßwände verschlacken, Knorpel verkalken, Knochen werden brüchig;

* Verschleiß: Jede Krankheit -- Grippe ebenso wie Beinbruch, Verbrennung nicht anders als seelisches Leiden -- stört die Körperfunktionen und nützt den Organismus ab.

Mithin: Altern ist keine Krankheit. Der schleichende Körperverfall beginnt vielmehr, wie der Tübinger Pathologe Erich Letterer erläuterte, "mit dem Augenblick der Geburt, vielleicht schon mit der Vereinigung von Ei und Samenzelle".

Manche altern schnell. Mitunter können schon Kinder, die an sogenannter Progeria leiden, grauköpfig werden, steife Gelenke bekommen, seniles Gebaren annehmen und im Jugendalter unter allen Anzeichen von Altersschwäche sterben.

Manche altern nahezu unmerklich -- was Wissenschaftler früher glauben ließ, jedes Individuum sei mit einem bestimmten Quantum einer geheimnisvollen Lebenssubstanz ausgestattet und habe zu wählen zwischen einem intensiven, aber kurzen und einem betulichen, aber langen Dasein.

Jedoch, das Altern beginnt bereits, bevor sich jemand entschließt, gemach oder geschwind zu leben. Tierexperimente legen nahe, daß eine von klein auf verabreichte kalorienarme Eiweiß-Diät den Verfall des Körpers aufhält. Der Wissenschaftler Dr. Clive McCay setzte in New York schon vor 30 Jahren eine Gruppe junger Ratten auf ein Futter, das hauptsächlich aus Eiweiß sowie Vitaminen und Spurenelementen bestand. Ergebnis: Im Unterschied zu einer normal aufgezogenen Kontrollgruppe entwickelten sich die eiweißgepäppelten Ratten zwar langsamer und blieben ungewöhnlich schlank. Aber ihre Lebensdauer übertraf um 40 Prozent die ihrer Artgenossen.

Sicher wird der viel widerstandsfähigere und kompliziertere Körper des Menschen mit Magerquark und Filetsteak allein nicht 150 Jahre durchhalten, wie es sich laut Allensbach 47 Prozent der Bundesbürger wünschen. Denn die einzelnen Strukturen des Körpers altern unterschiedlich schnell. Die Augenlinse zum Beispiel, so ermittelten die Gerontologen, beginnt beim 12jährigen Kind ihre Flexibilität zu verlieren. Schon bei jungen Korea-Gefallenen fanden amerikanische Mediziner unerwartet häufig Ablagerungen in den Blutgefäßen, und von den Blutgefäßen, den offenbar schwächsten Teilen des Organismus, hängt alles übrige Wohl und Wehe ab.

So reagiert vor allem das Gehirn, das, wie der Chicagoer Psychologe Ward Halstead konstatierte, eigentlich "für hundert Jahre gut sein müßte" überaus empfindlich auf jeden Mangel an Sauerstoff und Nährsubstanzen, die mit dem Blut herantransportiert werden. Denn obwohl das Gehirn nur zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es 25 Prozent des Sauerstoffs, der im Körper umgesetzt wird. Und viele Formen der Senilität, vom wunderlichen Verhalten bis zum Altersschwachsinn, entspringen Hirnschäden, die von unzureichender Blutzufuhr herrühren.

Körperliches Training kann die Ermüdung des Blutkreislaufs verzögern. Im Februar 1969 berichtete etwa der Physiologe Herbert A. de Vries von der University of Southern California in Los Angeles, daß Pensionäre durch Leibesübungen wieder fit wie 48jährige werden könnten.

41 Männer im Alter zwischen 50 und 87 Jahren unterzogen sich -- zunächst schnaufend -- einem Ertüchtigungs-Programm in Gymnastik. Schwimmen und dem auch in Amerika populären Querfeldein-Trab über größere Distanzen, "Jogging" genannt. Nach sechs Wochen hatten die Probanden fast fünf Prozent des Körperfetts verloren. Der Sauerstoffverbrauch des Körpers hatte sich um mehr als neun Prozent erhöht.

Den Frauen können die Ärzte mit weiblichen Geschlechtshormonen in Spritzen- oder Tablettenform helfen, über die körperliche und seelische Krise der Menopause hinwegzukommen. Doch maßgeblich verlängern können sie die Sexualfunktionen nicht. "Altern ist eben doch etwas Umfassenderes", konstatierte der Erlanger Pharmakologe Heim, "als nur eine auf einem Mangel an Sexualhormonen beruhende verminderte Eiweiß-Produktion."

"Ein Mensch", so generalisierte wiederum, um die Jahrhundertwende, der britische Pathologe Sir William Osler, "ist so alt wie seine Arterien." Den Skelettmuskeln beispielsweise wird im Alter von zwölf Jahren doppelt soviel Blut zugeführt wie im Alter von 18 Jahren. Mit 25 Jahren ist die Blutversorgung bereits auf ein Drittel gesunken -- weshalb die Leistungen von Sprintern, deren Muskeln einen besonders starken Sauerstoffverbrauch haben, von diesem Alter an schnell nachlassen; mit 60 ist sie bei einem Zehntel angelangt.

Vor allem aber, da hat der Volksmund recht, ist ein Mensch so alt wie er sich fühlt, und daß, wie die Münchner Ärztezeitschrift "Selecta" resümierte, "kalendarisches Alter nicht mit Vergreisung identisch wird" sehen die Gerontologen denn auch vorerst als ihr Ziel au Dr. Ralph Goldmann, Chef der Altersheilkunde an der Universität von Los Angeles: "Wenn wir unser Ziel erreichen, dann wird das Leben im Alter gesünder geworden sein, erfreulicher, insgesamt besser, aber nur um ein geringes länger.

Das, etwa, wäre jener Zustand, den Aldous Huxley erahnte: Die Bürger seiner utopischen "Schönen neuen Welt" behalten Lebenslust und Spannkraft bis in die Greisenjahre. dann sterben sie kampflos wie abgebrannte Kerzen -- ohne lange zu fackeln.

Noch allerdings werden in der Bundesrepublik viele Menschen vorzeitig invalide, häufig durch chronische Erkrankung der Atmungsorgane ... Wäre die Krankenkasse spendabler", schilderte "Selecta" das Los der Asthmatiker, "könnte ihnen geholfen werden; allerdings mit vier Mark pro Tag und nicht mit acht Mark im Vierteljahr."

Die Forschungsrichtung der vorbeugenden Medizin, deren Ergebnisse sich nicht kurzfristig in Leistungssteigerungen messen lassen, ist "in Deutschland so gut wie gar nicht vertreten", gab der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Julius Speer, zu. Für die Erforschung der typischen Alterskrankheiten ist nach den Worten des Nürnberger Gerontologen und Medizin-Professors René Schubert "überhaupt noch nichts Wesentliches geschehen".

So sind die alten Menschen in Deutschland nicht so gesund, wie sie es nach den Möglichkeiten der medizinischen Forschung sein könnten. 68 Prozent der Großstadtbewohner über 65 haben dem Altersforscher Otto Blume Krankheit und Gebrechlichkeit als die "unangenehme Seite" des Altwerdens genannt. Für 28 Prozent war die Gesundheit der Grund persönlichen Kummers. "Zu geringe Einkünfte" dagegen folgte, mit acht Prozent, an zweiter Stelle erst in weitem Abstand.

Nicht mehr recht gesund, aber manchmal noch ganz gut bei Kasse, sind die Rentner meist nicht so erpicht auf eine nützliche Tätigkeit, wie sie es nach Vorstellungen mancher Sozialpolitiker eigentlich sein sollten -- etwa der eines Dr. med. Friedrich Thieding, der im Auftrag des Bonner Gesundheitsministeriums in einer "Schriftenreihe aus dem Gebiete des öffentlichen Gesundheitswesens" unlängst noch schwelgte: "Leben bedeutet Kampf und ein ständiges Bewähren ... Nichtstun, Ode und Leere des Lebens lassen die Kräfte schwinden, und am Ende wartet der Tod."

Die Furcht vor Ode und Leere setzt meist ein, wenn die Pensionierung naht. Ein ausgedienter Hamburger Postbeamter berichtete, er habe "manchen Kollegen gesehen, der bitterlich geweint hat, daß er weg mußte", und auch Untersuchungen des Psychologischen Instituts der Universität Bonn bewiesen, daß der Schritt in den Ruhestand gewagt und kritisch ist*.

Das Wissenschaftler-Team um Professor Hans Thomae ergründete:

* Fünfzigjährige freuen sich noch auf den Ruhestand, Sechzigjährige sind schon skeptischer.

* In den ersten Monaten des Rentnerdaseins ist die Unzufriedenheit am stärksten, doch orientieren sich die Alten bald neu und sind mit 70 meist "hochzufrieden".

* Die Trennung vom Beruf wird vor allem demjenigen erschwert, der das Gefühl des "Unvollendeten" mit in die Pensionistenzeit nehmen muß.

Trotzdem, so fand Sozialforscher Blume bei einer Befragung heraus, steht "das Gros der Arbeitnehmer

dem Verbleiben im Beruf nach dem 65. Lebensjahr negativ gegenüber". Nur zwölf Prozent der alten Männer in Großstädten, die Blume fragte, waren noch berufstätig -- allerdings 30 Prozent der Freiberuflichen. Von den schon Pensionierten verdienten sich zehn Prozent noch etwas dazu, allerdings Abiturienten viermal so häufig wie Volksschüler.

Und immer häufiger wird Schluß gemacht, noch ehe die 65-Jahr-Grenze erreicht ist: Bei den Rentenanstalten wächst die Quote der Frühinvaliden unaufhörlich. Nur jeder vierte Arbeitnehmer erreicht noch gesund das Ruhestandsalter. Das Durchschnittsalter der ausscheidenden Invaliden liegt bei 53 Jahren, so daß Experte Blume die Forderung nach einem "tätigen" Lebensabend für unrealistisch hält. Und außerdem:" Die Politiker wissen, was von den Gewerkschaften auf sie zukommt" -- nämlich die Forderung nach Herabsetzung des Pensionierungsalters auf 60 Jahre.

An der Pensionierungsfrage wird deutlich, daß es zwei grundverschiedene Möglichkeiten gibt, alt zu sein: Die einen disengagieren sich und ziehen sich allmählich, aber freiwillig aus der Gesellschaft zurück; die anderen möchten engagiert und aktiv bleiben, aber die Gesellschaft bietet ihnen dazu keine Chance mehr.

Im Streit darüber, ob der Disengagement- oder der Aktivitätstheorie der Vorzug zu geben sei, hat sieh mehr und mehr die Erkenntnis durchgesetzt, daß. wie der Wiener Soziologe Leopold Rosenmayr formulierte, "die Alten keineswegs als homogene Gruppe anzusehen" sind. Die einen rosten, die anderen rasten nicht.

Zuweilen geraten Aktivität und Disengagement in Widerstreit: Die Großmutter, die überfordert ist, wenn sie für die Nachkommenschaft den Haushalt führt, fängt unglücklich zu weinen an, wenn sie endlich die ersehnte Ruhe und unter ihresgleichen einen Platz im Altersheim gefunden hat.

Daß am zufriedensten jene alten Menschen sind, "die das Ausmaß ihrer Aktivitäten ... selbst bestimmen können", eruierte Rosenmayr. Mag sein, daß sie zufrieden sind, nur scheint oft das Maß der Aktivität bedrohlich gering, wie beispielsweise bei Franziska Sedlmair, 77, die seit 15 Jahren verwitwet in München lebt.

Sie ist der Typ der alten Frau, die sich zurückgezogen hat und auf bescheidene Weise zufrieden ist -- mit der Tochter zerstritten, weil die sich scheiden ließ, aus der Kirche, die ihr die Feuerbestattung verbot, ausgetreten. Sie wohnt allein in zwei Mansardenzimmern, in die sie keinen, nicht einmal jemand vom Sozialamt hereinläßt. Als sie einmal Grippe bekam, hat sie vier Wochen lang von Äpfeln gelebt.

Das Radio ("furchtbar") hat Frau Sedlmair in den Schrank verbannt, und wenn sie Tauben füttern geht, trägt sie den Ausweis bei sich: "Unter der Nr. 5588 ist bei der Städtischen Bestattung München 2 ... eine Bestattungsvorsorge getroffen worden." Dann wird das Harmonium die Träumerei von Schumann und das Largo

* "Altern. Probleme und Tatsachen. Herausgeber: Hans Thomae und Ursula Lehr. Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt, 1968: 625 Seiten: 15,80 Mark.

von Händel spielen. Franziska Sedlmairs größte Angst ist es, daß sie vorher noch in ein Altersheim gesteckt werden könnte.

Trotz aller Zufriedenheit gehört diese Frau zur Minderheit der isolierten Alten, die ebenso wie die Kranken, die Armen, die Einsamen keinen Platz in der Gesellschaft finden, weil es keinen für sie gibt. Auch Appelle an die Samariterdienste der Allgemeinheit ändern nichts daran, daß die Minorität dieser Außenseiter im Stich gelassen bleibt.

Und sie sind zumeist Außenseiter wider Willen und zumeist Frauen

allein nur deshalb, weil der Mann tot, oft gefallen ist; arm, weil sie nicht sozialversichert waren, also keine oder nur die um 40 Prozent gekürzte Rente des Mannes beziehen; einsam, vor allem weil sie nie ermuntert wurden, Kontakte außerhalb der Familie zu knüpfen. In München wurden (1967) viermal soviel ältere Frauen vom Sozialamt unterstützt wie Männer.

Mit dem zunehmenden Frauenüberschuß der über 65jährigen (seit 1950 von 124 auf 159 je 100 Männer) stieg die Selbstmordrate beispielsweise der 70jährigen Frauen von 21 auf 28 je 100 000 Einwohner. Für 70jährige Männer sank sie, denn die sind selten einsam. Hausmütter indes, die, wenn das letzte Kind ausgeflogen ist, wie Brechts "unwürdige Greisin" spontan beginnen, nun ihr eigenes Leben zu führen und zu genießen, sind rar. Die meisten wissen nichts mit sich anzufangen. weil sie es nie gelernt haben, und viel anderes haben sie auch nicht gelernt.

Zutreffend beobachtete die ehemalige Lehrerin Dora Lent in ihrem Berliner Altenwohnheim Zehlendorf die Hilflosigkeit der älteren Alten, die noch in der patriarchalen Gesellschaft des Kaiserreichs aufgewachsen sind. Sie ordnen sich einem Amt wie einer Obrigkeit unter, kritisieren zwar scharf und treffend Einzelheiten, gelangen aber zu keiner Übersicht oder Opposition".

Diese Bereitschaft zur Unterordnung bremst immer wieder das Bestreben der jüngeren Ränge in Sozialbehörden und bei Wohlfahrtsverbänden, vom Leitbild des Alten als arm und asozial fortzukommen und statt dessen den "Hilfesuchenden" zu erkennen, der Beistand, nicht immer nur Geld braucht.

Aber immer noch geht es nach dem "alten Stiefel", wie Direktor Hartwieg vom Detmolder Sozialseminar die Praxis nennt. Da gibt es, wie Altenheimerin Lent aus Erfahrung berichtet, "Nachweise und Kontrollen, die demütigend sind", wenn es um einen Reisezuschuß oder um Zahnersatz geht, Dinge also, auf die nach dem Bundessozialhilfegesetz ein Rechtsanspruch besteht.

Da gibt es vor allem die Verwechslung von Sozialarbeit und Caritas. Hartwieg: "Niemand käme auf die Idee, etwa für den Bau eines Gesundheitsamtes mildtätige Gaben zu sammeln ... und niemand würde Gehaltsforderungen des in ihm arbeitenden Arztes als Materialismus verschreien. Eben dies geschieht aber in der Sozialarbeit."

In der Sozialarbeit nämlich wird vorausgesetzt, daß ehrenamtliche Tätigkeit, die überdies noch "im verborgenen" (Heinrich Lübke) stattzufinden hat, auch wirklich Ehre einbringt. Das Ehrenamt ist klar: für ein Vergelt's Gott dreimal wöchentlich die gelähmte Greisin zwei Häuserblocks weiter zu waschen und zu füttern.

Unklar ist, wer das ehrt. Sogar der Spruch "Tut Gutes, wir reden darüber" wurde beim Paritätischen Wohlfahrtsverband erst nach langen Auseinandersetzungen akzeptiert.

Daß es sich um Ehre und nicht viel mehr handelt, zeigt sich in der Lohntüte: 250 Mark bleiben einer Altenpflegerin nach Abzug von Steuern und 165 Mark für Wohnen und Essen im Münchner "Pius Maria Heim". Für diesen Lohn ersetzt sie in einem Zehnstundentag kranken alten Leuten, die vorübergehend in ihren Wohnungen gepflegt werden müssen, Krankenschwester, Köchin, Putzfrau, Sekretärin, Beraterin und Tochter zugleich. "Werden's doch technische Zeichnerin, des is viel besser bezahlt", riet ein Beamter einer "Pius-Maria"-Schülerin, als sie Ausbildungsbeihilfe beantragte.

Und "steuerliche Anreize für soziale Berufe", wie sie die Berliner Sozialdirektorin Dr. Tuercke vorschlägt, haben die deutschen Parlamentarier bislang nicht einmal diskutiert.

Sie sind freilich die ersten, die mit Spenden- und Opferappellen bei der Hand sind. Ihre moralischen Proklamationen verraten aber nur, daß sie meinen, "Sozialarbeit sei nicht etwas sozial Notwendiges ... bedürfe keines besonderen Fachwissens, sondern vielmehr nur der rechten mildtätigen Einstellung", so Hartwieg aus Detmold.

Die Politiker verkünden zwar den "Anspruch" eines jeden auf staatliche Hilfe, doch mögen sie nicht einsehen, daß Almosen nicht hinlangen, seit Nöte den Menschen nur noch ganz selten als natürliche Folge von Pest und Hagelschlag heimsuchen, sondern meist als absehbare Folge von Planung oder Fehlplanung gesellschaftlicher und staatlicher Instanzen.

Denn: Der Mensch im Alter offenbart nicht nur die persönliche Bilanz seines Daseins. Sein Schicksal zeigt auch auf, was die Gesellschaft an ihm bewirkt oder versäumt hat.

Es sind alte Versäumnisse, sonst wäre es kaum möglich, daß es immer die "älteren Arbeitnehmer" über 55 sind, die als erste entlassen werden, wenn ein Betrieb rationalisiert -- Arbeitnehmer, die seit Jahrzehnten immer dasselbe gemacht und nichts dazugelernt haben, seit ihre Lehrlingszeit zu Ende ging.

DDR-Chef Ulbricht plant bereits für jeden Ostdeutschen zwei Berufe, und auch die Bundesregierung stellt neuerdings viele Millionen jährlich für berufliche Fortbildung bereit, doch das Geld wird gar nicht verbraucht, denn noch fehlen Fortbildungsinstitutionen und -programme.

So wird es künftig eher noch mehr "ältere Arbeitnehmer" -- schon die Bezeichnung klingt vielen beleidigend -- geben, die aussortiert werden, weil sie nicht mehr mitkommen, und das heißt: weil sie in der Schule nicht genug beigebracht bekamen, nicht gelernt haben, wie man lernt, und später das Zu- und Umlernen nicht geübt haben. Wer diese Fähigkeit aber übt und sie beherrscht, verliert sie auch in fortgeschrittenem Alter nicht, wie Leistungsforscher nachgewiesen haben.

Von dem Bonner Psychologen Gernot Dreher befragte ältere Stahlarbeiter im Ruhrgebiet waren nicht der sauerländischen Meinung, daß man mit einer Zwergschule gut fährt. Sie litten vielmehr so stark an der ausweglosen Berufssituation, daß nahezu jeder zehnte beim Gespräch mit dem Psychologen in Tränen ausbrach. Nicht einmal mit ihren Frauen wagten sie über die Misere des Nachlassens im Akkord und über ihre Verzweiflung darüber zu sprechen, daß sie nach Stilllegung der Warmwalzstraße der Fahrradwache zugeteilt worden waren. Nun paarte sich die Sorge um den Lebensunterhalt mit der belastenden Einsicht, daß es jetzt wohl zu spät sei, sich auf ein erfülltes Rentnerdasein vorzubereiten.

In der Agrargesellschaft arbeitete der Mensch einst, bis er tot umfiel oder bis "der völlige physische Verfall jeder Betätigung ein Ende setzte" (Blume). Heute ist nicht nur der Arbeitstag kürzer und der Urlaub länger geworden, ausgedehnt hat sich vor allem, was der Soziologe Viggo Graf Blücher die "Altersfreizeit" nennt: die Periode zwischen Pensionierung und Siechtum oder Tod.

Nach einer Uno-Tabelle von 1962 arbeiten in Agrarstaaten noch 70 Prozent der Männer über 65, in Industrieländern nur 38 Prozent. In der Bundesrepublik sind es gegenwärtig noch 23 Prozent der über 65jährigen. Die Lebenserwartung der 65jährigen Männer aber beträgt 12,2 Jahre -- zu viel, um nichts als ein Testament zu machen.

Anregungen, wie die Alten diese Zeit verbringen könnten, gibt es mehr als genug. Doch sind die Altenwerkstätten, in denen die Rentner basteln können und dafür auch bezahlt bekommen, durchweg auf Spenden angewiesen. Auch ersetzt solche Tätigkeit nicht den fehlenden Kollegen im Betrieb, und Versuche, Alte an Ihren alten Arbeitsplätzen langsam weitermachen zu lassen, sind in der "rücksichtslos auf Rentabilität ausgerichteten Industriegesellschaft" (Mitscherlich) bislang gescheitert: Sie brachten Verlust.

Das Wunschbild vom erfüllten Lebensabend, das sich auch in speziellen Bestimmungen des Bundessozialhilfegesetzes widerspiegelt ("Hilfe zu einer Tätigkeit", "Hilfe zum Besuch von Veranstaltungen", die "den kulturellen Bedürfnissen alter Menschen dienen"), hängt eben schief.

Die Alten, so fanden die Sozialforscher heraus, möchten am liebsten lesen, spazierengehen, Radio hören und fernsehen; weniger gern mögen sie Hand- und Gartenarbeiten. Beschäftigungen aber, die "eine gewisse geistige Regsamkeit voraussetzen (das gilt sogar für das Rätselraten)", wurden nach diesen Feststellungen "entschieden häufiger" von Akademikern ausgeübt. Denn, so sagt das angelsächsische Sprichwort: Einem alten Köter kann man keine neuen Kunststücke mehr beibringen.

Soziologe Blume resümierte daher: "Die Einführung des 9. oder 10. Schuljahres (wird) wahrscheinlich eine wirksamere Altershilfe sein ... als Altenklubs oder ähnliche Einrichtungen, die erst nach dem 65. Lebensjahr angeboten werden." Anders: Die Leere, die sich im Alter plötzlich auftut, war schon immer vorhanden und nur durch Arbeit verdeckt. Das zur Kenntnis zu nehmen, führt freilich für viele, wie Blume erkennt, "zu eng an die Aussage" heran, "daß in einer Gesellschaft nicht nur Einkommen, sondern Lebenslagen verteilt werden".

Das allgemeine Geseufze über die so hilflosen Alten kaschiert auch, daß die Noch-nicht-Alten noch schlimmer daran sind -- außer dem "älteren Arbeitnehmer" etwa die Frau, die ihr letztes Kind durchschnittlich mit 27 Jahren zur Welt bringt und im Alter von 45 der Erziehungsaufgabe ledig wird. Dann hat sie, durchschnittlich, noch 32 Jahre zu leben, das bedeutete früher ein ganzes Menschenalter. Aber niemand hat sie auf diese Zeit vorbereitet, wenn sie es nicht selbst getan hat.

So rügt der Soziologe René König denn auch einen "völligen Mangel aller Verhaltensregelungen für das Alter" und schlägt vor, ähnlich wie bei der Jugend den "Entkulturationsprozeß" für das Alter einen "Desozialisierungsprozeß" einzuüben -- wie in den USA, wo es "Ruhestandsberatung" schon gibt und eine "Erziehung zum Ruhestand" für Frauen und Männer ab 55 gegenwärtig beginnt.

"Unsere Gesellschaft", so diagnostizierte der Mediziner Professor Jores, "hat das Problem des Alterns noch nicht gelöst, höchstens in

ökonomischer Hinsicht. Aber das ist in Wirklichkeit keine Lösung."

In diesem Land, wo einst "der Alte" (aus Rhöndorf) den meisten als Inbegriff politischer Weisheit galt, werden "die Alten" bestenfalls "verbastelt" -- so das Vulgär-Soziologisch für eine Form von Hilfe, die sich damit begnügt, den betagten Leuten, als hätten sie schon den Verstand verloren, beizubringen, was sie "sollen": etwa Kaninchen züchten, Kinder hüten und "nicht abseits stehen", wie Inserate der "Aktion Gemeinsinn" empfehlen. Was sich ausnimmt, als stünden sie freiwillig in der Ecke, in die sie die Gesellschaft stellt.

Allmählich haben sie selbst den Eindruck, als ob sie nicht mehr dazugehörten. Clara Etter, 84, Beamtenwitwe in München: "Ich selbst finde es ja nicht, aber ich finde, die anderen Menschen finden es."


DER SPIEGEL 52/1969
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