22.12.1969

„ZUR STÄRKUNG UNSERER BASIS ERFORDERLICH“

Endlich sind wieder einmal Bundesbürger als Mörder hingerichtet worden. Im Morgengrauen des Montags vergangener Woche wurden in Griechenland Hermann Duft und Hans Wilhelm Bassenauer (beide 31) erschossen. Sie hatten sechs Menschen umgebracht und waren zum Tode verurteilt worden. Auf Nato-Brüder ist Verlaß. Sie wenigstens handeln, wo uns das Grundgesetz behindert (Artikel 102: "Die Todesstrafe ist abgeschafft"). Für die Mehrheit der Bundesbürger ist die Nachricht von der Vollstreckung an Duft und Bassenauer eine frohe Botschaft. Denn es sind, einer taufrischen Umfrage der Wickert-Institute zufolge, nur 35 Prozent der Bundesbürger gegen die Todesstrafe, jedoch 55 Prozent für sie.
Auch Witwe Heidi Bassenauer erklärte, in Griesheim bei Darmstadt von "Bild" befragt. als gute, der Mehrheit angehörende Deutsche: "Mein Mann hat die gerechte Strafe bekommen." Lediglich in einer Hinsicht war Heidi Bassenauer, die von ihrem Mann nicht nur durch Mord, sondern auch dadurch überrascht worden war, daß er sich eine griechische Freundin genommen hatte, mit den Exekutoren nicht völlig einverstanden: "Aber daß sie ihn gerade so kurz vor Weihnachten hinrichten mußten, ist nicht gerade pietätvoll."
In der Tat wäre ein wenig Rücksicht auf jenen alljährlichen Ausbruch menschlicher Gefühle angenehm gewesen, der Weihnachtsgeschäft heißt und mit Gottesdiensten noch immer rechtzeitig beendet worden ist, bevor er ausartete. Andererseits sollten wahre Freunde der Todesstrafe auch eine Bereicherung der nur bis zum Tod des Delinquenten auszudehnenden Prozedur nicht übersehen, die gerade dieser Hinrichtungstermin möglich gemacht hat.
Man male sich nur einmal aus, wie Duft und Bassenauer aufgeatmet haben, als es Mitternacht schlug und der 14. Dezember vorüber war: denn in Griechenland wird in der Regel zwischen dem 15. Dezember und dem 15. Januar nicht exekutiert. Und danach stelle man sich das Erwachen von Duft und Bassenauer vor, als sie in der Frühe des 15. Dezember doch geholt wurden.
Übrigens sollten Duft und Bassenauer eigentlich bereits am 4. Dezember hingerichtet werden. Damals kam es zu einem Aufschub in letzter Minute. Es wird doch nicht etwa jemand in Athen gedacht haben, die Bundesrepublik werde leichter Verständnis für das griechische Regime aufbringen, solange Duft und Bassenauer nicht hingerichtet sind? Hätten die Griechen nur die "Dokumentation über die Todesstrafe" gelesen, die 1963 erschien, herausgegeben von dem Mainzer Kriminologen Professor Mergen: dann hätten sie gewußt, daß man in der Bundesrepublik mit Fallbeil, Strick und Erschießungspeleton Freunde gewinnt.
Da tritt der Verleger Anton Betz, Düsseldorf, für die Todesstrafe ein, "möchte sie jedoch beschränkt sehen auf den Tatbestand des schweren Landesverrats". Da ist Sigismund Freiherr von Braun, Botschafter der Bundesrepublik, der Meinung: "Die Todesstrafe -- als Abschreckung -- ist zur Stärkung unserer Basis erforderlich." Denn der Freiherr sah bereits damals die Zukunft der Bundesrepublik dadurch gefährdet, daß die "ethisch unzureichend geschulten jüngeren Jahrgänge" versagen werden, sollte "einmal eine Krise kommen". Immerhin: Der Freiherr ist wenigstens nicht für Todesstrafe bei Ehebruch eingetreten.
Und in dem erwähnten Band kann man auch den großen Theologen Rudolf Bultmann" Marburg, entdecken, der in der Todesstrafe die einzige mit der Gerechtigkeit in Einklang stehende Sühne für Mord sieht. Der Theologe betont, daß die Bibel falsch übersetzt wird; daß es "Du sollst nicht morden" zu heißen hat. Inwiefern diese Korrektur die Todesstrafe zu einem Befehl der Bibel macht? Das zu erkennen, muß man wohl ein Theologe sein.
Ob es die Freunde der Todesstrafe beunruhigt, daß in der zitierten Dokumentation auch der Oberstaatsanwalt Carl Ferdinand Naegele für die Todesstrafe eintritt: der Herr Naegele, der 1955 gegen Hans Hetzel nur lebenslanges Zuchthaus beantragen konnte, des blöden Grundgesetzes wegen ...
Nun, werden wohlmeinende Menschen sagen, die sich ihre Freude auf die Christgans nicht wollen trüben lassen: Duft und Bassenauer waren aber als sechsfache Mörder unwiderleglich überführt. Und in solchen Fällen muß der Steuerzahler entlastet werden, da schreckt Vergeltung ab, da heißt es köpfen, vergasen oder hängen -- und erschießen ist noch viel zu fein.
Ich sehe das anders. Duft und Bassenauer hatten in Athen einen Prozeß (wir dürfen die halbamtliche griechische Presse daran erinnern, daß beim Zweiten Deutschen Fernsehen Filme von diesem Prozeß liegen), der unter dem Motto stand: Im Umgang mit überführten Mördern ist alles erlaubt. Ich hingegen meine, daß dort, wo brutale Gewalt mit brutaler Gewalt beantwortet wird, auch politische Gegner unter die Folter kommen. Denn der Gewalt kann man nicht partiell entsagen.
"Unvorstellbarer Verbrechen" halber sind Duft und Bassenauer verurteilt und hingerichtet worden, als hätten die beiden Burschen endlich das Vorstellungsvermögen des Jahrhunderts überfordert, in dem Massenmord organisiert und totaler Krieg gegen ·das letzte Dorf geführt wird. Es gibt, Albert Camus hat es geschrieben, nur eine menschliche Solidarität: die gegenüber dem Tode. Diese Solidarität ist zu verteidigen, gerade denen gegenüber, die sie als Mörder gebrochen haben. Wenn wir die Todesstrafe zulassen, bekennen wir uns auch zur Folter, zum Gesinnungsmord.
Es gab eine dürre Überlebenschance für Duft und Bassenauer. Spenden für die bitterarmen Angehörigen ihrer Opfer hätten in der griechischen Bevölkerung Verständnis dafür wecken können, daß gerade die Deutschen gegen die Todesstrafe sind. Auf dem vom Deutschen Roten Kreuz eingerichteten Konto gingen 7522,50 Mark ein: denn die Deutschen sind eben in ihrer Mehrheit nicht gegen die Todesstrafe. Griechische Soldaten haben Duft und Bassenauer auch in deutschem Namen exekutiert. Frohe Weihnachten mit der frohen Botschaft: Endlich sind wieder einmal Bundesbürger als Mörder hingerichtet worden.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 52/1969
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